Wolga - Olše/Olza - Elze. Ein Nachtrag.

Bei der Untersuchung vorslavischer Gewässernamen in Polen  hatte ich auch den Namen des ca. 80 km langen rechten Zuflusses der Oder, den der Olše, poln. Olza, behandelt . Urkundli-che Belege des Flußnamens  (1290 Olzam, 1450 Olzam usw.), des an der Einmündung in die Oder liegenden polnischen Ortsnamens Olza, dt. Olsau (1435 Olse, Olsa usw.) sowie der Na-me der Olecka, eines rechten Nebenflusses der Olza, einschließlich dem des daran liegenden Ortes Olecki, sind am ehesten unter einer slavischen Grundform *Oliga zu vereinen . Die Entwicklung wird am ehesten wie folgt anzusetzen sein: *Oligã > *Olüga > *Olüdza > Ol-za. Dafür spricht unter anderem auch die für den Teschener Dialekt anzusetzende mundartli-che Entwicklung des Namens.

Ein Ansatz *Oligã widerspricht verschiedenen bisher vorgeschlagenen Etymologien, so etwa der Verbindung mit dem slavischen Erlenwort olše, olsza wie auch mit litauisch lìzas „Nest“ . Schon bald wurde aber von verschiedenen Namenforschern (T. Milewski, T. Lehr-Sp³awiñski, J. Stanislav, M. Rudnicki ) ein suffixales Element -g- angenommen und eine Verknüpfung mit einem im Hethitischen vermuteten Ansatz *ali- „weiß“ erwogen. Aber auch dieser Vorschlag muß als gescheitert betrachtet werden .
Der meines Erachtens überzeugendste Vorschlag zur Etymologie des Namens stammt von J. Rozwadowski . Unter Annahme eines vorslavischen Ansatzes *Aligã stellt der polnische Lin-guist den Namen der Olše/Olza in Verbindung mit mutmaßlichen verwandten Namen wie Alge in Kurland, Alg-upis im Memel-Gebiet und anderen zu der in europäischen Gewässer-namen weit verbreiteten Wurzel *el-/*ol- „gießen, fließen“.

J. Rozwadowski hatte damit einen Weg eingeschlagen, der in ganz ähnlicher Weise später H. Krahe - von den Untersuchungen des polnischen Sprachwissenschaftlers unbeeinflußt - dazu geführt hat, aufgrund eines fast ganz Europa umspannenden Netzes von voreinzelsprachlichen Gewässernamen die Konzeption der von ihm so genannten Alteuropäischen Hydronymie zu entwickeln und durch zahlreiche Untersuchungen  zu untermauern.
Bei der Auflistung der Bildungsmöglichkeiten der dieser voreinzelsprachlichen Schicht zuzu-rechnenden Flußnamen nannte aber H. Krahe an verschiedenen Stellen unter anderem nur die Suffixe  m-, -n-, -r-, -l-, -nt-, -s-, -st-, -k- und -t- (um nur die einfachsten Formantien zu er-wähnen). Ein -g-haltiges Suffix hat er an keiner Stelle seiner Untersuchungen näher behandelt. Da dieses Element auch im appellativen Wortschatz des Slavischen kaum nachzuweisen ist, hatte sich T. Milewski gegen den Vorschlag von J. Rozwadowski gewandt, ein Suffix -ig- ansetzen zu können .
Dagegen können jedoch verschiedene Argumente vorgebracht werden.
Gerade eine Verbindung der Wurzel *el-/*ol- mit -g-haltigem Suffix (und auch schon als Er-weiterung der Wurzel, s. unten) ist gut bezeugt. Man vergleiche: Olga, Seename im Gebiet der Drwêca/Drewentz; Ol’ga, Gewässername im Gebiet des Vop’ (Weißrußland); Olega, Oleha, Gewässername im Gebiet des Sev. Donec; Lega, Legen Fluß, Oletzkofluß, Oberlaufname der Jegrznia/Jegrzna bei E³k/Lyck (Ostpreußen); Oloža, Nebenfluß der Protva im Gebiet der  Oka, Variante Aloža (wahrscheinlich unter Einfluß des Akanje entstandent), auf eine Grund-form *Ologiã zurückführbar .
