Jürgen Udolph: Südniedersächische Ortsnamen

Vor mehr als zwanzig Jahren traf ich Ernst Eichler hier in Leipzig zum ersten Mal. Sein Interesse für meine damaligen Versuche und seine aufmunternden Bemerkungen haben mir damals und auch später nicht selten geholfen. Mein Dank für sein Interesse möchte ich mit einem kleinen Beitrag aus einem auch für mich neuen Arbeitsgebiet verbinden, aus einem Bereich, der auch für Sachsen und die übrigen Länder Mitteldeutschlands wichtig sein könnte: es handelt sich um Niedersachsen, einem der Altsiedelgebiete derjenigen Menschen, die später im Zuge der deutschen Ostkolonisation den Weg in eine neue Heimat östlich der Elbe gefunden haben. An einem der drei Namen, die ich heute behandeln möchte, wird dieses ganz deutlich werden.

Seit einigen Jahren versuchen wir in Göttingen1, auf namenkundlichem Gebiet eine Lücke zwischen Schleswig-Holstein, Brandenburg, Thüringen, Hessen, Westfalen und den Niederlanden zu schließen. Während in den genannten Ländern die Aufarbeitung der Ortsnamen zum Teil schon weit fortgeschritten ist, fehlt es im Bereich zwischen holländischer Grenze und Altmark einerseits, und Elbe und Mittelgebirgsraum andererseits, nämlich in Niedersachsen, an brauchbaren Untersuchungen. Erst vor wenigen Monaten erschien die erste fundierte Untersuchung2 der Siedlungsnamen eines niedersächischen Kreises: es ist ist die Untersuchung von Wolfgang Laur über die Ortsnamen in Schaumburg3.

Daher war es an der Zeit, den Versuch zu unternehmen, diese Lücke zu schließen und die Arbeit an einem Historischen Ortsnamenbuch von Niedersachsen aufzunehmen. Sozusagen aus der Werkstatt heraus möchte ich drei südniedersächsische Ortsnamen vorstellen, die in ganz unterschiedlicher Weise Beziehungen nach Osten und Südosten besitzen und daher auch für andere Namenkundler von Interesse sein könnten.

1.) Echte. Aus den bisher zusammengetragenen Belegen biete ich hier nur eine Auswahl. In späterer Zeit gibt es kaum noch Schwankungen. Man vergleiche: 8./9. Jahrhundert (Abschrift 12. Jahrhundert) Ethi4, a. 973 in loco Ehte5, um a. 979 Ehte6, um a. 1024 in Hechti suum predium7, a. 1191 (Abschrift 14.Jahrhundert) in Echte8, a. 1210 in Echthe9, a. 1218 in Echte10, a. 1240 in Hechte11, a. 1273 in villa Echte12, um a. 1241 (Abschrift a. 1705) Hechte13, a. 1273 in villa ecthe14, a. 1273 (Abschrift a. 1705) in villa

Echte15, a. 1290 Echte, a. 1321 Eichthe, a. 1334 Echte (Familienname)16, a. 1338 Eylbertus de Echte; Johannes de Echte; Bruninghus de Echte; Hernricus Doleator de Echte17, a. 1340 dat Dorp to Echte18, um a. 1348 Detmar de Echte19, a. 1351 in campis Echte situm20, a. 1364 Meyger Henric de Echte; Helwich de Echte21, 1365 Tyle ... de Echte22, und so weiter23, mundartlich (a. 1951) echtë(n)24.

Der erste Beleg ist nach allgemeiner Ansicht nicht zu belasten, da die Schreibung eine Metathese aufweist, die sprachlich nicht erklärt werden kann. Auszugehen ist von E(c)hti mit späterer Abschwächung zu auslautendem -e. Die weitere Entwicklung zeigt keine wesentlichen Veränderungen.

