Namengeschichte

Jenseits der Fachvertreter wissen nur wenige Menschen, welche vielfältigen Herausforderungen Namenforscher bei ihrer alltäglichen Arbeit zu bewältigen haben. Wir möchten Ihnen im Folgenden einige Einblicke in unsere Arbeit gewähren. Da es sich bei der Namenforschung um ein weites Feld handelt, beschränken sich die Einblicke auf wichtige Aspekte der Erforschung der Geschichte von Familiennamen.

Zunächst seien einige grundsätzliche Erkenntnisse der Namenforschung vorangestellt:

  • Namen existieren in Zeiträumen, in denen sie einer mehr oder weniger allmählichen Entwicklung unterliegen.
  • Es ist stets die Kontextgebundenheit der Namen zu beachten. Da dies sowohl für den sprachlichen als auch für den außersprachlichen Kontext gilt, erfordert die Namenkunde sowohl Sprach- als auch Sachstudium.
  • Die Grundlagen für jede Art von Schlussfolgerungen und Interpretationen sind zu Beweiszwecken als Belegmaterial zu dokumentieren.
  • Namen, die keiner Untersuchung, Erklärung, Interpretation oder Deutung bedürfen – sogenannte „sich selbst erklärende Namen“ –, gibt es nicht.

Dort, wo verlässliche Aussagen über die Hintergründe von Familiennamen zu einem gewissen Zeitpunkt getroffen oder vertrauenswürdige Deutungen von Familiennamen vorgenommen werden sollen, ist die Erforschung der Geschichte zumindest relevanter Teile daraus der betroffenen Familiennamen unerlässlich. Dieses methodische Erfordernis ergibt sich aus oben genannten vier Grundsätzen. Da Geschichte sehr komplex ist, wird sie im Zusammenhang mit Familiennamen zur methodischen Vereinfachung in zwei Teilbereiche getrennt: die äußere Familiennamengeschichte und die innere Familiennamengeschichte.

Äußere Familiennamengeschichte

Menschen (Textproduzenten, Textrezipienten, Familiennamenbenutzer) kommunizieren mittels Texten, die Familiennamen enthalten, über sich selbst und über andere Menschen. Will man eine über die Geschichte der Wortlaute der Familiennamen hinausgehende, die Semantik (Bedeutung) berücksichtigende Familiennamengeschichte betreiben, muss man sich der Geschichte der Personen, über die Informationen in den Gehirnen der Familiennamenbenutzer abgespeichert sind, widmen. Da sich die Bedeutungen der Familiennamen wie die der anderen Wörter in den Gehirnen der Familiennamenbenutzer befinden, ist die Familiennamensemantik generell zu rekonstruieren. Im Falle rezenter Familiennamengeschichte kommen als Gewährspersonen dienende Familiennamenbenutzer in Betracht, die bestenfalls annähernd genaue Angaben für die Rekonstruktion der Semantik zur betreffenden Zeit machen können. Zur Ermittlung relevanter Merkmale der Denotation (wer mit dem Namen gemeint ist) und der Konnotationen (über welche Eigenschaften derjenige verfügt) sind Fragen über die familiennamentlich benannte(n) Person(en) zu stellen, während hinsichtlich der Konnotationen darüber hinaus auch Auskünfte über den (die) Familiennamen eingeholt werden können. Stehen wie bei weiter zurückliegender Familiennamengeschichte keine Gewährspersonen zur Verfügung, dann müssen die Personengeschichte (Prosopographie) beziehungsweise die Familiengeschichte (Genealogie) herangezogen werden.

Um eine den jeweiligen vorliegenden Umständen angemessene Deutung der Familiennamen vornehmen zu können, sind die Personen beziehungsweise Familien in die relevante Orts- und Regionalgeschichte sowie in die größeren historischen, ökonomischen, politischen und kulturellen Gegebenheiten einzuordnen. Diese enge, unverzichtbare Verbindung von Wortstudium beziehungsweise Wortgeschichte (innere Familiennamengeschichte) und Sachstudium beziehungsweise Sachgeschichte (äußere Familiennamengeschichte) liegt dem bewährten Forschungsprinzip „Wörter und Sachen“ zugrunde, welches sich aus der Bezeichnungsfunktion der Sprache ergibt. Auf Familiennamen angewandt, kann man vom Forschungsprinzip „Familiennamen und Familienmitglieder“ sprechen. Die Beschäftigung mit der äußeren Geschichte der Familiennamen, die auch die Untersuchung der Verbreitung der mit gleichlautenden Familiennamen benannten Personen zu unterschiedlichen Zeiten beinhaltet (historische Familiennamengeographie), sich also neben Personen- beziehungsweise Familiengeschichte auch auf diese Weise um das Auffinden der „Heimat“ der Familiennamen bemüht, die Familiennamen somit „in ihre Landschaft“ (Namenlandschaft, Mundart) hineinstellt, liefert die Hintergründe und Belege für die innere Geschichte der Familiennamen. Um eine möglichst übersichtliche Anordnung der Verbreitungsdaten zu bekommen, fertigen wir Karten an. Entsprechend den gerade interessierenden Aspekten der inneren Familiennamengeschichte sind hinreichend umfängliche und aussagekräftige Belege als Materialbasis zusammenzutragen und quellenkritisch aufzubereiten. Zur Belegsammlung, das heißt zur Ermittlung von Fundstellen der untersuchten Familiennamen in historischen Dokumenten, durchforsten wir Quelleneditionen in Bibliotheken. Oftmals reicht die Qualität der Editionen für unsere Zwecke nicht aus und außerdem sind die meisten familiennamenkundlich relevanten Quellen bisher nicht ediert, so dass wir regelmäßig ins Archiv gehen, um die Belege direkt aus den Dokumenten zu exzerpieren. Der Umgang mit historischen Quellen erfordert nicht nur Kenntnisse der Paläographie, sondern auch des Lateinischen, historischer Sprachstufen des Deutschen und anderer Sprachen. Man kann die Wichtigkeit der Belege für die Familiennamenkunde kaum übertreiben, insbesondere dann nicht, wenn man die Nachvollziehbarkeit jeglicher Schlussfolgerungen als Kriterium von Wissenschaftlichkeit anerkennt. Wissenschaftliche Familiennamenkunde ist ohne Belege nicht möglich.

