Ruhr, Rhume, Rumia, Ruthe, Ryta und Verwandtes

Jürgen Udolph: Ruhr, Rhume, Rumia, Ruthe, Ryta und Verwandtes

Vor fast 15 Jahren hatte ich bei bei dem Versuch, die gelegentlich vermutete vorindogermanische Herkunft des Namens der Ruhr einer Prüfung zu unterziehen und den Namen in einen Zusammenhang mit einer alteuropäischen Sippe um die indogermanische Wurzel *reu-/*re??-/*r?- zu stellen1, die Ansicht vertreten, daß sich neben dem in diesem Flußnamen zu vermutenden -r-Element weitere Formantien nachweisen ließen2. Die weitere Aufarbeitung der Hydronymie in West- und Osteuropa hat Material zutage gefördert, die eine Einlösung des damaligen Hinweises möglich machen.

Bei der Aufdeckung der alteuropäischen Hydronymie war Hans Krahe zu der Erkenntnis gekommen, daß die Flußnamen häufig aus einer Wurzel und unterschiedlichen Ableitungselementen zusammengefügt sind. In einem Schema hat er diese Möglichkeiten etwa wie folgt angeordnet3:

-a

(-o-)

-ia

(-io-)

-ua

(-uo)

-ma-

(-mo)

-na

(-no)

-ra

(-ro-)

-la

(-lo-)

-nta


s(i)a,-s(i)o

-sta

(-sto)

-ka

(-ko)

-ta

(-to-)













Ala

Alia

Ala-va

Alma

Alna

Alara


Alan-ta

Alsa

Ale-sta



Dra-va

Druja



Dru-na



Dru-antia




Druta

 

Es ist klar, daß dieser erste Entwurf heute zum Teil anders gefaßt werden würde und Korrekturen angebracht sind. Die Grundlagen dieses Vorschlages haben jedoch bis heute ihre Gültigkeit bewahrt.
Meine heutige Aufgabe besteht darin, dasjenige Material, das die oben genannte Wurzel *reu-/*re??-/*r?- als Ableitungsgrundlage besitzt, den Suffixen entsprechend aufzulisten und gegebenfalls zu kommentieren.

Die zugrundeliegende Wurzel hat J. Pokorny1 in der Form *reu-/*re??-/*r?- und mit einer Grundbedeutung „aufreißen, graben, aufwühlen; ausreißen“ angesetzt, wobei
seiner Ansicht nach „z.T., wie es scheint, noch volleres ereu- ... [sowie eine] Partizip Perfekt Passivform rû?tó-“ begegnen. Reflexe dieser Wurzel sind mit den unterschiedlichsten Erweiterungen in zahlreichen indogermanischen Sprachen belegt; ich weise im folgenden nur auf die für die Namenforschung vielleicht besonders wichtigen hin.

An unerweiterten Bildungen sind dieses griech. dñõóß-÷èùí „die Erde aufwühlend“, lat. ruõ „aufreißen, wühlen, scharren“, lit. rãvas „Straßengraben“, aksl. ryjo, ryti „graben“, rovú „Graben“. Weiteres weniger beachtetes slavisches Material hat W. Budziszewska2 zusammengestellt.
Von den zahlreichen Erweiterungen scheinen für den Bereich der Orts- und Gewässernamen bedeutsam zu sein3:
1. Die Labialerweiterung *reub- „reißen“, vor allem in den germanischen Sprachen belegt, vergleiche gotisch raupjan, deutsch rupfen. Die stimmlose Variante *reup- ist mit ähnlichen Bedeutungsnuancen wie „ausreißen, zerreißen, brechen“ überliefert, so z.B. in lat. rumpõ „breche“, aisl. rauf f. „Spalte, Loch“ und serb. rupa „Loch, Grube“.
2. Ein Ansatz *reud-, häufig nachweisbar mit der Grundbedeutung zerreißen“, dazu gehört eine -l-Ableitung *rud-ló- „roh, wild“. Hier anzuschließen ist auch lat. rûdus „zerbröckelndes Gestein, Geröll“, von Bedeutung ist vor allem wiederum eine germanische Bezeichnung für das Wässern und Faulenlassen des Flachses, z.B. in ahd. rõzzen „faulen“, später umgebildet zu dt. rösten, Flachsröste
3. Auch die aspirierte Variante *reudh- ist vor allem in den germanischen Sprachen bekannt; es ist die weit verbreitete „roden“-Wurzel, die auch in Ortsnamen begegnet.
4. Eine Gutturalerweiterung *reuk- „rupfen“ ist vor allem mit griechischen Wörtern wichtig: es sei hingewiesen auf griech. „ñýóóù, attisch „ñýôôù „grabe, scharre“, weiter –ñõãìá „Graben“; zu beachten ist auch irisch rucht „Schwein“ (als „der Wühler“).
5. Eine weitere Bildung zeigt sich als *reus- in lit. raûsti „scharren, wühlen“.

Mit diesen wenigen Beispielen ist die Fülle der Ableitungen längst nicht erschöpft, die Liste könnte beträchtlich erweitert werden. Neue dialektale Untersuchungen fördern gelegentlich weiteres Material zutage4. Uns soll an dieser Stelle jedoch vor allem interessieren, inwieweit die verschiedenen Wurzelerweiterungen hydronymisch vertreten sind und H. Krahes System ergänzt oder korrigiert werden kann.
Unsere Sippe stand bisher etwas am Rande der Diskussion. Unter Hinweis auf H. Krahe, G. Gerullis und die Untersuchung von V.N. Toporov und O.N. Trubaèev hat W.P. Schmid knapp ausgeführt: „[eine Wurzel]*reu?                                  - [liegt vor]: in lit. FlN. Rãvas, Ruvely˜s, Rûra (= dt. Ruhr), Rûme (= dt. Rhume) mit poln. rów ,Graben’, lit. ráuti ,aufreißen’, slav. ryti ,graben’“5.

Ich möchte in meinem Beitrag versuchen, durch eine Zusammenstellung des inzwischen bekannt gewordenen Materials, gegliedert nach den verschiedenen Bildungs-
möglichkeiten, die Einbindung mancher bisher als strittig angesehener Flußnamen in die alteuropäische Hydronymie wahrscheinlicher zu machen.
1. Eine einfache Ableitung von der uns hier interessierenden Wurzel kann als *Reu?                                           a/*Ro-
u?                                           a/*Ruu?                                           a angesetzt werden und würde je nach Weiterentwicklung als Reva, Rava/Rova, Rua/Ruva bzw. deren maskuline Entsprechung zu erwarten sein. Hier ist in erster Linie appellativisches Material zu nennen, so etwa slav. rovú „Graben“, slovak. dial. riava „Bach mit einer sehr schnellen Strömung und steinigem Boden“, lit. rãvas, riãvas „Graben, Rain, Schlucht“, altpreuß. rawys „Graben“ u.a.m.6 Ganz entsprechend setzt man für das Festlandkeltische ein Appellativum *rova „Erdschlipf, Riß, Sturz“ an7.

Im Namenbereich sind sichere Entsprechungen nach meiner Kenntnis nur im Osten Europas nachzuweisen; es sind die balt. GNN. Rãvas, R˜e                             vas, Ravaî 8 und die mit der in Osteuropa nicht selten begegnenden Dehnstufe gebildeten slavischen Namen Rava, Ravy, Rawka, Rawica u.a.9. Diese Namen verlangen nach W.P. Schmid einen indogermanischen Ansatz *ro?uo-. Fern bleibt wahrscheinlich der Name Reva, den J. Treder10wohl zutreffend zu dem aus dem Dt. entlehnten Appell. Riff erklärt.
Hält man sich an das oben angesprochene Schema H. Krahes und geht zu den Suffixbildungen über, so ändert sich das Bild der Verbreitung: auch der Westen hat nun daran Anteil.

