Orts-, Gewässer- und Flurnamen des Wendlandes und der Altmark

Die folgenden Bemerkungen zu Ortsnamen des Wendlandes und der Alt¬mark entstanden im wesentlichen im Zusammenhang mit der Beschäftigung mit R. OLESCHs großem Werk, dem Thesaurus linguae dravaenopolabicae . In der Einleitung zu diesem Kompendium heißt es nämlich: „In den The¬saurus nicht aufgenommen wurden die Ortsnamen slavischer Provenienz des Wendlandes. Dieses in seiner historischen Entwicklung durch deutsche Spracheinflüsse umgeformte onomastische Material bedarf einer gesonderten Erfassung wie Behandlung und gehört eigentlich nicht in das Wörterver¬zeichnis eines Thesaurus“ . Dieser Auffassung kann man ein Wort von E. EICHLER gegenüber stellen. Er hat die Unberücksichtigung des onymischen Materials mit den Worten kritisiert: „Für viele Etymologen ist das aus To¬ponymen gewonnene Wortmaterial gleichsam zweitrangig und mit Makeln behaftet“ . Dabei bieten die Namen gegenüber dem Wortschatz einer Spra¬che neben anderem vor allem zwei Vorteile: 1. In ihnen ist gelegentlich äl¬teres Wortgut nachweisbar als in den Appellativa, 2. dank ihrer Lokalisie¬rung bieten sie wichtige Hinweise auf die ursprüngliche Verbreitung eines Wortes und können daher zur Siedlungsgeschichte beitragen. Beide Aspekte möchte ich anhand ausgewählter dravänopolabischer und altmärkischer Ortsnamen näher beleuchten.

1. Clenze. R. OLESCH hat diesen Ortsnamen auf eine Grundform *Kles.ka zurückgeführt und K. POLANSKIs Deutung als „Niederung“ zu polnisch wklesnac „einsinken“, cechisch klesati „sinken“, aufgegriffen . Dagegen sprechen aber schon die ältesten Belege dieses früh überlieferten Toponyms: 1004 Claniki in Dreuani, 1017 (Kopie 15. Jh.) Claniki, 1039 (Kopie 15. Jh.) Claniki , 1289 bona sclavicalia ... in Poklentze, 1330/52 Clentze, 1360 en hof to Clentze, 1394 Clentze6. R. MÖLLER erwägt7 folgende Deutung: „Ob, mit Suffix -ika, -ica, zu pola¬bisch-pomoranisch *klen „Ahorn“, wie bei a. 1340 Klenouwe = Kleinau, Kreis Osterburg?“. K. POLANSKI hielt diese Deu¬tung für phonetisch unmög¬lich, jedoch sind ihm die wichtigen alten Belege des Ortsnamens offenbar unbekannt geblieben. Schon K. MUKA8 und P. ROST9 hatten an eine Ver¬bindung zu dem slavischen Ahorn-Wort gedacht. Eine Entwicklung *Klenici oder *Klen.c. > Clenze ist unproblematisch. Es fragt sich aber, ob damit die älteren Belege mit -a- im Wurzelvokal (Claniki) vereinbart werden können. Näher liegt wahrscheinlich eine Grundform *Klan.c., die zwanglos mit ser¬bokroat. klánac, Gen. klánca „Engpaß, Hohlweg, Talenge“, kajkav. klánjec „Tal, schmaler Weg“ usw.10 verbunden werden kann. Zur Frage, wie die Verbindung eines draväno¬polabischen Ortsnamens mit südslavischen Appel¬lativen zu verstehen und zu erklären ist, werde ich noch ausführlich einge¬hen und dabei auf den Orts¬namen Clenze zurückkommen (s.u.).

2. Auch im Fall des nach R. OLESCH „nicht sicher deutbar(en)“ Ortsnamens Weidars „Dannenberg“ kann die Toponymie weiterhelfen. So findet sich in Edward BREZAs Untersuchung der Toponymie des Kreises Berent  in ei¬nem Beleg vom Jahre 1631 die Bemerkung: „Dafür erhält [er] 1,5 Hufen Land, davon 1 Stück, Widarnia genannt“ und 1774 [in einer Übersetzung aus dem Lateinischen von 1886] „mit allen Gründen, Klocen (d.h. Neuland), Austheilungen (wydarznia), Gärten und Wiesen“. Daran schließt E. BREZA je zwei Flurnamen Wydarnia, Wydarznia sowie Wydzieradlo an, die zu dem nicht mehr belegten Appellativum wydarnia, wydarznia „nach der Rodung neu zu beackerndes Land“ zu stellen sind“. Aus denselben Elementen, näm¬lich dem Präfix vy- und dem Verbalelement *d.rat- zusammengesetzt sind zahlreiche Flurnamen Polens wie Wydarta (mehrfach)  und Wydartowo. S. Kozierowski hat darüber hinaus auch auf poln. wydarty, polabisch wådårty „abgerissenes Stück Land“ aufmerksam gemacht.

Ein besonders schwieriges Problem stellen Toponyme dar, die älteren Schichten angehören; nicht selten handelt es sich dabei bekanntermaßen um Gewässernamen. Diese machen oft den Eindruck, als ließen sie sich aus der entsprechenden Einzelsprache erklären, aber bei genauerer Prüfung stellen sich dann Zweifel an dieser Zuordnung ein. Mir scheint, daß auch bei ei¬nem Namen des von R. OLESCH behandelten Materials eine vorslavische Deutung in Frage kommt. Es handelt sich um den Flußnamen Garte, der offenbar dem Ort Gartow seinen Namen gegeben hat.

