Rezension zu Hanna Popowska-Taborska: Frühe Geschichte der Slawen im Licht ihrer Sprache

Fast zeitgleich mit der anzuzeigenden Studie ist in Amerika eine ganz ähnliche Untersuchung erschienen: Z. G O £ ¥ B: The Origins of the Slavs. A Linguistic’s View, Columbus (Ohio) 1992. Das Problem der Frühgeschichte der Slawen scheint nach wie vor zu neuen Versuchen zu reizen, was nicht zuletzt daran liegen mag, daß die Materialbasis in letzter Zeit verbreitert werden konnte.

Das Buch der polnischen Sprachwissenschaftlerin enthält eine kurze Einleitung (S. 5), in der sie auf ihre grundsätzlich skeptische Haltung hinweist und betont, daß es sich in erster Linie um eine sich an sprachlichen Fakten orientierende Untersuchung handelt. In einem ersten Teil wird dann die „innere Geschichte“ sprachlicher Untersuchungen zur Frage der Ethnogenese der Slawen vorgestellt (S. 6-21). In einem zweiten Teil (S. 22-35) werden Vorstellungen der Sprachwissenschaft in Konfrontation mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen anhand der Untersuchungen von T. Lehr-Sp³awiñski, K. Jad¿d¿ewski, J. Czekanowski, W. Hensel, G. Labuda, K. God³owski, H. £owmiañski, W. Mañczak und anderen  umrissen.

Der dritte Teil des Bandes ist der Problematik hydronymischer Untersuchungen gewidmet. Ausgehend von der bekannten Erscheinung, daß gerade die Namen der Gewässer besonders zäh sind und die alten Besiedlungsverhältnisse auch bei Einsickern einer neuen Bevölkerung im wesentlichen bewahren, wird der Wert dieser Aussagen von der Autorin aber schon bald relativiert, ja bedeutend abgeschwächt: Es gebe so viele verschiedene Etymologien für einen Namen, daß es kaum möglich sei, gesicherte Erkenntnisse zu gewinnen. Auch die an und für sich zu begrüßende Untersuchung der suffixalen Bestandteile der Gewässernamen (V.N. Toporov, O.N. Trubaèev, M. Vasmer) habe zu keinem wesentlichen Erkenntniszuwachs und zu einer durchgreifenden Neuorientierung geführt. Dies ist ein Punkt, der so nicht akzeptiert werden kann: es ist von elementarer Bedeutung, ob ein Gewässername in Polen als Ableitungsbasis ein im Slavischen noch bewahrtes Element enthält und mit einem noch im (Ur-)slawischen bekannten Suffix gebildet ist oder ob dieses im Slavischen nie produktiv war. Dadurch können vorslawische von slawischen Namen getrennt werden.

Ähnliches gilt für die alteuropäische Hydronymie H. Krahes und W.P. Schmids, zu der die Autorin auf den S. 43ff. Stellung nimmt. Dabei wird fälschlich angenommen, daß das Gebiet der slawischen Heimat nur dort gefunden werden könne, wo es keine vorslawischen Namen gebe. Dieser Denkfehler ist dahingehend zu korrigieren, daß auch das Slawische (wie auch das Germanische und andere indogermanische Sprachen) notwendigerweise eine Entwicklung aus einem indogermanisch-alteuropäischen Substrat hin zu einer Einzelsprache durchgemacht haben muß.

Das 4. Kapitel der Untersuchung ist slawischen Ethnonymen und Anthroponymen gewidmet (S. 49-72), darunter den Namen der Neuren, Silingi, Budinoi, Weneter/Wenden, natürlich auch der Slawen, der Serben und Sorben, Kroaten, Dregovièen, Krivièen und anderer. Wer sich länger mit Problemen von Gewässer-, Siedlungs-, Personen- und Flurnamen befaßt hat, weiß, wie schwierig gerade die Ethnonyme zu erklären sind und daß davon unabhängig Aussagen für die Frühgeschichte der Völker heiß umstritten sind.

Im 5. Abschnitt werden phonetische Differenzen der Slawia auf ihre Aussagemöglichkeit für die Frühgeschichte diskutiert, der 6. Abschnitt diskutiert Aussagemöglichkeiten der Lexik (S. 92-120). Die Autorin weist mit Recht auf Differenzen innerhalb der Slawia hin (z.B. auf die Besonderheit, daß Teile der südlawischen Sprachen in sich unterschiedliche Appellativa aufweisen). Aber auch in diesem Abschnitt ist die Toponymie vernachlässigt worden. Die Verbindung Lexik - Onomastik ist nicht nur für die Erklärung der Ortsnamen von Bedeutung, sondern auch für die Geschichte der Wörter.
Das 7. und letzte Kapitel müßte der Chronologie entsprechend eigentlich am Anfang des Buches stehen: Es geht um die vorhistorischen Etappen der Geschichte der Slawen (S. 121-144), um die Einteilung in „Centum-“ und „Satem-“Sprachen, die ursprüngliche Lage einer baltisch-slawisch-germanischen Sprachgemeinschaft, die slawisch-iranischen Beziehungen, die Kontakte mit dem Germanischen.