Das betrifft allerdings noch nicht die in der alteuropäischen Hydronymie nicht sehr häufig belegte Erweiterung mit einem vokalischen oder konsonantischen -i- oder -j-. Diese findet sich in unserem Fall wiederum nur im Osten und zunächst einmal auf dem Gebiet der Appellativa. Gemeint ist das kaschubische Wort kaschub. reja „Sumpf, Schlamm“, das nach inzwischen übereinstimmender Ansicht11 etymologisch mit slav. ryti, poln. ryæ usw. zu verbinden ist und in Namen seinen Niederschlag gefunden hat (z.B. in dem FlN. Reja, Nfl. d. Piaœnica und anderen12). W.P. Schmid verband dieses Wort mit dem litauischen Gewässernamen Ruuja, der polnischen Grabenbenennung Ryja und weiteren, uns noch beschäftigenden Namen13, wodurch eine Einbindung in indogermanistische Zusammenhänge zwanglos möglich ist und die immer wieder erwogene finnougrische Herkunft von litauischen GNN. wie Rujà, Rùjos und lett. Ruja, Ruj-upe, Rujas (man vergleiche etwa Vanagas, LHEŽ. 283) abgelehnt werden kann.
Dem wird man sicher zustimmen dürfen. Jedoch gehört der Fischerflurname Ryja, ein wasserloser Graben im unteren Weichselgebiet, offenbar nicht hierher. Er wird von H. Bugalska14 von dem mundartlich belegten Appellativ ryja < Rie hergeleitet, worin das deutsche Wort Riede, mua. in zahlreichen Varianten belegt als rie, rie, rît, rije, rye, ridhe, rydhe, rîge, rîe usw., zu sehen ist15. Das gilt auch für den bei B. Sychta belegten GN. *Ryjka16. Es erhebt sich die Frage, ob nicht vielleicht das kaschubische Wort rëja selbst letzten Endes aus dem Deutschen entlehnt ist. Dieses soll hier aber nicht weiter diskutiert werden; Verdachtsmomente sind vorhanden (vgl. W.P. Schmid, in: Baltistica 33,2 (1998), S. 201).

Für unsere Namenzusammenstellung von Interesse könnte dagegen ein verschwundener Flußname bei Veliuonà sein, der 1421 in der Form ad Ryiam belegt ist17. Allerdings bleibt unklar, was sich hinter dem -y- verbirgt. Sollte von -î- auszugehen sein, gehört der Name in einen anderen Zusammenhang.
Die Heranziehung von slavischen Namen ist mit Problemen verbunden. So hat I. Bily18 für den ON. Reust einen Zusammenhang mit slav. *ruj- „rote und gelbe Farbe“ vorgezogen; offenbar ist weiteres sicheres Material nicht zu gewinnen.

Während die bisherige Ausbeute weder quantitativ noch qualitativ besonders ergiebig war, gilt dieses für die nun folgenden nasalhaltigen Suffixe nicht.
Zu den in H. Krahes Tabelle folgenden -m-Bildungen gehören meines Erachtens:
1. Die Rhume, ein rechter Nfl. der Leine in Südniedersachsen, 1105 (Fälschung Mitte 12.Jh.) in aqua que ruma dicitur, 1141 (Kopie 16.Jh., verunechtet) aqua piscosa, que dicitur Ruma, 1154 de rivo qui Ruma dicitur usw., dazu der ON. Rhumspringe, Mitte 13.Jh. Saltus Rume, um 1250 (Abschrift 16.Jh.) Rumespringe, 1274 (Abschrift 16.Jh.) Rumespringe usw.19. Ein Zusammenhang mit got. rûms „geräumig“, mnd. rûm „geräumig, weit, offen, groß“ ist abzulehnen20. Vor 15 Jahren hatte ich bemängelt, daß eine Zusammenstellung der damit verwandten Namen noch ausstehe. Dem soll mit diesem Beitrag wenigstens zum Teil begegnet werden.
2. Rumia, ON. an der Weichselmündung, dt. Rahmel, heute auch FlN. Zagórska Struga, 1283 u.ö. aber Rumna21. Auch hier hat man an die oben genannten gotischen und deutschen Wörter gedacht oder aber kaschubisch rómni „gleich, eben“ herangezogen. Überzeugender ist aber wohl der Vergleich mit der Rhume und den folgenden Namen.
3. Rûmç, ein GN. in Litauen, wurde oft mit dem aus dt. Raum < rûm entlehnten poln. rum verbunden22, jedoch verwiesen schon B.-U. Kettner und D. Schmidt,
einem Vorschlag von W.P. Schmid folgend, auf Rhume und Ruhr. Zieht man noch die geographisch viel näher liegende Zagórska Struga, alt Rumna, hinzu, läßt sich der lit. GN. gut in die Sippe um die Wz. *reu-/*re??-/*r?- einordnen.

Dabei gibt es eine Differenz: während Rhume und Rûmç einen Ansatz *Rûmã fortsetzen können, verlangt Rumia eine Grundform *Rumina, an die Basis wäre  demnach ein Suffix -ina getreten. Offenbar ist dieses kein Einzelfall, sondern in Osteuropa nicht selten, wie das folgende Material zu zeigen scheint. In meinem Beitrag über die Namen Rhume und Rumia hatte ich bereits genannt:
Rumacz, Seename an der unteren Weichsel23;
Rumejka, Zufluß z. Nereœl, balt. Namen nach V.N. Toporov24;
Ruminka, FlN. in Weißrußland25.

Inzwischen ist weiteres Material bekannt geworden. Von Bedeutung ist der mit dem in Osteuropa und im Slavischen häufigen Suffix -ava gebildete slovakische FlN. Rimava, ung. Rima, den B. Varsik ausführlich behandelt und slavische Herkunft erwogen hat26, der jedoch wohl mit einer Grundform *Rymava < *Rûmava zu unserer Sippe gestellt werden kann27. Weiterhin könnte genannt werden der linke Nebenfluß der Zeta Rimàniæ, den  D. Æupiæ28mit slav. *rumìnú „rosig, rot“ verbindet. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird auch anzuschließen sein der See- und Ortsname Rymaèi bei Che³m, den E. Bilut in der bald erscheinenden 10. Lieferung der Hydronymia Europaea behandelt hat. Seine alten Belege 1455-1480 Item Rimacz, lacus, 1564 ieziora okrom Rimaczkiego, ON.: 1564 Rymacz, können als Ableitung von einem PN. interpretiert werden, jedoch ist ein Vergleich mit dem oben genannten Rumacz zu erwägen und Anschluß an unsere Gruppe nicht auszuschließen.
Zum Nachdenken regen auch drei Namen an, die V. Kiparsky29bei der Behandlung des Kurenproblems genannt hat. Es sind ein Flurname (1422? de heide bi dem busche, geheiten Rume), den er zu lett. rûme „Raum, Wohnraum; Hoflage“, einem Lehnwort aus dem Mittelniederdeutschen stellt, ein Seename 1349 eine kleine sehe, Rumecke geheiszen, den er mit dem lett. PN. Rumicke verbindet, und der ON. Rummen, 1504 Dorf Rummen, 1511 landt tho Rumen, bei dem er nur zweifelnd einen Zusammenhang mit dem lettischen Wort rûme erwägt.
Abgesehen von dem Namen der Rhume haben wir bisher nur Material aus Osteuropa anführen können. Jedoch können wir nun auch aus dem Westen Ergänzungen anführen. Ich sehe einen Zusammenhang mit folgenden Namen:
Rummecke, Zufluß z. Ruhr, daran ON. Rumbeck, 1031 Rumbeke, 138 Rumbeke, 1186 Rumbeke, der von E. Barth30 mit M. Schönfeld „zu as. rûmo ,weit, geräumig’ und as. rûm ,Raum’“ gestellt wird. Ich halte diese Deutung für verfehlt und denke eher an ein sekundäres Antreten von ndt. beke31. Das gilt meines Erachtens auch für Rumbeck, ON. bei Rinteln, 1031 Rumbeke, 1183 Rumbeke usw., der nach U. Maack32 mit dunklem ersten Wortglied Rum- oder Ruden-? gebildet ist, aber die „Ableitung von mnd. rude, Rute, oder ruden, roden, erscheint fraglich“.

Einen verwandten Namen sehe ich auch in dem FlN. Romney in Kent, der auch den Orten Old und New Romney seinen Namen gegeben hat. Die Überlieferung 895 (Kopie 13.Jh.) Rumenea, 914 Rumenesea spricht für eine Grundform Rumenëa, deren Etymologie nach E. Ekwall33 nicht klar ist. Er erwägt Zusammenhang mit einem PN., was angesichts des nicht unbedeutenden Flusses unwahrscheinlich ist. Es gibt keine Probleme, den Namen an Rhume, Rumia u.s.w. anzuschließen.
Ein besonderes Problem stellen Ortsnamen dar, die eine Ableitungsgrundlage Rum- voraussetzen. Mir sind drei bekannt geworden, deren Bildung hohes Alter verrät. Es handelt sich um eine -st-Ableitung in dem belg. ON. Rumst bei Antwerpen, 1157 Rumeste, 1162 Rumest, 1223 Rumest, 1225 Rumest34, die in M. Gysselings Wörterbuch unmittelbar vor der -ithi-Bildung Rumt < *Rumithi steht, die ich versuchsweise mit den FlN. Rhume und Rumia verbunden habe35. Ich vermag auch jetzt keine andere, bessere Lösung zu erkennen. Der dritte Name scheint Ruimel in Nordbrabant zu sein, 698-699 (Kopie 1191) in villa Rumelacha, 698-739 in Rumleos, 1050 (Fälschung, Kopie 14.Jh.) in Rumelo, offenbar ein Kompositum mit germ. -lo36.