Die bisherigen Deutungsversuche sehen einen verwandten Namen in Echt in der Provinz Limburg, a. 950 Ehti, a. 966 Ehti, a. 1087 Ehta 25. Nach W. Flechsig26 liegt  der Ort Echte an der Aue, so daß von einem alten Flußnamen ausgegangen werden könnte. Nach R. Möller27 liegt - wie von anderer Seite gelegentlich vermutet wurde - keine Bildung mit dem Suffix -ithi-vor, sondern das stammauslautende -k- stand direkt vor einem Dentalsuffix, wodurch Spiran­tisierung hervorgerufen wurde. Das auslautende -i könne weiter als -j-Ableitung eines ur­sprünglichen Fußnamens interpretiert werden. Möglich ist nach R. Möller28 ein Flußname zur Wurzel *ag-, wie etwa in der Ake, rechter Nebenfluß der Saale im ehemaligen Kreis Alfeld (Niedersachsen), weiter in Acht, Flußname bei Mayen, a. 931-956 Akeda, Ekeda. Er sieht zusammenfassend in Echte „germ. *akþo½ für den Flußnamen“, das „durch j-Suffix (*akþi) zur Benennung der an diesem Fluß liegenden Siedlung“29 geworden ist.

Eine kritische Durchsicht der bisherigen Vorschläge führt meines Erachtens dahin, daß als als Ausgangspunkt die Form Ehti anzusetzen ist. Der Vergleich mit Echt (Limburg) scheint zuzutreffen. Eine -ithi-Bildung kommt nicht in Betracht, sondern nur ein direkt an -h- angetretenes Dentalsuffix. Der Vergleich mit dem Fußnamen Acht bei Mayen überzeugt meines Erachtens  aber nicht, da dort noch kurz vor a. 1000 -k- (Akeda, Ekeda) belegt ist.

Zur lautlichen Seite ist zu bemerken: offenbar liegt eine Parallele wie in dem indogermanischen Ansatz *reg?- in got. rikan gegenüber *reg?-t- (zum Beispiel in lateinisch rectus gegenüber gotisch raíhts vor. Lautlich wäre also ein Ansatz *Agtjo½ gut möglich. Nach R. Möllers Deutung ist von einem Teilabschnittsnamen der Aue oder aber einem alten, verschwundenen Namen dieses Flusses auszugehen. Das wäre an und für sich möglich, wenn nicht das heutige Dorf samt der Kirche (die sich am Rande des Dorfes befindet) mehr als einen halben Kilometer von der Aue entfernt liegen und Ackerland das Dorf von dem Gewässer trennen würde. Daher möchte ich einen anderen Vorschlag machen.

W.P. Schmid hat in einem Beitrag30 griechisch PêôÞ  „Felsufer, Felsküste“ behandelt und als -t-Ableitung zum idg. Wasserwort um lat. aqua gestellt. Damit sind bildungsmäßig aus dem germanischen Bereich zu vergleichen: Seck-ach - Sech-ta31, Afte bei Paderborn und andere mehr. Hier kann meines Erachtens Echte < *Ah-tjo½ gut angefügt und als „Ort am Wasser“ aufgefaßt werden.

2.) Hamelspringe. Ganz anders gelagert ist der zweite Name, den ich ansprechen möchte. Es handelt sich um den leicht zu deutenden Ortsnamen Hamelspringe westlich Bad Münder im Kreis Hameln-Pyrmont. Die alten Belege wie auch die Tatsache, daß in der Nähe die Hamel ihre Quelle hat, erlauben eine sichere Deutung. Ich biete im folgenden nur eine Auswahl der einschlägigen Belege, es gibt kaum Schwankungen in der historischen Überlieferung: a. 1180 Conradus de Hamelspringe32, a. 1219 Conradus de Hamelspringe33, a. 1223 Conradus de Hamelspringe34, (um a. 1223) Conradus de Hamelspringe35, a. 1238 Conrado de Hamelspringe36, a. 1239 Conradus de Hamelsprynghe37, a. 1241 Conradus de Hamelspringe38, a. 1242 Cunrado de hamespringe (!)39, (a. 1242 - a. 1263) Conradus de hamelspringe40, a. 1244 Conradus nobilis de Hamelspringe; im Original steht: Hamelsprige41, a. 1244 Conrado de Hamelspringe42, a. 1245 Conradus de hamelspringe43, 1252 C. nobilis de Hamelspringe44, um a. 1300 in hamelspringe45, a. 1306 in hamelspringe46, a. 1306 to Hamel-Springh47.

