Jürgen Udolph: Magdeburg = „Mägdeburg“?

Erschienen in: Namen im Text und Sprachkontakt. K. Hengst gewidmet (= Namenkundliche Informati-onen, Beiheft 20 [Studia Onomastica, 10]), Leipzig 1999, S. 247-266.


I.) Der ON. Magdeburg; historische Belege, bisherige Deutungen

Versucht man, sich über die ursprüngliche Bedeutung des Ortsnamens Magdeburg zu informieren, so wird man schon recht schnell in eine einheitliche Richtung geführt (über eine abweichende, aber bisher nicht zur Kenntnis genommene andere Meinung wird noch zu sprechen sein). Letztlich geht die com-munis opinio auf eine Studie von Karl Bischoff zurück:  „Das Bestimmungswort in Magadoburg ist and. maga?, ahd. magad, got. maga?s ‘Mädchen’“ . Magdeburg bedeutet demnach soviel wie „die geschützte Stätte heidnischer weiblicher Wesen“ (zu den Einzelheiten s.u.).  Ist diese fast allgemein angenommene, für einen Ortsnamen aber – vorsichtig ausgedrückt - ungewöhnliche und für einen Orts-namenforscher, der sich mit niederdeutschen Namen befaßt – ebenfalls vorsichtig ausgedrückt - mehr als zweifelhafte Etymologie wirklich die richtige? Um es vorweg zu nehmen: man konnte zu dieser Deutung nur kommen, weil man den Ortsnamen Magdeburg fast völlig isoliert betrachtet hat. Nur die Unberücksichtigung von zwei Dutzend weiteren Ortsnamen, die mit dem gleichen Bestimmungswort gebildet worden sind, konnte zu dieser, wie ich ausführen möchte, verfehlten Deutung führen. Ich hof-fe, es gelingt mir, dieses im folgenden deutlich zu machen.

Ich beginne mit einer kurzen Übersicht der historischen Belege des Namens und bisheriger Deutungen. Die Überlieferung des Namens  setzt mit der Erwähnung im Diedenhofener Kapitular von 805 ad Ma-gadoburg ein, im 10.Jh. erscheint der Name in den Formen Magadaburg, Magathaburg, Magedeburg, 975 Magedeburc, Magdeburg, Magidiburg, später als Magadeburc, Maegethebrug, Magdiburg, um seit dem 13. Jh. durch Ausstoß des intervokalischen  g  zu Meydeburc, Maidburg und ähnlichen Formen geführt zu werden.  Nach K. Bischoff  „haben wir in Magdeburg im 10. Jh. eine vorherrschende Kanz-leiform Magadaburg, eine seltener überlieferte und wohl auch seltener gebrauchte and. Schreibform Magathaburg und ein sicher mehr der gesprochenen Sprache angehöriges Matheburg ...“, nach D. Ber-ger  zeigen die historischen Belege des Ortsnamens „nur lautliche Varianten des ersten Glieds ahd. ma-gad, magid, asächs. magath ‘Jungfrau, Mädchen’“.

Schon früh wurde der ON. als „Burg von (nichtchristlichen) Jungfrauen“ verstanden; es fragt sich nur, ob dieses die zugrundeliegende Bedeutung gewesen ist oder ob es nicht eher eine – allerdings sehr nahe liegende - volksetymologische Umdichtung ist.

Die Diskussion um den ON. Magdeburg erhielt schon früh durch den Vorschlag einer slavischen Deu-tung einen neuen Akzent. Er wurde von W.M.E. Möllenberg  eingebracht und erinnert stark an die kor-rekte slavistische Etymologie von Magdeborn bei Leipzig: Möllenberg sah in Magdeburg slavisches *Medeburu „Honigwald, Honigheide“.

Mit Recht ist diese Deutung auf keine Gegenliebe gestoßen; schon Reccius  wies diese zurück, nach M. Puhle hat dann „Germanist Karl Bischoff 1950 diese Deutung überzeugend widerlegt“,  und auch B. Schwineköper lehnte sie ab.

Alle Genannten bevorzugen eine andere, die bis heute fast allgemein anerkannte Erklärung als „Jung-frauen- oder Mädchenburg“. Sie findet sich schon im 12. Jahrhundert in den Magdeburger Annalen (verfaßt um 1140), die eine Gründungssage enthält, nach der die Stadt von Cäsar gegründet sein soll; wörtlich heißt es dort: „Unter diesen [Städten] gründete er nicht die unbedeutendste zur Ehre der Diana, welche bei den Heiden in thörichtem Wahne für eine Göttin der Jungfräulichkeit gehalten und deshalb von parthenu, was im Griechischen ‘Mädchen’ bedeutet, selbst parthena genannt wurde, - und so be-nannte er die Stadt nach der parthena d.i. Diana Parthenopolis d.i. der Stadt der parthena. Das bezeugt auch der barbarische Name, weil Magdeburg ‘Mädchenstadt’ heißt“.

Der Bogen spannt sich von dieser Fabel bis zur Deutung durch K. Bischoff. Die Interpretation als „Mädchenburg“ wurde auch im Slavischen aufgegriffen: aber schon A. Brückner erkannte , daß „das „ bei Polen und Cechen zuweilen hiefür gebräuchliche dzevin, devin (diewen bei A. Crantzii histor. eccle-siast. 1568 S. 4,5 nach clöden märkische Forschungen III) devcýhrad ... eine willkürliche Übersetzung [ist]“.