Es scheint sich wie im baltisch-slavischen Gebiet um Ableitungen einer von der Wurzel *reu-/*re??-/*r?-  + -m- gewonnenen Basis zu handeln, die später nicht nur in Flußnamen, sondern auch in Siedlungsnamen Verwendung fand.
Die hier zusammengestellten Namen werfen vielleicht neues Licht auf einen bis heute nicht sicher erklärten, auf Rom in Italien. Die Verbindung dieses Namens mit dem der Rhume hat z.B. schon A. Carnoy erwogen37. Auch H. Bahlow, dem man sonst kaum vertrauen kann, bemerkte knapp: „Rumon hieß schon der Tiber in vorrömischer Zeit“38.
Nach H. Rix39 liegt vielleicht ein mythischer Name vor. Die vielleicht sorgfältigste (aber wie mir scheint, zu wenig beachtete) Untersuchung zu dem alten Namen des Tiber hat E. Jung vorgelegt: Les noms du Tibre et de Rome40. Er hat sich allerdings den Weg insofern selbst etwas verbaut, als sein Versuch, die Wurzel *sreu- heranzuziehen, scheitern mußte. So finden sich natürlich Versuche, an mediterranes Material anzuschließen und eine indogermanistische Deutung abzulehnen. Der Gedanke (und mehr soll es auch nicht sein), von Rumon ausgehend Rom zur Sippe um Rhume und Rumia und die idg. Wurzel *reu-/*re??-/*r?- zu stellen, hat jedenfalls nicht weniger für sich als jeder andere Versuch. Wir werden im weiteren noch sehen, daß die Einbindung in unsere Gruppe durch andere wichtige Namen durchaus gestützt werden kann.

Dazu zählen auch die -n-Bildungen, zu denen wir nun übergehen wollen. Ihnen ist ein wichtiger Beitrag von J. Santano Moreno mit dem Titel „El hidrónimo Runa“41 gewidmet. Er geht von der Wz. *er- : or- : r- aus (S. 11f.), vermengt dort aber einiges miteinander, was zunächst besser getrennt geblieben wäre. Ein Ansatz *reu- wird nicht erwähnt. Die Zitate der Beiträge von H. Bahlow und H. Jellinghaus führen - wie wir noch sehen werden - nicht sehr weit. Bahlows Material ist nicht verwertbar (s.u.). Im weiteren geht es vor allem um dt. Runse. Daran schließt sich eine Auflistung verschiedener Flußnamen und eine Zusammenstellung appellativischen Materials aus dem Frankoprovenzalischen, Occitanischen und Italienischen an, wo ein Appellativum runa, zumeist „Einschnitt, Tal, Vertiefung, Klamm“ gut bezeugt ist. Der Beitrag beschränkt sich - und hier müssen in erster Linie Ergänzungen vorgenommen werden -  auf den Westen Europas. Es gibt jedoch auch - wie wir noch sehen werden - im Osten bedeutsames Material.
Die Zuordnung von Gewässernamen zu einem Ansatz *reu-n- ist relativ einfach. Hierher gehören:
1.) Runa, FlN. bei Pamplona, alt Runia, Runa42.
2.) Rune, FlN. im Gebiet d. Palais (Frankreich), 1283 Rune, fälschlich auch belegt als Rume, nach A. Dauzat, G. Deslandes, Ch. Rostaing43 „Type obscur“44.
3.) Runio, Variante Rhunio, Fluß im Gebiet d. Evel (Frankreich), nach A. Dauzat, G. Deslandes Ch. Rostaing, a.a.O. unklar45.
Die Annahme mediterraner Herkunft kann nur dann aufrecht erhalten werden, wenn man den Osten unberücksichtigt läßt. In Anbetracht der folgenden Namen wird man das kaum tun dürfen. Man vergleiche:
4.) Runa, Quellfluß der Wolga im Kr. Ostaškov, 1483 v Runu reku, da Runoju vverchú46, der nach M. Vasmer47 nichtindogermanischer Herkunft sein soll und mit finn. Ruonajoki, Ruonakoski ..., das zu finn. ruona ‘Schlamm, Moder’ gehört, zu verbinden ist. Mit Recht hat dagegen V.N. Toporov eingewendet48, daß baltisches Material und auch Namen aus dem Gebiet westlich der Weichsel dieser Annahme widersprechen. Wir werden sie gleich im einzelnen anführen. Zuvor muß allerdings darauf verwiesen werden, daß das Wörterbuch d. russ. Gewässernamen49 zwei weitere Flußnamen Runa kennt: es sind ein Nebenfluß d. Pola im Gebiet des Ilmen-Sees und ein Zufluß des Svir’ zum Ladoga-See.
Ostpreußen kennt sichere Parallelen; es ist zum einen
5.) Runa, Zufluß z. Frischen Haff, 1251 ad Runam; ad initium Rune, inter Runam, 1254 inter Runam et Seriam; fluuius Runa usw.50, ferner
6.) Runia, r. Nfl. d. Guber im Pregel-Gebiet, um 1790 Ruhne Graben, 1899 die Ruhne51. Sehr wahrscheinlich ist hier auch anzuschließen der ON. Runowo, dt. Raunau, bei Allenstein, 1347 (Abschrift 14.Jh.) villarum Runow, 1359 (Abschrift 14.Jh.) Runow, 1389 (Abschrift?) Runow usw., dessen Grundform *Rûnaw- R. Przybytek52zusammen mit Gerullis an die oben genannten preußischen Flußnamen Runa anschließt und zur Basis *run- stellt. Ähnlich hatte schon V.N. Toporov argumentiert53.
7.) Schon K. Buga54 hat den lett. Flußnamen Rau˜na mit Runa in Verbindung gebracht. Ähnlich hat Gerullis 147 argumentiert. V.N. Toporov hat sich diesem angeschlossen55.
8. Schließlich kann auch noch der FlN. Runica aus dem Warthegebiet, im S³ownik Geograficzny und auch sonst belegt als Ruhnow, Ruhnowfließ, dazu auch der SN. 1759 Runowo56, hier angeschlossen werden.

Nach diesem Blick in den Osten können wir nochmals nach Westen blicken. H. Bahlow57 hat unter Annahme einer alten Sumpfbezeichnung noch einige deutsche Ortsnamen unter einem Ansatz Run- genannt. Etliche davon sind zu streichen, da sie
nicht verifiziert werden können, so Rühne, Zufluß z. Ohm und zur Solz/Hessen. Ersterer fehlt in der Hydronymia Germaniae 4 (obwohl alle Namen aus Karten des Maßstabes 1 : 25000 aufgenommen worden sind), der zweite ist in Hessen ebenfalls nicht nachzuweisen.

Besser steht es mit Raun bei Nidda, 1187 Runo, mit dem ON. Ruhne bei Soest, 1269 Rune, Ruine (Jellinghaus 149) und weiteren, vor allem bei E. Förstemann58 und H. Jellinghaus (op.cit., S. 149) genannten Namen (z.B. Ruinen in Drente, 1298 Rune; Rönne, Hof bei Bielefeld, 1182 Rune).
Am ehesten wird man diese Namen aber als einzelsprachliche Bildungen zu dem im Deutschen noch in Spuren faßbaren Wort rune „Einschnitt,Vertiefung, Baumstumpf“ (so schon Förstemann II,2,641) stellen können. Bahlows Sumpftheorie scheitert hier ebenso wie sein Versuch (S. 404), eine entsprechende Grundlage in den englischen Namen Runewelle, Ronhale, Runhale, Ronimede, Runimede nachzuweisen. Die im Fall von Bahlow immer notwendige Prüfung ergab:
a.) „Runewelle“ bezieht sich offenbar auf den ON. Runwell in Essex, dessen alte Belege 939 Runweolla, Runewelle, 1086 Runewella, 1203 Runewell E. Ekwall59 wie folgt erklärt: „The first el[ement] is very likely OE rûn ,secret, council’ &c. The name may refer to a spring or stream at which a meeting-place was, or rather to a wishing-well“.
b.) „Ronhalle“ kann ich als Namen nicht nachweisen.
c.) Mit „Runhalle“ ist offenbar der ON. Runhall in Norfolk gemeint, 1086 Runhal, 1206 Runhal, 1254 Runhale, den E. Ekwall, op.cit., S. 396 mit dem ON. Runham (ebenfalls Norfolk) verbindet, in dem zweifellos ein PN. vorliegt. Runhall selbst kann nach Ekwall im ersten Teil ae. rûn „Rat, Beratung“ oder hruna „gefällter Baum, Baumstamm“ enthalten.
d.) Bahlows Angaben Ronimede, Runimede gehören zu dem ON. Runnymede in Surrey, 1215 pratum ... Ronimede (Var. Runingmeð), 1215 (A. 1318) Runimede, 1244 Rumened, für den E. Ekwall, a.a.O. eine Bedeutung „meadow in council island“ annimmt und mit ae. Rûnîeg „council island, assembly island“ verbindet60 (Nachtrag: ergänze Raunelbach mit ON. Rhaunen bei A. Greule, Beiheft zum Gesch. Atlas der Rheinlande, S. 16).
Somit bleibt von Bahlows englischen Vergleichsnamen kaum Sicheres übrig. Unsicheres gibt es aber auch noch im Osten. Fern bleiben aus Polen zwei Namen, die eine Grundform *Runa enthalten könnten. Im Kodeks dyplomatyczna Wielkopolski, Bd. 2, S. 49, Anmerkung, wird unter dem Jahr 1291 ein Flußname Runa mit dem heutigen Fluß Bia³a in der Nähe der Rheda identifiziert, im Register desselben Bandes erscheint dieser aber offenbar als Rumia, den wir oben schon behandelt haben.
Fernzuhalten ist auch Rynia, ein linker Zufluß des Narew oder aber (nach Kuraszkiewicz-Wolff61) „mo¿e dziœ Rz¹dza?“, der in einem Beleg von 1526 als vody
‘z rzeky Rynyey erscheint62. Da jedoch der dazu gehörende ON. Rynia alt als Renia erscheint (z.B. 1488 Reny, 1517 Renya63), hat G. Schlimpert mit seinem Vorschlag, an die Wz. *rei-n- anzuknüpfen64, wahrscheinlich recht.
Schließlich bleibt auch der alt nicht belegte FlN. Rynna beiseite. J. Rieger und E. Wolnicz-Paw³owska65 bemerken nur kurz: „Tu zapewne n[azwa] koryta, por[ównaj] Wanna“. Daran hat V.Ç. Orel Kritik geübt66und eine Verbindung mit lit. rinà, lett. rîne vorgezogen.

