Rezension zu Slavistische Studien zum IX. Internationalen Slavistenkongress in Kiev

Die für Leser der IF. relevanten Beiträge des Sammelbandes sollen im folgenden kurz vorgestellt und gegebenenfalls kommentiert werden. - H. Jachnow stellt Überlegungen „zur Universalität der Sprachmittelverwendung in gesprochener Sprache“ an (S. 165-173). Er glaubt, daß „erst mit dem Aufkommen der Soziolinguistik, der Pragmatik und der Psycholin¬guistik deutlich [wurde], daß die Beschäftigung mit gesprochener Sprache eine ausgezeich¬nete Möglichkeit eröffnet, wichtige Züge von Sprachen und deren Gebrauchsmodalitäten zu entdecken“ (S. 165). Dabei orientieren sich heute die „Untersuchungen zur Erforschung der deutschen Umgangssprache ... methodisch an der empirischen Soziologie und dem linguisti¬schen Strukturalismus“ (S. 165). Es fragt sich zum einen, ob man mit der eingangs zitierten Meinung Sprachwissenschaftlern des 19. und 20. Jh.s gerecht wird, auf deren entsagungsvoller Sammelarbeit und Aufbereitung des mundartlichen Materials heute leicht aufgebaut werden kann, und ob zum andern der „linguistische Strukturalismus“ sprachliche Gegebenheiten sinn¬voll erklären kann, wenn es wenig später (S. 166) heißt: „Prinzipiell kann davon ausgegangen werden, daß im mündlichen Gebrauch der Sprache ein erheblich breiteres Variationsspek¬trum sprachlicher Interaktionen gegeben ist als in dem stärker stereotypisierten schriftlichen Sprachgebrauch“. Hilfreich ist dagegen Jachnows Versuch durchaus, wenn er zur Herausar¬beitung von Typen der Reduktion in der Umgangssprache etwa russische und deutsche Wen¬dungen miteinander vergleicht, z.B. russ. [un'irs'it'et] „universitet“ gegenüber dt. [t  ] „du“ (wie in [vilst  ] „willst du?“). Ob das allerdings ausreicht, um daraus zu schließen, daß die „spezifischen Merkmale der gesprochenen Sprache ... sie von der geschriebenen Sprache in einem Maße ab[grenzen], daß es erlaubt, von eigenständigen sprachlichen Systemen zu spre¬chen“ (S. 172), darf bezweifelt werden. Auch dürfte die Einführung neuer Termini wie z.B. „Ethnosystem“ kaum weiterhelfen. - Mit „Reduktions- und Redundanzformen in der altrussi¬schen Wortbildung“ (S. 175-189) befaßt sich H. Jelitte. Er versucht darin zu zeigen, daß Re¬duktion und Redundanz auf der Wortbildungsebene Erscheinungen sind, „die ihre unmittel¬baren Parallelen in den verschiedenartigen Reduktions- und Redundanzformen auf der Tex¬tebene besitzen“. Bei der Bearbeitung des Materials ist dabei ständig der bekannte Einfluß des Griechischen auf die altrussische Wortbildung (Typus blagobojazn  „Frömmigkeit, Got¬tesfurcht“) zu beachten. - E. Kaiser unternimmt in ihrem Beitrag den Versuch einer „Konfrontative[n] Analyse der Semantik und Funktion slavischer Präpositionen“ (S. 191-209). Der einleitende Satz zeigt das Dilemma bisheriger Bemühungen auf: „Trotz zahlreicher und hinsichtlich ihrer methodisch-theoretischen Grundlage vielfältiger Versuche ist es noch nicht gelungen, eine befriedigende und allgemeingültige Definition des semantisch-funktionellen Status der Wortart Präposition zu erarbeiten“ (S. 191). Dabei ist ihr allerdings der Versuch von W.P. Schmid (rediviert in: P. Swiggers et.al., Mot et parties du discours, Paris 1986, S. 85-99) entgangen. Dennoch enthält ihr Beitrag nicht zuletzt wegen der Einbeziehung der histori¬schen Komponente wichtige Gedanken. So ist es ihr im Hinblick auf das Polnische, Russische und Bulgarische zweifellos gelungen, „an einigen Beispielen auf Kontraste in Präpositionalge¬brauch und -bedeutung  [hinzuweisen], wie sich sich im Vergleich zum Urslavischen und in der Konfrontation der drei Sprachen miteinander beobachten lassen“ (S. 209), aufmerksam zu machen. - In W. Lehfeldts Untersuchung zum „System der Präsensformenbildung in der modernen ukrainischen Literatursprache (im Vergleich mit anderen slavischen Sprachen) (S. 317-328) wird versucht, unter Einführung eines sogenannten „Maßes der Verbundenheit“ (Definition: S. 326) die Besonderheiten des Ukrainischen für den Bereich der Präsensfor¬menbildung innerhalb der slavischen Sprachen herauszuarbeiten. Dabei zeigt sich, daß die ostslavische Sprache offenbar eine besondere Stellung einnimmt, da in ihr „die Verbunden¬heit des Systems der Präsensformen am niedrigsten ist“. - Fragen der Phraseologie stehen im Mittelpunkt von J. MateÓiås Aufsatz „Phrasembildung als Folge einer Wortumdeutung“ (S. 329-337). In Ergänzung zu den inzwischen etablierten Termini „Morphem“ und „Lexem“ ope¬riert er mit dem Begriff „Phrasem“, ist sich allerdings bewußt, daß es „unter den Phraseologen keine einheitliche Meinung darüber gibt, was ein Phrasem ist“ und bietet im Anschluß daran eine eigene Definition