Dieser leicht zu durchschauende Name weckt jedoch in einem ganz anderen Zusammenhang das Interesse des Onomasten wie das des Historikers: er begegnet nämlich leicht abgewandelt als Hammelspring bei Zehdenick in der Uckermark wieder. Als ältester Beleg erscheint zwar 1375 Havelspryng48, aber schon 1438 als Hamelspringe49, zudem liegt die Havel liegt etliche Kilomter entfernt und spielt für den Namen des Ortes keine Rolle50. Auch ist die Quelle der Havel natürlich an einem ganz anderen Ort zu suchen. Die Übertragung des Ortsnamens darf nach L. Enders und anderen51 als gesichert bezeichnet werden.

Diese an und für sich nicht sehr aufregende Erscheinung, deren Ursache der deutschen Ostkolonisation zuzuschreiben ist, läßt sich aber mit einer weltweit bekannten Geschichte in Verbindung bringen: der bekannten Rattenfängersage von Hameln. Ausführlich hat sich damit unter anderem Hans Dobbertin52 beschäftigt und darin einen Hinweis auf den mutmaßlichen Weg der Aussiedler gesehen.

Diese These hat aber nicht nur Anhänger gefunden. Verbreiteter ist die Ansicht53, daß der Auszug nach Mähren erfolgt sei. Als Grundlage dieser Annahme darf eine Würzburger Dissertation von Wolfgang Wann54 angesehen werden. Mir fehlt hier die Zeit, in allen Einzelheiten auf diese Untersuchung einzugehen; eine gute Zusammenfassung bietet aber H. Spanuth55. Für unsere Fragen heißt es bei diesem56: „Ich bin davon überzeugt, daß er [Wann, J.U.] ... den Nachweis erbracht hat, daß die mittelalterliche Besiedlung seiner Heimat, des Gebietes des alten Bistums Olmütz, durch Kolonisten aus unserem engeren Heimatgebiet, darunter auch der Stadt Hameln, erfolgt ist. Darüber hinaus hat er es nach meiner Überzeugung bis zu einem an Gewißheit grenzenden Grade wahrscheinlich gemacht, daß der Hamelner Anteil an dieser kolonisatorischen Leistung den Ursprung der alten Ortssage vom ,Exodus Hamelensis’, dem ,Auszug der hämelschen Kinder’, bildet ...“. Er hat weiter nach Spanuth „den Nachweis geführt, daß die deutsche Besiedlung seiner mährischen Heimat im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts durch den damaligen Bischof von Olmütz, einen Grafen Bruno von Schaumburg, und seinen Nachfolgern auf Veranlassung des böhmischen Königs Ottokar durchgeführt worden ist, dessen vertrauter Ratgeber Bruno war ...“. „Diese Tatsache beweist Wann ... vor allem durch den Nachweis der gleichen Geschlechternamen im Heimatgebiet wie im Siedlungslande“57. Den Namenkundler betreffen ferner vor allem folgende Passagen58: „Die stärksten Beweise ... gewinnt er ... auf rein historischem Wege. In mühsamer Arbeit hat er aus Urkunden seiner alten Heimat eine große Zahl von Bürgernamen gesammelt, die gleichzeitig in Alt-Hamelner Quellen bezeugt sind, darunter so charakteristische und wenig häufige Namen wie Leist, Rike, Fargel, Hake, Ketteler u.a. Diese Reihen wiegen umso schwerer, als bürgerliche Familiennamen damals erst aufkamen und überdies nur ein Bruchteil von ihnen in den stark dezimierten Urkunden der Stadt Hameln überhaupt vorkommt. - Selbst den Namen einer Siedlung, der aus dem der Stadt Hameln abgeleitet ist, hat Wann festgestellt, das inzwischen wüst gewordene Hamelingow (-kow), bei dem das Stammwort Hamel durch die eine Siedlung bezeichnende Silbe -ing und überdies durch das gleichbedeutende slawische -ow erweitert ist. Hamelner Herkunft beweisen auch die Familiennamen Hamlinus, Hämler und Hamel“.