Es ist - so hoffe ich - deutlich geworden, daß sowohl der Westen wie der Osten den Flußnamentypus Runa kennt. Damit fallen Versuche, diese Namen dem mediterranen Substrat oder eine finno-ugrischen Sprachschicht zuzuordnen. Viel einfacher ist es, Runa neben Ruma zu stellen. Die nun folgenden -r-Ableitungen stützen diese These.
Von einer Wurzel *reu- mit -r-haltigem Formans gebildete Namen sind schon recht früh erkannt worden. So hat schon H. Krahe67 hierher die Ruhr mit der Bemerkung gestellt: „Etymologisch wohl als Ableitung auf -ra ... zur Wz. *reu-/*ru- ,aufreißen, graben’ zu verstehen“. Dagegen hat H. Kuhn68 im Hinblick auf die Suche nach einer Wurzel skeptisch eingewandt: „hierzu wird sich wohl meist etwas auffinden lassen“. Ich habe dazu schon an anderem Ort Stellung genommen69 und denke, daß auch der hier angestellte Versuch, weiteres Material zu der in Frage stehenden Wurzel zusammenzustellen, der Kritik begegnen kann. Im einzelnen lassen sich heute nach meiner Kenntnis zu den -r-Bildungen anführen:
1.) Der Name der schon erwähnten Ruhr, r. Nfl. d. Rheins, 796, 802, 811 rura, rurê, ruram, rure usw.70, geht auf eine Grundform *Rûra zurück71. Bei der Diskussion der Etymologie des Namens hatte D. Schmidt72 ausgeführt, daß „die Bildungsweise ... zwar klar, aber keineswegs eindeutig [sei], d.h. typisch für eine Schicht der GewN., auch fehlt eine überzeugende, den Namen einer bestimmten Sprache zuweisende Etymologie“. Sie hat diese skeptische Auffassung aber wenige Zeilen später selbst korrigiert und geäußert: „Auszugehen ist ... von einer r-Bildung zu einer Wz. idg. *rû-, deren Altertümlichkeit, sicher voreinzelsprach-liche Herkunft durch vergleichbare Bildungen desselben Typs belegt ist ...“, weiter wird von ihr zurecht eine schwundstufige -r-Bildung erwogen, die gut indogermanisch ist.
2.) Roer/Rur, rechter Nebenfluß der Maas, Anf. 8. Jh., 847 u.ö. Rura73, mit Nebenfluß Einruhr, ca. 1075 Rure, Grundform ebenfalls *Rûra74.
3.) Ruhr (Bach), Nebenfluß der Warme (Kr. Hofgeismar)75.
4.) Rulle, Nfl. d. Semois in Belg.-Luxemburg, mit ON. 1055 usw. Rura76.
5.) Rurà, GN. in Litauen. Die von A. Vanagas77 erwogene Verbindung mit lit. rurà „Röhre“ ist schwer zu verstehen78, da dieses Wort ein polnisches Lehnwort ist, das seinerseits aus dem Deutschen stammt.

Die Einbindung in die alteuropäische Hydronymie wird dadurch erleichtert, daß nicht nur die Grundform und Ausgangsbasis Rûrã belegt werden kann, sondern auch verschiedene Ableitungen, die sich in H. Krahes System einpassen lassen. Hierher gehören
6.) Röhr, Nebenfluß der Ruhr, dessen Name entweder auf *Rurina oder *Rurºa zurückgeht79.
7.) Ein 1036 als Rurinna und 1197 in der Form Rurenna belegter Name, der sich entweder auf die Ruhr selbst oder einen ihrer Nebenflüsse bezieht80.
Sieht man von dem litauischen FlN. Rurà ab, so liegen alle bisher genannten Namen in dem Bereich, der nach H. Kuhn als „Nordwest-Block“ bezeichnet wird. Und so nimmt es nicht Wunder, daß Kuhn selbst darauf hingewiesen hat, daß Rur-Elemente fast ganz auf den Nordwestblock beschränkt seien81. In meinem ersten Versuch über diese Namen hatte ich schon vermerkt, daß diese Auffassung nicht zu halten ist. Dagegen spricht z.B. der Name der
8.) Rurzyca, dt. Röhrike, rechter Nebenfluß der unteren Oder, dessen Überlieferung wegen der bis heute nicht näher behandelten Frage der Slavisierung etwas genauer angegeben werden soll82: 1234 in fluvium Roreke, 1235 (A.) iuxta rivulum Ruri[k]la, 1235 in fluvium Roreke vulgariter appellatum, 1235 iuxta Riuulum Ruritza, 1271 vsaue in Rorekam, 1292 aquam, que Roreke vocatur, 1292 aquam que Roreke vocatur ... ipsam Roreke, 1324 super fluvium Rörek, 1330 aquam, que dicitur Roreke, 1337 ad fluvium Roreke, 1338 ad flumen Roreke, 1342 super Roreken, 1354 vsque ad dictam
aquam Roreke ... et ipsam Roreke, 1364 super flumen Roryken ..., dicti fluminis Rorik, 1366 to dem Roreken, 1374 in Ryreke, 1394 watern, als Mentenitze vnd Roricke, 1407 an das flischende wasser, genant dy Roreke, 1407 das Flysch, das genant yst dy Roreke, 1462 tome roreken, 1499 In die Rorike lopet, 1545 yhns Röhrichtt flieszendt, 1564 die Roricke; an der Roricken gehet, 1565 an dem fliessenden Wasser, die Rörich genandt83. Heranzuziehen sind auch die Belege für den ON. Rurka, dt. Rörchen bei Chojna, dt. Königsberg (Neumark), man vergleiche 1261 Datum in Roreke, 1263 in Roreke, 1279 in curia Rorik, 1279 in curia Rorik, 1280 de curia Rorich, 1284 in Rorik, 1281 de curia Rorik, 1281 magister Roreke, 1285 Bernardus in Rorik, 1291 in Rorekem, 1296 in Rorike, 1303 in Roreke; in Roreke84.

In einer kurzen Bemerkung hatte ich an anderer Stelle85 zu dem Namen dieses rechten Zuflusses der Oder schon Stellung genom­men, der von M. Rudnicki seinerzeit ohne nähere Begründung dem Slavischen zugewiesen worden war. Inzwischen bestehen an seiner Etymologie wohl keine Zweifel mehr, wie ein Blick in die Hydronymia Europaea86 zeigt.
Probleme bereitet aber die Slavisierung des Oderzuflußnamens, sowohl die der Wurzel wie die des Suffixes. Die deutsche Varianten des Fluß- und Ortsnamens zeigen deutlich Einfluß von deutsch Rohr, Schilfrohr; gelegentlich zeigt sich aber auch dort -u- im Stammvokal, zum Beispiel 1235 iuxta Rivulum Ruritza. Auf polnischer Seite trat natürlich Angleichung an rura, rurka „Röhre“ ein, aber es fragt sich, wann dieses geschehen ist. In ältester Zeit kann dieses nicht stattgefunden haben, da das polnische Appellativum seinerseits erst aus dem Deutschen entlehnt worden sein mußte.

