Jürgen Udolph: Rezension zu: F. Debus, M. Müller-Wille (Hrsg.), Onomastische Studien zu slawischen Flur- und Siedlungsnamen, Neumünster 2010

Onomastische Studien zu slawischen Flur- und Siedlungsnamen. Ausgewählte Untersuchungen im südlichen Ostseeraum. Hrsg. von Friedhelm D e b u s und Michael M ü l - ler-Wi l l e . (Studien zur Siedlungsgeschichte und Archäologie der Ostseegebiete, Bd. 9.) Wachholtz. Neumünster 2010. 300 S. ISBN 978-3-529-01398-0. (€ 50,–.) Die Publikation entstand im Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt „Starigard/ Oldenburg – Wolin – Novgorod: Besiedlungen im Umland slawischer Herrschaftszentren.
Die archäologische, onomastische und paläobotanische Überlieferung“, einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Unternehmen der Akademie der Wissenschaften und Literatur zu Mainz. Mit den in diesen Band aufgenommenen Untersuchungen soll ein weiterer Beitrag zu der häufig geäußerten Forderung, aus namenkundlicher Sicht zu interdisziplinären Forschungen beizutragen, geleistet werden.
Das Buch beginnt mit einem Geleitwort von Friedhelm D e b u s , dem sich ein erster Teil mit dem Titel „Östliches Holstein“ anschließt, der die Studie „Flurnamen slawischer und slawisch-deutscher Herkunft im östlichen Holstein“ von Antje S c hmi t z und den Beitrag „Flurnamen und ihr historischer Aussagewert. Mit besonderer Berücksichtigung von Mikrotoponymen altpolabischer Herkunft“ von Debus enthält. Der zweite Teil „Westliches
Pomorze/Pommern“ besteht aus nur einer einzelnen, aber sehr umfangreichen Untersuchung von Ewa R z e t e l s k a - F e l e s z k o und Jerzy D uma , „Die alten slawischen Ortsnamen des Stettiner Raumes“ (S. 97-300), einer Untersuchung, die vor 20 Jahren bereits auf Polnisch erschienen ist1 und die nun auch dem des Polnischen nicht mächtigen Interessenten
zugänglich gemacht worden ist. Ergänzt wird diese Studie durch ein Vorwort
der beiden Autoren und ein Nachwort von Ernst E i c h l e r. Angesichts der Übersetzung der älteren Studie kommt meines Erachtens den ersten beiden
Studien eine besondere Bedeutung zu, vor allem deshalb, weil Flurnamenstudien in Ostholstein immer noch eine Rarität sind. Mit Recht heißt es daher in dem Vorwort von Debus, dass in der Untersuchung von Schmitz „erstmals die Flurnamen altpolabischer Herkunft im östlichen Holstein (Kreis Ostholstein) systematisch erfasst, sprachwissenschaftlich analysiert und für die Siedlungsgeschichte ausgewertet“ worden sind (S. 7 f.). 1 EWA RZETELSKA-FELESZKO, JERZY DUMA: Dawne slowianskie nazwy miejscowe Pomorza
Sródkowego [Alte slawische Ortsnamen Mittelpommerns], Wroclaw u.a. 1985.

Debus geht in seinem Beitrag vor allem auf allgemeine Fragen der Flurnamen und deren Bedeutung für die Orts- und Siedlungsgeschichte Ostholsteins ein. Mit Recht erwähnt er den hohen Wert dieser Relikte für die Erforschung der früheren Besiedlung durch slawische Stämme. Vermisst habe ich in diesem Zusammenhang allerdings den Hinweis auf eine wichtige Studie, die vor allem den niedersächsischen (und damit niederdeutschen) Flurnamen gewidmet ist und die man für die Frage, ob von einem niederdeutschen oder einem slawischen Flurnamen auszugehen ist, unbedingt heranziehen sollte.2 Eine Anmerkung muss auch zu der Gleichsetzung Swenter Berg – Wienberg gemacht werden. Während man der Deutung des ersten Namens mit Hilfe von slawisch *svety „heilig“ kaum widersprechen darf, bleiben bei Wienberg und dessen Interpretation als ursprüngliche Wendung *to dem wihen berg „bei dem heiligen Berg“ doch Zweifel, die Wolfgang Laur deutlich formuliert hat: Zum einen sei ein Adjektiv zu altsächsisch wih „Heiligtum“ im Niederdeutschen nicht bezeugt, zum anderen begegnet Wienbarch, Weinberg in Holstein auch dort, wo eine sakrale Deutung nicht möglich ist.3 Dem folgt auch Katharina Falkson,
die in Flurnamen „wie Wienbarg … eine Zusammenziehung von Wieden ‚Weiden‘ oder von wieten, flektiertes wiet adj. ‚weit‘“ vermutet.4 Besonders zu begrüßen ist, wie schon angemerkt wurde, der Beitrag von Schmitz zu
den Flurnamen slawischer und slawisch-deutscher Herkunft im östlichen Holstein. Die Kennerin der Namenlandschaft Ostholsteins schließt mit dieser Studie eine Lücke, was man dankbar zur Kenntnis nehmen muss. Ihren Deutungen kann man zum allergrößten Teil folgen; bei Flurnamen, die schlecht oder erst spät überliefert sind, ist immer mit problematischen Erklärungen zu rechnen. Nur zwei kleine Anmerkungen: Man könnte erwägen, ob der Flurname Prewark, 1855 Prewark (S. 44 f.) nicht vielleicht auf slawisches Prewalk „Übergangsstelle, Landenge“ zurückgehen könnte und -walk zu -wark volksetymologisch umgestaltet worden ist. Die slawische Grundlage findet sich ja bekanntlich in Priwall (S. 45), wobei ich hier einen Hinweis auf die vorliegende5 gesamtslawische Auflistung und Kartierung der damit verbundenen Namen vermisst habe. Im Ganzen liegt ein wertvoller Band vor, der unsere Kenntnis der slawischen Sprachreste in Ostholstein ergänzt und erweitert hat. Namenforschung, Geschichtswissenschaft und Volkskunde sollten ihn bei der weiteren Forschung berücksichtigen.