Bei einigen dieser Namen ist nicht ganz sicher, ob man wirklich von einem suffixalen Ele-ment -g- ausgehen soll oder eher von einer Ableitungsbasis Alg- oder Olg-. Man beachte näm-lich die aus den indogermanischen Sprachen zu gewinnende Variante *el-g-/*ol-g- „modrig sein, faulen“ , wozu man u.a. stellen kann Algà, Alge, Algupys, Algupìs, Alguvà, Algasis, Algetos, Algaw in Ostpreußen, Litauen, Lettland, Kurland und Weißrußland . Darunter kön-nen sich auch einzelsprachlich aus dem Baltischen zu erklärende Namen befinden, denn im Lit. ist ein Appell. algç „Sumpfpflanze, Teucrim, Gamander“ bekannt.
Weiterhin sind zu nennen Algunštica, Gewässername im Vardargebiet, auf einen Ortsnamen Algunja zurückgehend, der seinerseits auf einem Flußnamen basiert , und Algae, im Itin. An-ton. erwähnter Ortsname in Etrurien , um nur die wichtigsten zu nennen .
Der bedeutendste wichtigste Name, in dem ein Ansatz *Al-g-a oder *Al-iga vermutet werden kann, ist aber der des größten Flusses in Europa, der der Wolga . Dieser alte Oberlaufname wurde Ostslaven erst bekannt, nachdem wichtige urslavische Lautveränderung bereits abge-schlossen waren; hinzu kommt wie im Namen des Volchov eine V-Prothese, die es wahr-scheinlich macht, daß der Name an Slaven tradiert worden ist, aber nicht von ihnen gegeben wurde.
Somit zeigt sich, daß die für den Flußnamen Olsze/Olza zweifelsfrei anzusetzende Grundform *Olüga < *Oligã < *Aliga im Namenbestand Osteuropas ihre Parallelen hat. Dabei steht au-ßer Frage, daß es sich um voreinzelsprachliche Bildungen handelt; es ist daher nicht zwingend notwendig, eine Bildung mit einem Sufix *-üg- im Slavischen (T. Milewski, vgl. oben) nach-zuweisen.
Hinzu kommt, daß gerade -g-haltige Suffixe sowohl im appellativischen Bestand wie im Na-menbestand Osteuropas gar nicht so selten sind. In aller Kürze verweise ich auf die Ausfüh-rungen im S³ownik Pras³owiañski, Bd. I, Warszawa 1974, S. 65ff. und von T.I. Vendina, Obšèeslavjanskij lingvistièeskij atlas 1978, S. 236ff. (für den Wortschatz) und auf das recht reichhaltige Namenmaterial aus der Ukraine und Weißrußland mit Namen wie Sinjuga, Lapu-ga, Ljaduga, Vadaga/Vedega, Vojmiga u.a.m. , auf Namen aus Litauen  und Lettland . Vereinzeltes (z.B. zu £om¿a, Romže und anderm) habe ich selbst an verschiedenen Stellen behandelt.

Von hieraus erhebt sich die Frage, ob nicht auch -g-haltige Suffixe im Bestand der mittel- und westeuropäischen Namen zu erwarten sind. Daß ihre Zahl geringer ist als in Osteuropa, darf angesichts des relativ spärlichen Nachweises z.B. im germanischen appellativischen Bestand  erwartet werden. Es nimmt daher auch nicht Wunder, daß man bei Namen aus dem germani-schen Raum, die ein -k-Element oder -Suffix enthalten und auf „normales“ idg. *-g- zurück-gehen könnten, zum Heilmittel eines unverschobenen gebliebenen Reliktes gegriffen hat. So geschehen etwa im Fall des Harzflusses Selke, in dem sowohl H. Kuhn  wie H. Krahe  ein unverschobenes -k- gesehen haben. H. Walther selbst  nimmt an, daß es sich eher um eine erst zu germanischer Zeit entstandene Bildung handeln wird. Ich denke, daß man sich damit nur unnötigen Schwierigkeiten aussetzt und ziehe vor, von einem normal verschobenen -g-haltigen Suffix auszugehen .