Die Überlieferung des Namens und seine Bildung mit einem ursprüngli­chen -k-Suffix zeigen nun, daß eine ältere, voreinzelsprachliche Grundform vorgelegen hat. Beachtet man sowohl die deutsche wie die polnische Überlieferung, so kommt man an dem Ansatz einer Grund­form *Rûrîka kaum vorbei. Dabei sind sowohl -u- wie auch -i- als Länge anzusetzen. Damit aber ergibt sich ein Problem: warum führte dann die Slavisierung nicht zu der normalen Ent­wicklung von *-û- > -y- und zur Palatalisierung des -k- im Suffix? Das heu­tige polnische Ele­ment -ica ist eindeutig jüngeren Ursprungs.
Bei früher Übernahme in slavischen Mund wäre eine Form *Ryrica zu erwarten gewesen, die dann im Deutschen vielleicht als *Reritza aufgetreten wäre. Nichts davon ist zu sehen. Es darf daher meines Erachtens zumindestens die Vermutung geäußert werden, daß die Slavisierung des Namens nicht früh - etwa zu urslavischer Zeit - erfolgt sein kann, sondern später von­statten gegangen sein dürfte. Offenbar lebte in
slavischem Mund bis zur Übernahme der deutschen Kolonisten eine Lautung *Rurika fort, die noch nicht von dem deutschen Lehnwort rura, rurka beeinflußt gewesen sein kann. Die Frage nach dem Zeitpunkt der Slavisierung bleibt somit offen; späte Übernahme in das Slavische ist nicht ausgeschlossen.
9.) Weit außerhalb des Nordwestblocks liegt auch die Rauriser Ache, ein rechter Nebenfluß der Salzach im Salzburger Land, dessen Belege bei M. Straberger87 eingesehen werden können: 1122 Rurese, 1208 oder 1218 predium in Rvrese, 1231-42 Rurês, 1241 Râuris usw. Als Ausgangsform ist wohl *Rûresa anzusetzen88.

Daß offenbar wie bei Rûm- und Rûr- auch sekundäre Komposita entstanden sein können, scheint
10.) der Flußname Rurbeke, ein verschwundener Name bei Rumbeck nahe Arnsberg, 1196 Rurabeke89, zu zeigen.
Seit meinem letzten Versuch über die Namen Ruhr, Rhume und Rumia sind mir weitere Namen bekannt geworden, die hier genannt werden müssen. Zum einen ist es die
11.) Raab, ein rechter Zufluß z. Pram im Inn-Gebiet, ca. 1134 rurippe, ca. 1140 Rov                      rippe, davon abgeleitet ein ON., der älter bezeugt ist: 955 (F. um 1175, A. 15.Jh.) Rurippe, 1070-1100 di Riurippe, vor 1075 (F. Mitte 12.Jh.) Rvirippe, weiter oft Rurippe90. Nach E. Förstemann91 gehört der Name zu „ahd. hruora, mhd. ruor, Wildspur, mhd. ruore, falge, zweite Ackerung. Der zweite Teil ist dunkel“.
Der Name ist schwierig und, soweit ich sehe, bisher nicht erklärt. Ich halte es  nicht für ausgeschlossen, daß von einem Ansatz *Ruripa auszugehen ist, der mit hdt. Lautverschiebung aus *Ruriba herzuleiten ist. Er würde damit Anschluß an unsere Sippe um Ruhr, Rulle und Rurzyca gewinnen und ein Suffix *-iba voraussetzen. Dieses ist zwar selten, aber in einigen nicht unbedeutenden Namen erkennbar, man denke an Vitebsk an der Vid’ba < *Vidibã, ferner an den Vidbol, einen ca. 60 km langen Nebenfluß der Donau, der aus *Vid-ib-alos entstanden sein kann. Mit Wechsel des präsuffixalen Vokals ist hier noch die Vouge, ein Fluß im Dép. Côte-d’or (Frankreich), im Itinerarium Antonini und in der Peuteringischen Tafel als Vidubia überliefert, zu nennen92. Zu nennen ist auch ein linker Zufluß des Volchov Pit’ba oder Pid’ba.
Das bisher mit einem -r- erweiterte vorgetragene Material erforderte auf voreinzelsprachlicher Ebene die Schwundstufe *rû-. Diese findet sich auch in
12. Ruwer, ein rechter Nebenfluß der Mosel, um 370 Erubris, 633 Ruvera, 953 in Ruvera fluvio usw., der nach M. Buchmüller, W. Haubrichs und R. Spang93 und W.P.
Schmid94 zusammen mit Ruwer, SN. im Kr. Trier, 946 Ruobera, 962 Rubera, 1153 Ruvere, und dem rechten Nebenfluß der Ruwer Riveris, um 1200 Ruverisene, 1271 in ... Ruverisse usw. aus einer idg. Grundform *Ru?uarã oder *Ru?uera  bzw. *Rubarã zu erklären und zu unserer Wurzel zu stellen ist. Es bleibt allerdings unklar, ob nicht wegen des frühen Belegs aus dem 4. Jahrhundert nicht eher von einem Ansatz mit Labial auszugehen ist. Hierher würde sicher gehören Roubion, ein Nebenfluß der Rhône, 886 Rubione95. Aber selbst in diesem Fall wäre letztlich eine Verbindung mit unserer Wurzel möglich, denn bei dem Ansatz *reu- ist die Labialerweiterung bereits appellativisch belegt.

Die bisher behandelten -m-, -n- und -r-Erweiterungen sind schon von verschiedener Seite in einen Zusammenhang mit Gewässernamen und der alteuropäischen Hydronymie gestellt worden. Es gibt jedoch Ableitungen, die bisher unbeachtet geblieben sind, in H. Krahes System aber angeführt sind. Dazu gehören Bildungen mit einem -l-Element.
Auf diese stieß ich bei der Untersuchung der Ortsnamen des Kreises Holzminden in Südniedersachsen. Der ON. Rühle an der Weser südlich von Bodenwerder erscheint (1155-84) (Abschrift 13. Jh.) als Personenname Johannis de Rule, weiter häufig als de Rule, in Rulen, tor Rule96, er liegt an dem Rühler-Bach, der aber keine alten Belege aufweist: 1803 Rühle ... am Rühlerbache97. Die Grundform muß über die Form Rule gefunden und ein umlauterzeugender Vokal angesetzt werden. Nach R. Möller98 ist die „Deutung schwierig. Der Ort liegt langgestreckt am östlichen Ufer der Weser in einem kleinen engen Flußtal mit rechts in die Weser einmündenden Bach und steil ansteigenden Erhebungen“. Weiter erwägt Möller, von einem Gewässernamen auszugehen, vergleicht die Flurnamen Röwel, im Räuel für feuchte Wiesen im Kr. Rotenburg (Wümme), sowie den ON. Rühle, Kr. Meppen, 1280 Rule, der auf einer Geestzunge westlich der Ems liegt. Seiner Ansicht nach ist über eine Ablautreihe iu (< eu) - au - u eine Verbindung zu idg. *reus- „Steinhaufen“ usw. mit -l-Suffix denkbar oder an schwedisch dial. rul „Wulst“ anzuknüpfen99. Möller nennt auch den ON. Rulle bei Osnabrück, 1200 Rulle, der hier anzuschließen wäre.

Diese Vorschläge überzeugen kaum. Offensichtlich ist von dem Flußnamen auszugehen, der einen Ansatz *Rûlia voraussetzt. Die Frage, ob das -l- zur Wurzel gehört oder als suffixales Element anzusehen ist, läßt sich mit dem Hinweis auf die bisher behandelten Namen Ruhr, Rhume usw. und auf noch zu nennende Beispiele dahingehend beantworten, daß weit eher von einem Suffix zu der Wurzel *reu- auszugehen ist. Die Lage von Rühle in einem tief eingekerbten Tal des Sollings spricht auch
semantisch für einen Zusammenhang mit der genannten Wurzel. Zudem werden „alle Ortsteile ... durch Bäche, die ihre Quellen im oder am Vogler sowie am Rande des Breitensteins haben, mit Wasser versorgt. Sei münden gemeinsam in die Weser“100.

Der ON. wird Verwandte besitzen in:
Rühle, ON. auf einer Geestzunge westlich der Ems bei Meppen, 1280 Rule101, vielleicht ein alter Teilabschnittsname der Ems.
Rulle, ON. bei Osnabrück, 1200 Rulle102, der nach E. Förstemann103 von dem an dem Ort vorbeifließenden Ruller Fleet seinen Namen erhalten hat, vergleicht damit nicht das nahe liegende dt. Verbum rollen (das Lehnwort ist), sondern die von mir schon genannten Flußnamen Ruhr und Rulle, alt Rura. Er bemerkt weiter: „Vielleicht gaben verpflanzte Wallonen dem Ruller fleet seinen Namen. Ruhla in Thüringen ist slavisch: rvula Grabestätte“104.