Nach allgemeiner Ansicht hat K. Bischoff „an Hand einer ausführlich belegten Geschichte des Ortsna-mens nachweisen können, daß dieser eindeutig germanischer Herkunft ist. Ihm liegt das Wort magath zugrunde, das zu einem ekmagadi = Baumelfen der Werdener Prudentiusglossen gestellt werden muß“.  Dabei kann an die Mutter Gottes Maria nicht gedacht werden , denn „es handelt sich um ein Wort der germanisch-heidnischen Begriffswelt“  . In Standardwerken der deutschen Ortsnamenfor-schung heißt es etwa zusammenfassend: „Zweifellos gehört der Name zu altsächs. magath ‘Jungfrau, Magd, Dienerin’. Wohl schon ein mythologischer bzw. kultischer Name aus vorchristlicher Zeit, vgl. altsächs. ?kmagadi ‘Nymphen, Elfen, dienende Naturgeister’ oder ‘Dienerinnen einer Gottheit’ ... Je-denfalls ‘die geschützte Stätte heidnischer weiblicher Wesen’“.

Diese Deutung war die Basis für weitere weitreichende Überlegungen. Eine betrifft den mutmaßlich fränkischen Einfluß in der altsächsischen Ortsnamengebung. Basierend auf der Untersuchung von K. Bischoff wurde u.a. ausgeführt: „Um 800 wurde dann dem Namen magad von den christlichen Franken der Namenbestandteil burg angefügt. Einerseits weil der Name magad alleine nicht stehen bleiben konnte, da er der heidnischen Begriffswelt entstammte, andererseits weil die Franken mit diesem Ort eine ältere Siedlungs-, zumindest aber Befestigungstradition verbanden“.  „Die Franken hätten dem-nach, als sie den Ortsnamen erstmalig überlieferten, einen älteren Namen verwendet, der an einer be-siedelten und befestigten Stelle haftete“.

Es muß auch an dieser Stelle betont werden, daß der Einfluß der Franken auf die altsächsische und norddeutsche Ortsnamengebung stark überschätzt worden ist. Eine von mir durchgeführte grundlegende Untersuchung von mehr als fünfzig Ortsnamen, die mutmaßlich von Franken benannt oder zumin-destens fränkischem Einfluß ausgesetzt gewesen sein sollen, hat unter dem Titel „Fränkische Ortsna-men in Niedersachsen?“  den Beweis erbringen können, daß es sich um eine fata morgana handelt: deutlich auf altsächsische und niederdeutsche Herkunft weisende Fakten wie nordseegermanische Züge im Lautstand, Zetazismus, Streuung der entsprechenden Namentypen ausschließlich in Norddeutsch-land, Vokalentwicklungen, die dem Hochdeutschen fremd sind u.a.m. sprechen nachhaltig dafür, dem mutmaßlichen fränkischen Einfluß im niederdeutschen Sprachgebiet zunächst einmal äußerste Skepsis entgegenzubringen.

Die vorgeschlagene Deutung führte zu einer weiteren riskanten Annahme. Durch sie gewinnt nämlich nach B. Schwinekoeper „die bisher als reine Fabelei angesehene Angabe der Gesta archiepiscoporum Magdeburgensium über die Zerstörung eines sagenhaften Idols der Diana in der Stadt an Gewicht“.

Man sieht erneut, welche Konsequenzen eine Ortsnamendeutung haben kann. Natürlich ist und bleibt dieser angebliche Bericht reine Fabelei, denn er baut natürlich auf der Interpretation des Ortsnamens Magdeburg als „Mägde-, Jungfrauenburg“ auf und läßt darum – modern ausgedrückt – eine „story“ ranken.

Man muß sich daher erneut fragen, ob die allgemein anerkannte Deutung des Ortsnamens Magdeburg wirklich richtig ist. Erhebliche und m.E. völlig berechtigte Zweifel hat schon vor zehn Jahren H. Tie-fenbach vorgebracht, allerdings eine Erklärung vorgelegt, der ich auch nicht folgen kann. Ich will das begründen.

II.) Kritik der bisherigen Deutungen

Mit Recht hat H. Tiefenbach zur Bedeutung der altsächsischen ekmagadi-Glosse, der Basis bisheriger Erklärungsversuche, geäußert: „Die ?kmagadi dokumentieren ... die volkssprachliche Auseinanderset-zung mit der antiken Bildungstradition in ottonischer Zeit. Mit germanischer Naturreligion haben sie nichts zu tun; zur Erklärung der Motivation von Magdeburg sind sie untauglich“.  Er erhärtet seine Ablehnung der bisher vorgetragenen Etymologie mit überzeugenden Hinweisen auf die Wortbildung der diskutierten Ortsnamen: nach Überprüfung der Belege kommt er zu dem Schluß, „daß das ur-sprüngliche Bestimmungswort des Ortsnamens kaum das konsonantisch flektierte as. maga? ‘Jungfrau, Mädchen’ sein kann ...“.  Seiner Ansicht nach zeigt die 956 belegte Form Magedunburg „eine Form, die als uneigentliches Kompositum mit einem schwachen Femininum als Bestimmungswort aufgefaßt werden kann. Dazu stimmen die Magada-, Magede-Belege als eigentliche Komposita, bei denen (wie häufiger bei Namen) der Bindvokal nicht beseitigt wurde“.  Er vermutet das gleiche Bestimmungswort auch in 1149 Magedevelde, in 1197 Magedon und anderen Ortsnamen und schließt daraus, daß „Mag-deburg auf dem Hintergrund der Namen mit ‘beweglichem –burg’ (so der Terminus von E. Schröder) zu betrachten [ist]“.