Sieht man sich in Nord- und Westdeutschland nach weiteren Namen um, die ein -k-haltiges Suffix enthalten und hier angeschlossen werden könnten, so findet man bei E. Förstemann  eine Gruppe von Ortsnamen, die ein -iki (o.ä.) enthalten könnten. Einige von ihnen haben auch Krahe-Meid  genannt. Hierunter befinden sich Bilk bei Düsseldorf, alt Bilici; Lierich bei Essen, alt Lieriki; Ermke bei Cloppenburg, alt Armika. Unbedingt hinzuzustellen ist auch der Ortsname Emmerke bei Hildesheim, Vita Meinwerci Embriki, zum Jahre 1079 Eymbri-ke , zwischen 1100 und 1200 In Embrike (2mal) , der nach E. Förstemann  zusammen mit Emmerke bei Marburg und anderen zu einem Ansatz *ambr-ik- gehört und ohne -ik-Element in etlichen Flußnamen wiederbegegnet (Amper, Emmer, Amern, Ammern, Ambergau), so daß an eine -r-Erweiterung zu altindisch ambhas, lateinisch imber „Regen“, griech. –ìâñïò usw. gedacht werden kann .
Auch von hieraus wird fraglich, ob in dem -k-Element ein vorgermanisches und unverschobe-nes Relikt vorliegen soll. Man war teilweise ja sogar soweit gegangen, in dem im Friesischen und Niederdeutschen nicht seltenen Diminutivsuffix -k- eine „nach der germanischen Lautver-schiebung erfolgte Entlehnung aus einer anderen indogermanischen Sprache“  zu sehen.
Die hier knapp skizzierten Meinungen gehören einer Richtung an, die - vielleicht unbewußt und ohne es immer deutlich zu sagen - die späte Germanisierung Norddeutschlands als gege-ben und bewiesen betrachtet. In dieselbe Kerbe schlug vor kurzem N. Wagner , wenn er - ohne das entscheidende osteuropäische Vergleichsmaterial auch nur mit einer Silbe zu erwäh-nen  - Lippe und Lupnitz für unverschobene Relikte hält.
Wenn man sich davon freimacht und einen seit den Anfängen historisch-vergleichenden Sprachstudiums bekannten Konsonantenwechsel berücksichtigt , ergeben sich ganz neue Vergleichsmöglichkeiten und der hohe Anteil mutmaßlich unverschobener Namen in Nord-deutschland schrumpft zusehends zusammen. Notwendig ist jedoch der Blick nach und von Osten.
Folgt man diesem auch im Fall von Olše/Olza sowie der Wolga aus *Oligã und überprüft die-sen Ansatz z.B. anhand des norddeutschen Materials, so kann man eben denselben Ansatz in dem Namen eines Ortes wiederfinden, der nur knapp die sicher nicht unbedeutende Rolle der Bischofsstadt Hildesheim verfehlte : gemeint ist der Name des Ortes Elze, wenig mehr als 10 km westlich von Hildesheim am Zusammenfluß von Saale und Leine gelegen.
Bei der Entschlüsselung dieses bis heute unbefriedigend gedeuteten Namens (es sei denn, man gehe von lateinischer Namengebung aus) ist es unerläßlich, möglichst die gesamte Überliefe-rung des Namens zu präsentieren. In ihr zeigt sich, daß zwei Benennungen miteinander kon-kurriert haben, von denen eine den Sieg davongetragen hat. Sie ist es auch, die bei der Deu-tung zu belasten ist.

