Rezension zu Z. Gołąb: The Origins of the Slavs. A Linguistic’s View

Das dem Andenken des polnischen Sprachwissenschaftlers Tadeusz Lehr-Sp³awiñski gewidmete Buch hat die Frage nach der Herkunft der Slaven, der zahlenmäßig reichsten Völkergruppe Europas, aus linguistischer Sicht zum Thema. Schon in der Einleitung (S. 7) wird die Annahme einer ras-sischen oder kulturellen Einheit der heutigen Slaven negiert. In der Konse-quenz bleibt letztlich die Sprache als bindendes Glied.

Die Arbeit besteht aus sieben Kapiteln, einem Anmerkungsteil (S. 420-438) und einer Bibliographie (S. 439-454).

In einer Einleitung (S. 7-34) geht es um zunächst um Fragen wie Ethnos (einschließlich der Etymologie des griechischen Wortes ièíïò) und Ethnizi-tät. Als wichtigste Komponenten werden dabei die Sprache und geistige Kul-tur angesehen. Die auch heute noch spürbare enge Verwandtschaft der slavi-schen Sprachen wird mit einigen Beispielen demonstriert. Es schließt sich ein knapper Überblick über die heutigen slavischen Sprachen und Staaten an. Der letzte Teil des ersten Kapitels ist Grundfragen und den Arbeitsweisen der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft als der wichtigsten Disziplin für die anzugehenden Fragen gewidmet.

Der zweite Teil des Buches behandelt das Slavische (Proto-Slavische) innerhalb der idg. Sprachfamilie (S. 35-75). Bekannte Modelle wie das des Stammbaums und der Welle, Milewskis Vorschlag und Kury³owiczs Gedan-ken werden angesprochen. Mehr Aufmerksamkeit wird den baltisch-sla-visch-germanischen Gemeinsamkeiten und der heftig umstrittenen Frage einer balto-slavischen Zwischenstufe gewidmet. Vermißt habe ich dabei die Berücksichtigung der kritischen Stellungnahme von W.P. Schmid im Real-lexikon der Germanischen Altertumskunde s.v. Baltoslawische Sprachein-heit. Der Autor hält die Übereinstimmungen zwischen beiden Sprachgrup-pen für belastbar. Er steht damit im Widerspruch zu den Aussagen der Hy-dronymie: wenn es wirklich eine länger andauernde Phase gemeinsamer Entwicklung gegeben hätte, müßte diese dort ihren Niederschlag gefunden haben. Doch weder die Aufarbeitung der einzelsprachlichen slavischen und baltischen Gewässernamen, noch die Untersuchung der vorslavischen Schicht in Polen hat bisher einen sicheren Hinweis auf eine balto-slavische Zwischenstufe erbracht. Kann man darüber kommentarlos hinweg gehen?

Unberücksichtigt bleibt die Onomastik auch im Fall des Germanischen (S. 58ff.). An das bekannte Zitat von S. Feist, wonach ein Drittel des ger-manischen Wortschatzes nicht etymologisierbar und mit einem Substrat zu rechnen sei, schließt Go³¹b die Bemerkung an: „In my opinion the non- or pre-IE substratum in Germanic could be the megalithic culture of the North Sea (i.e., its people!)“ (S. 60). Neuere onomastische Untersuchungen zei-gen, daß der Nachweis eines voridg. Substrates im Altsiedelgebiet des Ger-manischen bisher aussteht. Ebenso wird vom Autor der finno-ugrische Ein-fluß auf das Baltische überschätzt. Auch hier zeigt die Toponymie ein ganz anderes Bild.

Das zweite Kapitel beschließt eine Zusammenstellung slavischer und iranischer (vor allem nordiranischer) Gemeinsamkeiten, die ausreichen sollen, das Slavische zwischen Baltisch und Iranisch zu legen, „probably not only linguistically, but also geographically“ (S. 75).