Somit sprechen die Formen nach H. Tiefenbach für ein schwaches Femininum as. magatha, das nur in Namen bezeugt ist, das aber auch außeronomastisch nachgewiesen werden kann. Er vermutet es in dem altenglischen femininen n-Stamm mage?e, mæge?e, mæg?e „Kamille“, das auch im Altenglischen zur Bildung von Ortsnamen benutzt wurde, wobei nach H. Tiefenbach „der Typus ‘Kamillenfeld’ in England (Mayfield/Sussex) wie auf dem Kontinent (Magethevelde) in gleicher Weise vertreten ist. Auch der Bannforst Magetheide des Sachsenspiegels wird hier zu nennen sein, dem die Magetheida im D. 64 Heinrichs IV. anzuschließen ist“.  Seine Schlußfolgerung lautet: „Die mit magatha gebildeten Ortsnamen beruhen somit auf einer Stellenbezeichnung im Dativ (wohl Singular) wie in Magedon, die durch Siedlungen bezeichnendes –burg erweitert werden konnten (Magedunburg, auch als uneigentli-ches Kompositum deutbar), oder auf eigentlicher Komposition (Magada-, Magedeburg). Die Verwen-dung als Namenwort geht, wie die englischen Parallelbildungen zeigen, offenbar schon auf die Zeit vor der Abwanderung der Angelsachsen zurück“.  

Somit steht jetzt neben der fast allgemein anerkannten Bedeutung von Magdeburg als „Jungfrauen-, Mädchenburg“ eine „Kamillenburg“. Ich sage ganz offen – zunächst ohne weitere und nähere Begrün-dung -, daß weder das eine noch das andere überzeugt. H. Tiefenbachs Kritik enthält aber mehrere wichtige und m.E. zutreffende Punkte:

1.) die morphologische Analyse spricht gegen eine Verbindung mit asä. magath „Jungfrau, Mädchen“.

2.) im Bestimmungswort scheint ein Wort zu stecken, das vor allem in Namen begegnet und im appel-lativischen Wortschatz nur schwer zu finden ist.

3.) die Verbindungen nach England sind von Bedeutung.

Der entscheidende Fehler beider Etymologisierungsversuche liegt aber darin, daß man es bisher ent-schieden versäumt hat, möglichst alle Ortsnamen heranzuziehen, die im Bestimmungswort das gleiche Element wie im Namen Magdeburg aufweisen. Namenkundliche Standardwerke und H. Tiefenbach zogen nur die Namen Megedefeld und Magetheide heran, H. Tiefenbach weiter auch den 1197 und nur einmal bezeugten ON. Magedon sowie englische Parallelen.

Die Auswahl erfolgte offenbar zur Stützung des eigenen Vorschlags. Schon ein Blick auf den frühesten Beleg eines hier heranzuziehenden Namens läßt die Deutungen mehr als unwahrscheinlich werden: gemeint ist der in den Fuldaer Traditionen (8.-9. Jh.) genannte Gewässer- und Ortsname Magedobrun-no, Magdabrunno (zur Zuordnung s.u.). Er dürfte kaum eine „Jungfrauen-“ oder „Kamillenquelle“ be-zeichnet haben. Unerläßlich ist daher eine Zusammenstellung mutmaßlich verwandter Namen. Erst diese eröffnet in Verbindung mit einer ganz ähnlich gebildeten Namensippe neue Perspektiven. In An-sätzen haben wir diese Gedanken schon an anderer Stelle vorgetragen,  jedoch hat weiteres Material zu einer Ergänzung gezwungen.

III.) Vergleichsnamen

1.) Edeberg, Hügel bei Fegetasche nahe Plön, wo im Mittelalter das Goding (Landgericht) von Wagrien tagte, 1221 (A. 1286) Megedeberge in communi placito, 1264-1289 in Megetheberge, 1466 uppe deme Megedeberge, mua. Edebarch, nach W. Laur  unter Bezug auf K. Bischoff als „Mägdeberg“ aufzufas-sen. Durch falsche Abtrennung und Schwund des intervokalischen /g/ ist aus *tome Megedeberge *tom Medeberg und Edeberg geworden.

2.) 1216 erwähnt: Mactveld, wahrscheinlich Wüstung (oder auch nur Flur) bei Wöltingerode (Kr. Gos-lar).

3.) Nur einmal bezeugt: 1197 in Magedon,  nach O. Dobenecker  in der Nähe von Nohra und Hain-rode östlich Bleicherode zu suchen und mit Madungen, Ackerfläche bei Kirchberg, zu identifizieren.

4.) Magdeburg; hiervon abgeleitet Magdeburgerforth westlich Ziesar.

5.) Mägdehöfft, verschwundene Insel in der Elbe bei Magdeburg, 1646 den Werder in der Elbe, das Mägdehoeft/Heubt genannt, 1668 Mägdehöfft .

6.) Mägdesprung, ON., auch Bergname, bei Harzgerode; auf diesen Ort beziehen sich wahrscheinlich folgende, bisher zu Magdeborn gestellte Belege : 8./9. Jh. circa fontem, qui dicitur Magedobrunno; in loco, qui dicitur Magdabrunno ; 1576 wird der Ort erwähnt als Meidesprungk , 1653 Mägdle-Sprung, 1703 Mägde-Sprung, 1710 Mägde-Sprung .