Mit diesen Sätzen wird die Argumentation endgültig in die Hände des Namenforschers, und zwar in die eines Onomasten mit slavistischen Kenntnissen, übergeben. Schon ein erster Blick in das Standardwerk der mährischen Ortsnamenforschung59 zeigt die Unhaltbarkeit des Ortsnamenvergleichs. Hamlíkov, inzwischen wüst, ist überliefert 1385 Hamlicov, 1407  in Hamlyko, 1347 Hamlinkow, 1511 Hamakow (!)60. Ein Suffix -ing- ist nirgends erkennbar, so daß die Herausgeber des mährischen Ortsnamenbuche mit Recht Anschluß an einen Personennamen Hamlík suchen, in dem eine Ableitung von dt. Hammel vorliegen dürfte. W. Wann hat willkürlich eine Form Hamelingow angesetzt, die durch nichts zu beweisen ist.

Ebenso verfehlt ist die Ansicht von W. Wann61, der ON. Bruntál bei Troppau sei „später umbenannt in Freudenthal“ und „nach dem Bischof Bruno benannt“. Aus dem dem erwähnten Band von L. Hosák und R. Šrámek wird klar, daß der alte Name des Ortes nicht Bruntál gesenen ist, sondern Freudental, zum andern heißt es dort knapp: „Rovnež nelze v místní jménì hledat osobní jméno olomouckého biskupa Bruna ze Schauenburku“62.

Ich will und kann hier nicht näher auf die weiteren Argumente von Wolfgang Wann eingehen63. Ich will auch gar nicht bestreiten, daß es Verbindungen zwischen Mähren und dem Weserbergland gibt, aber ohne Frage besteht die sicherste Namengleichung zwischen Hamelspringe bei Hameln und Hammelspring in der Uckermark. Nimmt man dann noch aus H. Dobbertins Quellensammlung64 die aufgestellte Zeittafel zur Geschichte Hamelns bis 1300 zur Hilfe, so finden sich dort zu den Beziehungen zwischen Hameln und Brandenburg und Pommern auf der einen Seite und Mähren auf der anderen Seite folgende Einträge: „1274: Der Hamelner Junggraf Otto von Everstein wird in Pommern mit der Grafschaft Naugard (zwischen Rothenfier, Fanger und Piepenburg gelegen) lehnt ... 1281: Bischof Bruno von Olmütz, Bruder des Grafen Adolf IV. von Schaumburg-Holstein, stirbt. Um 1250 wanderten mit ihm Ritter aus dem Weserbergland nach Mähren aus ... 1282-1284: Graf Nikolaus von Spiegelberg in Pommern ... 1287: Beteko Gruelhut zwischen Magdeburg und Brandenburg begütert (später Bürgermeister in Hameln) ... 1288 Graf Ludwig II. von Everstein in Hinterpommern (später wieder bei Hameln) ...“.

Es ist unverkennbar, daß die Frage, wohin die Hamelner Kinder gezogen sind (und dahinter verbergen sich nach Auffassung nicht weniger Volkskundler Wanderungsbewegungen im Zuge der deutschen Ostsiedlung), von einer Disziplin zu beantworten ist, die dazu bisher kaum herangezogen worden ist: ich meine die Onomastik, darunter auch die slavische Namenforschung. Von ihr erhoffe ich mir weitere Aufschlüsse über die Ziele der Auswanderer. Die immer wieder vertretene These, daß sich in Sagen ein alter, wahrer Kern verberge, scheint im behandelten Fall durch die Ortsnamen ihre Bestätigung zu erfahren65.