Kapitel III hat die Schichtung (stratification) des „proto-slavischen“ Wortschatzes zum Inhalt (S. 76-186). Zunächst werden die mutmaßlichen „Kentum-Elemente“ im Slavischen (S. 79-86) aufgelistet. Sie werden zum Anlaß genommen, bei der Herausbildung des Slavischen mit zwei ethni-schen Gruppen zu rechnen, wobei der Satem-Einfluß („moving from the east?“) als Superstrat einem Kentum-Substrat gegenüber gestellt wird. Des weiteren wird versucht, die Kentum-Elemente in chronologisch differie-rende Schichten einzuteilen. Geht man hingegen von einer wellenartig aus dem Osten vordringenden Satemisierung aus, die ja auch das Baltische um-faßt hat, so lösen sich die Probleme ganz anders  und - wie ich meine - ein-facher auf. Auch Annahmen wie die, daß die späte Tripolje-Kultur der west-lichen Ukraine „was a kentum substratum absorbed by the satem ancestors of the Slavs“ sind dann unnötig.

Einen weiteren Abschnitt bildet die Frage der Beziehungen zwischen dem „Balto-Slavischen“ und Arischen. Listen von Wortentsprechungen (S. 93-107) werden als Beweis für enge Nachbarschaft zwischen diesen Sprach-gruppen herangezogen. Es schließt sich die Diskussion der Kontakte zum Italischen und Keltischen, vor allem mit Martynovs Arbeiten, an (S. 110ff.). Von Bedeutung ist m.E. vor allem die Diskussion der Gemeinsamkeiten zwischen dem Baltischen, Slavischen und Germanischen (S. 127-140), an die sich germanisch-slavische (S. 140ff.) und slavisch-baltische (S. 157ff.) anschließen.

Das Ergebnis der Wortschatzuntersuchungen für die Schichtung des sla-vischen Wortschatzes bietet Go³¹b in einem Diagramm (S. 173). Ein altes Satem-Gebiet wurde von älteren und jüngeren Kentum-Elementen überla-gert, balto-slavisch-iranische Spuren sind vor slavisch-iranischen zu erken-nen, etwas jünger sind wohl „nordwestidg.“ [(balto)-slav.-germ.-kelt.-ital.] Spuren, die überlagert wurden von balt.-slav.-germ. Elementen. Die letzten Schichten entstammen einer slav.-germ. Periode (auf „venetischem“ Sub-strat?), bevor ein großer Anteil balt.-slav. Neuerungen erkennbar wird. Den Abschluß bilden urslav. Innovationen.

Eine Verbreitungskarte (S. 186) veranschaulicht die Diskussion. Die Lo-kalisierungen verschiedener idg. Dialekte sind äußerst strittig, wenn nicht völlig unannehmbar: „Pre-Germanic“ am oberen Dnjepr, „Pre-Italo-Celtic“ am Südlichen Bug, „Pre-Slavic“ im Gebiet des oberen Don u.a.m.

Das vierte Kapitel ist dem Problem der idg. Urheimat gewidmet (S. 188). Das mutmaßliche Aussehen des in Frage kommenden Gebietes, seine geogra-phischen Verhältnisse, Klima, Flora, Fauna werden anhand des Wortschatzes umrissen. Daneben werden Wörter aus der landwirtschaftlichen Terminologie herangezogen. Buche und Lachs fehlen natürlich nicht.

Da Go³¹b sich aber dessen wohl bewußt ist, daß die Auflistung des Wortschatzes nicht ausreicht, um zu einer Lokalisierung zu gelangen, be-zieht er die Toponymie in seine Überlegungen ein. Die wichtigsten Zeugen sieht er mit H. Krahe und W.P. Schmid in den Gewässernamen. Von beson-derer Bedeutung ist für Go³¹b die Beobachtung von Schmid, daß sich die alteuropäische Hydronymie südlich des Pripjet’ nicht nachweisen lasse. Dort aber habe man die slavische Urheimat immer gesucht. Zur weiteren Diskus-sion wird auf das nächste Kapitel (s.u.) verwiesen. Zuvor werden die Namen der größten Flüsse zwischen Rhein und Wolga angesprochen. Die dabei vor-geschlagene Etymologie der Oder aus *O-dür-a ist unannehmbar.