3. Gartow und die Garte. Die historischen Belege für diesen Orts- und Ge¬wässernamen, heute Unterlaufname der Seege, liegen jetzt in der Hy¬dronymia Germaniae, Lieferung 1614, vor. Die von R. TRAUTMANN vertre¬tene und von R. OLESCH übernommene  Deutung des Ortsnamens Gartow zu slavisch chart. „Windhund“ ist vor allem deshalb nicht sehr überzeugend, weil die von R. TRAUTMANN verglichenen mutmaßlich slavischen Namen vor allem Gewässernamen, darunter den Görtow-See bei Neustrelitz, um¬fassen. Gerade bei einem Seenamen sehe ich aber semantische Probleme, an eine Verbindung zum Windhund zu denken. Vielleicht liegt eher volksety¬mologischer Einfluß vor. Entsprechendes läßt sich bei nicht wenigen Hy¬dronymen im Norden Polens beobachten: die dort anzutreffenden Namen wie Gardiene, Gardaun, Gardena und so weiter werden immer wieder mit dem slavischen Stadt- und Burgwort um polnisch gród verbunden. Auch diese Deutung überzeugt meines Erachtens nicht. Löst man aber den Blick vom Slavischen, so stößt man bald auf eine ganze Reihe von Gewässerna¬men, deren endgültige Deutung noch nicht gelungen ist, die aber durch ihre Verbreitung einzelsprachliche Herkunft ausschließen. Ich führe hier ohne nähere Angaben über historische Belege und bisherige Deutungen nur an: Garte, Nebenfluß der Leine bei Göttingen; Gartach, Fluß im Neckargebiet; *Gard-apa, verschwundener Flußname bei Köln; Horodzieja, Ge¬wässer in Weißrußland; Gardine, Gardaun, Gard-upel, Gard-upel'ka, Gardena, Gardi¬nas, Garduva, Gardenga, Fluß- und Seenamen im Baltikum, Ostpreußen und nördlichen Polen. Diese Streuung mit dem sich deutlich abzeichnenden Zentrum im Baltikum ist typisch für einen alteuropäischen, indogermani¬schen Namen, in den ich auch die Garte und Gartow einbeziehen möchte. Ein sicherer Anschluß an ein belegtes Appellativum steht allerdings noch aus.

Mit dem Namen der Garte bin ich zeitlich vor die slavische Namengebung des Wendlandes zurück¬gegangen. Unter der slavischen Schicht liegt offen¬bar Älteres verborgen. Ich möchte diesen Bereich aber wieder verlassen und auf die slavischen Namen zurückkommen. Das Wendland, die Altmark und die angrenzenden slavischen Siedlungsgebiete weisen nämlich in ihrer No¬menklatur eine Besonderheit auf, die bisher - soweit ich sehe - noch nicht erkannt worden ist  und die für die Siedlungsgeschichte von einiger Be¬deutung zu sein scheint. Da diese Erscheinung auch den appellativischen Wortschatz des Dravänopolabischen betrifft, habe ich diesen im folgenden mit einbezogen.

Es steht außer Frage, daß das Polabische dem Westslavischen zuzuordnen ist. Auf Schritt und Tritt zeigt sich, daß die Beziehungen zum Polnischen, Sorbischen, Cechischen und Slovakischen besonders eng sind. Es gibt aber auch Fälle, in denen auch die übrigen slavischen Sprachen herangezogen werden müssen. R. OLESCH hat diese Erscheinung im Vorwort seines The¬saurus wie folgt ausgedrückt: „Als Vergleichsmaterial werden im Regelfall nur Belegungen aus dem Lechischen und Sorbischen herangezogen. Wenn in diesen Sprachen entsprechende Vergleiche fehlen, und auch sonst in Ein¬zelfällen, greift der Thesaurus nach Belegmöglichkeiten aus anderen slavi¬schen Spra¬chen“.

Es hat nun den Anschein, als ließen sich bei einigen Appellativen und vor allem bei einigen Namenparallelen besondere Beziehungen zum Cechischen und Slovakischen, aber auch zum Südslavischen, herausarbeiten, die einer Kommentierung bedürfen. Anhand einiger Beispiele möchte ich an dieses Phänomen mit Kartierungen und dem Versuch einer Deutung herangehen.

4. Das dravänische Appellativum Waten „Zaun“ führt R. OLESCH überzeu¬gend auf slavisch *otyn  zurück . Er vergleicht es mit altkirchenslavisch tyn  „        , murus“. Wesentlich näher liegen aber russisch dialektal otyn'e (Pskov, Tver') „am Zaun gelegene Fläche, schmaler Fußweg am Zaun“  sowie cechisch dialektal oten „Zaun“, worüber F. BEZLAJ mehrfach ausführ¬lich gehandelt hat . In Andeutungen ist auch schon R. TRAUTMANN  darauf eingegangen. Die Ausführungen von F. BEZLAJ sind vor allem des¬halb von Bedeutung, weil er in Anlehnung an R. TRAUTMANN unter Einbe¬ziehung der Toponymie zwei Ablautvarianten im Slavischen herausarbeiten konnte. Zum einen *ot n- in dem cechischen Appellativum, aber auch in den jugoslavischen Ortsnamen Otanj und Hotan, sowie nach R. TRAUTMANN in den Namen Wotenitz, Woeten und anderen, zum anderen ist die Variante *otyn- anzusetzen in polabisch waten und russisch dialektal otyn'e. Zur letzteren Ablautvariante hat F. BEZLAJ kein onomastisches Material stellen können, aber diese Lücke kann geschlossen werden; man vergleiche: Otynja, Otynevyci, Ortsnamen in der Ukraine , die die Autoren des Sammelbandes Istorija mist i sil Ukraïns'koï RSR  meines Erachtens zurecht zu otyn „nevelikij zamok, otocenij valami“ gestellt haben, weiterhin Otín, mehrere Ortsnamen in Mähren , Otyn = Deutsch-Wartenberg (in Schlesien), 1491 Otin alio nomine Warttenberg , hier anzuschließen sind sicher auch drei Ortsnamen Otín in Böhmen . Im allgemeinen werden diese Toponyme mit slavischen Personennamen verbunden, es ist aber sehr genau zu prüfen, ob nicht das oben genannte slavische Appellativum zugrunde liegt. Der von R. OLESCH (nach M. VASMER) herangezogene polnische Ortsname Tyniec  ist meines Erachtens weniger belastbar, da auch slavisch *tyn', tynja „Sumpf“ zugrunde liegen kann.  Die Kartierung der hier zusammengestellten Na¬men (s. Karte 1, S. ý; [hier einfügen]) zeigt, daß das nordwestslavische Ge¬biet vor allem mit Böhmen, aber auch mit dem Balkan verbunden ist.

5. Ganz ähnlich gelagert ist die Verbreitung bei den mit polabisch wûmbâl „Brunnen“ verwandten Namen. Bei der Etymologie des dravänischen Wortes mußte R. OLESCH notgedrungen auf südslavisches Material zurückgreifen , nämlich auf serbokroatisch ubao (Genitiv ûbla), bulgarisch vubel „Brunnen“. Ein altrussischer Beleg bei Sreznevskij wird wohl als Kirchenslavismus aufzufassen sein.  Von besonderer Bedeutung ist nun die Verbreitung der davon abgeleiteten Ortsnamen (s. Karte 2, S. ý[hier einfügen]). Das Polabi¬sche ist mit drei Flurnamen beteiligt: Vamleitz, Fammels und Fummels. Die Verbindungen zu Mähren und zur Slovakei sowie zu den südslavischen Entsprechungen im Namenbestand sind deutlich erkennbar.