Daß Wallonen für den ON. verantwortlich seien, ist mehr als unwahrscheinlich, denn dann müßten diese auch für Rühle und noch folgende Namen verantwortlich sein. Wichtig aber ist Förstemanns Hinweis auf den thüringischen Orts- und Flußnamen Ruhla, heute Erbstrom, 1409 yn der Rula, 1584 Die Ruhla, 1587 wasser die Ruhla genannt, der ON. erscheint 1378 als Rula, villa Rula105, ein Name, der nicht slavischer Herkunft ist. H. Walther106 sieht in ihm  „vielleicht *Rudlaha, vgl. bair. rodeln, rudeln ‘rütteln, schütteln, rollen, kugeln’ oder mnd. rollen, rullen ‘rollen’ bzw. ahd. *rollôn ‘sich ungestüm bewegen’“. Ich denke, daß Ruhla nicht von Rühle und Rulle und auch nicht von Ruhr und Rhume zu trennen ist, und mit -l-Suffix zu unserer Sippe zu stellen ist.
Hinzu kommt, daß auch außerhalb des deutschen Sprachgebietes Parallelen nachgewiesen werden können. Man vergleiche:
1.) Ryla, ein rechter Nebenfluß d. Sem’ im Desna-Gebiet, dort auch der davon abgeleitete ON. Ryl’sk, in dem nach S. Rospond107, I. Duridanov108 und anderen eine -l-Bildung (Partizip) zu slavisch ryti zu sehen ist. Die slavische Deutung ist nicht so sicher, wie vielfach angenommen wird. Zum einen sind -l-Bildungen in der alten slavischen Hydronymie außerordentlich selten109, zum anderen befindet sich das Gewässer weitab vom alten slavischen Siedlungsgebiet, in dem allenfalls partizipiale
l-Bildungen begegnen110. Es dürfte nicht unbedingt verfehlt sein, in Ryla eine Vorform *Rûlã zu sehen, die mit den deutschen Flußnamen verglichen werden kann.
2.) Ganz ähnlich wird es sich mit Rila in Bulgarien verhalten. Dieser Fluß- und Gebirgsname (bulg. Rilska reka, Rila planina) ist in letzter Zeit fast immer aus dem Slavischen und wie oben bei Ryla, Rylsk behandelt erklärt worden111. Es gab jedoch auch eine andere Meinung, die A. Salambaschev112 referiert hat. D. Deèev113 und S. Mladenov114 führten Rila auf Ryla zurück und stellten sie mit -l-Suffix zu der idg. Wurzel *(s)rû-, *(s)reu-, *(s)rou-, Erweiterung der Wurzel *ser- „fließen“. Ausführlich hat sich zuletzt G. Schramm115 mit dem Namen befaßt. Seine „thrakische Alternative“ ist bei W.P. Schmid116 auf Kritik gestoßen.
Bisher ist bei der Frage der Herkunft dieses Namens nur gelegentlich auf den Flußnamen aus dem Desna-Gebiet eingegangen worden; die deutschen Namen Rühle, Rulle und Ruhla wurden überhaupt nicht herangezogen. Ich denke aber, daß der Zusammenhang - auch im Kontext mit den schon behandelten -r-, -m- und -n-Ableitungen - mit unserer Wurzel *reu-/*re??-/*r?- kaum zu bestreiten ist. Daß es auch semantisch keine Probleme gibt, zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die geographischen Verhältnisse am Fluß Rilska reka.

Man kann noch weitere Namen aus dem slavischen Siedlungsgebiet anschließen, so etwa Ryla, Flußarm der Weichsel bei Fordon, dessen Name aber von dt. Rille beeinflußt sein kann117, weiter Rylska, Zufluß zur  Rawka, dort auch ON. Rylsk, der FlN. erscheint 1564-70 zweimal als Rylska118, schließlich vielleicht auch Rulów, 9 km langer Fluß im San-Gebiet, allerdings begegnen auch Belege mit -o- als Rolow, Rolów119; somit bleiben Unsicherheiten bestehen.
Es ist - so hoffe ich - deutlich geworden, daß -l-Ableitungen zu unserer Wurzel gleichberechtigt neben -m-, -n- und -r-Suffixen stehen. Daß dabei vor allem der Osten und das deutsche Sprachgebiet Anteil haben, deckt sich gut mit bisherigen Erkenntnissen. Neben den hier genannten Ableitungen ist noch ein baltischer Name zu notieren: es ist der lit. Flußname Rûvely˜s, den A. Vanagas120 nicht recht einordnen konnte und den W.P. Schmid121 hierher gestellt hat.
In H. Krahes Aufstellung folgt auf die -l-Ableitungen das in der alteuropäischen Hydronymie häufige -nt-Formans, das jedoch vor allem im ehemals festlandkeltischen Sprachgebiet, vor allem in Süddeutschland, in Frankreich und auf der Iberischen Halbinsel, verbreitet ist.
Eine -nt-Ableitung zu der Wurzel *reu-/*re??-/*r?- müßte den Formen Avant(i)a, Durance/Drwêca, Šlavantas entsprechend etwa *Revantia, *Ravantia, *Rovantia, *Ruvantia, *Rúvontia u.ä. lauten. Geht man damit auf der Suche nach mutmaßlich verwandten Namen, so stößt man auf slavischem Gebiet auf einen Typus, der bisher ganz anders interpretiert worden ist: gemeint ist die Sippe um Reut, Revuca. Seit V. Šmilauer122 und vor allem M. Vasmer123 wird darin ein partizipialer Ansatz *Revo,t- gesehen, „da russ. v vor u lautgesetzlich schwinden kann. Dann ist er zu vergleichen mit abulg. revìti ‘brüllen’“124. Diese Meinung fand Zustimmung bei H. Krahe125, E. Dickenmann126, O.N. Trubaèev127 und anderen. Hier angeschlossen werden auch Namen wie Revun128. Im Fall des slovakischen Flußnamens Revúca scheint die deutsche Variante Rauschenbach, 1558 Rausenbach129, für die allgemein vertretene Ansicht zu sprechen.
Es ist sicher verwegen, Argumente gegen diese weit verbreitete Ansicht vorzubringen. Vom Lautlichen her ist aber die Möglichkeit, ostslavische Flußnamen wie Reut, Reutinka, Reuticha, Revuèa, Revuèij zu der Wurzel *reu- zu stellen, nicht auszuschließen. Dieses bliebe aber ganz unsicher, wenn sich nicht noch ein weiteres Argument gewinnen ließe: ich habe erhebliche Zweifel daran, Gewässer aus dem Einzugsbereich des oberen Dnjepr und im Oka-Gebiet als „brüllende, rauschende“ Flüsse zu interpretieren. Eine Verbindung mit einer Partizipialbildung zu „aufreißen, vertiefen, aushöhlen“ überzeugt mich persönlich sehr viel mehr.

Eine Entscheidung für oder wider die eine oder andere Etymologie soll hier nicht gefällt werden. Außer dem hier angesprochenen Typus Reut, Revuca habe ich keine -nt-Bildungen zu unserer Wurzel nachweisen können.
Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn man sich den -s-Bildungen zuwendet. In einer knappen Bemerkung hat W.P. Schmid bei der Untersuchung von keltisch-baltischen Namen-Entsprechungen Ruhr, Ruhme, Ruwer und andere mit dem baltischen Namen Rusa verglichen und zu der idg. Wurzel *reu- gestellt130. Jedoch scheint auch der Westen den Typus zu kennen. Ihm hat A. Greule unter dem Titel Riusiava, Riß und Reuß in den Blättern für oberdeutsche Namen-
forschung131 einen kleinen Beitrag gewidmet, in dem Gedanken weiterentwickelt wurden, die derselbe Autor in seinem Buch über die vor- und frühgermanischen Flußnamen am Ober­rhein, Heidelberg 1973, geäußert hatte. Zu nennen sind:
1.) Ein Ansatz *Rûsi/*Rûsjõ  in dem Flußnamen Reuß in der Schweiz, vor 840 Rusa, 840 Riusa usw132. Da eine Länge im Wurzel-Vokal vorliegt, ist nach A. Greule ein Anschluß an schwed. rûsa „daherstürmen, eilen“ möglich, einer Weiterentwicklung zu idg. *reu-s-, deren Schwundstufe außer in den germansichen Wörtern nur kurzes -u- zeigt (so in altind. ruºáti „ist unwirsch“, russ. ruch „Unruhe, Bewegung“ < vorslav. *rusi-). A. Greule schließt: „Es ist in Anbetracht des vorgerm. *Rusiava zu überlegen, ob nicht auch die Reuß in der Form von Rusia ursprünglich einen vorgerm. Namen hatte, dessen -u- unter dem Einfluß von alt-alemannischen Wörtern wie rûschen, brûsen usw. gedehnt wurde“133. In Greules Beitrag spielt eine wichtige Rolle auch ein Nebenfluß der Donau, die
2.) Riß < *Rusiava, 1293 Riussaiam, 1295 Russagie, Riussaigie, Russaigie, 1531 Riss134, in der als zweites Kompositionsglied -ouwa oder -au vorliegt, während im ersten Teil des Namens eine Grundform *Rusja (mit Kürze in der Wurzel-Silbe) vermutet werden darf. Die älteste Form des Namens ist auch in dem bereits bei Ptolemäus (Geographia 2,11) als FÑéïõóéáïýá überlieferten ON. verborgen. A. Greule erwägt daher neben dem Ansatz *Rusiava eine (für den ON. gültige?) Nebenform *Rusiavia135. Die weitere etymologische Beurteilung ist nach A. Greule schwierig, man könne ihn nur schwer vom Namen der (oben genannten) Reuß in der Schweiz (vor 840 Rusa, 840 Riusa usw.) trennen.