Der Ortsname Elze (Kreis Hildesheim) ist wie folgt belegt:
1068 Alicga ;
letztes Viertel des 11.Jhs Aulicam villam ;
Ende 11.Jh. Aulica ;
(um 1135) Aulica ;
1142 Bernhardus de Aulica ;
1151 in Alitse ;
Mitte 12. Jh. Aulicensis ecclesia ;
1160 Conradus de Eleze ;
1161 (1159?) in Aulica ;
1175 Eletse ;
Meines Erachtens fraglich: 1181 Eilhardus de Elsethe ;
1190 Aulica ;
1191 Eilardus de Elsede ;
1200-1210 fratres de Eleche ;
1201 Heinricus de Aulica ;
1204 Sifridus de Elze ;
1209 (Kopie) fratres de Ellesem ;
1210 sacerdos Aulicensis ;
1210 sacerdos de Aulica ;
1213 Ernestus de Eleze ;
1214 Iohannes de Aulica ;
1217 Cono de Ellessem ;
1217 Conradus de Aulica ;
1221 milite de Aulica ;
zum Jahre 1221 in Aulica ;
1227 Siffridus de Aulica ;
1230 in Aulica ;
1239 Aulica ;
1240 Sifridus de Aulica ;
1240 (Kopie) Sifridus de Aulica ;
um 1242 (Abschrift 17.Jh.) Gerhardus de Aulica ;
1244 Iohannes de Aulica ;
1246 in Aulica ;
1250 Hartungus de Aulica ;
1251 Bode de Aulica ;
1251 Harttungus de Aulica ;
1251 Olrico de Aulica ;
1253 Bodone de Ellece ;
1260 in Aulica ;
1260 Harthungum de Aulica ;
1266 Bodo de Aulika ;
1276 Aulika ;
1277 aulica ;
1277 plebanus de Aulika ;
1282 in Aulica ;
1284 in Elze ;
1284 Heinricus de Aulica ;
1289 Bodo de Aulica ;
1290 Gotfridi de Aulica ;
1295 dicti de Aulica ;
1295 Gerhardo de Eltze ;
1302 dictorum de Elece ;
1302 Thidericus de Eltze ;
1302 in Elece ;
1306 Tiderico de Eletze ;
1314 in Eltze ;
1316 in Eletze ;
1321 (Abschrift 15. Jh.) Elhardi de Elze; Variante: Eelze ;
1321 circa Aulicam ;
1327 diaconatus de Elze ;
1328 in Eltzen ;
1333 (Abschrift 16. Jh.) In Aulica; prope Elkze ;
um 1333 Gherhardus van Eltze ;
1343 Eltze ;
1344 de villa nostra Elze ;
1346 Eltze ;
1352 in Eltze ;
1352 Hartung van Elcse ;
1356 Elese ;
1357 Hermanno de Aulica ;
1358 gheheten van Else ;
1361 domino de Eltze ;
1364 in Eltze ;
z.J. 1366 Eltze ;
1375 Ghert van Elze ;
1384 Syverd van Eltze, Siverd van Eltze, Siverd van Else ;
1389 to Eltze ;
1389 to Eiltze ;
1412 Else ;
1415 Jan van Else; Johan van Elze ;
1418 Johannis de Eltze ;
1431 (Abschrift 16.Jh.) to Eltze ;
1440 to Eltze ;
1447 Lampe van Elsze ;
1450 (Kopie) in Eltze ;
1452 in Eltze ;
1453 Elcze ;
1459-60 to Eltze ;
1464 Lampen van Elszen ;
1473 vor Elsze ;
1474 to Eltze ;
1474 to Else ;
1475 to Else ;
1476 (Abschrift 16.Jh.) ampt to Eltze ;
1512 Eltze ;
1594 Elße ;
1720 zu Eltze.

Die Überlieferung des Namens zeigt zwei Überlieferungsstränge: auf der einen Seite steht  Aulica/Aulika, beginnend mit den Belegen des 11. Jahrhunderts und relativ unverändert bis etwa zur Mitte des 14. Jahrhunderts erscheinend, wobei im 13. Jahrhundert besonders viele Belege nachzuweisen sind. Die Form Aulika oder Aulica durchläuft offenbar keine Entwick-lung: ihre Form hat sich faktisch zwischen dem Ende des 11. Jahrhunderts und Mitte des 14. Jahrhunderts nicht verändert.
Ganz anders ist das Bild bei dem zweiten Überlieferungsstrang, der wesentlich bunter und vielfältiger ist: man darf ihn mit dem ältesten Beleg 1068 Alicga beginnen lassen (zur Erklä-rung s. unten), ferner gehören hierher 1151 in Alitse, 1160 Eleze, 1175 Eletse, 1200-1210 de Eleche, 1204 Sifridus de Elze, 1209 (Kopie) Ellesem, 1213 Eleze, 1217 Ellessem, 1253 Ellece, 1284 Elze, 1295 Eltze, 1302 Elece, 1302 Eltze, 1302 Elece, 1306 Eletze, 1314 Eltze, 1316 Eletze, 1321 (Abschrift 15. Jh.) Elze, Variante Eelze, 1327 Elze, 1328 in Eltzen, 1333 Elkze, um 1333 Eltze, 1343 Eltze, 1344 Elze, 1346 Eltze, 1352 in Eltze, 1352 Elcse, 1356 Elese, 1358 Else, 1361 Eltze, 1364 Eltze, zum Jahre 1366 Eltze, 1375 Elze, 1384 Eltze, Else, 1389 Eltze, 1389 Eiltze, 1412 Else, 1415 Else, Elze, 1418 Eltze, 1431 (Abschrift 16.Jh.) Eltze, 1440 Eltze, 1447 Elsze, 1450 (Kopie) Eltze, 1452 Eltze, 1453 Elcze, 1459-60 Eltze, 1464 Elszen, 1473 Elsze, 1474 Eltze, 1474 Else, 1475 Else, 1476 (Abschrift 16.Jh.) Eltze, 1512 Eltze, 1594 Elße, 1720 Eltze.

