Rezension zu Aleksander Brückner. Ein polnischer Slavist in Berlin

„Der vorliegende Band versammelt Vorträge, die auf einer Aleksander-Brückner-Tagung gehalten wurden. Diese ... Begegnung fand vom 22. bis 24. Mai 1989 am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin statt“ (Witold Koœny,Vorwort, S. I). Das Buch besteht aus zwei Abschnitten: zuerst werden Leben und Werk des in Berlin tätigen polnischen Slawisten gewürdigt; den Abschluß bilden Texte, „die einen anderen Brückner zeigen ...: ein auf moderne Literatur reagierender Kritiker und sich auf politisch brisante Fragen einlassender Publizist, der sich allerdings immer der wissenschaftlichen Objektivität verpflichtet weiß“ (ebenda).

Dietrich Scholze leitet den Band mit einem Beitrag „Alexander Brückner: Leben - Werk - Vermächtnis“ (S. 1-10) ein. Der von 1856-1939 lebende Slawist verbrachte 58 Jahre seines Lebens in Berlin. Nach Sch. hat es „die deutsche Slavistik ... zu einem guten Teil Aleksander Bückner zu verdanken, daß sie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Indogermanistik emanzipieren und zur selbständigen Disziplin mausern konnte ...“ (S. 1). Trotz des deutsch klingenden Namens war die Familie des in Tarnopol geborenen Slawisten seit mindestens drei Generationen polonisiert. Bereits mit 25 Jahren erreichte ihn der Ruf nach Berlin. Die Berufung war auch von politischen Überlegungen bestimmt, denn man wollte der Unzufriedenheit in den polnischen Landesteilen Preußens begegnen. - Die Intention des Beitrages von Witold Koœny wird in dessen Titel deutlich: Slaven und Deutsche - „Zur Unzertrennlichkeit verurteilte siamesische Zwillinge“. Aleksander Brückners Polentum zwischen Wissenschaft und Politik (S. 11-28). Dem Titel zugrunde liegt ein Zitat Brückners aus dem Jahre 1900: Slaven und Deutsche seien „wahre siamesische Zwillinge, zur Unzertrennlichkeit verurteilt, und trotzdem meistens der eine des anderen schlimmster Feind“. In seiner Funktion als polnischer Slawist in Berlin hat er versucht, dieser schwierigen Position Rechnung zu tragen und auszugleichen, soweit das nur irgend möglich war. Aber noch nach seinem Tode sorgte er für Probleme. - Tadeusz Ulewicz weist in seinem Aufsatz „Über Aleksander Brückner und allerlei Humanistisch-Verlegeri¬sches. Philologische Plaudereien eines Polonisten“ (S. 29-42) darauf hin, daß es „beschämende Bedenken - man könnte fast von Hetze sprechen - gegen den Namen Brückner in der stalinistischen Ära [gab und] daß man in der DDR den Namen eine Zeitlang nicht erwähnen durfte“ (S. 30). Umso dringlicher ist es nach U.,  eine Neuauflage der Arbeiten Brückners vorzubereiten und zu edieren. Zu vieles, was auch für die nachwachsende Generation von Slawisten bedeutsam sein könnte, gerate in Vergessenheit.

Den Arbeiten über die slawische Mythologie ist der Beitrag von Norbert Reiter über Aleksander Brückner und die Götter der Slawen (S. 43-65) gewidmet. Darin wird betont, wie überaus kritisch der Berliner Slawist den mutmaßlichen slawischen Göttern gegenüberstand: Er „hat unter den slavischen Göttern gewütet“ (S. 45). Einige jedoch überstanden Brückners Skepsis, darunter der von ihm „als slavischer Hauptgott inthronisierte Svaro?iè“ (S. 53). Dieser Frage wendet sich R. dann intensiver zu (S. 53-61) und glaubt, nachweisen zu können, daß auch Svarogú nicht als slawischer Gott akzeptiert werden kann. Zunächst beklagt er die Seltenheit des Suffixes -og- (S. 53), das jedoch sowohl in der slawischen Toponmyie wie auch in vorslawischen Namen Polens seine Spuren hinterlassen hat. Einen völlig falschen Weg schlägt R. dann mit Verbindung zwischen slavisch svar, svariti „streiten, zanken“ und deutsch schwören, gotisch swaran ein. Die Irrtümer setzen sich fort: der von R. herangezogene Ortsname Swaro¿in bleibt aufgrund seiner historischen Überlieferung 1282 Swarisevo, 1282 Swariseuo, 1283 Suarisseuo (B. Kreja: Nazwy miejscowe Kociewia i okolicy, Gdañsk 1988, S. 127f.) fern.