Die für den Namenforscher vielleicht wichtigsten Passagen stehen im An-schluß daran (S. 225f.): hier wird der alteuropäischen Hydronymie attestiert, daß die Namen im allgemeinen keiner idg. Einzelsprache oder einer Sprach-gemeinschaft zugeordnet werden können. Ihr hohes Alter sei außer jedem Zweifel. Am idg. Charakter der Namengebung zwischen - grob gesprochen - Wolga und Rhein bzw. den Gebieten am Mittelmeer und Skandinavien sei nicht zu zweifeln. Neu ist dagegen Go³¹bs Versuch, mit Hilfe der Hydrony-mie die Richtung der idg. Expansion zu ermitteln. Er sucht dabei Hilfe in der Schichtung der alteuropäischen Hydronymie, die in verschiedenen Ge-bieten Europas differiere. So sei die Dichte (density) im Osten höher als im Westen, denn im Dnjepr-Gebiet könne man konstatieren: indogermanische (= alteuropäische), baltische, slavische und indo-iranische Namen hätten einander abgelöst, während im Westen nur zwei Schichten auszumachen seien, nämlich eine idg.-alteuropäische und eine keltische. Im slavischen Gebiet könne die dichteste Schichtung ermittelt werden, „namely: ‘old-European’ or general Indo-European, Baltic, ‘Illyrian’ or Thracian, Slavic, Iranian“ (S. 226). Daraus sei der Schluß zu ziehen: „Such a stratification of IE hydronyms can be interpreted only as evidence for gradual migrations of different IE ethno-linguistic groups from the east westward, ...“ (ebda.). Als weiterer Beweis werden mutmaßliche idg.-finno-ugrische Kontakte (zu-meist basierend auf dem Material von A.J. Joki) vorgeführt (S. 226-234).

Vergleicht man damit die Beziehungen idg. Sprachen mit dem Baskischen (S. 235), die nur auf bereits einzelsprachlicher Basis erklärt werden können, so kann die idg. Heimat nicht in Zentraleuropa sondern nur im Osten, in der Ukraine und Südrußland gesucht werden. Gerade hier aber vermutet man auch die Heimat des Slavischen  (Kapitel 5, S. 236-309). Go³¹b versucht eine Eingrenzung des ehemals slavischen Gebietes mit Hilfe der Hydrony-mie, der Baumbezeichnungen und der Ethnonymie zu erreichen. In dem breit angelegten Versuch werden u.a. Namen wie Wolhynien, Dunaj, Dnjepr, Dnjestr untersucht, die von Toporov und Trubaèev als baltisch er-klärten Gewässernamen südlich des Pripjet’ werden ebenso diskutiert wie die Namen der Beskiden, von Wis³a/Weichsel, Warta/Warthe, Bug, San, das Problem der Namen der Veneter wie auch Íåõñïß und Âïõäsíïé, das der slavischen Bezeichung der Buche, der Slavennamen selbst und vieles andere mehr (Zusammenfassung: S. 297ff.).

Eine detaillierte Kritik ist im Rahmen dieser Besprechung leider nicht möglich. Ich kann nur ganz allgemein darauf verweisen, daß die Bearbeitung der osteuropäischen Hydronymie in den letzten Jahren zu zahlreichen der von Go³¹b behandelten Namen neue Erkenntnisse erbracht hat (so etwa durch die genauere Prüfung der polnischen Gewässernamen), die nicht wenige Schlußfolgerungen des Autors nicht stützen. So läßt sich auch die These, das Slavische habe sich im Flußgebiet des oberen Don entwickelt (S. 300ff.) in keiner Weise durch die Hydronymie stützen. Die Aufarbeitung der Hy-dronymie nicht nur Osteuropas hat in den letzten Jahren so große Fort-schritte gemacht (erinnert sei nur an die Hydronymia Europaea mit jetzt schon zehn Bänden), daß die Arbeitsbasis Go³¹bs als nicht mehr aktuell bezeichnet werden muß.