Diese Variante setzt sich gegenüber Aulica seit der Wende 13./14. Jahrhundert immer mehr durch und ist seit spätestens Mitte des 14. Jahrhunderts (abgesehen von einigen Resten in Per-sonennamen u.a.) in Belegen wie Elze, Eltze, Else, Elcze, Elsze, Elße die vorherrschende Form .
Die erste Frage, die eine Antwort erfordert, muß lauten, ob man die beiden Überlieferungs-formen unter einem Ansatz vereinigen kann. Während der zweite Bestandteil der Variante Aulica bei Aussprache als Aulika durchaus in Beziehung zum zweiten Teil der Eleze-, Eletze-Formen gesetzt werden kann (dazu s. auch unten), scheitert der Versuch am Anlaut. Von Au- führt kaum ein Weg zu A-, das später umgelautet worden sein muß. Man mag es drehen und wenden, wie man will, eine Vereinigung wird kaum gelingen.
Das führt zu der Überlegung, daß wahrscheinlich eine der beiden Überlieferungsstränge als Ergebnis einer Umdeutung aufzufassen ist. Es liegt von vornherein nahe, diese in der offenbar lateinischen und im Laufe der Jahrzehnte unverändert gebliebenen Form Aulica zu sehen, denn das Lateinische kannte nicht nur das aus griechisch PõëÞ „Hof, Wohnung“ entlehnte Wort aula „Hof, Halle, Atrium“, auch „Königshof, Königsschloß“, das im Deutschen als Aula fortlebt, sondern daneben auch eine Adjektivform aulicus „zum Hof gehörig“ und das daraus gebildete substantivierte aulicus „Höfling“ . Das Mittellateinische kannte zudem ein Sub-stantiv aulica domus „Schloß“ .
Hinzu kommt, daß der Ort Elze selbst als aula regis , also als „Königshof“ oder „Königs-saal“ bezeichnet wurde , vgl. MGH. SS. XXX, S. 941 unter Bezug auf Elze: eundem locum regis aula appellatam. Berücksichtigt man ferner, daß in derselben Quelle, der Fundatio ecc-lesiae Hildensemensis, in einem Atemzug damit Elze und dessen Kirche ein halbes Dutzend mal in ähnlichen Formen begegnet (Aulicensis ecclesia; Aulicensem ecclesiam , Aulicam; apud Aulicensem ecclesiam; Aulicensis ecclesia; Aulicensis ecclesiae ),  so nimmt es nicht wunder, daß man auch den Namen selbst damit in Verbindung brachte bzw. ihn aus dem La-teinischen herleitete.

So meinte W. Hartmann zu dem schwierigen Namen, man habe ihn abgeleitet „von lat. aulica und stehe in Beziehung mit den einstigen kaiserlichen Bistumsgründungen an diesem Ort. Wo in mittelalterlichen Urkunden der Ort Elze als ,aulica’ erscheint, ist dieser Name nicht als eine lateinische, sondern als eine alte deutsche, vielleicht latinisierte Namensform für Alice, Eli-sithe, Elece anzusprechen. Erst später hat die zufällige Ähnlichkeite dieser Form mit dem lat. aulica zu der abwegigen Meinung Anlaß gegeben ...“ . Eine Seite zuvor faßt er Elze aller-dings als eine -ithi-Bildung auf, sicherlich zu Unrecht .