3.) Lühnde. An einem dritten und letzten Namen möchte ich die besonderen Beziehungen Südniedersachsens mit dem Osten und Südosten Europas aufzeigen. Es ist der Name des nördlich von Hildesheim liegenden kleinen Ortes Lühnde. Bei diesem Toponym ist die Auflistung der ältesten Belege von entscheidender Bedeutung. Eine möglichst umfassende Belegsammlung ist daher notwendig. Man vergleiche: a. 1117 (Kopie 16.Jahrhundert) in villa Lulende66, a. 1147 (Transumpt 1573) in Lulene, Variante: Luuele67, Anfang 12.Jahrhundert (Kopie 16.Jahrhundert) in vico ... Liuline (korrigiert von derselben Hand aus liuline)68, a. 1157 (Kopie) in Lulene69, a. 1178 (Kopie 16.Jh.) in parochia Liulinde70, a. 1207 (Kopie) in Lulede (zweimal), de Lulede71, a. 1235 Eckehardus de Lunene72, 1239 in Lulene (zweimal)73, a. 1240 in Lulene, in Lulnne 74, (um a. 1240) Lulele75, (a. 1254 - a. 1257) (Abschrift 14. Jh.) in Lulne76, a. 1261 in Lulene77, a. 1274 de Lulene (dreimal), de Lulene78, a. 1277 Lulenen79, a. 1277 - a. 1284 In Luule, de Luule, Luule, Iohannes de Lulne, Luule, Luule, de Lulene80, a. 1280 in Lulene81, a. 1285 in Lulne82, a. 1295 in Lulene83, a. 1306 Lunene (UB. H. Hild. III 753); a. 1309 in Lulen84, a. 1309 Lulen85, a. 1309 (Abschrift 16. Jahrhundert) in Lulne86, (nach a. 1309) (Abschrift 14. Jahrhundert) rector Lunede87, a. 1317 in Luilne88, a. 1320 in districtu Lunedhe89, a. 1320 in districtu Lunedhe90, a. 1320 in campis ville Lulen91, a. 1321 in Lulne92, a. 1325 in Lulene93, a. 1327 (Abschrift 16. Jahrhundert) in Lulne94, a. 1328 in Lulen95, a. 1339 Thidericus de Lulne96, a. 1359 Thidericus de Lune97, a. 1369 Herman van Lunde98, (um a. 1369) (Abschrift 15. Jahrhundert) to Lulne99, a. 1380 in Lulne100, a. 1380 in Lune101, a. 1380 - a. 1381 in Lule, to Lune102, a. 1382 (Abschrift 15. Jahrhundert) in Lende103, (a. 1382) in Lunede (zweimal)104, a. 1386 by Lulne105, a. 1387 by Lulne106, a. 1388 (Abschrift 16.Jahrhundert) Lune (!)107, a. 1388 (gleichzeitige Abschrift) to Lulne108, a. 1395 (Abschrift 15.Jahrhundert) Lulne109, a. 1397 Lùlne110, a. 1401 Hermann von Lulne111, a. 1402 (Hermanns von) Lulne112, a. 1403 Hans van Lulne113, a. 1406 Hanses van Lulne114, a. 1407 Bernd von Lunde115, a. 1451 to Lùnde116, a. 1456 Lunde117, a. 1459-60 to Lunde118, a. 1482 Johanne Lunde119, a. 1482 Johanne Lunde120, a. 1593 Lühnde; Lünde; Lunde121.

Zwar erweckt die moderne Form den Eindruck einer -ithi-Bildung, jedoch entspricht dieses nicht der Überlieferung des Namens. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, daß die zweite Silbe des Namens nach Lul- zwischen -nd-, -n-, -l- und -d- wechselt. Ab dem 14. Jahrhundert beginnt sich -d-, sogar noch in der Schreibung mit -dh-, durchzusetzen. Mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts hat die Form Lunde gesiegt. Auszugehen ist offenbar von einem Ansatz *Lulende, vielleicht auch *Lulene oder *Lulede. In diesem Fall bliebe aber der Quellenbeleg Lulende unklar.