6. Die engen Verbindungen zwischen dem Hannoverschen Wendland und der Altmark sind bekannt. Die hier an zwei Beispielen skizzierte Erschei¬nung findet auch in der Altmark Parallelen. Allerdings gibt es dabei noch eine Besonderheit. Das einzige slavische Wort, das zur Deutung der Namen herangezogen werden kann, ist nur aus einem slovenischen Dialekt bekannt. Es handelt sich um slovenisch mozirje „Moor“, das außer in südslavischen Ortsnamen wie Mozirje auch in Oberösterreich begegnet (Moserling), in der Ukraine (Mozyr'), in Böhmen (Mojzír, dt. Mosern) und nicht selten in der Altmark und östlich davon: Möser bei Burg, auch ein Wüstungsname im ehemaligen Kreis Jerichow II, weiterhin Kirchmöser, Ortsteil von Branden¬burg an der Havel und andere mehr.  Die Verbreitung der Namen (Karte 3, S. ý[hier einfügen]) zeigt deutlich die Verbindung mit Böhmen und dem südslavischen Sprachgebiet. Nur am Rand sei erwähnt, daß unser Wort mit den weit bekannteren Namen Masuren und Masowien verwandt sein dürfte.

7. Die nur aus dem Südslavischen bekannte Sippe um serbokroatisch, bul¬garisch und slovenisch lokva „Pfütze, Teich, See“ muß wegen der sicheren außerslavischen Verwandten wie lateinisch lacus und irisch loch „See“ (Loch Ness) auch dem Gemeinslavischen zugerechnet werden. Es ist daher nicht verwunderlich, daß vor allem das Südslavische davon abgeleitete Namen kennt (Karte 4, Seite ý[hier einfügen]). Die Häufungen auf dem Balkan sind unverkennbar. Umso auffälliger ist der Nachweis eines Namens in Westungarn sowie in Thüringen und Mecklenburg. Das Wendland und die Altmark scheinen nach den bisherigen Untersuchungen keinen Anteil an der Verbreitung zu haben, jedoch umschließen die Belege im südlichen Thüringen und der Ortsname Lockwisch östlich von Lübeck unseren Raum. Ich habe diesen Fall daher hier aufgenommen, denn eine Verbindung zwi¬schen den westslavischen Namen und der Verbreitung auf dem Balkan scheint zu bestehen. Die Lücken in der Tschechoslovakei und in Polen mö¬gen auch dadurch erklärt werden können, daß ein Ansatz *lokva bzw. *lokvica schon sehr früh unter den Einfluß der Sippe um slavisch luka, lu¬kavica geriet. So könnte dieses bei dem mährischen Ortsnamen Lukovany der Fall sein, denn dessen älteste Belege lauten 1269 de Lochwan, 1410 von Lokowan, 1674 Lochkowan. Allerdings bleiben Unklarheiten (s. L. HOSÁK und R. SRÁMEK ) bestehen. In die Karte wurde er daher nicht aufgenom¬men, obwohl er durch seine geographische Lage das gesuchte Bindeglied zwischen südslavischen und nordwestslavischen Namen sein könnte.

8. Nicht ganz so eindeutig ist die Streuung der Namen bei unserem näch¬sten Beispiel (Karte 5, ý[hier einfügen]). Die hier kartierten Topo- und Hydronyme enthalten slavisch br n-, ablautend bryn-, eine Wurzel, die ap¬pellativisch vor allem im Südslavischen belegt werden kann, so zum Beispiel in slovenisch brn „Flußschlamm“, serbokroatisch (veraltet) brna „Kot, Erde“ und so weiter.  Die slavischen Namen in der Altmark und in Mecklen¬burg, 1247 Brence terra, 1230 Land Brenitz, ON. Brenz, Kr. Parchim und Ludwigslust, Brenneiz, Flurname bei Darnebeck, und andere mehr, sind aber vielleicht doch eher mit den südlich davon an der Elbe liegenden To¬ponymen in Sachsen und Nordböhmen als mit den nordwestpolnischen zu verbinden. Gewisse Unsicherheiten gestehe ich aber gerne ein.

9. Umstritten ist die Deutung für den Flurnamen Zopeneitz bei Neritz nahe Wustrow. ROST, KÜHNEL und MUKA erwägen wie E. KAISER  eine Her¬leitung aus slavisch *sopot nic-, zu sopot „Wasserfall“. Da diese Deutung zwar möglich, aber nicht sicher ist, habe ich diesen Flurnamen bei der Kartierung übergangen. Daß das Polabische dieses Wort aber noch gekannt und zur Namengebung verwendet haben muß, erhellt der Flurname Seeput¬zenwiese an der Schwentine, Kreis Plön. Mit ihm ist der abgegangene Orts¬name Zuppute, der zwischen 1222 und 1232 in den Quellen erscheint , verwandt. Von slavisch sopot „Quelle, Wasserfall“ abgeleitete Namen finden sich in weiten Bereichen der ehemals und jetzt von Slaven besiedelten Ge¬biete (Karte 6, ¯[hier einfügen]). Man sieht, daß der schleswig-holsteini¬sche Name recht isoliert steht. Wo sind seine nächsten Verwandten zu su¬chen? Wenn unser Flurname aus der Nähe von Wustrow belastet werden kann, würde bereits er allein schon den Ausschlag dafür geben, den Na¬menkonzentrationen in Nordostbayern und den angrenzenden Gebieten be¬sondere Aufmerksamkeit zu schenken. Die Verbindung zum nordböhmi¬schen und mährischen Raum wäre dann kein großes Problem mehr.