Das 6. Kapitel ist den Beziehungen der Slaven mit ihren Nachbarn ge-widmet (S. 310-414). Es geht dabei um vorhistorische slavisch-iranische Kontakte (u.a. um das Problem des anlautenden ch- im Slavischen, um den Namen der Kroaten, den Götternamen Svarogú), um alte slavisch-germa-nische Berührungen (diskutiert werden z.B. der Name der Beskiden/ Bieszczady, der des Pe³tew/Poltva sowie die germanischen Lehnwörter im Slavischen [S. 362ff.]) und um slavisch-altaische Kontakte.

Das Schlußkapitel (S. 415-419) faßt die Ergebnisse der Untersuchung, die ich im wesentlichen schon skizziert habe, nochmals zusammen. Sie finden sich zum größten Teil auch in einer neueren Zusammenfassung des Autors wieder: Lehr-Sp³awiñski  redivivus versusque. Pochodzenie i praojczyzna S³owiañ w slawistyce ostatnich lat czterdziestu, Rocznik Slawistyczny 47(1991)3-40.

Das zweifellos wichtige Buch besitzt leider eine Reihe von Schwächen, die den Wert doch nicht unwesentlich mindern. Das ist umso bedauerlicher, als man Go³¹b nachhaltig zustimmen muß, daß die größte Bedeutung für die hier angeschnittenen Fragen den Ergebnissen der Sprachwissenschaft zu-kommt.

Entscheidene Fehler sehe ich u.a. in folgenden, z.T. schon angesproche-nen Punkten: 1. Die heute noch spürbare enge Verwandtschaft der slavischen Sprachen spricht gegen eine frühe Aufsplitterung, demnach ist für die Früh-zeit von einem relativ geschlossenen Sprachgebiet auszugehen. Eine „Urhei-mat“ darf eigentlich kein sehr großes Territorium umfassen. 2. Die postulier-te balto-slavische Zwischenstufe ist onomastisch nicht zu fassen; sie hat dem-nach nie existiert. 3. Ein angeblich nachweisbarer voridg. Anteil innerhalb des Germanischen ist abzulehnen. Die Hydronymie und Toponymie spricht da-gegen. 4. Die Lokalisierung der Proto-Germanen und anderer idg. Teilstäm-me im Oka-Dnjepr-Gebiet ist durch nichts gerechtfertigt. 5. Die von Go³¹b versuchte Schichtung innerhalb der alteuropäischen Hydronymie überzeugt nicht. So wertvoll dieser Versuch an und für sich ist, muß er - wenn er Erfolg haben will - an der Streuung der Namen, ihrer Ableitungsgrundlagen und der Bildungsmittel ansetzen. 6. Die Annahme alter idg.-finnougrischer Beziehun-gen ist überholt. 7. Die Diskussion vieler Gewässernamen geht von veralteten Grundlagen aus.

Die Arbeit Go³¹bs leidet noch unter einem anderen, benutzerunfreund-lichen Punkt: es fehlt ein Register der behandelten Wörter und Namen. Das Buch würde zukünftig weit mehr in die Diskussion einbezogen werden, wenn man rasch zu den entsprechenden Stellen geführt würde. So bleibt es jedem Benutzer selbst überlassen, eine Verzettelung oder Datenaufnahme durchzu-führen.

Nach der Pannonien-These Trubaèevs hat Z. Go³¹b nun das obere Don-Gebiet als Heimat slavischer Stämme ausmachen wollen. Nimmt man noch die letzten Arbeiten Schelesnikers hinzu, so wäre die südöstliche Ukraine zu favorisieren. Man fragt sich, warum man nicht dort nach Slavischem sucht, wo es die Toponymie anbietet: im Raum zwischen Pripjet’ und Karpaten sowie Dnjepr und unterer Weichsel. Hier finden sich alle slavischen Namen, die man sich nur wünschen kann. Ich sehe keinen Grund, dieses Gebiet ge-gen andere Territorien auszutauschen.