Rezension zu ONOMASTICA SLAVOGERMANICA. XXI. Hg. von ERNST EICHLER und HANS WALTHER

Der neue Band der in Leipzig herausgegebenen Reihe ONOMASTICA SLAVOGERMANICA ist nicht nur wie bisher um Fragen „des deutsch-slawischen Sprachkontaktes, so anhand der Toponymie bestimmter Landschaften und auch einiger anderer Namen ..., sondern vor allem um die Typologie geographischer Namen (vor allemder Orts- und Flurnamen) slawischer Herkunft bzw. noch erhaltener sorbischer Lautung, vor allem als Beiträge zum Slawischen Onomastischen Atlas“ bemüht (Vorwort der Herausgeber, S. 5).

Die Beiträge werden eröffnet von ERNST EICHLER und DIETLIND KRÜGER, Slawische Ortsnamen in der östlichen Oberlausitz (S. 7-13). Die Verf. behan¬deln acht Ortsnamen aus dem östlich der Neiße liegenden, nun zu Polen gehö¬renden Teil der Oberlausitz, darunter Bunzlau/Boles³awiec und Lähn/Wleñ. Letzterer kann z.Zt. noch nicht sicher gedeutet werden. - Rudolf ŠRÁMEK be¬faßt sich mit dem Namensystem in seinem Abbild auf onymischen Karten (S. 15-19). Unter anderem bemängelt er, daß „das Kartieren ... sich in der Namen¬forschung in einer Situation [befindet], die [seines Erachtens] von Mangel an theoretisch-methodologischer Ausrüstung gekennzeichnet ist“ (S. 19). - Olga RIPEÆKAs Aufsatz trägt den Titel: Begriffsinhalt und Formativstruktur der to¬ponymischen Wortzeichen (Am Material der deutsch-slawischen Oikonymie) (S. 21-38). Die gute Aufarbeitung der slavischen und deutschen Toponyme auf dem Gebiet der ehemaligen DDR bietet vorteilhafte Bedingungen für diese Art der Untersuchung von Ortsnamen. - Einen Beitrag zum Slavischen Onomasti¬schen Atlas legt INGE BILY mit Gedanken zu den altsorbischen Ortsnamen mit den Suffixen -išèe-, -nik und -ik vor (S. 39-66). Es handelt sich bei dieser - im Gegensatz zu anderen Typen - kleineren Gruppe „um ursprüngliche Stellenbe¬zeichnungen mit ausschließlich deappellativischen Ableitungsbasen“ (S. 39), die vor allem in den Flurnamen begegnen. Kartierungen ergänzen den material¬reichen Beitrag. - EL¿BIETA FOSTER steuert in einigen Bemerkungen über die Zuordnung altpolabischer Ortsnamen zu den westslavischen Strukturtypen ebenfalls einen Beitrag zum Slavischen Onomastischen Altas bei (S. 67-73). Es geht ihr dabei anhand des Materials aus Brandenburg und Mecklenburg-Vor-pommern vor allem um mit dem Suffix -k- gebildete Namen und um die Unter¬scheidung zwischen den possessivischen Namen vom Subtyp Vollname + -j und der Namenbildung Vollname im Plural (poln. nazwy rodowe). - Zur Er¬schließung des in brandenburgischen Namen enthaltenen Wortschatzes nimmt SOPHIE WAUER Stellung (S. 75-78). Diese Aufgabe ist für die untergegangen slavischen Dialekte westlich der Oder und Neiße von besonderer Bedeutung, da „der Zugang zu diesen Sprachen fast ausschließlich durch die Untersuchung des Namengutes“ erfolgen muß (S. 75). - Dem Ortsnamen Leisnig bei Döbeln ist der Beitrag von MANFRED KOBUCH und HANS WALTHER gewidmet (S. 79-91).  Die Deutungsversuche dieses schwierigen Namen Sachsens konnten noch kein „abschließendes, voll befriedigendes Ergebnis ... erzielen“ (S. 79). Nach sorgfältiger, quellenkritischer Analyse der Überlieferung (vor allem hinsicht¬lich der unklaren Lesung Licendice) setzen die Verf. als älteste Belege (1046) (Kopie 12./13. Jh., ?) Lisnich, (1074) (Fälschung 13.Jh.) Lisenic, 1143, 1147 Liznik an, verwerfen die Herleitungen aus *Liœnik zu *lis „Fuchs“ (da nach dem Material der Deutsch-Slawischen Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte ein Suffix -(ü)nik(ú) nicht an eine Tierbezeichnung als Namengrundwort antrete) sowie auch aus *lysünikú (zu lysy „kahl“), da von diesem Adjektiv strukturell kaum eine -n-Ableitung annehmbar sei, und bieten eine „andere, sachlich ... zutreffende und sprachlich kaum zu beanstandende Erklärung an“ (S. 87). Sie besteht in einem Ansatz *Liœnik oder *LiŸnik, der mit slaw. lizati „lecken“ bzw. *lizeñ o.