In dem Namen sieht K. Schulze  – ohne Berücksichtigung der Magedobrunno-, Magdabrunno-Belege –, ein Grundwort sprung „hervorspringender Berg oder Fels“ und weiter einen vorspringenden Mägde-berg, „ein Berg, auf welchem die Holznutzung dienenden Mädchen (mhd. maget, Gen. Plur. megede, kontrahiert megde) überlassen ist.“ H. Größler  vermutet eine Sage als namenauslösenden Faktor, setzt aber hinzu (und das ist für diesen und weitere Magde-, Meg(e)de-Namen von einiger Bedeutung): „Mir [ist] kein Fall bekannt, daß irgendwo Mägden ein Waldteil zur Benutzung zugewiesen worden wäre“. Es ist durchaus unklar, ob im Grundwort dt. Sprung vorliegt; genauso möglich oder vielleicht sogar vorzuziehen ist - wie der Hinweis auf dt. Ursprung bestätigen könnte - ahd. sprung „Quelle“ . Der heute dort auch zu findende Name Magdtrappe oder Mägdetrappe ist jungen Ursprungs .

7.) Maghed Ek, bei Suderburg südwestl. Uelzen vermutet, bezeugt in einem Beleg aus dem Jahr 1339: de holt herscaph tho der maghed ek ; enthält im Grundwort natürlich ndt. ?k „Eiche“.

8.) Magetheide, Teil der Lüneburger Heide (?), im einzelnen nicht mehr ganz sicher zu lokalisieren und zu identifizieren; auch bleibt unklar, ob alle folgenden Belege denselben Bezirk meinten : 1060 (K. Anf. 14.Jh.) in Magetheida, 1387 (K. 17. Jh.) a Megdeheide usque in Vrsinam, 15.Jh. extendit a ma-getheyda usque vrsinam , fraglich ist auch, wie dazu die im Sachsenspiegel erwähnte Magetheide  steht. W. v. Hodenberg  meinte dazu: „Die große Bedeutsamkeit dieser Magetheide geht aus dem Sachsenspiegel hervor, welcher in Sachsen überhaupt nur drei Heiden unter Königsbann stellt, darunter die Magetheide: ... Und diß sind drey banförst: der ein ist die heyde zu Köhne, der ander ist der Hartz, der dritt die Magetheyde oder Prettinische heyde“.

Zum Namen sagt Hodenberg:  „Die Bezeichnung Magetheide dürfte abzuleiten sein von magan (ro-bur, vigor), maht (potestas, potentia), mahtig (potens, magnus) ... Diese „mächtige“ Heide (in ihrem ganzen Umfange) wird mit der sogenannten ‘Lüneburger Heide’ zusammenfallen“. Weiter erwägt v. Hodenberg auch Herkunft von mähen usw. Hodenbergs Überlegungen kritisierten Alpers-Barenscheer  u.a. mit dem Argument, „große Heide“ (vom Stamme mag) könne nicht vorliegen, „es wäre zu erwar-ten Mecklenheide (bei Hannover)“, auch eine Verbindung zu mähen sei verfehlt; Alpers-Barenscheer bevorzugen „zugemessene Heide“, zu ae. meta = zugemessene Heide und verweisen auf Flurnamen wie Kerkenmate, Maatberg, Maatshoop.

9.) Magetheide, nach Alpers-Barenscheer S. 124 im Kreis Winsen/Luhe bezeugt.

10.) Magetheide, nach Alpers-Barenscheer S. 124 bei Dannenberg bezeugt.

11.) Magetheide, Mark bei Herbern nahe Lüdinghausen

12.) Medebek, Zufluß z. Trave bei Lübeck, 1426 (A. 18. Jh.) in Meghedebeke,  
1428 Meghedebeke, 1494 Megedebek (Narrenschiff),   enthält nach A. Schmitz  und W. Laur  mnd. *M?gedeb?ke „Mädchenbach, Jungfrauenbach“.

13.) Megdebruch, 1669 erwähnter FlurN. für ein Feuchtgebiet zwischen Steinhorst und Grebshorn.

14.) Megedeberg, Hügel bei Hart nahe Sendenhorst, erwähnt 1311: iuxta Zozenstaken, item prope Me-gedeberg latum agellum.

15.) up (under) dem Megedeberge, im 15. u. 16. Jh. erwähnter Flurname in Göttingen-Herberhausen.

16.) Megedeberg (Meideberg), Anhöhe bei Seeburg (Kr. Göttingen), Anf. 17.Jh. Meydebergs-Warte, 1673 die Meydeburgische Warte.

17.) Megedefelde, Wüstung ca. 500 m südlich Rittergut Bennigsen (Kr. Hannover), 969-996 (A. 17. Jh.) Magatha ville, 1149 Magedevelde, 1207-1224 Magethevelde (usw.).

18.) Megedehove, Hufenbezeichnung bei Othfresen, Kr. Goslar, 1288 super quondam manso litonico, que Megedehove dicitur , enthält nach R. Zoder  Magd.

19.) Megedekot, kleine Siedlung (?) bei Rulle (Kr. Osnabrück), 1277 (1276) in villa Rulle ... unius case, que Megedekot vocatur .

20.) Megederode, Wüstung unbekannter Lage (bei Ballenhausen oder Groß Schneen, Kr.Göttingen?), 1224  (K.) decimas in Megidiroth (Var. Megideroth), et in Vertzingeroth, (um 1250) in Megederoht, Var. Megederot, Megederoth .

21.) Meghedehop, Anhöhe bei Dötzum (Kr. Hildesheim), 1462-1478 over den Meghedehop by den van Dotsem .

22.) Megetefeld bei Vlotho, 1576 upm Megedevelde .

23.) Meinefeld, ON. bei Stadthagen, 1207-1224 in Magethevelde, 1221 fratribus de Magethevelde, 1244 de Megethevelde .

