Rezension zu van Durme L. Toponymie van Velzeke-Ruddershove en Bochoute

Die sehr breit angelegte Untersuchung der Toponymie der in Ostflandern südlich von Gent gelegenen Ortschaften entspricht dem Stil niederländischer und belgischer namenkund¬licher Arbeiten. In drei Bänden werden auf fast 1100 Seiten Orts- und Flurnamen einer gründlichen Prüfung unterzogen. Wie bei allen sorgfältig gestalteten onomastischen Ab¬handlungen ergeben sich auch aus dieser Arbeit heraus Korrekturen und neue Anregungen für außerhalb des Untersuchungsgebietes liegende Namen. Ebenso aber müssen sich die vor¬geschlagenen Deutungen an bisherigen Arbeiten messen lassen. Darauf wird noch zurückzu¬kommen zu sein.

Der erste Band der umfangreichen Abhandlung, einer Genter Dissertation, enthält ein Vorwort (S. 9-11) und eine ausführliche Einleitung (S. 13-68). In ihr wird der Stand der to¬ponymischen Bearbeitung Ostflanderns skizziert, genannt werden u.a. Namen, die auch au¬ßerhalb Flanderns einen guten Klang haben, wie z.B. H.J. v.d. Wijer, E. Förstemann (der auch flämisches Material einbezogen hatte), G. Kurth, J. Cuvelier, C. Huysmans, K. de Flou (der in 18 Bänden ein monumentales Werk über die Toponymie von Westflandern und daran angrenzende Gebiete geschaffen hat [Gent-Brugge 1914-1938]), M. Gysseling, J. Mansion und C. Tavernier-Vereecken. Vermißt habe ich den Namen von Hans Kuhn und seinen zwar zu kritisierenden, aber niederländische und belgische Namen einbeziehenden „Nordwest-Block“. Daß dieses kein Versehen sein kann, zeigt sich bei der Behandlung der mit dem Suffix -ndr- gebildeten Namen (s. unten).

Die Einleitung enthält weiter ein ausführliches Verzeichnis der Quellen (S. 18-38) und Literatur (S. 38-65), darunter zahlreiche Ortsnamenarbeiten einzelner Dörfer, Kreise und Landschaften, sowie nicht wenige ungedruckte Arbeiten (Zulassungs , Examens- und Doktor¬arbeiten), die belegen, wie intensiv in Belgien und den Niederlanden an onomastischen Pro¬blemen gearbeitet wird. Es schließen sich Abkürzungen und Anmerkungen zum Dialekt des Untersuchungsgebietes an.

In einem zweiten Abschnitt (S. 69-212) wird das Untersuchungsgebiet sehr ausführlich vorgestellt. Die gegenwärtige Gestalt, die geographische Struktur, Entwicklung der Grenzen, Erklärungen zu den Karten, Physiographie, Geomorphologie, Hydrographie, Bodengestalt, historische Entwicklung, Geschichte, die Entwicklung des Grundbesitzes und dessen Eigen¬tümer sowie Veränderungen der Natur- und Kulturlandschaft werden behandelt.

Das dritte Kapitel (S. 213-254) wendet sich den Etymologien der Ortsnamen (im fol¬genden: ON.) Velzeke/Faus(e)que, Wormen/Wormin(es), Ruddershove/Rogiercourt und Bochoute/Bochout zu. Schon der erste Name (Velzeke, S. 214-245) führt zu interessanten onomastischen Problemen. Die älteren Belege (1015 (Kopie 12.Jh.) apud felsecum, apud fel secundum, apud feilsecum, 1110/32 (Kopie um 1177) u.ö. de velseka, 1144 (Kopie ca. 1177) de felsca) weisen auf einen  (i)acum-Namen, in dessen Grundwort ein Personenname vermutet wird, in dem nach M. Gysseling aber auch der Stammesname Falisci vorliegen könnte. Die Diskussion dieses ON.-Typus ist durch die umfangreiche, von L. van Durme natürlich noch nicht zu berücksichtigende Arbeit von M. Buchmüller-Pfaff, Siedlungsnamen zwischen Spätantike und frühem Mittelalter. Die -(i)acum-Namen der römischen Provinz Belgica Prima, Tübingen 1990, in entscheidender Weise gefördert worden. Zur mutmaßlichen Über¬tragung des flämischen ON. auf Welsigke bei Belzig und Welsickendorf bei Jüterborg verglei¬che man jetzt G. Schlimpert, Die ON. des Kreises Jüterbog-Luckenwalde, Weimar 1991, S. 127f. - Der ON. Wormen (S. 245-250) kann dank seiner Belege ca. 800 uilla Uermini (?), 830 (Kopie 10.Jh.) de villa Werminio usw. mit H. Krahe in das System der alteuropäischen Hy¬dronymie (*uor-mina) eingeordnet werden. - Ruddershove (S. 250-253), 1040/50 (Kopie 12.Jh.) jn rogeri curtem, 1166 de rodgershoven, ist aus einem stark flektierenden Personenna¬men und dem Grundwort hof zusammengesetzt. - Bochoute (S. 253-254), 1187 u.ö. curie de bochout, gehört zu germ. *boko „Buche“ + hulta „Wald, Holz“.