Einen ganz andern Weg schlug E. Förstemann ein, indem er - allerdings zweifelnd - an eine Bildung „Au-like, Augleiche an der Saale“ dachte.
Wenn man der Ansicht ist, daß dem Lateinischen der entscheidende Anteil zukommt, so hilft auch in diesem Fall der Blick nach Osten. Der südlich von Prag liegende Ort Zbraslav trug auch den deutschen Namen Königsaal. Die historische Überlieferung zeigt aber ganz deutlich, daß von einem slavischen Namen auszugehen ist, das Lateinische erst später einwirkte und die  deutsche Variante auf letzterem beruht: 1115 (Fälschug 13.Jh.) dedi ... Zebrezlauo ...; dedi Izbrazlau, 1186 (Fälschung 13. Jh.) Zbrazlav ..., 1222 (K. 13.Jh.) Gerhardus de Zbrazlav, 1268 Zbraslaw, 1292 in bonis ... regalibus nuncupatis uulgariter Zbraslaw monasterium cui nomen Aula Regia imposuimus, 1292 (Kopie um 1313) de fundatione monii in Aula Regia, quod dicitur Zbraslaus, - in Zbreslaus ..., 1300 Abt Otto v. Kunigeszal, 1311 (abbas) Aulae Regiae, quod et Zbrasslaw vulgariter dicitur, 1322 in Aula Regia sive in Sbraslauia monste-rio, 1352-1399 Aulae Regiae abbas, 1356 conventu(s) de Kunigssal, 1456 u Zbraslavi ... k Sbraslavi ... u Zbraslavì, 1476 opat kláštera Zbraslavského, 1516 na Zbraslavi, 1653 mìstys Zbraslaw, 1788 Königsaal, Zbraslaw, Aula Regia, 1648 Zbraslav .
Vergleicht man diese Entwicklung mit dem Namen Elze, so fällt auf, daß hier keinerlei Ver-deutlichung der nichtlateinischen Formen Alicga, Alitse usw., etwa in der Form quod ... vulga-riter dicitur erscheint. Dieses ist ungewöhnlich, läßt sich aber dadurch erklären, daß die Grundform des deutschen und germanischen Namens der lateinischen so nahe gestanden ha-ben muß, daß die Schreiber keine Differenz empfunden haben und kein Bedürfnis bestand, darauf hinzuweisen.

Die hier geäußerte Vermutung läßt sich aus sprachwissenschaftlicher Sicht erhärten. Die Auf-lösung des rätselhaften Namens findet man nicht in den Aulica-Formen, sondern in der ande-ren Überlieferungskette: von 1068 Alicga und 1151 Alitse aus läßt sich lautlich ohne Proble-me ein Bogen über 1160 Eleze, 1175 Eletse, später Eleche, Ellessem, Ellece bis hin zu moder-neren Formen wie Eltze, Else, Elcze, und schließlich Elze schlagen.
Zu berücksichtigen sind dabei zwei Lautveränderungen: zum einen der bekannte und von J. Grimm so benannte Umlaut, der aus Alika ein Eleke entwickelt (entsprechend etwa Albis - Elbe) und zum anderen ein außerhalb von Norddeutschland nur wenig beachteter Wandel ei-nes -k- > -(t)z- (zumeist vor vorderen Vokalen). Für letzteren hat sich die Bezeichnung „Zeta-zismus“ eingebürgert. Wichtige Beiträge zu dieser Erscheinung haben unter anderem W. Seel-mann , A. Lasch  und H. Wesche  vorgelegt, man vergleiche auch A. Bach .

In norddeutschen Orts- und Flußnamen ist dieser Lautwandel häufiger anzutreffen als gele-gentlich angenommen. Ohne auf Einzelheiten einzugehen, nenne ich hier in aller Kürze Celle, 985 Kiellu; Zeven, 986 Kiuinana; Itzehoe, Eitzum (Kreis Wolfenbüttel), < *Ek-hëm; Jerze (Kr. Hildesheim), um 1007 Gerriki; Wietze, Zufluß d. Örtze, 786 (Fälschung) in Wizenam; Wietze(nbruch) an der Wietze, Nfl. d. Aller, um 990 in Wikanbroke; Etzenborn bei Duderstadt, < *Eken-born; Sickte bei Wolfenbüttel, 888 Kikthi, 1060 Xicthi; Broistedt bei Wolfenbüttel, 1151 Broscethe, 12./13.Jh. Brozithe, am ehesten < *Brok-ithi.
