Jürgen Udolph: Rezension von Tegelaar A.R.V. Laryngaltheorie versus oudeuropese hydronymie: is er verband tussen de riviernamen Ammer, Ammersån, Hamer, Humber, Sambre, Šembera, Imbros, Ombrone?

Die in niederländischer und zum großen Teil in englischer Sprache abgefaßte Untersuchung (bei Zitaten bevorzuge ich im folgenden die englische Variante) hat ein Thema zum Inhalt, das in dieser Form noch nicht diskutiert worden ist. Ausgangspunkt des Autors ist die Überlegung, die Laryngaltheorie zur Beurteilung der Alteuropäischen Hydronymie H. Krahes und W.P. Schmids einzusetzen und zu prüfen, inwieweit dadurch die Richtigkeit der Alteuropatheorie bestätigt werden kann.

Im einzelnen setzt sich die Untersuchung, gegliedert in neun Kapitel, zwei ergänzende Abschnitte und einige Register, aus folgenden Abschnitten zusammen: einem Vorwort (S. 9) schließt sich eine Einleitung (Kap. 1, S. 11-19) an.

In der Einleitung (S. 11-19) wird die Theorie H. Krahes anhand der systemhaften Beispiele *Amara,  *Amula usw. der Laryngaltheorie (in der „klassischen“ Form mit drei Varianten) gegenübergestellt und die Einteilung des Buches in Kapitel erläuert. - Kapitel 2 befaßt sich mit „´t Amers Gat, Ammers and similar water-names“ (S. 21-44). Der Name des Flüßchens ´t Amers Gat wird von Tegelaar für sehr alt gehalten, jedoch schränkt er selbst ein, daß Herkunft von einem Personennamen nicht ausgeschlossen ist (S. 24). Schon hier muß Kritik angemeldet werden: angesichts der späten Bezeugung (Ersterwähnung: 1674 Groote Rel of Amers Gadt) und der Tatsache, daß wir uns hier in einem Poldergebiet befinden, bedarf es bei einer so diffizilen Materie schon sicherer und besser überlieferter Namen. Diese finden sich z.B. unter Ammers, Oude Ammers u.a. (S. 31ff., kartiert S. 42), wobei eine Entwicklung *Ambrussa > Ambres > Ambers > Ammers (S. 35) angenommen wird. In dem nur niederländisch verfaßten Kapitel 3 bahnt sich unter dem Thema „De samenhang tussen de riviernamen Amer en Hamer“ (S. 45-63) bereits als zentraler Punkt der Diskussion die Frage an, ob nicht die beiden Gruppen mit ihren anlautenden Ha- und A- in einem Verhältnis zueinander stehen. Zunächst wird jedoch vor allem das zu behandelnde Material in verschiedenen Gruppen geboten: a.) Amer, Amer-diep, b.) Hameren, Hammerbek, Ham, Hambeek, c.) Hemert, alt Hamaritda. Weiter ausgeführt wird dieses dann im vierten Kapitel „The Amer and the Hamer in the context of Krahe’s theories“ (S. 65-112). Tegelaar kritisiert die schon von H. Krahe vertretene Auffassung, Gewässernamen wie Ammer u.a. könnten mit idg. *am- „Wasserlauf, Kanal“ in alb. amë, heth. ami?ara, griech. PìÜñá usw. verbunden werden: „In my view this cannot hold out“ (S. 65) und zweifelt offenbar generall an einem Wurzelansatz *am-: „I hold that the acceptance of a root *am- has to be abandoned (such a root may have existed, but it has no bearing on the present river-names)“ (S. 65). Im einzelnen sei nach Tegelaar noch zu korrigieren (woraus sich die Basis für eine laryngalistische Deutung ergibt): 1.) Krahes Ansatz *Amaroa für niederländische Gewässernamen sei in *Amaros zu verbessern; 2.) die Geminata  -mm- erschwert zusätzlich die Etymologie; 3.) bei etlichen Namen sei eine Grundform *Ambrina/*Ambrana (> Ambren/Ambron > ndl. Ammeren, dt. Amern) vorzuziehen; 4.) es sei im larygalistischen Sinn von einer Wurzel *vmb- + -r-Suffix auszugehen, wodurch sich für Hamer  *hvmbros ergäbe; 5.) keltisch beeinflußtes Material, wie z.B. Sambre ? Maas, alt Sambra,. könne wegen span., portug. sombra „Schatten“ gegenüber lat. umbra hier ebenfalls angeschlossen werden; 6.) germanische Namen wie Hamer können, wenn sie mit lat. imber usw. verbunden werden, nicht auf „normalen“ Wege erklärt werden (idg. *k- > germ. *h-). Nach Tegelaar kann hier ein spirantisches Element eine Rolle gespielt haben; er verweist auf ahd. gambar „kraftvoll“, auf Alten-, Neuengamme und erwägt Zusammenhang mit den Sugambri. Aus diesen Argumenten folgt: der schwankende Anlaut spricht dafür, daß eine Wurzel mit Laryngal anzusetzen ist. Unter anderem werden folgende Lautentwicklungen vermutet: 1.) „Proto (Italo-) Celtic sv- > late Celtic (among which Gaulish, British, Irish (Gaelic)/Italic (among with Latin) v-“; 2.) „Proto-Germanic hv- ¿ h= [?/?]? > hv- > hv- > late Germanic v-“ (S. 131). Etliche Auflistungen von Gewässernamen samt Kartierung (S. 161) sollen die Streuung der Varianten demonstrieren. - Paralipomena (Kap. 8), in denen es vor allem das hohe Alter der geographischen Namen, um H. Krahes Theorie und dessen Auswirkungen auf die Gliederung der idg. Sprachen geht (S. 163-177), ein „(s)fragment“ (Kap. 9), das sich Fragen der Rekonstruktion widmet (S. 179-185), ein Aanhangsel I, das sich um die Etymologie von ham und hamrik (nach Tegelaar: < hambrik) bemüht (S. 187-191) und Appendix II mit der Frage „Can it be established, that a geographical name ist of non-Indo-European stock?“ (S. 192-194) sind die letzten Kapitel des Buches. Nach Tegelaar ist die Existenz eines nichtidg. Namens grundsätzlich möglich, aber Fragen und Beweisbarkeit bleiben offen. - Ein Verzeichnis der Karten, Symbole, Abkürzungen, der benutzten Literatur und ein Namenregister (S. 195-208) beschließen den Band.