an (S. 329, Anm. 1). Diese Unsicherheit und die darüberhinaus zu be¬obachtenden starken und schnellen Veränderungen im Bereich der Phraseologie erschweren die wissenschaftliche Behandlung der damit verbundenen Phänomene erheblich. Daß auch die Ethymologie (sic!) dann nicht weiter hilft (S. 337), darf nicht verwundern. - Mit dem Le¬benswert von R. Olesch ist dessen Beitrag „Mittelniederdeutsch-dravänische interlinguale Kontakte. Zur Frage naturaler und translatorischer Interferenz“ (S. 347-359) verbunden. Es geht dabei vor allem um Fragen des sprachlichen Transfers aus dem Niederdeutschen in das Dravänische. Die Kontakte zwischen beiden Sprachen werden anhand von Fremdwörtern, Entlehnungen, Lehnübernahmen und Lehnübersetzungen diskutiert. Die Forschungen R. Oleschs zum Dravänopolabischen wirkten auch ein auf zwei unlängst erschienene Sammel¬bände, die zeigen, daß das Interesse an der untergegangenen westslavischen Sprache unge¬brochen ist: man vergleiche Wendland und Altmark in historischer und sprachwissenschaftlicher Sicht, hrsg. v. R. Schmidt, Lüneburg 1992, und Deutsch-slawischer Sprachkontakt im Lichte der Ortsnamen. Mit besonderer Berücksichtigung des Wendlandes. Hrsg. v. F. Debus, Neumünster 1993. - Dem „Nominativus Pluralis der Nomina in der polnischen und russischen Gegenwarts¬sprache“ wendet sich A. Pohl in seinem „Beitrag zur Morphonologie der Flexion in den slavi¬schen Sprachen“ (S. 361-386) zu. - Modus und Modalität diskutiert G. Ressel in dem Aufsatz „Die partikelbedingte modale Satzstruktur im Slavischen“ (S. 405-415). Im Zentrum stehen dabei die Verwendungsweisen von Partikeln, wie z.B. russ. ved', i und andere. - Aus verglei¬chender Sicht erörtert C. Sappok „Die syntagmatische Gliederung der Äußerung im Russi¬schen und im Polnischen“ (S. 435-452). Nach einer Begriffsbestimmung des Terminus „Syntagma“ (im Lichte der strukturellen Sprachwissenschaft) wendet er sich dem Roman Dol¬gie proÓ_anie des russischen Schriftstellers Ju. Trifonov zu und vergleicht damit eine polnische Übersetzung des Werkes. - Ähnlich strukturiert ist der Beitrag von H.W. Schaller „Vergleichende Aspekte der Textlinguistik des Russischen und anderer slavischer Sprachen“ (S. 453-464). Er kommt zu dem Ergebnis, daß „im Russischen, Polnischen und Bulgarischen durchaus ähnliche Prinzipien der Textbildung vorliegen“. Dabei lassen sich die Unterschiede „innerhalb der behandelten slavischen Sprachen ... durchwegs auf die morphologisch-syntakti¬schen Besonderheiten im verbalen Bereich des Polnischen und im nominalen Bereich des Bulgarischen zurückführen“ (S. 464). - Einen wichtigen Beitrag zum Verhältnis des Sprachge¬brauchs im mittelalterlichen Rußland hat K.-D. Seemann geliefert. Unter dem Titel „Die 'Diglossie' und die Systeme der sprachlichen Kommunikation im alten Rußland“ (S. 553-561). Der häufig angestellte Vergleich mit den Verhältnissen in Mitteleuropa, wo in bestimmten Lebensbereichen das Latein gegenüber den Volkssprachen dominierte, wird mit Recht relati¬viert: „In Rußland sind die ostslavischen Umgangssprachen und die südslavische Kultsprache sich zunächst noch so nah, daß das Kirchenslavische auch im nichtkirchlichen Bereich ange¬wendet wird“ (S. 560). - Dem dornigen Gebiet der Zahlwörter widmet K. Steinke seine Un¬tersuchung „Zur Syntax der Kardinalia im Russischen, Polnischen und Bulgarischen“ (S. 563-577). Ihre „Einordnung in das System der Wortarten [bereitet] der Sprachwissenschaft be¬trächtliche Schwierigkeiten“ (S. 563). Ohne auf Einzelheiten der Diskussion einzugehen, ver¬weise ich zusammenfassend auf die die Auseinandersetzungen zusammenfassende neuere Untersuchung von W.P. Schmid, Wort und Zahl. Sprachwissenschaftliche Betrachtungen der Kardinalzahlwörter, Mainz-Wiesbaden 1989. Vermißt habe ich in K. Steinkes Beitrag aller¬dings die Berliner Dissertation von H. Liste, Das russische Grund- und Ordnungszahlwort in kontrastiver Darstellung zum Deutschen (1985). - In seiner Untersuchung zu den „Gewässernamen der Ukraine und ihre Bedeutung für die Urheimat der Slaven“ (S. 579-595) versucht J. Udolph in etwa das Gebiet zu umreißen, in dem vorslavische Hydronyme Slaven frühzeitig bekannt geworden sind und die für das Urslavische anzusetzenden Lautverände¬rungen noch wirksam waren. - Die slavischen Präpositionen stehen im Mittelpunkt der Aus¬führungen von C. Vasilev zu dem „ansatzhaften Analytismus im Slavischen. Die inneren Ver¬schiebungen“ (S. 597-616). - Schließlich ist noch der Beitrag von E. Wedel „Zur Entwicklung der konjunktionalen Hypotaxe im Russischen“ (S. 617-633) zu nennen, der der Habilitations¬schrift des Autors (Die konjunktionale Hypotaxe im Russischen des 16. Jhs., München 1967) aufbaut.