10. Die Verbindung mit dem Balkan läßt sich noch an weiteren Beispielen zeigen. Die Ortsnamen Schutschur und Neu-Schutschur an der Elbe konnte P. KÜHNEL „aus Mangel älterer urkundlicher Formen nicht sicher ... erklä¬ren“.  Wahrscheinlich liegt das Problem vor allem darin, daß Namenparal¬lelen im Westslavischen so gut wie unbekannt sind. Allein ein Flurname Czoczora in Galizien  und der Seename Czuczarz, dt. Zützer See, bei Zützer, poln. Szczuczarz, im Gebiet der Drage/Drawa  wären hier zu nennen. Umso ertragreicher ist der Blick zum Balkan: dort finden sich sowohl Appellativa, so im Bulgarischen und Makedonischen als cucur „röhrenförmige Quelle, Wasserstelle, kleine Quelle, die durch eine Holzröhre fließt“  wie auch zahlreiche Orts- und Flurnamen. Es begegnet im bulga¬rischen Ortsnamenbestand sehr häufig, ein Dutzend Namen nennt G. Chri¬STOV , vgl. weiterhin die Angaben bei K. POPOV , I. DURIDANOV  und A. SALAMBASEV . Fast jede bulgarische Kreisarbeit bietet weitere Belege. Man vergleiche weiter den Bergnamen Cecurska bei Z. CANKOV , den Flurnamen Cocura in Bulgarien , evtl. auch den Flußnamen Cucerje bei E. DICKENMANN , schließlich die rumänischen Ortsnamen Ciuciurile, Ciucure¬sti, Ciucurova . Von Bedeutung ist dabei allerdings, daß rumänische Ort¬namen wie Ciuciurile von dem rumänischen Appellativum ciuciur, ciciúr „fontaine, sipot“, also „Wasserfall“, aromunisch cucurari „dasselbe“, abgeleitet werden.  Eine Entlehung aus dem Slavischen in das Rumänische (oder etwa umgekehrt?) scheint möglich. Das slavische Wort wird im allgemeinen als onomatopoetische Bildung aufgefaßt. Gerade die Ortsnamen an der Elbe zeigen aber doch wohl, daß das Slavische schon früh ein entsprechendes Appellativum gekannt haben muß, und daß eine Entlehnung aus dem Ru¬mänischen als Grundlage für die Namengebung im Wendland nicht in Frage kommt. Die Verbreitungskarte (Karte 7, S. ý[hier einfügen]) gibt einen Überblick über die Verbreitung der Namen.

11. Oben wurde bereits der Ortsname Clenze erwähnt und zur Etymologie Stellung genommen. Da auf Grund der konsequenten Überlieferung mit -a- in der Stammsilbe (Claniki) eine Herleitung aus slav. *klen- „Ahorn“ nicht überzeugt, ist ein Anschluß an serbokroat. klánac, Gen. klánca „Engpaß, Hohlweg, Talenge“, kajkav. klánjec „Tal, schmaler Weg“, sloven. klánec „Hohlweg, Gebirgsweg, Dorfgasse, Rinnsal eines Baches“ vorzuziehen. Dazu neu gebildet sind serbokroat. kláncic, kláncina . Dieses Appellativum ist offenbar nur im Südslavischen und Cechischen (klanec „Abgrund, Tal, Bergsenkung, Sattel eines Berges“)  belegt, besitzt aber etymologisch mit einer im gesamten Slavischen belegten Sippe um altkirchenslavisch kloniti „neigen, senken“ Verwandte im Baltischen, sowohl mit entsprechender Ab¬lautstufe in lit. klanas, lett. klans „Pfütze, Lache“, ursprünglich „Neigung, Senkung“, wie auch mit Abtönung in lit. klonis „niedrige Stelle im Acker“, klonys „Tal“, klone „Niederung“ . In einem ersten Versuch möchte ich im folgenden eine Zusammenstellung der zu den slavischen Appellativen ge¬hörenden geographischen Namen geben, wobei sich das südslavische Mate¬rial wohl noch ergänzen ließe. Für unsere Frage nach der Beziehung des dravänischen Ortsnamens Clenze mit den südslavischen Wörtern um serbo¬kroatisch klanac reicht die folgende Zusammenstellung aber mit Sicherheit aus.

a.) Südslavische Namen: Klance, FlurN. auf Krk ; Klanac, 1426 Clanaz, FlurN. auf der Insel Premuda ; Klanac, FlurN. auf der Insel Pag ; Kla¬nac, Klanci, Flurnamen bei Niksic ; Klanác, FlurN. bei Nevesinje ; Klá¬nac, FlurN. in der Boka Kotorska ; Klanci, FlurN. bei Rijeka ; Klanci, FlurN. bei Burmazi (Hercegovina) ; Klanjecko, ON. bei Krapina in Kroa¬tien, dort auch Klanjecko Jezero ; slovenische Namen finden sich bei F. BEZLAJ : Klancnica, Klanska Jezera, Zaklanec, Klancici, Na Klancu, Klancji Graben, Klancji Potok, Klanec (1333 Klanz, 1351 Chlanz), Klance, Klanci (1269 Glanncz), Podklanec bei Maribor, 1191 Potglanz; Zaklanec, 1344 Zachantz, sehr häufig sind Flurnamen. Auch Österreich kennt ent¬sprechende Namen, so in Kärnten Glantschach, 10. Jh. in loco Globzach < *klancane , in Tirol 3 Ortsnamen Glanz , in der Steiermark mehrfach Glantz , fast 10 Namen, die auf eine Grundform *Klanec zurückgehen, listet O. KRONSTEINER  auf. In Ungarn lassen sich nachweisen: Klánci, FlurN. nördlich von Budapest , Klanác, FlurN. bei Csobánc ; Klanac, Bergname bei Pilisszentlászló . Aus Rumänien dürfte der Ortsname Cla¬nita, südwestl. von Bukarest , heranzuziehen sein, in Griechenland hat M. VASMER  eine Entsprechung in dem Ortsnamen Glanitziá vermutet .

b.) Von besonderem Interesse ist nun der Nachweis im west- und ostslavi¬schen Gebiet. Man vergleiche: Klanecná, Ortname bei Havl. Brod in Böh¬men und Klanecnice, Zufluß d. Váh, die nach A. PROFOUS  zu cech. klanec „risculus, zábronozec, Pflanze aus der Gattung der Lupinen“ gehören sollen, was in Anbetracht des Nachweises des cechischen Appellativums klanec „Tal, Abhang usw.“ (vgl. oben) mehr als fraglich ist. In Südpolen sind zu vergleichen Klanina, 789 m hoher Berg (!) bei Limanowa, nach E. PAWLOWSKI  „z gwarowym przejsciem eN > aN“ zu poln. klenina „Ahornwäldchen“. Der vermutete dialektale Übergang fehlt aber in den beanchbarten Flurnamen Kleniowa , und so hat E. PAWLOWSKI selbst Zweifel bei dem Namen Klan' (bezieht sich auf einen Wald, einen Berghang (!) und einen kleinen Ort) bei Lososina Dolna, mua. Klåj, der mit dem oben angesprochenen mundartlichen Wechsel aus *Klenie gedeutet wird , denn er fügt als Ergänzung hinzu: „Ale mogloby tez byc z rum. clana, cla¬nia 'Haufe Garben im Felde'„ . Alle Schwierigkeiten kann man umgehen, wenn man eine Beziehung zu den oben genannten cechischen und südslavi¬schen Wörtern und Namen herstellt und noch den von J.B. RUDNYC'KYJ  ungedeutet gelassenen Ortsnamen Klan bei Tworylne nahe Sanok heranzieht. Die im Norden Polens liegenden Ortsnamen Klanino und Klaniny, deren Deutung bisher Schwierigkeiten machte, bleiben hier wohl fern, da der Stammsilbenvokalismus durch kaschubischen Lautwandel < *-e- erklärt werden kann .