Fern bleiben u.a. Marienborn bei Helmstedt, denn die Belege aus den Fuldaer Traditionen circa fontem, qui dicitur Magedobrunno und in loco, qui dicitur Magdabrunno gehören nicht hierher.  Die ältesten lauten vielmehr 1191

Mortdal, 1200 (1207?) Mortal, 1204 (Kopie) Morthdal, 1205 Mordele . Ab 1205 setzen dann Belege wie Fons sancte Marie, fontis sancte Marie ein, die von ca. 1346 ab von niederdeutschen Formen wie to sente Marien bornen  abgelöst werden und zum heutigen Magdeborn führen.

Allerdings könnten hier jetzt einige englische Ortsnamen genannt werden, die aber zunächst noch zu-rückgestellt werden sollen.


IV. Eine neue Deutung

Die Heranziehung der über zwanzig Ortsnamen verändert die Ausgangsbasis erheblich. Das Material führt zunächst aus zwei Gründen zur Ablehnung der beiden bisher vorgeschlagenen Etymologien.

1.) Die Grundwörter der vergleichbaren Ortsnamen passen in ihrer Gesamtheit weder zu einem Be-stimmungswort mit der Bedeutung „Magd, Jungfrau“ noch zu „Kamille“. Während man vielleicht noch – z.T. mit einiger Mühe – „Jungfrauenbach“, „Jungfrauenburg“, „Jungfrauenfeld“, „Jungfrauenhof“ akzeptieren mag, überschreitet die Annahme von „Jungfrauenberg“, „Jungfrauenbruch“ und „Jungfrau-eneiche“ das Verständnis erheblich, um bei „Jungfrauenrodung“ und „Jungfrauenheide“ doch wohl auf Ablehnung zu stoßen. Auch ein Ersatz von Jungfrau durch Magd oder ähnliche Wörter verringert die Probleme nicht.

Noch unverständlicher wären Ansätze wie „Kamilleneiche“, „Kamillenkate“, „Kamillenstedt“ oder „Kamillenrodung“.

2.) Die Morphologie der Ortsnamen spricht ebenfalls gegen eine Verbindung mit magath(a) „Magd“ oder magatha „Kamille“. Es empfiehlt sich – durchaus im Einklang mit den Hinweisen von H. Tiefen-bach –, der Kompositionsfuge genauere Aufmerksamkeit zu schenken. Dieses kann natürlich nur bei den ältesten Belegen, die noch Vollvokale ohne Abschwächung enthalten, mit Erfolg versucht werden. Zu berücksichtigen sind vor allem (geordnet nach Genera):

a.) starke Maskulina in 1221 (A. 1286) Megedeberge bzw. 1311 Megedeberg (asä. berg), 1426 (A. 18. Jh.) in Meghedebeke (asä. beki, biki);

b.) schwache Maskulina in 8./9. Jh. circa fontem, qui dicitur Magedobrunno, in loco, qui dicitur Mag-dabrunno (asä. brunno);  

c.) starke Feminina in 805 Magathaburg (usw.) „Magdeburg“; 1060 (Kopie (!) Anf. 14.Jh.) in ma-getheida, aber 1387 (K. 17. Jh.) Megdeheide (asä. hê?(a)); 1288 Megedehove (asä. hô?a „Hufe“);

d.) starke Neutra in 969-996 (A. 17. Jh.) Magatha ville (nach H. Tiefenbach beeinflußt durch benach-bartes villulis und aus –velde und –vilde entwickelt), 1149 Magedevelde (asä. feld), bzw. 1207-1224 in Magethevelde.

Diese Zusammenstellung zeigt, daß im Bestimmungswort kein Substantiv, sondern ein Adjektiv ge-standen hat. Die Varianten Magedobrunno und Magdabrunno lassen dieses besonders deutlich erken-nen. Sie vertreten die beiden möglichen Formen der altsächsischen schwachen Adjektivflexion (mask.) –o und –a. Auch die alten Formen für den ON. Magdeburg sind eindeutig: sie weisen auf einen Ansatz *Magatha-burg und damit auf die ältere Form der schwachen femininen Adjektivflexion.

Die Wahrscheinlichkeit, daß das Bestimmungswort ein Adjektiv enthalten hat, wird auch durch den Vergleich mit Ortsnamen gestützt, bei der unzweifelhaft das germ. Adjektiv mikil- „groß“, bezeugt in got. mikils, asä. mikil, ahd. michil, mihhil, enthalten ist. Eine Gegenüberstellung beider Ortsnamenrei-hen zeigt, daß beide Bestimmungswörter zum großen Teil mit den gleichen Grundwörtern kombiniert worden sind (Tabelle 1).

Ich meine, aus der Analyse schließen zu dürfen, daß der Ortsname Magdeburg und die mit dem glei-chen oder ähnlichen Bestimmungswort gebildeten Namen Magedevelde/Megedefelde, Magetheida, Magedobrunno usw. aus einer Verbindung von Adjektiv + Substantiv bestehen. Es wird zu prüfen sein, wie das vermutete Adjektiv beschaffen gewesen ist, ob es in den germanischen Sprachen noch gefun-den werden kann oder ob es gelingt, es durch den Vergleich mit ähnlichen Wörtern genauer zu bestim-men. Der Versuch wird dadurch erschwert, daß schon sehr früh in den hier behandelten Ortsnamen das „Magd“-Wort eingedrungen ist und dadurch die ursprünglichen Verhältnisse verdeckt worden sind.