Meines Wissens sind damit die Belege Westeuropas bereits erschöpft. A. Greule hat auch keine weiteren Parallelen genannt. In einer kurzen Mitteilung hatte ich selbst L. Reichardt osteuropäisches Material namhaft machen können136, das im folgenden ergänzt und ausführlicher behandelt werden soll. Es sind heranzuziehen:
1.) Ros’, rechter Zufluß z. Dnjepr, altruss. Rúsú, nach M. Vasmer137 „wohl verwandt mit rúslo. Vgl. auch Órša, lit. Rùsnç ,Arm des Memels’, rusç´ti ,langsam fließen’“138. Als Grundform ist wohl - wie der altrussische Beleg zeigt - *Rus-os anzusetzen. Hierzu stelle ich auch (gegen Vasmer)
2.) Rus’, auch Russa, Fluß bei Staraja Russa (schon 1167 erwähnt; 1264 Rusa), mit dem Landschaftsnamen Porus’e und Fluß Porus’a (ein Nebenfluß des Polist’), nach M. Vasmer139
„wohl etymologisch identisch mit Rus´“, er sieht in diesem Namen somit einen Hinweis auf Wikingerspuren. Ich bin weit davon entfernt, diese Spuren nicht zu akzeptieren, glaube aber nicht, daß sie in Namen größerer Gewässer aufzufinden sind. Daher kann ich auch M. Vasmer nicht folgen, wenn er140
3.) den Namen des bedeutenden Flusses Rusa, ein Zufluß d. Sem’, im Gouv. Kursk mit den Wikingern in Verbindung bringt. Eine Bemerkung Vasmers selbst läßt Zweifel daran aufkommen. Bei der Diskussion des Namens Nerusa sagt er141: „Gehört zum FlN Rusa (G. Èernigov) und ruslo ,Strömung’“. Damit wird eine Verbindung mit dem Namen Rus’ unmöglich. Diese Zweifel verstärken sich, wenn man weiterhin berücksichtigt:
4.) Rusa, FlN. in der Gegend von Režica, Gouv. Vitebsk, 1599 po Rus¹142. Ferner ist wichtig der Ansatz
5.) *Rusºã  in den Gewässernamen Orša, mehrfach in Rußland, darunter ein linker Nebenfluß der Wolga im Gouv. Tver’143. M. Vasmers Meinung144, es seien „jedenfalls echt-slav[ische]“ Bildungen, kann man schwerlich teilen. Allein die lautliche Entwicklung zeigt deutlich ostslavischen Einfluß; die Etymologie ist davon nicht berührt. Man vergleiche den schon genannten Donauzufluß Riß < *Rusiava, in dem ebenfalls eine Grundform *Rusja vermutet wird.
Problematisch in ihrer Zugehörigkeit sind zugegebenermaßen Siedlungsnamen wie Rusa, Russa, z.B. in den Gouv. Pskov und Petersburg. Diese wird man kaum von der Völkerbezeichnung Rus’ trennen dürfen. Bei Gewässernamen sehe ich dagegen größere Probleme, zudem auch baltisches Material heranzuziehen ist.

Allerdings taucht in diesem Sprachbereich ein neues Problem auf: Namen mit kurzem Wurzel-Vokal werden eher zu lit. rusçti, rusnóti „langsam fließen; ruhig, gemächlich dahinfließen, rieseln“ gehören, wozu auch von einigen Forschern russ. ruslo „Strömung, Strombett“ gestellt wird; bei Länge wird die Sippe um lit. rûsy˜s „Grube“ usw. vorzuziehen sein. Ob man etymologisch eine Verbindung beider vornehmen sollte, bleibt unklar. An Namen lassen sich anführen:
1. ) †*Russa, Fluß bei Braniewo, 1284 Russa, den Gerullis 147 noch zu lit. rusç´                             ti, rusnóti „langsam fließen“ stellte, I. Duridanov145 mit thrakischem Ortsnamenmaterial verband (s.u.), und schließlich W.P. Schmid146 als -s-Erweiterung zu unserer Wurzel *reu?                                           - auffaßte. Hier angeschlossen werden kann vielleicht auch
2.) Russe, ein 1350 erwähnter Sumpf in Galindien147.
3.) †*Rusele, 1304 erwähnter Bach bei Drewsdorf nahe Braunsberg, den G. Gerullis 146 in einem Zusammenhang mit Rauschen bei Fischhausen, 1258 Ruse-moter, 1458 Rawschen, Rawssche nennt und zu lit. rûsy˜                                 s, lett. rûsa „Grube“ stellt. Ihm ist I. Duridanov148gefolgt. Wegen der unsicheren Quantität des -u- ist M. Biolik149 bei de Beurteilung etwas zurückhaltender.
4.) Recht sicher hinzuzuziehen ist der lit. FlN. Ruvesy˜                                 s150. Schließlich können noch genannt werden
5.) Rusow, 1331/35 erwähnter Fluß an der preuß.-masow. Grenze, Suff. -õv- oder -av-151.
6.) Rùsnç,  rechter Arm der Memel, 1540 dy Roesse; alte Rùsse152.

Ein Zusamenhang darf schließlich vielleicht auch angenommen werden mit dem ON. dak. Rusidava, am Olt (Tab. Peut.), dem thrak. Fñïýóéïí  sowie dem dakischen Siedlungsnamen *Ñõóéïí, die I. Duridanov, Thrak.-dakische Studien 60 mit zahlreichen der oben genannten balt. Namen verbunden hat. Er bemerkt allerdings dazu: „Da bei [diesen] Namen nicht klarsteht, ob das -u- kurz oder lang ist, kann nicht mit Sicherheit entschieden werden, zu welcher von den genannten Wortsippen sie gehören“.
Eher slavischen Ursprungs können Rusava und Rusawa sein. Der erste ist ein Nebenfluß des Dnjestr, 1459 nadú rekoju Rusavoju, v Rusavu153, der zweite ein linker Nebenfluß des San, heute Ró¿owy Potok, 1369 (A. 1532) Russzava154, man beachte russ. rúsyj „dunkelblond, hellbraun“; gerade -ava tritt gern an Farbbezeichnungen an.
Die zuletzt angeführten etwas fraglichen Namen können jedoch den Eindruck verdrängen, daß -s-Ableitungen zu der idg. Wurzel *reu- belegt werden und neben *Ruma, *Rura, *Runa, *Rula gestellt werden können.
In H. Krahes Liste folgen -st-Bildungen. Diese sind in der alteuropäischen Hydronymie nicht so häufig wie andere Formantien anzutreffen und sind vor allem im slavischen und baltischen Bereich zu Haus155. Ableitungen von unserer Wurzel müßten etwa *Revasta, *Revista, *Revosta, *Ravasta, *Revasta o.ä. lauten. Trotz intensiver Suche ist es mir nicht geglückt, einen sicheren Vertreter zu entdecken. Diese Spalte in H. Krahes Schema bleibt somit vorerst leer.
Gleiches gilt für das -k-Suffix. Auch in diesem Fall blieb die Suche nach sicheren Fällen ohne Erfolg.

Ein etwas anderes Bild läßt sich unter Umständen bei der stimmhaften Variante des Gutturalsuffixes, bei den Bildungen mit -g-, gewinnen. In H. Krahes Schema taucht dieses Formans nicht auf, was vor allem daran liegen mag, daß es eher im Osten Europas verbreitet ist. Es hat aber den Anschein, als könne man ein Rekonstrukt *Ru-g-a einschließlich einiger Erweiterungen aus den Gewässernamen gewinnen.
Hierher kann gehören
1.) ein Ansatz *Rugia, den G.R. Solta in der Rezension einer Untersuchung von A. Schmid156 anläßlich des Flußnamens Rasilz als romanisches Appellativum *rugia „Wasserlauf“ diskutiert. Dabei wird darauf verwiesen, daß das Rätoromanische dieses in der Toponomastik kenne, nicht aber als Appellativum, das seinerseits in der Bedeutung „Wassergraben, Kanal“ auch im Katalanischen, in den Zentral- und Ostalpen und in Dalmatien belegt werden könne. Solta fährt fort: „Ob wir es mit einem idg. oder nicht-idg. Element zu tun haben, ist schwer zu sagen. Hubschmid ... meint, daß es kaum gallisch sein könne. M.E. kommen wir in vorkeltische Schichten“157. Ich denke, daß eine Entscheidung in dieser schwierigen Frage erst dann gefällt werden kann, wenn das in diesem Beitrag zusammengestellte Material, das nachhaltig für den Ansatz einer idg. Wurzel *reu- und deren Nachweis in der Hydronymie spricht, berücksichtigt wird. Ein Appellativum *rugia „Wasserlauf“ paßt jedenfalls bestens in den hier gesteckten Rahmen.