Schließlich sind hier einige Flurnamen aus dem Hannoverschen Wend¬land zu nennen, wobei allerdings schon P. Rost mit Recht bemerkt hat :“ viel¬leicht teilweise zu klan c , teilweise zu klen, Ahorn; eine sichere Scheidung ist nicht möglich“. Mit einiger Wahrscheinlichkeit gehören hierher: Klanatz Stücke, FlurN. bei Langenbrügge ; Klanzei, FlurN. bei Ganse ; Noth-Klanzen, Klans¬wiesen, hinter dem Klans ; die Klanze, FlurN. bei Weyhau¬sen nahe Fallersleben , Clans-See bei Mechow, 1578 Der Klans ; schließlich auf dem Klenzerfelde (bei Sellien) mit der interessanten Bemer¬kung von P. KÜHNEL: „scheint mit dem meilenweit entfernten Klenze ... nichts zu thun zu haben, ist aber zu erklären wie jenes, zu altsl. klanici 'Biegung', nsl. klanec 'Hohlweg', serb. klanac 'Engpaß'; 'das Wort fehlt poln. u.s.w.“ . Hierher gehört auf jeden Fall der oben schon behandelte Ortsname Clenze, vielleicht auch noch der Flurname Klansch im Kreis Meißen, bei dem nach E. EICHLER und K. RÖSEL  fraglich ist, ob er zu slav. klen „Ahorn“ gestellt werden kann. Damit können wir die Zusammen¬stellung der Ortsnamen beenden.

Zur Etymologie des slavischen Wortes ist noch zu bemerken, daß nach R. OLESCH  die von P. ROST, E. BERNEKER u.a. vorgeschlagene Verbindung von dravänopolab. clangsey, clangzey „Hinterhof“ mit unserem Wort ver¬fehlt ist. Ebenso wenig überzeugt der von O.N. Trubacev  vorgeschlagene Weg über urslav. *koln.c. sowie die dort von V. Machek übernommene An¬sicht, das cechische Appellativum sei eine Buchentlehnung aus dem Serbo¬kroatischen. Dagegen sprechen die böhmischen, mährischen, südpolnischen und polabischen Namen.

Betrachten wir uns nun die Verbreitung der mit dem Ortsnamen Clenze verwandten slavischen Toponyme (Karte 8, S. ¯, [hier einfü¬gen], so läßt sich leicht erkennen, daß erneut eine besondere Ver¬bindung zwischen dem Balkan und dem Hannoverschen Wendland be¬steht. Auch die Brücke, die von Sachsen, Böhmen und Mähren gebil¬det wird, hebt sich deutlich heraus. Ich meine daher, daß die Ety¬mologie des Ortsnamens Clenze < *Klan.c. durch diese Kartierung bestätigt wird. Nur am Rande sei vermerkt, daß die sich auf dem Balkan abzeichnende besondere Konzentrierung der Namen im westlichen Südslavischen (Österreich, Slovenien, Kroatien) und das gleichzeitige Fehlen im östlichen Bereich (Rumänien, Bulgarien ) kein Einzelfall ist .

12. Während dem Dravänopolabischen die slavische Variante *ascer- „Eidechse“, auch „Salamander“ appellativisch noch bekannt war  (vgl. dazu unten), ist die nur in bestimmten slavischen Sprachen anzutreffende Form *guscer- „Eidechse“ nur im toponymischen Material des Dravänischen belegt und fehlt daher in R. OLESCHs Kompendium. Sie ist für unsere Frage aber deshalb so interessant, weil die zugrundeliegenden dravänopolabischen Ap¬pellativa „nur Parallelen im Südslawischen aufweisen“ . Eine Kartierung der entsprechenden Namen und der von slav. *ascer- abgeleiteten To¬ponyme ist daher von großem Interesse für die ursprüngliche Verbreitung der beiden Tierbezeichnungen.

a. *guscer-. Nach dem Etimologiceskij slovar' slavjanskich jazykov , E. BERNEKER u.a. gehören hierzu folgende Wörter: bulg. gúster, gustera, gúste¬rica „Eidechse“, maked. guster, gusterica „Eidechse“, serbokroat. güsterica, güstêr, alt auch güstar „Eidechse, Muskel“, sloven. gúscer, gúscar „Eidechse“, auch kúscer, kúscar „dass.“.  Immer wieder findet sich bei der Zusammenstellung der appellativischen Verbindungen die Bemerkung „polab. gäustar 'Eidechse' (so z.B. bei ROST 383, im Etimologiceskij slovar' slavjanskich jazykov u.a.m.), aber es ist - wie oben schon bemerkt wurde - appellativisch nicht belegt, sondern kann nur aus Toponymen gewonnen werden . Das Wort ist in das Griechische entlehnt worden . Auf die strittige Etymologie gehe ich hier jetzt nicht ein; wir wollen uns vielmehr den davon abgeleiteten Namen zuwenden.