Die Suche nach einem Adjektiv führt in Verbindung mit den in den Ortsnamen bezeugten Grundwör-tern Bach, Berg, Bruch, Eiche, Feld, Heide, Höft, Kot, Hof, Rode, Sprung und Stedt zu der Frage: was für ein Bach? Wie beschaffen ist der Berg? Was für eine Eiche? Was für eine Burg? usw.

Die Antwort fällt – vor allem durch den Vergleich mit mikils, meknicht schwer: es dürfte sich um ein in der Bedeutung ähnliches Adjektiv handeln, denn es macht keinerlei Probleme, alle in den Ortsnamen enthaltenen Grundwörter mit einem Adjektiv „groß“ zu kombinieren: ein großer Bach, ein großer Berg, ein großes Bruch, eine große Burg, eine große Eiche, ein großes Feld sind ebenso verständlich wie eine große Heide, ein großer Hof und eine große (starke) Quelle.

-au

-bach/-bek

-berg

-bruch

-burg

-dorf

-ek

-esch

-feld

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Medebek, 1424 in Meghedebeke

Edeberg, 1221 Megedeberge; 1311 prope Megedeberg, †Megederberg

Megdebruch, 1669 Megdebruch

Magdeburg, 805 Magadoburg, später Magathaburg

 

Maghed Ek, 1339 tho der maghed ek

 

1216 in Mactfelde; Megedefelde, 1149 Magedevelde; Megetefeld, 1576 upm Megedevelde, Meinefeld, 1207-1224 Magethefelde

 

 

 

 

 

 

 

 

 

-au

-bach/-bek

-berg

 

-burg

-dorf

 

-esch

-feld

Michel-au

 

 

Mecklenberg, Michelbach

896 Michelenberch

 

Mecklenburg

Mecklendorf, Micheldorf

 

Meckelesch

Meckelfeld, †Meckelnfeld, Michelfeld

-heide

 -höft

-horst

  -kot

  -hof

 -rode/-riet

-sprung

-sted

-stein

-weg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1060 Maget-heida, 1386 Megdeheide; Magetheide

†Mägdehöfft, 1668 Mägdehöfft

 

Megedekot, 1277 Megedekot

 

Megedehove, 1288 Megedehove

 

Megederode, 1224 in Megidiroth, (um 1250) in Megederoht

Mägdesprung bei Harzgerode, 8./9. Jh. Magedobrunno;  Magdabrunno

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

-heide

 

-horst

 

 

-rode/-riet

-sprung

-sted

-stein

-weg

Mecklenheide

 

Mekkelhorst, Mecklenhorst

 

 

Michelrieth, 10.Jh. Michilinrieth

 

Michelstadt, Michelstetten

Michel-stein

Meckelwege

Versuche, hier mit Jungfrauen, Mägden oder der Kamille zu arbeiten, können – so denke ich – angesichts dieser von der Bedeutung her überzeugenden Verbindung nicht überzeugen.

Aber es kam natürlich schon sehr früh zu Umdeutungen und Eindeutungen des „Magd“-Wortes. Als Beweis dafür können Erscheinungen angeführt werden, die den Prozeß noch erkennen lassen. So zeigen die älteren Belege des Flur-namens Mädchenäcker in Salzgitter-Bad (1668 in den Metgen Acker), daß eine volksetymologische Umdeutung einer ursprünglichen genetivischen Fügung mit einem Familiennamen Metge vorliegt ; bei H. Bosse  heißt es: „Namen, deren Sinn nicht mehr verstanden wird, werden im Sprachgebrauch vielfach umgestaltet, so daß neue Wortbildungen hervortreten. Das mnd. mede, mäde, mädland wird in FlN. zu Mädchen ... Ich verzeichne hier eine Mädchen Wiese ...“. Die gleiche Erscheiung vermutet R. Holsten  in den Flurnamen Mäd-chenbruch und Mädchenmoor. Der wohl bekannteste Fall ist der ON. Magde-born bei Leipzig, der bei Thietmar usw. noch als Medeburu, Medeburun er-scheint, slavischen Ursprungs ist und dt. Magd genauso wenig enthält wie – so meine Überzeugung – Magdeburg.

Es bleibt aber noch eine schon mehrfach angesprochene Aufgabe bestehen: der hier vorgelegte Deutungsversuch verlangt nach einem Adjektiv im Bestim-mungswort. Dieses kann nach bisheriger Kenntnis – das sei vorausgeschickt – in den germanischen Sprachen nicht nachgewiesen werden. Ich möchte aber zeigen, daß man es – selbstverständlich nur bis zu einem gewissen Grade – wahrscheinlich machen kann. Ein Rest an Unsicherheit bleibt bestehen; daran ist kein Zweifel.

Betrachten wir uns nochmals die älteren Belege der behandelten Namen, so wird deutlich, daß diese in der Wurzelsilbe überwiegend –a- enthalten: 805 Magadoburg; 1216 Mactvelde; 149 Magedefelde; 1207-1224 Magethefelde; 1060 Magetheida; 8./9. Jh. Magedobrunno; Magdabrunno. Weiter muß mit einem Dental gerechnet werden, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit darf dieser als -?- bestimmt werden. Wir gewinnen daher relativ sicher eine Grundform *magath-.

Der Blick in die Adjektivbildungen der germanischen Sprachen zeigt, daß Dentalbildungen gerade in einer einer älteren Stufe des Germanischen bezeugt sind ; u.a. haben H. Krahe u. W. Meid  auf entsprechende Bildungen hinge-wiesen, wobei der präsuffixale Vokal unterschiedlich ausfallen kann: -i?a- in ahd. gi-fiderit „gefiedert“ (zu federa „Fieder“), ae. gel?fed „gläubig“ (zu gel?afa „Glaube“), -??a- in ahd. hofer?t „bucklig“ (zu hovar „Buckel“). Beide Varianten passen aber nicht zu einem Ansatz *maga?-. Jedoch liegt eine genaue und in ihrer Struktur und Streuung fast deckungsgleiche Parallele in dt. nackt vor.