Es gibt jedoch noch weitere Hinweise auf das Vorkommen eines Konstrukts *Rug(i)a in der Hydronymie. So ist für O.N. Trubaèev158der FlN. Ruga im Pripjet’-Gebiet unklar. Sein benachbarter Verwandter Ružanica159 zeigt, daß von einem bedeutenderen Gewässer auszugehen ist und führt zugleich zu der Frage, ob hier nicht auch litauische FlNN. wie Rùg-upis, Rugìne und andere160 angeschlossen werden können. Und schließlich bleibt man bei diesem Ansatz fast automatisch bei dem Namen der Insel Rügen hängen, den zuletzt D. Berger161 behandelt hat. Ich bin weit davon entfernt, diesen Namen hier sofort anzuschließen (wie wäre z.B. der Inselname mit einer Wurzel zu verbinden, die letztlich auf „vertiefen, aufreißen, aushöhlen“ weist?), aber rein lautlich gibt es offenbar keine Probleme bei diesem Vergleich. Diese knappen Bemerkungen sollten auch nur als erster Hinweis auf die Möglichkeit einer -g-Ableitung zu unserer Wurzel verstanden werden. Der Flußname aus dem Pripjet’-Gebiet und das Alpenwort *rugia sind allerdings Punkte, die man zukünftig berücksichtigen sollte.
Damit komme ich zum letzten Formans der Kraheschen Auflistung, dem Suffix -t-. In Kürze hatte ich bei meinem ersten Versuch über diese Namen162 bemerkt, daß dieses Suffix neben Rhume und Rumia treten könne und auf den FlN. Ryta im Gebiet des Westlichen Bug verwiesen. Inzwischen steht die 10. Lieferung der Hydronymia Europaea
von E. Bilut vor dem Erscheinen, in der der FlN. Ryta als linker Nebenfluß des Muchavec mit den Belegen 1566 Za rekoju Ritoju; po stavú i reku Rituju usw. erscheint und wo bereits die Möglichkeit angedeutet wird, daß der Name in das Netz der alteuropäischen Hydronymie eingefügt werden kann. Noch nicht erwähnt wird bei E. Bilut, daß auch das deutsche Sprachgebiet Namen kennt, die hier angeschlossen werden können. Es sind:
1.) Ruthe, Nebenfluß der Lenne bei Eschershausen (Kreis Holzminden), 1745/46 Die Ruthe163.
2.) Rute, rechter Zufluß der Weser, 1410 vp dusse sijden ... der ruten164.
3.) Rutherbach, rechter Nebenfluß der Ruhr mit ON. Ruthermühle, Ruthenhof, FlN. 14. Jh. ... der Ruten, iuxta Rùte. D. Schmidt 95f. vergleicht diesen Namen mit den beiden obigen und vermerkt weiter: „Da alle diese Gew. auf ndt. Gebiet fließen und auch in mnd. Zeit belegt sind, ist für den Stammauslaut von ndt. = germ. -t auszugehen, eine ursprüngliche Länge -û- des Wz.-Vokals ist zwar wahrscheinlich, aufgrund der Belege jedoch nicht mit Sicherheit nachzuweisen ... Ohne weiteres, eindeutiger überliefertes Vergleichsmaterial sind zu diesen, bisher nur in ndt. Raum nachgewiesenen N. keine näheren Aussagen zu Bildung, Herkunft und Alter zu machen“. Wir hatten schon gesehen, daß mit der Ryta eine weitere Parallele weit außerhalb des niederdeutschen Sprachgebiets gewonnen werden kann. Man sollte aber aus Niedersachsen auch noch berücksichtigen:
4.) Ruthe, Ort bei Hildesheim „in der durch den Zusammenfluß von Innerste und Leine gebildeten Flußgabel; um 900 Rothun, 1193 (de) Ruthen, 13. Jahrhundert Rutha“, nach D. Rosenthal165, von dem auch die Belege stammen, „wohl zu mnd. rûde, rûte ,viereckige Fläche’“. Das überzeugt nicht; ein Vergleich mit den schon genannten Namen aus dem Weser-Gebiet bietet sich m.E. eher an.

Hinzu kommen noch weitere, interessante Parallelen. Eine ist in England zu finden. Bei der Diskussion des Flußnamens Roden in Shropshire, der im 4. Jahrhundert als Rutunio überliefert ist, schlägt E. Ekwall166 eine Ableitung von einem Ansatz *Rutunã  vor, der mit unserer Wurzel *reu- zu verbinden sei. Diese Deutung ist für einen Flußnamen sicher recht fundiert. Damit würden wir einen weiteren, sicher alteuropäischen Namen finden.
Wir können uns aber nochmals dem Osten zuwenden. In einer ukrainischen Untersuchung findet sich die beste und umfassendste Zusammenstellung der zu einem Ansatz Rut- zu stellenden Namen. Es handelt sich um die Untersuchung von I.M. Železnjak über die Rus’ und ethnolinguistische Prozesse westlich des mittleren Dnjepr167. In ihr werden (S. 114ff.) nacheinander angeführt:
1.) Protoka, Nebenfluß d. Ros’, seit ältester Überlieferung aber nur bezeugt als Ruta, Rutú u.ä.;
2.) Ruta, Gewässername bei Luck (Ukraine);
3.) Rutec, Ruta, Gewässernamen im Dnjepr-Gebiet;
4.) Rutupis u.a., Gewässernamen aus Litauen168;
5.) Rutovi, Rut, Ruta, Gewässernamen in Slovenien und Serbien;
6.) Roden in England (s.o.),
7.) Richborough in England, alt Rutupiae u.ä.169;
8) Roya in Ligurien, alt Rutuba
und anderes mehr. Genannt werden auch die bei D. Schmidt erwähnten und oben behandelten Namen Rut(h)e.

Dieser ukrainische Beitrag zeigt recht deutlich, wie weitgespannt das Netz der alten Hydronymie gespannt ist und daß für eine einzelsprachliche Erklärung kaum Raum ist. Hier können auch die von I.M. Železnjak nicht erwähnten Namen, so auch Ryta, angeschlossen werden. Weiterhin ist deutlich geworden, daß es kaum Zweifel daran geben kann, die hier zusammengestellten Flußnamen als -t-Ableitungen unserer Wurzel aufzufassen und damit neben Rhume, Rumia, Runa, Ruhr, Rurzyca, Rühle, Rila, Reuß, Riß, Ros’ und Ruga zu stellen. Greift man H. Krahes Schema auf und wendet es auf die hier behandelte Wurzel an, so ergibt sich etwa folgendes Bild:

Ableitungen zu der Wz. *reu-/*re-/*r-

-a

(-o-)

-ia

(-io-)

-ma-

(-mo-)

-na

(-no-)

-ra

(-ro-)

-la

(-lo-)

-nta


-s(i)a,

-s(i)o-

-g(i)a

-ta,

-to-











rovú, rãvas,

riava


reja(?)


runa (medi-terran?)





*rugia

(roman.)


Rawa,

Rãvas

Ruja, Rujas

Rhume, Rumia

Runa, Rauna,

Ruhr, Roer, Rulle, Rurzy-ca u.a.

Rühle, Rulle, Ryla, Rila

Reut, Revu-

ca (?)

Reuß, Riß, Ros’, Rusa u.a.

Ruga,

Rügen (?)

Rut(h)e, Ryta, Rutú u.a.

 

Vergleicht man dieses mit dem eingangs vorgelegten Schema von H. Krahe, so zeigt sich meines Erachtens, daß es kaum einen Zweifel daran geben kann, daß H. Krahes System der alteuropäischen Hydronymie auch bei der hier diskutierten Wurzel allen Zweifeln zum Trotz Bestand hat. Erklärungsmöglichkeiten aus einem  meditarranen oder finno-ugrischen Substrat können gegenüber dem hier vorgestellten Matieral kaum überzeugen.
Dieser Beitrag hat aber auch zu zeigen versucht, wie wichtig die Berücksichtigung osteuropäischen Materials für Westeuropa ist; allerdings gilt auch die Umkehrung dieses Satzes.