Die Namen der Ortschaften und Wüstungen Thüringens

Der Nachdruck einer vor mehr als 100 Jahren erschienenen Arbeit wird im allgemeinen damit begründet, daß entscheidende Fortschritte in der Bearbeitung des Forschungsgebietes nicht erfolgt sind. Eine Begründung für die Neuauflage wird in dem Nachdruck jedoch nicht gegeben; ein Vor- oder Begleitwort fehlt. Gern hätte man erfahren, worin der Herausgeber die wesentlichen Mängel sieht, die ihn zu dem Vorhaben veranlaßt haben.

Eine Besprechung des Werkes wird sich daher weniger mit Einzelheiten befassen als vielmehr der Frage nachgehen, warum die Bearbeitung der Topony¬mie Thüringens nicht ähnliche Fortschritte aufzuweisen hat wie etwa die Sachsens, Brandenburgs und anderer Länder. Dennoch sei zunächst der Inhalt des Buches kurz umrissen.

Die Arbeit wurde angeregt von der bekannten (und später oft - vielleicht etwas zu Unrecht - kritisierten) Untersuchung von W. Arnold über Ansiedelungen und Wanderungen deutscher Stämme. Sie enthält neben einem Vorwort (S. 1), ei¬nem Verzeichnis der Abkürzungen (S. 2) und einer Einleitung (S. 3-5) eine halb¬seitige Darstellung mutmaßlich keltischer Namen (S. 5) sowie in dem Hauptteil (S. 5-144) „Ortsnamen aus germanischer Zeit“. Dieser zerfällt in Namen einer „ersten Periode“ (S. 5-37), die Suffixbildungen mit  aha,  mar,  loh,  tar,  lar,  en,  el,  er,  a,  ern,  ari und  ede/ idi behandelt. Der „zweiten Periode“ (S. 37-114) werden zuge¬rechnet Bildungen mit  leben,  stedt,  ingen/ ungen,  ig/ ich,  au,  bach,  born/ brunn,  berg/ burg,  feld,  wiese,  süß,  furt,  brücke,  see,  münde,  wald,  strut,  holz,  forst,  bur,  hofen,  hof,  dorf,  heim,  hausen, Genitivische Personennamen und Namen auf is. Die „dritte Periode“ enthält das Material zu  thal,  rode,  ried,  hagen/ hain,  ses/ sis,  stein, kirchen,  zelle,  wenden/ winden,  itz,  iz/ izze,  winkel,  hard,  wurf/ werfen,  grube und  garten. Die „Schlußbemerkungen“ (S. 144-156) widmen sich vor allem der unterschiedlichen Streuung der Grundwörter und Suffixe und enthalten (in der Nachfolge von W. Arnold) den Versuch einer siedlungsge¬schichtlichen Interpretation. Den Abschluß bilden Anhang I (S. 157-165), in dem die auffälligen Ortsnamen Kalten-, Kreuz-, Hohen- und Tahlebra, Ober-, Niedergebra und Nebra, Brüchter, Holz-, Feld-, Wester- und Kirchengel, Heilingen, Gebesee und Königsee einer gesonderten Prüfung unterzogen werden, Anhang II (S. 166-177), der einen knappen Abriß der geographischen Terminologie Thüringens bietet, und Anhang III (S. 178-198), der den alten Grenzen Thüringens gewidmet ist. „Zusätze und Berichtigungen“ (S. 198), „Weitere Zusätze und Berichtigungen“ (S. 199), eine Inhaltsübersicht und ein Ortsnamenregister (mit falscher Paginierung 199-213 statt 201-215) sowie eine wichtige Wüstungskarte Thüringens (im Anhang) beschließen den Band.

Allein dieser Überblick zeigt die Bedeutung der Toponymie Thüringens nicht nur für die gesamtdeutsche Namenforschung, sondern darüber hinaus für die Germania überhaupt. Namenelemente wie  aha,  mar,  loh,  lar,  el,  er,  ede/ idi,  leben,  ingen/ ungen,  strut können nur aus einem gemeingermanischen Blickwinkel heraus zufriedenstellend bearbeitet werden. Zu jedem dieser Bestandteile könnte aus namenkundlicher Sicht ein langer Kommentar unter Einbeziehung neuer Er¬gebnisse geboten werden, der hier natürlich unterbleiben muß. Aber der Blick sollte sogar über das Germanische hinaus gerichtet werden: so verfehlt auch Wer¬neburgs „keltomanischer“ Zug sein mag (S. 5), an der Berücksichtigung außerger¬manischer Schwesterdialekte (vor allem des Ostens) wird man bei der Untersu¬chung der thüringischen Ortsnamen nicht umhin können. Namen wie Kösen, Tru¬sen, Körner, Mehler, Reiser, Gebra, Monra, Nebra können allein aus dem Germani¬schen heraus nicht gelöst werden.

Diese knappen Bemerkungen mögen bereits zeigen, welch außerordentlich bedeutsames Untersuchungsgebiet die Ortsnamen Thüringens darstellen. Der Nachdruck ist vor allem deshalb zu begrüßen, weil eine zusammenfassende Dar¬stellung des thüringischen Ortsnamenschatzes bis heute fehlt. Dafür prädestiniert wäre H. Walther (Leipzig), der dieses Gebiet sowohl in seiner Habilitationsschrift Namenkundliche Beiträge zur Siedlungsgeschichte des Saale- und Mittelelbegebietes bis zum Ende des 9. Jahrhunderts (Berlin 1971) wie in zahlreichen Aufsätzen und Be¬sprechungen (jetzt bequem zugänglich in dem Sammelband Zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte Sachsen und Thüringens, Leipzig 1993) kompetent behandelt hat. Sein Urteil über den hier besprochenen Nachdruck sei daher auch an dieser Stelle angeführt: „... vor und nach W[erneburg] hat kein Gelehrter eine so umfas¬sende Darstellung des thüringischen Siedlungsnamengutes wieder unternommen“ (Namenkundliche Informationen 46,1984,68). Leider gilt dieses auch heute noch, zehn Jahre nach Veröffentlichung dieser Besprechung.

Die eingangs gestellte Frage, warum die Bearbeitung der Toponymie Thü¬ringens nicht ähnliche Fortschritte aufzuweisen hat wie etwa die Sachsens, Bran¬denburgs und anderer Länder, ist wohl forschungsgeschichtlich begründet. Die Arbeiten der Leipziger Schule und des Berliner Arbeitskreises hatten zunächst den Auftrag, das slavisch-deutsche Kontaktgebiet toponymisch zu bearbeiten. Teile Thüringens und Sachsen-Anhalts wurden von den Slaven nicht mehr er¬reicht. Hier dominiert die germanisch-deutsche Namengebung, die zunächst nicht im Zentrum des Interesses stand. Nun aber, nach der fortgeschrittenen Aufarbei¬tung des slavischen Siedlungsgebietes, wird man sich auch den westlich angrenzen¬den Landstrichen zuwenden können und müssen.

Der Rezensent schließt daher mit dem Wunsch, daß ein weiterer Abdruck von Werneburgs thüringischem Ortsnamenbuch durch eine gründliche Neubear¬beitung des Gebietes überflüssig gemacht werden möge. Die großen Fortschritte der Namenforschung (alteuropäische Hydronymie, gesamtgermanischer Blickwin¬kel) sollten darin dann einfließen. Bis dahin aber wird man bei der Suche nach der Deutung eines thüringischen Ortsnamens noch immer zu Werneburg greifen (müssen).