Die bisherigen Deutungsversuche gehen von einem Gewässernamen mit einer onomatopoetischen Grundlage aus. F. Peine122 hat an eine Bildung mit -ithi gedacht und im Grundwort lulen, lullen „leise rauschendes Wasser“123 angenommen. E. Förstemann124 stellte den Namen zu einem Ansatz Lull und bemerkte weiter: „wohl eher zu lullen, leise tönen als zu lull f. Röhre, wie sich auch schon im Mittelalter im Freien zur Ableitung von Wasser existierten“. An verwandten Namen nennt er Lullubach, Wüstung bei Kissingen, a. 822 Lullubach, 8. Jahrhundert Lullifelt125, weiter einen im 10. Jahrhundert erwähnten Gewässernamen Lullanbrunnan, wahrscheinlich Quelle des Pandelbaches126. Auch D. Rosenthal127 hat den Namen behandelt. Er sieht in ihm eine Bildung mit einem wahrscheinlich sekundären Suffix -de (< -ithi) und bemerkt weiter: „Es ist ungeklärt, ob es sich bei dem Stamm germ. *lula- des ersten Elements um eine Naturbezeichnung oder um einen fast nur noch in Ortsnamen belegten Personennamen-Stamm Lul- handelt“.

Alle bisher angesprochenen Deutungen hat R. Möller128 meines Erachtens schlüssig zurückgewiesen, denn die Verbindung mit einer Gewässerbezeichnung überzeugt wegen der Lage nicht. Er schreibt: „Der Ort liegt am Hang des Mühlenberges, der heute zum den Gemeinderand streifenden Zweigkanal abfällt. Auf der Gaußschen Landesaufnahme existiert unmittelbar bei Lühne weder dieser Kanal noch überhaupt ein Wasserlauf ... Lühnde liegt hoch und trocken und ist vermutlich nicht an einen Gewässernamen anzuschließen“.

Soweit bisherige Überlegungen zu dem Namen. Ganz abgesehen von dem fehlenden Gewässer überzeugt die Verbindung mit nhd. lullen keineswegs. Das Wort ist erst in neuhochdeutscher Zeit belegt129.

Die Lösung kommt nach meiner Einschätzung aus dem Osten: G. Gerullis130 verzeichnet einen Ortsnamen a. 1331 Lulegarbis, Lulegarbs aus dem Samland, vermerkt, daß die Originalschreibung des Namens unbekannt ist, bietet aber eine Etymologie an, die auch für unseren Namen zu verwenden ist. Er stellt ihn zu litauisch liulýnas „quebbiger Wiesen- und Moorgrund“. Weiteres wichtiges Material bietet Vanagas131: Liùlenèia, Seename in Litauen, zu verbinden mit lit. liulç´ti „schwanken, quabbeln, sich geleeartig bewegen“, z.B. liu˜lama pelkç „ein schwankendes Bruch“; auch „fließen, strömen“132, liulýnas, liûlýnas „der quebbige, schwankende Wiesen- oder Moorgrund“133, liuly˜nç „die quebbige, beim Betreten schwankende Stelle, das Moorgelände“134. Weiter bietet A. Vanagas litauische Gewässernamen wie Liûlys, Liûl-iupys, die mit liûlíuoti „schwanken, wogen, sich schaukeln lassen“135 zu verbinden sind. Im Oka-Gebiet finden sich Entsprechungen, die in einem Beitrag von V.N. Toporov über das baltische Element dieses Flußgebietes136 verzeichnet sind, bei Toporov aber noch mit der Bemerkung „nejasno“, also unklar, belegt sind. Es sind die Flußnamen Ljuleica, Ljulovka, die mit einem Teil der oben angeführten litauischen Gewässernamen verbunden werden, wobei auch lettisches Material wie Âu˜âa, ˜u  lãjas pâ., Âùâãkas, Âùâëkas, Âùâãni u.a.m. genannt wird.

Hier kann der ON. Lühnde mit einer Grundform *Lulindi (nach der altsächsischen Flexion des Partizips Präsens) angeschlossen und auf eine indogermanische Vorlage *Lulint- zurückgeführt werden. Der Name ist als ursprüngliche Partizipialbildung aufzufassen und bezog sich offenbar auf eine sumpfige Stelle in oder bei der Siedlung. Die Ableitungsgrundlage kann als -l-Erweiterung zu der weit gestreuten indogermanischen Wurzel *leu-, *lu- „Schmutz, Dreck, Morast“ aufgefaßt werden.