In der Zusammenfassung (S. 145f.) erläutert die Popowska-Taborska ihre skeptische Haltung: Keine der bisher vorgebrachten Theorien habe sie letztlich überzeugt und aufgrund sprachlicher Kriterien könne ihrer Meinung nach nicht auf vorhistorische nichtsprachliche Fakten rückgeschlossen werden. Wir sind nach Meinung der Autorin nicht in der Lage, die alten Wohnsitze der Slawen zu lokalisieren, weder mit hydronymischen Untersuchungen, noch mit Hilfe der slawischen Ethnonyme oder der botanischen oder zoologischen Terminologie. Auch lexikalische Fakten helfen nicht weiter. Wir wüßten, daß Slawen seit dem 6. Jh. die Bühne der Weltgeschichte betreten, daß phonetische und morphologische Eigentümlichkeiten für ein außergewöhnlich einheitliches Urslawisch sprechen (andererseits gab es bereits damals  auch bedeutsame Differenzen in der Lexik); das plötzliche Auftreten der Slawen spreche ferner für eine „demographische Explosion“, die letztlich zur Besiedlung großer Räume führte.

Die thesenartig formulierten Schlußfolgerungen zeigen die Gründe für das viel zu negativ gefärbte Schlußplädoyer auf. Sie liegen nach meiner Meinung in einer eindeutigen Unterschätzung der Onomastik und der mit Hilfe der Untersuchung der Namen bereits abgeklärten Punkte. Im einzelnen sind es:

a) Die mutmaßliche Lage der alten slawischen Siedlungsgebiete kann auch mit Hilfe von botanischen, zoologischen und lexikalischen Fakten eingeengt werden, sofern diese im Namenschatz nachweisbar sind: Eine slawische Urheimat muß möglichst alle der alten Bezeichnungen enthalten.

b) Aus der bekannten Tatsache, daß sich die slawischen Sprachen sogar heute noch recht nahe stehen, darf mit Recht gefolgert werden, daß die Keimzelle des Slawischen relativ klein gewesen sein muß. Die aus der Untersuchung slawischer Gewässerbezeichnungen und davon abgeleiteter Namen festgestellte Konzentration in einem relativ kleinen Gebiet am Nordhang der Karpaten und die daraus vom Rezensenten gezogene Folgerung, daß die Keimzelle des Slawischen eben dort gelegen haben müsse, ist von P. (und anderen) deshalb abgelehnt worden, weil es zu klein sei; ein Widerspruch in sich.

c) Weiterhin wurde gegen das sich aus namenkundlichen Erwägungen herauskristallisierende Gebiet auch von der Autorin des vorliegenden Buches argumentiert, aus so einer kleinen Keimzelle hätte sich unmöglich die Besiedlung riesiger Räume ergeben können. Allerdings spricht P. an anderer Stelle (S. 146) selbst von einer demographischen Explosion slavischer Stämme!

d) Die Annahme einer gemeinsamen balto-slawischen Entwicklung läßt sich hydronymisch in keiner Weise rechtfertigen. Damit erledigen sich die Punkte 3) und 4).

e) Die Gemeinsamkeiten zwischen Slawen, Germanen und Italikern können auch auf Grund der bisherigen Untersuchung der geographischen Namen nur als ererbt betrachtet werden, als Folge von Nachbarschaftsbeziehungen scheiden sie aus.

Nach der Pannonien-These Trubaèevs hat Go³¹b das obere Don-Gebiet als Heimat slawischer Stämme ausmachen wollen. Nimmt man noch die letzten Arbeiten Schelesnikers hinzu, so wäre die südöstliche Ukraine zu favorisieren. P. sieht überhaupt keine Lösungsmöglichkeit. Man fragt sich, warum man nicht dort nach Slawischem sucht, wo es die Toponymie anbietet: im Raum zwischen Pripjet’ und Karpaten sowie Dnjepr und unterer Weichsel. Hier finden sich alle slawischen Namen, die man sich nur wünschen kann. Ich sehe keinen Grund, dieses Gebiet gegen andere Territorien auszutauschen oder, wie P. meint, anzunehmen, es sei mit Hilfe hydronymischer Untersuchungen unmöglich, ein entsprechendes Gebiet überhaupt ermitteln zu können.