Gelegentlich werden von den Verfassern familiennamenkundlicher Publikationen, vor allem solcher von Familiennamenbüchern, diverse Gründe vorgebracht, warum keine Belege angeführt werden. Die gängigsten Gründe sind:

  • Der für die Belegapparate erforderliche Raum steht nicht im Verhältnis zu deren Nutzen
  • Familiennamenkunde ist keine Personen- oder Familiengeschichte

Verfasser, die Derartiges behaupten, dürften meistens wohl eher verbergen wollen oder sogar eingestehen, dass sie keine äußere Familiennamengeschichte betrieben beziehungsweise keine die Ergebnisse äußerer Familiennamengeschichte präsentierenden Vorarbeiten herangezogen haben.

Innere Familiennamengeschichte

Ist die äußere Familiennamengeschichte ermittelt, dann kann die innere Familiennamengeschichte einschließlich der Familiennamengrammatik ergründet werden. Die äußere Familiennamengeschichte mit ihren Belegen dient nicht als eine Stütze, sondern ist Grundlage beziehungsweise Voraussetzung der inneren Familiennamengeschichte.

Innere Familiennamengeschichte ist, insofern nicht nur bestimmte Ausschnitte oder Gesichtspunkte interessieren, „Familiennamenbiographie“, worunter die Geschichte eines Familiennamens oder die Geschichte gleichlautender Familiennamen zu verstehen ist. Diese hat wie Wortgeschichte generell den historischen Prinzipien gerecht zu werden, das heißt, die Geschichte ist zu belegen, was mit der Berücksichtigung der äußeren Familiennamengeschichte bereits eingefordert ist.

Es ist eine Aufgabe der (inneren) Familiennamengeschichte, sowohl die vorgefundenen als auch die rekonstruierten Erscheinungen beziehungsweise die mit ihnen einhergehenden Prozesse zu erklären, zu deuten. Hierzu gehören zum Beispiel Schreibungen, die aus lautgeschichtlicher Sicht nicht zu erwarten und dennoch durch die äußere Familiennamengeschichte zuverlässig als zum Belegapparat gehörig bestimmt sind. Auch wenn für viele Familiennamen die äußere Familiennamengeschichte aus den historischen Quellen ganz entscheidende Hinweise für die Deutung gewinnt, sind Untersuchungen zur Grammatik, Nomematik (Identitätsabgleich) und Pragmatik der Familiennamen für zuverlässige Aussagen zur inneren Familiennamengeschichte, also für eine wissenschaftlich befriedigende Familiennamendeutung, unerlässlich.

Geht man von den jüngeren Ansprüchen etymologischer Forschung aus, dann ist Wortgeschichte beziehungsweise „Wortbiographie“ ein ganz wesentliches Element der Etymologie. So verstanden, ließe sich Etymologie mit Deutung und auf Familiennamen übertragen mit Familiennamendeutung und Familiennamengeschichte gleichsetzen. Jedoch soll im Folgenden Etymologie im engeren Sinne, also die Angabe der Herkunft (zum Beispiel „mittelhochdeutsch“) und des Etymons (zum Beispiel „snidære ‘Schneider’“) eines Wortes, gebraucht werden. Diese Art von Etymologie betrachten nicht wenige Namenkundler und an Namen Interessierte seit langem als Namendeutung und als die zentrale Aufgabe der Namenkunde. In einer ganzheitlichen Familiennamenkunde ist die Etymologie lediglich ein kleiner – wenn auch sehr interessanter und wichtiger – Teil der Deutung, nämlich nicht mehr und nicht weniger als die Feststellung des einem Familiennamen zugrunde liegenden Wortes beziehungsweise der zugrunde liegenden Wörter (zum Beispiel Appellative, Adjektive, Ortsnamen, Personennamen) und/oder Wortteile (zum Beispiel Affixe, Wortsplitter) oder anderer sprachlicher Einheiten mit Angabe der Sprache(n), der (denen) sie entstammen. Je nach zeitlicher Perspektive steht die Etymologie am Anfang oder Ende der Darstellung der inneren Familiennamengeschichte, in jedem Fall basiert sie auf Belegen und anderen Aspekten äußerer und innerer Familiennamengeschichte. Liegen erst einmal alle erforderlichen Teile der Familiennamengeschichte für die Etymologisierung bereit, können Experten mit exzellenten Kenntnissen der Sprachgeschichte der beteiligten Sprachen und der Bildungsweise der Namen endlich zur Tat schreiten.