Rezension zu S. Wauer, G. Schlimpert, Hist. ONL Brandenburg

Sophie Wauer: Die Ortsnamen der Prignitz. Mit einem siedlungsgeschichtlichen Beitrag von Christa Plate (Brandenburgisches Namenbuch, Teil 6) Hermann Böhlaus Nach-folger Weimar 1989. 487 S. 3 Ktn.

Gerhard Schlimpert: Die Ortsnamen des Kreises Jüterbog-Luckenwalde. Mit einem siedlungsgeschichtlichen Beitrag von Günter Mangelsdorf (Brandenburgisches Namenbuch, Teil 7.) Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger Weimar 1991. 251 S. 3 Ktn., 2 Abb.

Historisches Ortslexikon für Brandenburg. Teil X
: Jüterbog-Luckenwalde. Bearbeitet von Peter P. Rohrlach (Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshaupt-archivs Potsdam. Herausgegeben von Friedrich Beck, Band 26.) Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger Weimar 1992. XXIV, 634 S. Kte. im Anhang, 1 Beilage.
 
Die Bearbeitung der Siedlungsgeschichte Brandenburgs erfährt mit der Herausgabe der zu besprechenden Monographien weitere wichtige Impulse. Nur wenige Monate nach Erscheinen des zehnten Bandes des Historischen Ortslexikons für Brandenburg ist die Geschichte seines namengebenden Hauptortes von anderer Seite gründlich bearbeitet worden: Beiträge zur Entstehung und Entwicklung der Stadt Brandenburg im Mittelalter, hrsg. v. Winfried S c h i c h  (Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Band 84), Berlin - New York 1993. Innerhalb weniger Jahre erschienen somit bedeutsame Untersuchungen, von denen die zu besprechenden Arbeiten des Brandenburgischen Namenbuches noch vor der Wende als Ergebnis der rührigen (Ost-)Berliner Arbeitsgruppe für Namenforschung und Siedlungsgeschichte entstanden sind, während der von W. Schich herausgegebene Band auf den Vorträgen einer Tagung in Brandenburg und Netzen vom September 1991 basiert.

Die von S. W a u e r  und  G. S c h l i m p e r t  bearbeiteten Bände des Branden-burgischen Namenbuches richten sich nach den Prinzipien der bisher herausgegebenen Teile. Mit den Kreisen Ost- und Westprignitz und Jüterbog-Luckenwalde (Kreise der Provinz Brandenburg nach dem Stand von 1900, die auch dem Historischen Ortslexi-kon für Brandenburg zugrunde liegen) sind wesentliche Teile des Landes namenkund-lich erfaßt und bearbeitet.

Beide Bände sind ähnlich aufgebaut: einem Abriß der Besiedlungsgeschichte schlie-ßen sich die Erklärungen der Namen, gegliedert nach Landschafts- und Stammesbe-zeichnungen, Namen der bestehenden Siedlungen, sowie der Wüstungen und Flur- und Gewässernamen, an. Es folgt die linguistische Auswertung, in der Fragen der Lautge-schichte der slavischen und deutschen Namen, der Übernahme slavischer Laute in das Deutsche, der Morphologie und lexikalischen Auswertung im Vordergrund stehen. Ein gesondertes Kapitel ist „besonderen Problemen“ gewidmet, worunter vorslavische und übertragene Namen, die schriftliche Überlieferung der Toponyme und ihre Auswertung für die Siedlungsgeschichte fallen. Quellen- und Literaturverzeichnisse, ein Verzeichnis der Abkürzungen, Namenregister und Übersichtskarten vervollständigen die beiden Bände.

Der von G.  S c h l i m p e r t   bearbeitete Band ist eine der letzten Arbeiten des viel zu früh verstorbenen Berliner Namenforschers. In den letzten Jahren hatte er sich besonders intensiv einer Frage gewidmet, die jahrzehntelang in der ehemaligen DDR eher am Rande behandelt wurde: während man sich in besonderem Maße den slavi-schen Resten im Raum zwischen Elbe und Oder - darunter natürlich auch den Orts-, Fluß- und Flurnamen - zugewandt hatte, stand man der Möglichkeit, ein noch älteres Substrat aufzufinden (das dann am ehesten germanischen Ursprungs sein könnte), eher reserviert gegenüber. Etliche Aufsätze des Berliner Wissenschaftlters hatten dieses zum Thema; einiges davon ist auch in seine oben genannte Monographie eingeflossen.