ä. „Zunge“ zu verbinden ist, und topo¬nymisch als „Ort an einer Land-, Fluß- oder Seezunge“ zu interpretieren ist. Die geographische Lage der Burg Leisnig bestätigt nach Ansicht der Verf. diese Deutung. Dieser Vorschlag hat viel für sich. Wähend ich in meiner Kartei sla¬vischer Namen weder für einen Ansatz *Lisünik (zu lis „Fuchs“) noch für Lysü¬nik (zu lysy „kahl“) einen sicheren Beleg finden konnte, kennt M. £ESIÓW, Terenowe nazwy w³asne Lubelszczyzny, Lublin 1972, S. 173 einen Flurnamen LiŸniak, der er zu poln. lizaæ stellt. Des weiteren bucht V. MIHAJLOVIÈ für sein Wörterbuch der serbokroatischen geographischen Termini (Prilozi prouèavanju jezika 6,1970, S. 163) in Hercegovina ein Appellativum lizalo „Stelle, an der unter einer Wand Wasser austritt“, stellt es lizati „lecken (vom Wasser)“ und weist auf einen Flurnamen ebendort hin. Die vorgeschlagene Etymologie findet so ihre Bestätigung und wirft vielleicht noch neues Licht auf zwei Ortsnamen Liœnik bei Nowy S¹cz, die für E. PAW³OWSKI, Nazwy miejscowoœci S¹decczyz-ny, Bd. II, Wroc³aw usw. 1975, S. 53 unklar sind. - Auch in dem Beitrag von KARLHEINZ HENGST, Urkunde und Ortsname. Zum Typ der Ortsnamen auf  itzsch, steht ein Name im Zentrum: der Ortsname Culitzsch (S. 93-96). Dabei geht es in erster Linie um die Forderung, die Belege aus mittelalterlichen Originalen gewissenhaft und verläßlich (S. 93) aufzunehmen. Eine falsche Wiedergabe führt nicht selten zu einer falschen Etymologie. - Die Bemerkungen von CORNELIA WILLICH zu Ortsnamen des Landes Lebus (S. 97-104) enthalten Auszüge ihrer inzwischen publizierten Arbeit Die Ortsnamen des Landes Lebus, Weimar 1994 (= Brandenburgisches Namenbuch, Teil 8). Eine ausführlichere Besprechung dieses Bandes erscheint in der Zeitschrift für slavische Philologie. - Einem wichtigen Thema ist der Beitrag von REINHARD E. FISCHER, Vorslawische Namen in Brandenburg, übertragen von slawischen Siedlern (S. 105-108) gewidmet. Man hat bei der Beurteilung vorslavischer Namen zu wenig beachtet, daß die neu in das Land kommenden slavischen Siedler auch Namen aus ihrer alten Heimat mitgebracht haben können, ein Vorgang, der sich überall auf der Welt nachweisen läßt. R.E. FISCHER diskutiert dieses Phänomen anhand von Dosse, Nietze, Schlenzer, Küdow-Küdden und Gapel. Es gelingt ihm, Zweifel daran aufkommen zu lassen, alle nicht aus dem Slavischen zu erklärenden Namen einer germanischen Zwischenschicht oder derm alteuropäischen Substrat zuzuweisen. Zum Namen Schlesien vgl. jetzt J. UDOLPH in: Studia Indogermanica et Onomastica (Festschrift f. F. Lochner v. Hüttenbach), Graz 1995, S. 370-393. - Dem weiten Bereich der „Mischnamen“ zuzuordnen sind die Ausführungen von HEINZ DIETER POHL zu Ortsnamen deutscher Herkunft mit slowenischer (alpenslawischer) Wortbildung in Kärnten und Osttirol (S. 109-114). - Ein durch Kriegs- und Nachkriegszeit lange brach liegendes Arbeitsgebiet berührt Jana MATÚŠOVA mit ihren Bemerkungen zu unklaren Flurnamen deutschen Ursprungs in Böhmen (S. 115-121). Die Interpretationen zu auf den ersten Blick schwer verständlichen Formen wie Socakry, Kmuiokr, Hertrpíhle, Vujskrub, Cígdokr, Hoprich überzeugen und sind kombiniert mit Bemerkungen, die auch für den Dialektologien von Bedeutung sein können. - In die ähnliche Richtung geht der Beitrag von JITKA MALENÍNSKÁ zur Übernahme tschechischer Bergnamen ins Deutsche (am Material der Oronymie des Böhmischen Mittelgebirges) (S. 123-131). - Bemerkungen zur Personennamengeographie und Personennamenstratigraphie steuert WALTER WENZEL, dessen Studien zu sorbischen Personennamen äußerst wertvolles Material enthalten, dargestellt an sorbischem Material, bei (S. 133-140). - Jüdische Personennamen in den Übersetzungen der Werke von Isaac Bashevis Singer (1904-1991) erörtert MARIA KARPLUK (S. 141-151) in einem von K.-H. Beschorner aus dem Polnischen übersetzten Beitrag. - Ein bisher unbekanntes Manuskript von PAUL KÜHNEL über die slawischen Orts- und Flurnamen der Insel Rügen stellt EDGAR HOFFMANN vor (S. 153-160). Es besteht „aus 183 teilweise beidseitig engbeschriebenen Oktavblättern mit zahlreichen späteren Einfügungen“ (S. 157). Den späteren Bearbeitern der slavischenToponymie Rügens R. Trautmann und H. Ewe blieb das Manuskript unbekannt. Aus E. HOFFMANNs Ausführungen geht nicht hervor, ob eine Publikation des Manuskripts lohnt oder geplant ist.

Ein Abkürzungsverzeichnis (S. 161-168) beschließt den Band, der - wie ich hoffe, deutlich gemacht zu haben - dem Onomasten, aber auch dem Dialektologien viel zu geben vermag.