Man vergleiche: Im Gusternitz oder Güsternitz , FlurN. bei Gansau, < *Gusternica ; In den Gusterneitzen, FlurN. bei Dallahn , < *Gusternica ; Güsterens, FlurN. bei Kahlstorf , < *Gusternec ; Güstritz, ON. bei Wustrow, 1388 Gusterisse, 1450 Gusteritze, < *Guscerica ; Nach dem Güsterneitz, FlurN. (1764/86) bei Nestau ; Güstritz, FlurN. bei Kollendorf ; Güstrow, ON. in Mecklenburg, 1226 Locus qui Guztrowe nominatur, 1227 Guztrowe, 1228 de Guzstrowe, 1258 Guzstrow, 1381 Antiqua Gustrowe, < *Guscerov , verfehlt ist die Deutung von A. BRÜCKNER, M. RUDNICKI u.a. zu slav. ostrov „Insel“ ; Gustruv, FlurN. bei Gr. Gusborn, < *Gusterove ); Güsternitzbaum, FlurN. bei Te¬storf ; der ON. Gaustritz in Sachsen, 1378 Gustertitz, 1445 Gusterticz, 1498 Gausteritz, 1547 Gauesteritz , ist umstritten, P. ROST, op.cit.,S. 215 stellt ihn zum Eidechsenwort, nach G. HEY  gehört er zu einem Perso¬nennamen, W. FLEISCHER schwankt in der Etymologie; ebenso umstritten ist der ON. Hustírany bei Jaromer/Böhmen, 1355 de Hustierzan. A. PRO¬FOUS  sieht darin eine Grundform *Hustierany und verbindet ihn mit slovak. hustier, slovinz. góscera „Dickicht“, da bei einer Herleitung aus dem slavischen Eidechsenwort ein Wandel *-u- > -ou- zu erwarten wäre, daher mit Fragezeichen kartiert; die südslavischen Gebiete weisen zahlreiche Na¬men auf, in Jugoslavien: Gusteranska, FlurN. an der Adriaküste ; Gu¬steranski, Gusterne, Flurnamen auf der Insel Zirje ; Gusteri, ON. bei Zvornik ; *Gusteric, schwer zu lokalisierender ON. im mittelalterlichen Serbien, 1331 ot  Gusteryca , nicht kartiert; Gusterica, FlurN. bei Ohrid ; Gornja und Donja Gusterica, ON. im Kosovo ; Guscerovci, auch Guscerovac, ON. bei Bjelovar, 1370 In Kwscherowcz ; in Bulgarien: Gusterci, ON. bei Kjustendil ; Gusterovci, ON. bei Svoge ; Gusteri, ON. bei Elena ; Gusterski-dol, ON. bei Pleven ; Gusterica, FlurN. im Ge¬biet von Trojan ; Gusterov lom, Gusterova rutlina, Flurnamen bei Panag¬juriste ; in Rumänien liegt der Ort Gusterita, dt. Hammersdorf, den G. KISCH  aus sloven., serb. gustara „Dickicht“ erklären will; die Namen reichen bis Griechenland: Guster, Gusterak, Gusterica, Flur- und Ortsnamen bei Drama , Gústerovo, FlurN. bei Valkanova ; Gkoystarítsa, Gkoústera, Ortsnamen bei Konitsa , Gústera und Gusterina, Orts- bzw. Flurname auf der Peloponnes, die nach Ph. MALINGOUDIS  eher aus dem griechi¬schen Lehnappellativ (s.o.) zu erklären sind. Vergleichsnamen aus Polen (ON. Gu¬storzyn bei Wlocwlawek ) und dem ostslavischen Sprachgebiet (Guscer, Nfl. d. Visera im Perm'-Gebiet ) bleiben besser fern.

Bevor wir zu einem Kommentar der Verbreitung der Namen kommen, empfiehlt sich eine kontrastive Betrachtung des zweiten slavischen Eidech¬senwortes *ascer- und dessen Vorkommen in der Toponymie.

b. *ascer-. Das appellativische Vorkommen in den slavischen Sprachen streife ich nur kurz. Nach M. VASMER , dem Etimologiceskij slovar' sla¬vjanskich jazykov  und anderen Wörterbüchern gehen auf *ascer- „Eidechse“, auch „Salamander“, zahlreiche slavische Wörter zurück, vgl. alt¬kirchenslav. aster , russ. jascerica, schon altruss. jascer , jascera, ukrain. jascirka, weißruss. jascerka, serbokroat. jäster, dial. jaster, sloven. jasce¬rica, jascarica, ascerica, askerica, cech. jester, jesterka, jesterice, dial. jascerica, slovak. jaster, jasterica, altpoln. jaszczerzyca, jeszczerzyca, jaszczorka, poln. jaszczurka, jaszczur, kaschub. vjescereca, osorb. jescer, nsorb. jescerca, jascer. Zum polabischen wiestarreitz „Eidechs“, s. R. OLESCH, Thesaurus III 1426f.

Von besonderem Interesse ist der Blick in die davon abgeleiteten Namen und die Konfrontation der Verbreitung mit dem oben behandelten *guscer . Die folgenden Toponyme sind hier zu nennen: aus dem ostslavi¬schen Sprachgebiet (zum Teil außerhalb der Karte liegend) Jascaryc, FlurN. Ho¬mel ; Jascera, Ortsname bei Staraja Russa ; Jascera, Orts- und Ge¬wässername bei Luga ; Jascerina, Flußname bei Tichvin ; Jascerka, Gewässername bei Ihumen ; Jascerka, Orts- und Gewässername bei Luga ; Jascerka, Orts- und Flußname im Kr. Tambov ; Jascerka, Ortsname bei Kozlov, Gouv. Tambov ; Jascerovo, Ortsname bei Ser¬puchov, Gouv. Moskau ; Jascerovo, Ortsname bei Valdaj ; Jascery, Ortsname bei Bezeck, Gouv. Tver und bei Orlov, Gouv. Vjatka ; Jasci¬rino, Gewässername im Kr. Cholm ; Jascjerna und Jascyr, FlurN. bei Brest . Häufig sind Toponyme im Westslavischen: Jaster, Wald bei Greifswald ; Jastrackwiesen, FlurN. bei Langenhorst ; Jastrein, FlurN. bei Karwitz ; Jesterscher Horst, FlurN. bei Rosien ; Johster Wiesen, FlurN. bei Emern ; Jostreben, FlurN. bei Schmarsau, Josterfach, FlurN. bei Müggenberg ; Jaszczerzyca, Flußname im Gebiet des Poprad ; Jaszczerz, Jaszczerek, Ortsnamen bei Starogard Gdanski ; Jaszczer¬zynski, Jaszczorowski, Flurnamen bei Posen ; Jaszczorki, ON. bei Kolno ; Jaszczurka, See bei Radzewo ; Jaszczurowa, drei Ortsnamen in Polen ; Jaszczorów, ON. bei Ropczyce ; Jaszczurów, ON. bei Ko¬nin ; Jaszczurówka, Orts- und Flußnamen bei Limanowa, Zakopane und im Gebiet der Skawa ; Jaszczury, FlurN. bei Kalisz und bei Stropies¬zyno ; Jast'ericuo, FlurN. in der Orawa ; Jasterno, ON. in der südli¬chen Slovakei ; *Jeszczerno, See bei Skarszewy, 1305 Gesterim . Aus dem südslavischen Gebiet läßt sich nach meinen Unterlagen trotz der si¬cheren Bezeugung im appellativischen Bereich nur belegen: Jáscerica, Bergname in den italienischen Alpen , Esterica, Esterec, Gewässername im Gebiet der Bregalnica .