Das nun eigentlich folgende „Verklaerend Glossarium“, in dem die Orts- und Flurna¬men des Untersuchungsgebiets behandelt und gedeutet werden, ist als selbständiger Teil in den Bänden 2, 1-2, abgedruckt (dazu s.u.). Band 1 schließt daher mit dem 5. Kapitel (S. 255-304), in dem die geographische Terminologie des Untersuchungsgebietes behandelt und mit Fragen der Siedlungsgeschichte konfrontiert wird. Diskutiert werden Termini wie kouter, ak¬ker, heide, veld, land, loke, tuun, hoek, winkel u.a.

Band II zerfällt in zwei Teile, dessen erster neben einer Einleitung (S. 7-15) das Glos¬sarium A-K (S. 16-411) enthält. Der zweite Teilband besteht aus dem Glossarium L-Z (S. 419-771) und den Corrigenda und Addenda (S. 773-775), in die wichtige Anmerkungen zum Terminus opstal aufgenommen worden sind.

Der mehr als 700 Seiten starke Band ist reich an leicht zu deutenden Flurnamen, die keines besonderen Kommentars bedürfen. Daneben begegnen aber einige Toponyme, die den Namenforscher zum weiteren Nachdenken anregen. So fallen etwa altertümliche Bildun¬gen wie Dellet < *daljo- + -itja (S. 116), Hulse, 1218 Hulsta, < *hulisopu- (Kollektivum zu *hulisa- „Stechpalme“) (S. 292), und Varent < *farnopu-, Kollektivum zu *farna- „Farn“, auf. Sie sind nicht identisch mit den hochaltertümlichen -ithi-Bildungen, stehen ihnen aber bil¬dungsmäßig sehr nahe und sind auch jenseits des Kanals, in England, nachweisbar.

Von besonderem Wert ist der Name Vollander (S. 715-718), alt up den valandere, de valandre, zu vergleichen mit Vallendar, alt Ualendre, in dem H. Kaufmann (brieflich an den Autor) *fal- „Sumpf“ + vorgerm. Flußnamensuffix -andra sieht. L. van Durme bietet noch weitere Parallelen, die sehr zu begrüßen sind, da sie auch Vallendar aus der bisherigen Iso¬liertheit reißen, so drei Flurnamen aus Westflandern (1200 Volandere; 1600 Vollandere; 20.Jh. heet volandere), weiter Valender bei Ambleve (Lüttich), Valendre bei Montreuil, 1256-1270 Valandroe bei Châlons. Der Versuch von H. Kuhn, die auffällige Bildung mit dem Formans  ndr- in Balandre, Camandre, Medenderbach, Mallendar, 864 Isandra, 929 Cinsindria u.a. mit an¬geblich verwandten Bildungen in Kleinasien zu vergleichen und in ihnen vorgermanische und vorindogermanische Relikte zu sehen, wird von L. van Durme nicht erwähnt. Immerhin liegt auch der ON. Merendree (966 Merendra, um 1025 Merendra) in der Nähe des Untersuchungs¬gebietes bei Gent. Die große Zahl der von L. van Durme beigebrachten Namen (darunter Flurnamen für Ackerstücke) macht aber wohl mehr als deutlich, daß hier vorgermanische oder vorindogermanische Siedler nicht verantwortlich gemacht werden können. Die Lösung kann wohl nur in einer Suffixkombination gesehen werden.

Einige Namen geben zu Überlegungen aus niedersächsischer Sicht Anlaß. So gehört das häufige Lochting nach allgemeiner Ansicht zu niederländisch look „Lauch“ und tuin „Garten“ (Namenmaterial: S. 455, s. auch Bd. I, S. 290f.). Der Vergleich mit Lochtum bei Goslar, Adam v. Bremen apud Loctunam, aber sonst Lochtenem, Lochtene, liegt auf der Hand, wobei der niedersächsische Name allerdings auch auf *loh-tun zurückgehen kann (wogegen jedoch Adams Beleg spricht). - Bei der Diskussion um die auch in Westnieder¬sachsen häufigen Lage-Namen (S. 420f.), die zum Teil auch zu germ. *lauha- (dt. loh) gehö¬ren, wäre ein Blick in die Münsteraner Magisterarbeit von H. Siebel, Die norddeutschen Flur- und Siedlungsnamen auf  lage/-loge (1970), hilfreich gewesen. - Schließlich kann eine Anmerkung zu den „Wolf“-Namen Wolfkens Hekken, Wolfpoort, Wolfsput und auch Wolput, in dem ebenfalls der Tiername gesucht wird (S. 749-752), gemacht werden. Mit Recht bezweifelt der Autor, daß in allen Fällen die Tierbezeichnung zugrunde liegen soll. Daß mit volksety¬mologischer Umdeutung gerechnet werden kann, wird man annehmen dürfen. Daher ist vielleicht ein Blick auf den Versuch von R. Möller, Wulf- in Siedlungs- und Gewässernamen, Naamkunde 17(1985)264-269, hilfreich, in dem die niedersächsischen ON. Wulften, Wülfte, Wulften u.a. mit dt. wölben, ae. hwealf „Wölbung, Bogen“, dt. Walm( dach) verbunden werden. - Eine letzte Bemerkung sei der Hydronymie gewidmet: an der Einordnung des Flußnamens Zwalm(beek), 1040 (Kopie um 1060) Sualma, usw., in die alteuropäische Hydronymie (S. 768f.) kann nicht gezweifelt werden.

Dem Autor ist für seine sorgfältige, gut dokumentierte Untersuchung und den belgi¬schen Germanisten für ihr großes Interesse an onomastischen Fragestellungen zu danken. Auch die deutsche Namenforschung profitiert von den Ergebnissen der vorgestellten Arbeit.