Sowohl der von G.  S c h l i m p e r t  wie der von S.  W a u e r  bearbeitete Band legen Zeugnis von dem hohen Stand der Berliner Namenforschung ab. Die Deutungen sind wohldurchdacht; die weitaus meisten Namen der beiden Brandenburger Altkreise sind durch die Untersuchungen einer eindgültigen Klärung zugeführt worden. Manches wird immer strittig bleiben.

Die wenigsten Probleme bereiten die - im allgemeinen - jungen deutschen Namen. Etwas schwieriger wird es schon bei den zahlreichen slavischen Resten; erhebliche Fragen wirft die Bearbeitung der wenigen vorslavischen Relikte auf.

Die geographische Lage der beiden Brandenburger Altkreise läßt die Frage auf-kommen, ob sich dieses auch im Namenbestand selbst niederschlägt, oder, mit anderen Worten, ob die westlichere Lage der Prignitz mit einer geringeren Anzahl slavischer Elemente und einem höheren Bestand vorslavischer oder nicht slavisierter Relikte ver-bunden ist.

Vergleicht man die beiden Monographien unter diesem Aspekt, so zeigt sich, daß der Namenbestand im Kreis Jüterbog-Luckenwalde im allgemeinen leichter zu etymo-logisieren ist. Zahlreiche slavische Namen können einer sicheren Deutung zugeführt werden, Vorslavisches, Germanisches und alteuropäische Reste zeigt sich bei den Ortsnamen in Dümde (S. 58f.), der jedoch als altertümliche germanische -ithi-Bildung höchstwahrscheinlich aus dem Westen übertragen worden ist, und somit zur Sied-lungsgeschichte nur bedingt beitragen kann. Daß der Raum aber durch Abzug germa-nischer Stämme und späteren Zuzug slavischer Sprecher nicht siedlungsleer gewesen sein kann, erweisen wieder einmal die Gewässernamen, so im Fall der Dahme (S. 52f.) wie auch Nuthe (S. 151). Ihre Existenz kann nur auf der Tradierung von einer Bevöl-kerungsschicht in die nächste erklärt werden. Dennoch ist der Bestand vorslavischer Reste im Kreis Jüterbog-Luckenwalde recht gering.

Anders sieht es in der Prignitz aus. Da diese Landschaft zum „engeren Siedlungs-gebiet der Jastorf-Kultur des Elberaumes“ gehört (S. 14), ist von hieraus eine andere Zusammensetzung des Namenschatzes zu erwarten. Allerdings hat die teilweise weni-ger siedlungsgünstige Lage der Landschaft (sehr arme Sanderböden; hochwasserge-fährdete Niederungen an Elbe und Havel, vgl. S. 9ff.) zu einer verhältnismäßig hohen Zahl von Wüstungen geführt, so daß die ursprünglichen Siedlungsverhältnisse anhand der Ortsnamen vielleicht nicht so sicher wie in anderen Gebieten bearbeitet werden könnten. Dennoch zeigen sich im Vergleich zum Kreis Jüterbog-Luckenwalde bedeut-same Unterschiede. Es sind dieses:

1. Die slavischen Namen zeigen eine Besonderheit, indem „verschiedene Namen-gleichungen mit dem südlichen Gebiet, die sonst keine weiteren Parallelen in anderen Gebieten haben“, auffallen (S. 438). Diese Beobachtung deckt sich mit Erkenntnissen, die aus der Beobachtung slavischer Namen des Wendlandes und der Altmark gemacht werden konnten (vgl. Wendland und Altmark in histo¬rischer und sprachwissenschaft-licher Sicht, Lüneburg 1992, speziell S. S. 107-126).

