Rezension zum gesamtslavischen Sprachatlas

Die 1958 initiierte Arbeit an dem Gesamtslavischen Sprachatlas (russ. Obšèesla-vjanskij lingvistièeskij atlas; im folgenden: OLA) wird durch den anzuzei¬genden Band fortgeführt. Er enthält eine Reihe von wichtigen Beiträgen, die im folgenden zumeist nur genannt und nur zum geringsten Teil kommentiert werden können. - L.E. Kalnyn' und T.I. Vendina berichten in ihrem Beitrag „Opyt obobšèajušèich fonetièeskich kart v OLA“ (S. 3-22) aus der Arbeit an phonetischen Karten des Atlasses. Es geht dabei unter anderem um die Weiterentwicklung der slavischen Pho-neme  *` und *Ä in den slavischen Dialekten. Zwei instruktive Kar¬ten (im Anhang) geben einen guten Überblick über die entstandenen Reflexe. - Mit den Wendun-gen idet doºd', idet sneg „es regnet, es schneit“ und anderen ostsla¬vischen Eigentümlichkeiten beschäftigt sich I.B. Kuz'mina, O nekotorych sin¬takti_eskich javlenijach vosto_noslavjanskich jazykov (po materialam OLA) (S. 23-29). Auch in diesem Fall unterstützen vier Verbreitungskarten die Ausführungen. - Slavische Bezeichnungen für den Ziegenbock untersucht A. GabovÓtjak [HabovÓtiak], Leksemy cap i kozol v slavjanskich jazykach (S. 29-40). - Mit -k- ge¬bildete ostslavische Suffixe wie -k(a), -ik, -nik, ak(a), -ec, -(i)c(a) und andere stellt T.I. Bendina in dem Beitrag „Slovoobrazovatel'nye osobennosti vosto_no-slavjanskich jazykov (v sravnenii s drugimi slavjanskimi jazykami)“ (S. 41-67) west- und südslavischem Material gegenüber. - Die sprachlichen Besonder¬heiten und Übereinstimmungen zwischen slavischen Dialekten der Karpaten und des Balkans sind das besondere Anliegen von G.P. Klepikova, dem sie sich auch in ihrem Beitrag des Sammelbandes widmet: K probleme vzaimootnoÓenij jazykov central'noj i periferijnoj zon balkano-karpatskogo areala (S. 68-99).

Nur am Rand sei erwähnt, daß entsprechende Beobachtungen auch aus dem Namenschatz des betreffenden Gebiets beigebracht werden können (vgl. Rezensent, Udolph, Stu¬dien zu slavischen Gewässernamen und Gewässerbezeichnungen, Heidelberg 1979, S. 396-429 mit Auswertung S. 628-631). - Die hydronymische Ergänzung vermisse ich auch in den Bemerkungen von S. UteÓeny [UtÄÓen_], Semanti_eskie arealy dvuch iskonnych gidronimi_eskich nazvanija strouha i stoka v ¼echii (S. 99-108), wo es um Bezeichnungen für „Wasserlauf, Bach, Zusammenfluß“ geht (vgl. Rezensent, op.cit., S. 268ff.). - Fragen der Bedeutungsvarianten in slavischen Dia¬lekten werden anhand von ljada „Rodeland“, ljadina „Wald“, auch „Sumpf, Sumpf¬wald“, verwandt mit dt. Land, sowie russ. ºito „Getreide jeder Art“ (mit Karte im Anhang) bei O.N. Morachovskaja, K voprosu o semanti_eskich dialektnych razli_ijach (S. 109-118) behandelt. - Altrussische Gefäßbezeichnungen wie bljudo, kad', opany stehen im Zentrum des gut dokumentierten Beitrages von G.N. Lu¬kina, O nazvanijach sosudov v jazyke pamjatnikov drevnerusskoj pis'mennosti XI-XIV vv. (S. 118-135). - Eine besondere Variante des Akanje liegt in einigen Dia¬lekten des Gebietes von Kostroma vor, der sich V.N. Teplova, O zaudarnom voka¬lizme posle tverdych soglasnych v akajuÓ_ich govorach kostromskoj oblasti (S. 136-151) zuwendet. - Die Dispalatalisierung der Sibilanten im Süosten der Ukraine behandelt A.N. Zalesskij, Specifika dispalatalizacii ÓipjaÓ_ich v jugo-vosto_nom nare_ii ukrainskogo jazyka (S. 152-176). - Vor allem Fragen der mit unterschiedli¬chen Suffixen gebildeten Substantiva untersucht Ju.S. Azarch, Morphologi_eskie varianty proizvodnych suÓ_estvitel'nych v russkich govorach (S. 177-198) vornehm¬lich in russischen Dialekten. - Eine knappe Bemerkung zur Geschichte der mit den Suffixen -u_-, a_- gebildeten Adjektive im Russischen steuert N.P. Zverkovskaja, K istorii prilagatel'nych s suf. -u_-, a_- v russkom jazyke (na materiale pis'mennych pamjatnikov XI-XVII vv.) (S. 198-201) unter Berücksichtigung historischen Mate¬rials bei. - Komposita mit der Bedeutung „Lügner“ stellt O.V. Vidova, O nekoto¬rych modeljach slov so sloºnoj osnovoj v russkich govorach (na materiale obrazo¬vanija slov s obÓ_im zna_eniem 'lgun') (S. 202-217) aus russischen Dialekten zu¬sammen. - Einen Beitrag zur Geschichte des Duals im Russischen liefert M.V. µul'ga, K istorii grammati_eskogo vyraºenija zna_enija parnosti v russkom jazyke (S. 218-247), ähnlich strukturiert ist die Untersuchung von S.I. Iordanidi zu den Pluralformen einiger Substantive im Russischen (Formy imenitel'nogo mnoºestvennogo suÓ_estvitel'nach tipa goroºaninin  , roditel', mytar' v istorii russkogo jazyka, S. 247-265). - Etymologisch ausgerichtet sind die folgenden Bei¬träge. R.M. Kozlova, Praslav. *(s)korak  , *(s)koraka i ich refleksy v slavjanskich jazykach (S. 265-272) untersucht slavische Reflexe der idg. Wurzel *(s)ker- „drehen, wenden, biegen“, wozu unter anderem altrussisch karjaka, korjaka „auf allen vieren gehender Mann“, ukrainisch (dial.) karaky „Stelle, an der sich ein Baumstamm teilt“ gehören.