Damit können wir die Namensammlung abschließen. Werfen wir nun einen Blick auf Karte 9, S. ¯[hier einfügen]. Die Verbreitung beider Varianten ist im wesentlichen komplementär. Allein im Wendland kommt es zu einer starken Vermischung beider Typen, wobei aber deutlich wird, daß die *ascer-Namen Beziehungen zum Osten (Polen) besitzen, während die *guscer-Variante offenbar mit den südslavischen Namen in Verbindung steht. Was sich bei dieser Verbreitung (im Gegensatz zu allen anderen Kar¬ten) nicht eindeutig zeigen läßt, ist die sonst erkennbare Verbindung in Böhmen und Mähren. Im übrigen aber deckt sich die Streuung der Namen im wesentlichen mit derjenigen aller übrigen Karten.

Damit bin ich am Ende meiner Beispiele angekommen und möchte ein Zwischenergebnis festhalten. Es kann meines Erachtens keinen Zweifel daran geben, daß das Hannoversche Wendland und die angrenzenden, ehe¬mals slavisch besiedelten Gebiete auffällige Namenentsprechungen in erster Linie in Böhmen und daran anschließend einerseits Mähren, in der Slovakei und in Südpolen, andererseits in Österreich und in den von Südslaven be¬siedelten Ländern besitzen. Man wird wohl nicht fehlgehen in der An¬nahme, daß es eine slavische Siedlungsbewegung aus Böhmen heraus elbe¬aufwärts gegeben hat. Diese aus dem Namenmaterial gewonnene Erkenntnis läßt sich nach meinem Wissen auch mit archäologischen Ergebnissen in Deckung bringen (Karte 10, S. ý[hier einfügen]). Sie entstammt einem Bei¬trag von H. WALTHER in den Namenkundlichen Informationen, Beiheft 11, und sie zeigt, daß man von Seiten der Archäologie - grob gesprochen - mit zwei Einwanderungswegen rechnet. Ich meine, daß die Toponymie diese Auffassung bestätigt. Besonders deutlich wird dieses in Karte 8 und in der Streuung der von slav. *ascer- und *guscer- abgeleiteten Toponyme. Bei den von mir herangezogenen Beispielen ist weiterhin auffällig, daß es sich offenbar um recht altertümliche Typen handelt, denn die zugrundeliegen¬den Appellativa sind zum Teil dem Westslavischen unbekannt. Mit anderen Worten: es scheint sich bei der elbeaufwärts gerichteten slavischen Einwan¬derung um eine sehr frühe Besiedlung zu handeln. Sehr wahrscheinlich kam es dann zu intensiven Kontakten mit den aus Osten vordringenden Slaven. Diese These wird zumindestens von Karte 8 gestützt. Ich treffe mich hier im wesentlichen mit Auffassungen von G. SCHLIMPERT, die dieser in seinem Beitrag „Altpolabisch-südslawische Entsprechungen im Namenmaterial zwi¬schen Elbe und Oder“  vertreten hat. Auch er rechnet nach Vorstellung verschiedener Namengruppen, darunter auch *guscer-, mit einer Einwan¬derung von Süden: „Daher ist m.E. die Frage legitim, ob die in Rede ste¬henden Namen nicht mit der slawischen Einwanderung in Verbindung ge¬bracht werden können“ , und weiter: „Dabei ist der Einwanderungsweg der sorbischen Stämme relativ klar, der über Böhmen und Mähren mit ho¬her Wahrscheinlichkeit aus dem Donauraum erfolgte“ . Ich denke, daß das oben zusammengetragene Material diese Auffassung weiter stützen kann. Zweifel habe ich allerdings an der auch von J. HERRMANN vertrete¬nen These , der Ausgangsraum sei der das Donaugebiet gewesen. Dafür geben die Namenverbreitungen und unsere Karten keinerlei Hinweise.

Mit diesen Bemerkungen könnte ich eigentlich diese Untersuchung ab¬schließen. Es gilt jedoch noch, eine Klarstellung vorzunehmen. Meine Be¬obachtungen erinnern - und ich bin mir dessen wohl bewußt - in gewissem Sinn an die von einigen Archäologen und vor allem von dem Münchener Slavisten Heinrich KUNSTMANN aufgestellen Thesen , wonach „die mit den süd- und ostslawischen Sprachen übereinstimmenden Merkmale des Polabo-Pomoranischen durch die Migrationen südslawischer Stammesteile direkt vom Balkan ... zu erklären (sind)“ . An anderer Stelle heißt es bei H. KUNSTMANN selbst: es läßt sich „eindeutig eine Süd-Nord-Ost-Bewegung erkennen, die in der Regel vom Balkan über Böhmen nach Nord- und Mitteldeutschland und von hier nach Polen, in mehreren Fällen sogar bis Nordwest- und Mittelwestrußland gerichtet ist“.

Um meine Differenzen mit den Auffassungen von H. KUNSTMANN deutlich zu machen, sei auf einige wenige seiner Etymologien eingegangen. Ich be¬schränke mich dabei auf Deutungen von Ethno- und Toponymen, die in gewisser Nähe zum Wendland und der Altmark stehen. Ich will auch gar nicht näher auf die Unhaltbarkeit der Etymologien KUNSTMANNs eingehen. Allein die knappe Schilderung seiner Vorschläge spricht meines Erachtens für sich.

1. Wagrien. Bei der Behandlung dieses Landschaftsnamens läßt sich eine Passage entdecken, die für die Art und Weise der Diskussion KUNSTMANNs bezeichnend ist. Wichtig ist für ihn folgendes: da „die Wagrier als Subethni¬kon der von der mittleren Donau zugewanderten Abodriten sehr wahr¬scheinlich ebenfalls vom Balkan stammen und genauso wenig wie diese einen Grund hatten, ihren mitgebrachten Namen zugunsten einer germani¬schen Bezeichnung zu ändern“ , wird ihr Name mit dem des thrakisch-paionischen Stammes der Agrianer verbunden: „Offenbar geht auf sie der Name der holsteinischen Wagrier zurück“.

2. Mecklenburg: „Die Mecklenburg war Stammsitz der slavischen Abodriten ... Da der Stammesname der Abodriten selbst griechisch ist, hat möglicher¬weise auch ihr Vorort eine griechische Benennung gehabt“.  Die bei ADAM VON BREMEN und HELMOLD VON BOSAU belegten Namenvarianten Ma¬gnopolis werden von KUNSTMANN wie folgt interpretiert: es spricht manches dafür, „daß slavisches *Veligord  zum Vorbild für asä. Mikilinburg usf. wurde, daß der Name Mecklenburg also eine zweifache Lehnüberset¬zung darstellt. ADAMs Version Magnopolis wäre dann eine gewiß unbe¬wußte 'Revitalisierung' des griechisch-lateinischen Prototyps“.