2. Germanisches zeigt sich offenbar in den Gewässernamen der Prignitz. Das gilt sowohl für die Dosse (S. 42f.; noch nicht berücksichtigt: W. P.  S c h m i d, Namen-kundliche Informationen 58, 1990, S. 1-6), wie wahrscheinlich auch für die Jeetze (vgl.  d e r s., in: Deutsch-slawischer Sprachkontakt im Lichte der Ortsnamen. Mit besonderer Berücksichtigung des Wendlandes, hrsg. von F.  D e b u s, Neumünster 1993, S. 40-42).

3. Wesentlich höher als im Raum südlich von Berlin ist der Anteil der indoger-manisch-alteuropäischen Reste in den Gewässernamen. Für die Prignitz lassen sich anführen Elde, Havel, Meyn, Nebelin, Nitzow, Reimer und andere (S. 426ff.).

Mit diesen Erscheinungen erweist sich die Prignitz als ein Gebiet, das an den Na-menforscher besondere Anforderungen stellt. Auch diese sind von  S. W a u e r  im wesentlichen gemeistert worden.

Als ein in Niedersachsen tätiger Namenforscher schaut man etwas neidisch auf das Gebiet östlich der Elbe und erkennt, daß es im Altsiedelland, das in nicht geringem Maße die Ausgangsbasis der deutschen Ostsiedlung abgegeben hat, an vergleichbaren Arbeiten außerhalb der Flurnamen fast vollkommen fehlt. Vielleicht wird von hier ein-mal Licht auf Namen fallen, die in den beiden Bänden des Brandenburgischen Namen-buchs keiner endgültigen Klärung zugeführt werden konnten oder meiner Mei-       nung nach eines weiteren Kommentars bedürfen. Ich denke etwa an die Smeldinger, das Problem der nichtdurchgeführten Metathese im Fall der Elde (gegenüber Elbe, tschechisch Labì), an Jackel, Jüterbog, Karthane und Schlenzer (und dessen Ver-bindung zu Schlesien). Zum Namen der Prignitz selbst vergleiche man Namenkundli-che Informationen, Beiheft 15/16, Leipzig 1991, S. 69-78.

Die bessere Ausgangsposition Brandenburgs gegenüber der Niedersachsens zeigt sich nicht nur in den hier ausführlicher besprochenen Bänden des Brandenburgischen Namenbuches, sondern auch in der sorgfältigen Edition des Historischen Ortslexikons für Brandenburg, dessen 10. Band (bearbeitet von P.P. Rohrlach) nach den Worten von G. Schlimpert für die Deutung der Ortsnamen dieses Kreises von großem Nutzen war. Mit „der Bearbeitung dieses Teilbandes“, heißt es in dem Vorwort bei P.P. Rohrlach (S. V) „hat nunmehr das Restgebiet des alten Regierungsbezirkes Potsdam seine Repräsentation im Historischen Ortslexikon gefunden“. Mit diesem Unternehmen wurde der Ortsnamenforschung wertvollstes Material zur Verfügung gestellt, das in anderen Gebieten Deutschlands noch fehlt und auch in nächster Zeit nicht zur Verfügung stehen wird. Der Wert dieser Publikation wird noch durch das bereits in Aussicht gestellte Register, das sich laut Vorwort bereits in abschließender Bearbeitung durch die Autoren befindet und das sicher dankbare Aufnahme erfahren wird, weiter erhöht werden. Den an der Untersuchung der Toponymie im deutsch-slawischen Grenzgebiet interessierten Namenforscher hat in diesem Zusammenhang eine knappe Bemerkung von Friedrich Beck besonders neugierig gemacht. Es ist der Hinweis darauf, daß P.P. Rohrlach ein weiteres wissenschaftliches Vorhaben in Angriff genommen hat - das Historische Ortslexikon für die Altmark (S. VI).

Bei der Erforschung der Hydro- und Toponyme, der Siedlungsgeschichte des Gebietes zwischen Elbe und Oder und der weiteren Bearbeitung der Ortsnamen Mitteleuropas, aber auch der slavischen Länder des Ostens und Südens, werden die vorgestellten Bände mit Gewinn benutzt werden. Es bleibt nur der Wunsch zurück, daß die Bearbeitung der Ortsnamen im Rahmen von Ortslexika und Ortsnamenbücher nicht an den Grenzen Brandenburgs haltmachen möge.