In diesem Zusammenhang werden auch Personen- und Ortsnamen, die von den entsprechenden Appellativa abgeleitet sind, herangezo¬gen. - Westslavische Wörter stehen im Mittelpunkt der etymologischen Bemühun¬gen von ª.ª. Varbot, ¼eÓskie etimologii (mlovina, povlovn_, pasáry, papuºiti) (S. 272-281). Es geht um _echisch mlovina „Stab, Stange“ (die bisher angenommene Verbindung mit *mel(v)- wird abgelehnt und zusammen mit _ech. vlov „Stab, Stange“ an Herkunft von *uel(  )- gedacht), povlovn_ „leicht abfallend, sanft, weich“ (das ebenfalls zu dieser Wurzel gestellt wird), pasáry „Geschrei, Lärm“ (zu russisch ssora „Verfeindung, Verstimmung“) und papuºiti „mit Pflanzen überziehen, bedec¬ken“ (zu russisch dial. puºina „im Wuchs begriffender Hanf“). - Die etymologischen Bemerkungen (Etimologi_eskie zametki, S. 281-285) von L.V. Kurkina betreffen südslavisch *kruliti „verstümmeln“, das als urslavischer Reflex angesehen wird, und *tuskati/*tyskati „trauern, beunruhigt sein“, das zu russisch toÓ_ij „hager, mager, leer“ gestellt wird. - Russisches mundartliches Material ist der Ausgangspunkt für die etymologischen Anmerkungen von V.E. Orel (Etimologi_eskie zametki po russkoj leksike, S. 286-292).

Es geht um kaslo „Kugel, mit Kugeln oder einem Ball spielen“ (herzuleiten aus *kat-slo), votra „leeres Stroh nach dem Dreschen, leere Ähre, Späne“ (Ablautvariante zu russisch-kirchenslavisch v tr , votr  „Schmied“) und verlioka „sagenhaftes einäugiges Wesen“ (zu einer anmzusetzenden slavischen Wendung *v rliti oko). - Den Schluß der Beiträge bildet die Untersuchung von S.M. Tolstaja, O novych napravlenijach v belorusskoj dialektnoj leksikografii (S. 292-314), in dem ein wichtiger Abriß über die Entwicklung der weißrussischen Dialektlexikographie samt Bibliographie (einschließlich eines geographischen Re¬gisters) geboten wird. (S. 310-314). - Zwei Rezensionen über den Fragenkatalog des Gesamtslavischen Sprachatlasse (ObÓ_ekarpatskij dialektologi_eskij atlas. Vo¬prosnik, Moskva 1981) durch L. Kalnyn' (S. 315-317) und die ersten beiden Bände des Wörterbuchs der Smolensker Dialekte (Slovar' smolenskich govorov, Bd. 1-2, Smolensk 1974-1980) von V.A. Merkulova (S. 317-318) beschließen den interes¬santen Band, der vor allem dem Slavisten wichtiges Material zur Dialektologie, Sprachgeschichte und auch Onomastik bietet.