Wenn der Autor mit seiner Meinung recht hätte, zöge nicht nur die alteuropäische Hydronymie sondern auch auch die Laryngaltheorie aus dem Beitrag Gewinn. Der Versuch krankt aber an unzureichender Aufbereitung des Materials. Hier einige Beispiele: zwischen den Sippen *am- (ausführlich dargeboten in meinem Beitrag Alteuropäische und germanische Namen in Brandenburg und seiner Umgebung. In: Beiträge zur Entstehung und Entwicklung der Stadt Brandenburg im Mittelalter, Berlin-New York 1993, S. 7-16) und *emb(h)r-, *omb(h)r-, *mo b(h)r- ist grundsätzlich zu unterscheiden; vor einer Vermengung ist zu warnen. Namen wie Hameln, Hamburg, Hemeln sind von germ. *ham- „Ecke, Winkel“ nicht zu trennen, vgl. U. Ohainski, J. Udolph, Die Ortsnamen des Landkreises und der Stadt Hannover, Bielefeld 1998, S. 202f. und M. Gelling, The Element hamm in English Place-Names, Namn och Bygd 48(1960)140-162. Der Ortsname Hombressen bei Hofgeismar hat mit Gewässernamen nichts zu tun (entgegen S. 87), er gehört mit dem Beleg von 1185 in ... Hu(m)bahtisse(n) zu einem Personennamen Humbracht + -husen (vgl. K. Andrießen, Siedlungsnamen in Hessen. Verbreitung und Entfaltung bis 1200, Marburg 1990, S. 102). Ebenso gehört der Gammelsbach ? Neckar (S. 87) natürlich keineswegs zur alteuropäischen Hydronymie. Der Name Emmerborn bei Stadtoldendorf kann angesichts des ältesten Beleges (nach 1539) Eimerborn (H. Kleinau, Geschichtliches Ortsverzeichnis des Landes Braunschweig, Teil 1 , Hildesheim 1967, S. 175) kaum zu *Embr- gestellt werden (S. 93). Schemmerbach (? Wehre ? Werra) verlangt zusammen mit dem ON. Schemmern wegen des Beleges um 990 (K. 12.Jh.) Scamberaha (Andrießen, op. cit., S. 161) einen Ansatz *Skamb-r-aha. Wie soll eine Beziehung zu Emmer, Immer (S. 93) hergestellt werden? Ebenso wenig gehört Schambach hierher, sondern zu ahd. scam „kurz“. Die Zusammenstellung Samern, Sümmern, Sommerach, Sömmern, Simmelbuch, Schimmelbach (S. 95) ist ein Beispiel für die Arbeitsweise des Autors: Namen unterschiedlichster Herkunft werden verfehltermaßen mit einander verbunden; eine saubere Differenzierung ist unerläßlich. Ein weiteres Beispiel: der Anlaut d. Šembera, Fluß in Böhmen, wird als keltische Entwicklung aufgefaßt und mit dem Namen d. Sambre vergleichen. Bisher erklärte man Šember, Šemberk aus dt. Schönberg, zweifellos die bessere Etymologie. Verfehlt ist auch die Einordnung der Karte 21 (S. 128) eingetragenen slavischen Ortsnamen Sambir/Sambor, Sombor, Samobor, die mit einem Gewässernamen nichts zu tun haben.

Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Unzureichende Materialaufbereitung und verfehlte Etymologien sind nicht zu übersehen. Kritik an H. Krahes Alteuropäischer Hydronymie ist schon aus unterschiedlichster Blickrichtung geübt worden, bisher konnte sie in ihren Grundfesten nicht erschüttert werden; im Gegenteil, baltisches, slavisches und germanisches Material - um nur einige Bereiche herauszugreifen - haben in letzter Zeit erheblich zu ihrer Stützung beigetragen. Die vorliegende Untersuchung  trägt, obwohl ihr Ansatz nicht ohne Reiz ist, ebenfalls nicht zu einer Schwächung der Theorie bei. Leider profitiert aber von ihr weder die Alteuropäische Hydronymie noch die Laryngaltheorie; die Schwächen sind nicht zu übersehen.