Graphisch erscheint eine Vielzahl von Schreibvarianten für den aus -k- entwickelten Laut, etwa -sc-, -x-, -sz-, -ts-, -tz-, -z-, -s- und andere mehr.
Unter Einbeziehung dieses Lautwandels läßt sich die heutige Lautform Elze mit Umlaut und Zetazismus auf einen Ansatz *Alika (der in den Belegen von 1068 Alicga und 1151 Alitse fast noch greifbar ist) lautgerecht über die Entwicklungsstufen *Elitse, *Eletse, *Eleze, deren Spu-ren in den mittelalterlichen Belegen mehr als deutlich zu erkennen sind, zurückführen.
Bei der Deutung des Namens Elze müssen wir somit von einer Grundform *Alika ausgehen. Dabei steht man vor der Wahl, ein dem Germanischen erst spät bekanntes und somit unver-schobenes -k- anzunehmen oder aber den „normalen“ Weg einer Verschiebung von idg. *-g- > germ. -k- zu beschreiten.
Nach einer ersten Durchsicht ausgewählter germanischer Namentypen  kann es meines Er-achtens keinen Zweifel daran geben, daß auch der Raum um Hildesheim und Hannover und das Gebiet des alten Flenithi-Gaues Anteil an demjenigen Territorium hat, in dem die Orts-namen durchgängig die urgermanischen Lautentwicklungen aufweisen. Man darf daran erin-nern, daß nur wenige Kilometer östlich von Elze der Ort Emmerke liegt, dessen Grundform *Ambriki uns schon beschäftigte und der kaum ein unverschobenes Suffix an einer Ablei-tungsgrundlage enthält, die auch im Ambergau begegnet, der von dem einen gut germanischen Namen tragenden Fluß Nette in ganzer Länge durchflossen wird.

Es gibt daher meines Erachtens nur die Möglichkeit, die Grundform *Alika als normal ver-schoben zu betrachten und auf eine indogermanische Vorlage *Aliga zurückzuführen. Damit schließt sich der Kreis: auf eben dieselbe Grundlage kann ohne Probleme der Name Olše/Olza zurückgehen und ebenso kann hier der Name der Wolga angeschlossen werden. Allen drei Namen zugrunde liegt die indogermanische Wurzel *el-*ol- „fließen, gießen“, die als eine der am weitesten verbreiteten Grundlagen innerhalb der alteuropäischen Hydronymie gelten kann: man denke an Flußnamen wie Ala, Ahle, Ola, Al(l)ia, Alowe, Alwent, Lom (< Almos), Alm, Alme, Almana, Elm, Ilm, Ilmenau, Alme, Alle (< Alna), Alona, Alantia (z.T. > Elz), Aller, Iller, Als, Alsa, Ilse, Alisa, Elze, Alsenz, Alst.
Das Spezifische an Olše/Olza, Elze und Wolga ist das Bildungselement -g-, das besonders häufig im Osten ist, aber auch (man denke an Selke und nun wohl auch Elze selbst) im heuti-gen deutschen Sprachraum ermittelt werden kann. Mit diesem Vergleich erweist sich erneut, daß eine Aufhellung schwieriger und alter Name auf deutschem Sprachgebiet nur dann einer Lösung zugeführt werden kann, wenn der Osten berücksichtigt wird .
Fassen wir zusammen: der Ortsname Elze geht lautgerecht auf eine germanische Form *Alika zurück. Es macht keine Probleme, darin den Reflex eines aus indogermanischer Zeit ererbten Landschaftsnamens *Oligã zu sehen, der eine -g-Ableitung zu der indogermanischen Wurzel *el-/ol- „gießen, fließen“ enthält. Wahrscheinlich bezog sich die Namengebung auf die ver-sumpften und heute noch zumTeil gut zu erkennenden Überflutungsflächen am Zusam-menfluß von Saale und Leine. Der nächste Verwandte des Namens Elze liegt in dem Namen des Oderzuflusses Olše/Olza < *Oligã vor. Keineswegs ausgeschlossen ist auch die Verknüpfung mit dem Namen des größten europäischen Flusses, der Wolga.