3. Wismar. „Wismar ist der von Slaven an die Ostsee übertragene Name der homerischen Stadt der thrakischen Kikonen - `'Ismaros“ . H. KUNSTMANN übergeht damit völlig die germanische Namengebung, vgl. Wisemare marca in Logenahe aus den Traditiones Laureshamenses, 1294 Wisimar ; Wis¬merbach bei Giessen ; Wissmar, Kr. Wetzlar, in den Traditiones Fuldensis Wisumara, Wisomaren  u.a.m.

4. Drevani. Dieser slavische Stammesname, der heute in den Bezeichnungen Drawähn usw. erhalten ist, kann als verwandt mit der Bezeichnung der ost¬slavischen Derevljane betrachtet werden. Die Deutung als „Waldbewohner“ (*Derv-jane o.ä.) war bisher unbestritten. Nach KUNST¬MANN aber „spricht einiges dafür, daß Dereva eben nicht slavischer Prove¬nienz ist, sondern auf den illyrischen ON Derva bzw. Derba zurückgeht, ...“.  Weitere Einzel¬heiten erspare ich mir.

5. OTTOs DES GROßEN einmal erwähnte marca Lipâni wird im allgemeinen mit dem slavischen Wort für die Linde, lipa, verbunden. Nach KUNSTMANN wäre es aber „denkbar, daß die marca Lipâni ihren Namen gar nicht dem slavischen Baumnamen lipa verdankt, sondern auf Ulpiana ..., den Namen einer berühmten alten Stadt im Dardanerland zurückgeht. Antikes Ulpiana wurde im Serbischen zu Lipljan ...“.

Diese Beispiele mögen genügen. Sie erhellen meines Erachtens deutlich ge¬nug, daß den Untersuchungen von H. KUNSTMANN die notwendige kritische Berücksichtigung der lautlichen Entwicklung der slavischen und teilweise auch der germanischen Sprachen abgeht. Ohne auf Einzelheiten näher ein¬zugehen, möchte ich mich dem Urteil des tschechischen Linguisten J. SPAL  anschließen. Eine Wiederholung erübrigt sich.

Wenn ich nun ein Resümee des Vorgetragenen versuche, so möchte ich zunächst deutlich unterstreichen, daß zwischen dem Versuch von H. KUNSTMANN und den von mir vorgelegten Kartierungen vor allem ein wichtiger Unterschied besteht: die elbslavischen Namen in Schleswig-Hol¬stein, Mecklenburg, dem Wendland und der Altmark sind zunächst einmal mit Böhmen (und Mähren) verbunden, daran anschließend mit der Slovakei und Südpolen beziehungsweise mit Österreich und Slovenien. Direkte Bezie¬hungen zwischen dem Polabo-Pomoranischen und dem Balkan, das heißt ohne die Vermittlerfunktion Böhmens, lassen sich nur im Fall von slav. *guscer- nicht nachweisen. Die slavischen Namen Böhmens aber sind - und darin liegt der entscheidende Punkt - unmittelbar mit denen Mährens, Süd¬polens und der Slovakei verbun¬den. Eine slavische Einwanderung aus dem Balkan ist in Böhmen, Mähren und der Slovakei nicht nachzuweisen.

Mit diesen, aus onomastischen Überlegungen heraus gewonnenen Erkennt¬nissen trifft sich die Sprachwissenschaft offenbar mit Ergebnissen der Ar¬chäologie (Karte 10). Darin liegt meines Erachtens das wichtigste Ergebnis der hier vorgetragenen Versuchs.

Korrekturnachtrag [vom 4.1.93]: Die These, daß die Dravänopolaben aus dem Süden gekommen seien, hat vor allem B. KOPITAR vertreten, wie man dem mir jetzt bekannt gewordenen wichtigen Beitrag von DIETRICH GERHARDT, KOPITARs Hypothese vom südslavischen Ursprung der Polaben, in: Festschrift für JOHANNES SCHRÖPFER zum 80. Geburtstag, München 1991, S. 165-176, entnehmen kann. KOPITAR hat seine Gedanken in Briefen an JACOB GRIMM und FRIEDRICH AUGUST POTT geäußert und sich vor allem auf phonologische Kriterien gestützt. GERHARDT weist selbst darauf hin, daß „im Falle des Dravänischen ... die ältere Überlieferung, die wir allenfalls für dies Gebiet in Anspruch nehmen können, vorwiegend aus Eigennamen [besteht]“ (S. 168), schränkt aber sogleich ein, daß die z.B. von GERHARD SCHLIMPERT herangezogenen Personennamen „eher genealogische als ethnogenetische Schlüsse zu[lassen]“ (S. 169). GERHARDT hält auch die von SCHLIMPERT 1988 beigebrachten Ortsnamen und ihre Streuung für wenig beweiskräftig, zumal das Material bei UDOLPH „keine Auskunft darüber [gebe], auf welchen Wegen die späteren Polaben und Ostseeslaven in ihre Wohnsitze gelangt sind“ (UDOLPH 1979, S. 626). Dazu ist in aller Kürze zu bemerken, daß es in dieser Arbeit darum ging, die ältesten slavischen Appellativa und Wasserwörter zu untersuchen. Fragen der späteren Expansion der Slaven (wozu selbstverständlich auch der äußerste Westen des slavischen Siedlungsgebietes im Hannoverschen Wendland gehört) lassen sich damit natürlich nicht fassen. Dazu müssen andere Namentypen herangezogen werden, und in dieser Hinsicht halte ich GERHARD SCHLIMPERTs Versuch unter Berücksichtigung des hier neu vorgelegten Materials durchaus für überzeugend. Der Tod des Namenforschers, mit dem ich wenige Wochen zuvor noch ein Zimmer bei einer Tagung in Brandenburg geteilt habe, hat leider die weitere Diskussion in dieser wichtigen Frage mit GERHARD SCHLIMPERT für immer unterbrochen. Nur in zwei Punkten möchte ich eine Einschränkung machen: es handelt sich nicht um Südslaven, die das Wendland erreichten, sondern um eine Zuwanderung aus Böhmen, und nur um einen Einwanderungsweg. Der andere Zuzug erfolgte vom Osten aus.