Dt. nackt, ahd. na(c)kot, na(c)chet, got. naqa?s, anord. n?kviðr, ae. nacod, næcad, altfries. nakad, naked wird von F. Heidermanns   im Einklang mit bisherigen Vorschlägen auf germ. *nakwad- zurückgeführt. Dieser Ansatz kann auf einer idg. Vorform *nóg?ot- basieren. Es macht keine Mühe, ganz entsprechend das aus den Ortsnamen zu gewinnende *maga?- aus *maghot- zu entwickeln. Zu fragen ist nur, von welcher Basis dieses Adjektiv abgeleitet sein könnte.

Es gibt zwei Möglichkeiten. Zum einen kann man eine Verbindung zu der auch bei den Ortsnamen schon behandelten Sippe um got. mikils, asä. mikil „groß“ usw. herstellen. Diese geht auf einen idg. Ansatz *me?- zurück, dane-ben läßt sich aber auch – allerdings nur im Altindischen – *me?h- gewinnen, das die Basis für germ. *maga?- abgegeben haben kann. Eine Bestätigung für die Richtigkeit der Verbindung kann man unter Umständen in einigen erwei-terten Bildungen sehen, die in den Sippen um germ. *naqa?- „nackt“ wie idg. *meg(h)- „groß“ gleichermaßen auftreten: *naqa?- mit Dentalformans ~ air. mochtae (mit -o-!) „groß“, mkymr. maith „lang, groß“ (*ma?-tio-); *nag-n- mit –n-Formans in altind. nagná-, anord. nakinn, mnd. naken(t) ~ griech. ìÝãáò, ìåãÜëç, ìÝãá (*me?-no      -) „groß“, -n- auch in lat. magnus; hierzu etwa auch heth. nekumant- ~ lat. magmentum „Fleischstücke als Zusatz zum Opfer“?

Vielleicht ist aber die zweite Möglichkeit vorzuziehen. Sie liegt in der gut be-zeugten germ. Sippe um got., ags. magan, dt. mögen, Prät. mag (so auch schon got., asä., ahd.) vor, wozu nicht nur weitere germ. Wörter wie aisl. magn, meg(i)n, ags. mægen „Macht, Hauptsache“, got. mahts, dt. Macht, gestellt werden können, sondern auch aind. maghá- „Macht, Kraft, Reichtum, Gabe“, aksl. mog?, mošti „können, vermögen“, mošt? „Macht, Stärke“ u.a.m. Diese Wortgruppe erfordert einen Ansatz *magh- : *m?gh-  und kann somit prob-lemlos als Grundlage eines germanischen Adjektivs *mag-a?- betrachtet wer-den.

Gleichgültig, welchen Anschluß man wählt, ein germ. Adjektiv *maga?- mit der Bedeutung „groß, stark, kräftig (z.B. von einer Quelle)“ findet in jedem Fall eine befriedigende Basis.

Das vermutete germ. Adjektiv wäre nach diesem Vorschlag im Wortschatz verschwunden oder wurde verdrängt durch mikil/michil und groß/gr?t, hätte aber im Namenschatz Norddeutschlands, u.a. in dem ON Magdeburg als „große Burg“, seine Spuren hinterlassen. Wie rasch ein Adjektiv mit der Bedeutung „groß“, das in Ortsnamen gut faßbar ist, untergehen kann, zeigt gerade got. mikils, asä. mikil, ahd. michil, mihhil, das in den modernen germanischen Sprachen kaum noch nachgewiesen werden kann.

Mit dieser Bemerkung könnte ich diesen Versuch schließen. Es ist jedoch noch ein kurze Behandlung der englischen Ortsnamen, die H. Tiefenbach mit Recht herangezogen hat, angezeigt.

Wie in Deutschland werden in England die Ortsnamen fast übereinstimmend zu dem „Mädchen-, Magd-“Wort engl. maiden, ae. mægden, mæg(e)? ge-stellt. Daneben wird bei einigen wenigen aber auch altenglisch mæg?e „Ka-mille“ herangezogen. Es soll hier nicht bestritten werden, daß einige der fol-genden Ortsnamen eines der beiden Substantive enthalten; einzelne Namen zeigen aber sowohl durch ihre älteren Belege, durch ihre kontinentalen Paralle-len und auch wegen der z.T. ungewöhnlichen Bedeutung (um es vorweg zu nehmen: weder „Mädchenfurt“ noch „Kamillenfurt“ überzeugt“), daß diese Etymologien zumindestens fraglich sind.