Die Analyse von Ortsnamen gehörte ebenfalls zu den Interessen von  Brückner. Diesem Teilbereich ist der Beitrag von Stanislaw Urbañczyk gewidmet: Aleksander Brückner als Namenforscher (S. 67-82). Herausragendes Zeugnis dieser Tätigkeit ist die Habilitationsschrift „Die slavischen Ansiedelungen in der Altmark und im Magdeburgischen“ (1879), deren Qualität durch den mehr als 100 Jahre später erfolgten Nachdruck (Köln, Wien 1984) unterstrichen worden ist (zu Einzelheiten vergleiche man meine Besprechung in Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 56,1989, S. 268f.) und die bis heute nicht ersetzt wurde. Die Arbeit des Philologen verglich Brückner mit der einer „Art Reinemachefrau“: „Seine Arbeit endigt mit dem sauberen Herausschälen des slavischen Materials“ (S. 72). Dabei hatte er die besonderen Probleme erkannt, die mit der Deutung der Flußnamen verbunden sind: „Das Kreuz der Toponomastik sind bekanntlich die Flußnamen, die ältesten und rätselhaftesten Namen“ (S. 79). Diese sind aber nach U. für die „Feststellung der Ursitze der Slaven und die Richtung ihrer Wanderungen“ (S. 79) von entscheidender Bedeutung. Aus der Beobachtung, daß „die größeren Flüsse in Mitteleuropa ... keine slavischen Namen tragen“, zog  Brückner den Schluß, daß die Urheimat der Slaven nicht an Elbe, Oder und Weichsel gelegen haben könne, sondern weiter im Osten (S. 79). Das zog ihm heftige Kritik von polnischen Kollegen zu. Daß dessen Auffassung der Wahrheit näher kommt, als seine Kritiker gedacht hatten, meine ich 1979 gezeigt zu haben. Aber Brückner hatte noch auf ein weiteres Problem verwiesen, das heute in einem anderen Licht erscheint. Er hatte bemängelt, daß man „auf die deutsche Gelehrsamkeit [schimpft], welche den Slaven allen Boden abgraben, sie als späte Eindringlinge, als Avarenschmarotzer, überall ausmerzen wollte und verfällt in denselben Fehler allzugroßer Begehrlichkeit, möchte gar zu gern die Germanen samt und sonders in den skandinavischen Winkel allein hineinzaubern ...“ (S. 79). Die Untersuchung der geographischen Namen Mittel- und Nordeuropas scheint zu zeigen, daß diese Skepsis völlig berechtigt gewesen ist. - Andrzej Borowski stellt  Brückner als Komparatisten vor (S. 83-95) und beurteilt seine Forschungsleistung auf diesem Gebiet mit den Worten: „Der Reichtum an genauen und eingehenden Informationen, Textauszügen und Textabschriften aus den entdeckten und heute vielfach unzugänglichen Quellen, seine immer wieder überraschenden Hypothesen und Einfälle - all das ist immer noch wertvoll und lehrreich für einen modernen Komparatisten“ (S. 94). - Dem Wirken Brückners als Historiker der russischen Literatur geht Klaus-Dieter Seemann (S. 97-112) nach und macht deutlich, daß es diesem in Verbindung mit der Literatur B. oft um kulturgeschichtliche Aspekte ging. Seine Objektivität überdauerte auch in diesem Punkt seinen Tod: „Brückner zeigt sich als ein unbestechlicher Freund der sozialen Freiheiten in Rußland, zu denen die Literatur beigetragen hat. Hierzu gehört, daß er die Sowjetliteratur nicht lieben konnte ..., nur damit verdient er, wie jetzt auch in der Sowjetunion wohl eingesehen werden muß, nicht die Verurteilung als ein aus Feindschaft zur UdSSR rückständiger Russist, als den ihn I. K. Gorskij noch 1971 glaubte bezeichnen zu müssen“ (S. 110). - Den Abschluß des ersten Teils des Sammelbandes bildet Fred Ottens Bemerkungen über „Marcin Bielski als Mittler zwischen West und Ost“ (S. 113-121). Es geht dabei um die Weltchronik Bielskis aus dem 16. Jh., durch die er zu einem Mittler zwischen lateinisch-katholischem Westen und russisch-orthodoxem Osten zu gelten hat. - Ganz ähnlich kann man das gesamte Wirken  Brückners umschreiben: „Brückner hatte in Deutschland ... für Polen [gewirkt]“ (Scholze, S. 8).

Den Abschluß des Bandes bildet ein Textanhang, der Brückner als einen auch zu Tagesthemen Stellung nehmenden Publizisten und Kritiker zeigt; eine gelungene Ergänzung des insgesamt interessanten und anregenden Bandes, der dem Leser einen bedeutenden Slawisten näher bringt, einen Wissenschaftler, der nach dem Urteil von D. Scholze „die Kultur des wissenschaftlichen Rezensierens qualitativ und quantitativ auf eine Höhe führte, wie sie in der deutschen Slavistik, jedenfalls aber der Polonistik, nicht wieder erreicht worden ist“ (S. 7).