Der Name Lühnde stellt innerhalb der südniedersächischen Toponymie insofern eine Sonderrolle dar, als -nt-Bildungen dort nach unseren Untersuchungen noch nicht nachgewiesen werden konnten. Die Verbindung zu dem Baltikum ist allerdings keine Überraschung: bei der Durchsicht der Kreise Göttingen, Northeim, Osterode, Goslar, Holzminden, Hildesheim, Wolfenbüttel und Hameln-Pyrmont konnten zahlreiche weitere Fälle ermittelt werden. Ich nenne hier in aller Kürze und ohne auf Einzelheiten einzugehen:

1.) Duderstadt, zu verbinden mit dem lit. GN. Dûdupys, lett. GN. Dûdupe137.

2.) Waake (< *Wakana, genauer *Wak(w)ana) findet Entsprechungen in dem litauischen Flußnamen Vaga, weiter östlich ablautend in dem der Ugra138.

3.) Der Name der Gose, dem auch Goslar seinen Namen verdankt,  kann als *Gausa mit nordgermanischem Material wie aisl. gjósa, gaus „hervorbrechen, sprudeln“, geysa „in heftige Bewegung bringen, aufhetzen“, Geysir „heiße Springquelle in Island“, neuisländisch gusa „sprudeln“ verbunden werden, „trotz des abweichenden Anlautes ... vielleicht hierher lit. gausùs, gausìngas 'reichlich, ergiebig, fruchtbar', gausìnga ùpe 'reichliche Wassermengen führender Fluß'„139, man vergleiche auch den Flußnamen Gausa in Norwegen.

4.) Der bisher unerklärt gebliebene Ortsname Dransfeld, 960 Thrennesfelde, 1022 (Fälschung Anfang 12. Jahrhundert) Dransuelt140 findet zum einen Entsprechungen in dem thrakischen Ortsnamen Tranupara, vor allem aber in den lettischen FlurN. Trani, Tranava und den litauischen Flußnamen Trany˜ s, žemaitisch Tronis, die mit litauisch trenç´ti „modern, faulen“, lettisch trenêt „modern, verwittern“ verknüpft werden141.

5.) Die beste Verbindung für den Ortsnamen Gimte bei Hann. Münden liegt vor in litauisch  gimus „weich, schmierig, glitschig“142.

6.) Die ON. Scharzfeld und Sarstedt verlangen Grundformen mit anlautendem *Skard- bzw. *Skerd- und gehören am ehesten (auch die jeweilige Lage spricht dafür) zu lit. skardùs „steil“143.

7.) Zwischen Cram im Kreis Wolfenbüttel und Grom bei Allenstein läßt sich eine Beziehung herstellen144.

8.) Schließlich sind Groß und Klein-Denkte mit der Grundform *Dang-ithi am sichersten mit altkur. danga „Bucht eines Sees, Stück Land, das von drei Seiten von Morast oder Wasser umgeben ist“ zu verbinden145. Auch von diesem Aspekt aus findet die vorgeschlagene Etymologie des Namens Lühnde mit seiner Verbindung zum Osten eine gute Stütze.

Auf die Bedeutung der auffälligen Verbindungen zwischen Südniedersachsen und dem Baltikum, die wahrscheinlich mit der besonderen Bedeutung des Baltikums für die Vorgeschichte der indogermanischen Sprachen zu verbinden sind146, kann ich hier nicht näher eingehen. Es wird zukünftig zu prüfen sein, ob es nicht Bindeglieder in Thüringen, Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gibt, die - wie im Fall des viel jüngeren Hamelspringe - Hammelspring - sozusagen als „Streckenposten“ interpretiert werden können. Wenn in dieser Hinsicht noch nicht viel Material gefunden werden konnte, so liegt dieses keineswegs in der - vor allem dem Engagement E. Eichlers zu verdankenen weit fortgeschrittenen Arbeit in den genannten Bundesländern, sondern in der fehlenden Aufbereitung im Altsiedelland, vor allem in Niedersachsen. Daß dessen Toponymie einige Überraschungen bietet, hoffe ich, gezeigt zu haben.