In aller Knappheit schließe ich hier eine Zusammenstellung von englischen Ortsnamen an . Mir sind bekannt geworden: Madley, südlich von Birming-ham, im Grundwort l?ah; Maidebury in Cambridge, Grundwort burh; Maiden Down in Devon, Grundwort d?n; Maiden Castle bei Brough (Westmorland), ca. 1540 usw. Mayden Castel(l), „refers to a rectangular Roman fort ... near the Roman road over Stainmore ... The name ... means ‘maidens’ fortification ..., occurs several times and usually refers to prehistoric earthworks and fortifica-tions ...“ ; Maiden Castle in Cumberland und Dorset; Castle Hill in York (West Riding), früher Maidanecastell; Maiden Castle in Edinburgh, früher auch Castrum Puellarum; Maiden Way, Bezeichnung einer Römerstraße bei Alston (Cumberland), ca. 1179 Maydengathe usw. ; Maidens Bridge in Midd-lesex; Maidenburgh in Essex; Maidencombe in Dorset, Grundwort cumb; Maidencourt in Berkshire, Grundwort cot (vgl. oben unter den dt. Ortsnamen Nr. 19 1277 (1276) Megedekot); Maidenford in Dorset, Grundwort ford; Mai-denhead in Berkshire, 1202 Maideheg, 1241 Maydehuth', Maydeheth', 1248 Maydehuth, Grundwort h?ð, nach E. Ekwall  „the maidens’ landing-place“, (man beachte die zu verfolgende Entwicklung Maide-h?th > Maiden-head); Maidenwell in Cornwall und Lincolnshire, 1086 Welle, 1212 Maidenwell, „the maidens’ spring“ ; ae. mægðe „Kamille“ liegt nach A.H. Smith vor in Maid-ford (Wiltshire; Grundwort ford), „but difficult to distinguish form mægð“; wella „Quelle, Bach“ wird als Grundwort angenom-men in Maidwell (Norfolk), „perhaps in allusion to ‘fertility’ springs“  und auch in Maidwell (Northamptonshire), 1086 Medewelle, 1198 Maidewell, „the maidens’ spring or stream“ . Geht man wie in Mägdesprung, 8./9. Jh. circa fontem, qui dicitur Magedobrunno; in loco, qui dicitur Magdabrunno (vgl. unter den dt. ON. oben Nr. 6) von einem Adjektiv mit der Bedeutung „groß“ aus, lösen sich die schwierigen semantischen Probleme. Aus England vgl. wei-ter Maidford in Northamptonshire, 1086 Merdeford, 1167 Maideneford, 1200 Meideford, Grundwort ford (Smith II 32), „the maidens’ ford“ ; umstritten ist Maidstone, 10.Jh Mæidesstana, Mæg?an stan, 1086 Meddestane, 11.Jh. Maegdestane, vgl. E. Ekwall : „Probably ‘the maidens’ stone’. One OE form seems to suggest the word mæg?e as the first el., but ‘mayweed stone’ gives no goot meaning. Probably the original form was mæg?a-st?n, which came to be misunderstood“. Weiter ist hinzuweisen auf Mayburgh, 1671 Maburgh usw., ON. bei Askham (Westmorland), bezieht sich auf ein altes Amphithea-ter .

Wie schon eingangs bemerkt wurde, hat H. Tiefenbach aufgrund des engli-schen Materials einen altenglischen femininen n-Stamm mage?e, mæge?e, mæg?e „Kamille“ in die Diskussion um den ON. Magdeburg eingeführt. Die-ses Wort ist nach seinen Ausführungen „auch im Altenglischen zur Bildung von Ortsnamen benutzt worden, wobei der Typus ‘Kamillenfeld’ in England (Mayfield/Sussex) wie auf dem Kontinent (Magethevelde) in gleicher Weise vertreten ist“ . Die englischen Forscher sind sich da gar nicht so sicher. Ae. mægðe „Kamille“ liegt zwar auch nach Smith II 32 in Mayfield in Sussex, ca. 1200, 1248 Magefeud, 1279 Megthefeud, vor, aber es ist „difficult to distingu-ish form mægð“; auch E. Ekwall hat Zweifel : „feld where mæg?e or may-weed grew“. Man vergleiche weiter Maybridge in Worcestershire; Mayford (Surrey), 1212 Maiford, 1230 Maynford, 1236 Mayford, nach E. Ekwall  „No doubt identical with Mæg?eford 955 ... (Abingdon, Brk), Ma??eford 931 ... (Norton, Gl). This may be ‘maidens’ ford’ (OE mæg?) or ‘ford where may-weed grew’ (OE mæg?e)“; schließlich sind noch zu nennen Maytham (Kent), ca. 1185 Maihaim, 1242 Meyhamme, 1314 Matham, „hamm overgrown with mæg?e or mayweed“ , und Medbury in Bedfordshire.

Trägt man die deutschen wie englischen Ortsnamen auf eine Karte ein, so zeigt die Streuung – völlig unabhängig davon, ob man einer Kombination mit Mäd-chen, Kamille oder groß den Vorzug gibt –, daß sie in Deckung steht zu zahl-reichen anderen Verbreitungen altgermanischer Ortsnamen . Skandinavien und Schleswig-Holstein spielen dabei keine Rolle.




Kommen wir zum Schluß und zum Ortsnamen Magdeburg zurück. Der Dich-ter Peter Lotichius schreibt im 16. Jahrhundert in einer lateinischen Elegie, die er an seinen Freund Marcus Eridanus richtete, über die Bedeutung des Namens:

Wie ist der uralten Stadt am kräuternährenden Elbstrom,

Die nach der Jungfrauen heißt, treffend ihr Name gewählt!

Da sie der Mädchen so viel von lieblichem Antlitz, o Marcus,

wenn auch entstammt nur dem Blut mittlerer Stände, besitzt.

Diese Deutung bleibt eine Fabel. Ich würde die bisherige Erklärung „geschütz-te Stätte heidnischer weiblicher Wesen“ bzw. „Kamillenburg“ oder derglei-chen, die für einen Ortsnamen sowieso mehr als ungewöhnlich ist, ersetzen wollen durch „große Burg“, oder besser „große Stadt“ (altsächsisch borg be-deutet „Burg, Stadt“), eine – zugegeben - recht profane Erklärung, die aber in bezug auf Ortsnamen mit Sicherheit zu bevorzugen ist.