Jürgen Udolph: Flur-, Orts- und Gewässernamen im Norden der Gemeinde Belm (Landkreis Osnabrück)

Einem Wunsch von H. Jarecki folgend soll durch eine genauere Analyse von Flur-, Orts- und Gewässernamen der Orte Vehrte, Powe und Icker die Stichhaltigkeit älterer Auffassungen geprüft werden, wonach etwa Flurnamen wie Teufelsstein, Süntelstein, Vehrte und Seelhorst Hinweise auf Opferstellen, Gedenksteine oder Grenzanlagen enthalten. Angesichts zahlreicher Kultsteine im Norden des Gemeindegebietes sind immer wieder Vermutungen geäußert worden, daß die geograhische Namen Informationen enthalten könnten, die auf Rechtsverhältnisse oder geistige Vorstellungen Bezug nehmen.

Es darf als allgemein anerkannt gelten, daß, wie W. Fieber und R. Schmitt es ausdrücken1, „Flurnamen ... eine der Grundlagen für volkskundliche, archäologische und rechtshistorische Untersuchungen“ sind. Weiter darf vorausgeschickt werden, daß Vermutungen, die z.T. auf das 19. Jh. zurückgehen, durch neuere Untersuchungen der niedersächsischen Flur-, Orts- und Gewässernamen zu korrigieren sind. Zugleich darf auch gehofft werden, daß junge und jüngere Vermutungen, die sich im Lichte der Namen um Sachsenfrage, fränkischen Einfluß auf die niedersächsische Toponymie, Germanenproblem und Ausbreitung nach England drehen, auch durch eine Untersuchung eines kleineren Bereichs Unterstützung oder Kritik erfahren. Ein geographischer Name hat nicht nur für den unmittelbar benachbarten Raum Bedeutung, sondern kann durch Einbettung in größere Zusammenhänge auch für andere Bereiche wichtig sein. Das gilt mit gewissen Einschränkungen sogar für die Flurnamen, die im folgenden im Mittelpunkt stehen sollen.

Es empfiehlt sich, bei der Untersuchung eine gewisse Schichtung vorzunehmen. Ausgehend von jüngeren und z.T. leicht zu durchschauenden Toponymen, die auch nur knapp behandelt werden sollen, wird der Weg

über ältere, zumeist an ihrer niederdeutschen Form erkennbaren Namen bis hin zu schwierigeren Siedlungs- und Gewässernamen führen.

I. Flurnamen

A. Jüngere (hochdeutsche) Namen

Bei dem FlurN. Am Schäferhause2, für den ältere Belege leider nicht zu ermitteln sind, handelt es sich um einen jungen, durchsichtigen Namen aus hochdeutsch Schäfer + -haus. Beide Namenelemente sind aus dem Hochdeutschen erklärbar. Wie eine ältere, niederdeutsche Form aussehen müßte, zeigt ein für eine nicht mehr zu lokalisierende Örtlichkeit überlieferte Beleg aus dem Jahre 1160 Scaphus3.

Bei Klein Icker verzeichnet die Deutsche Grundkarte4 einen Flurnamen Auf dem Berge. Es liegt ein durchsichtiger Name vor, dessen Motiv (erhöhte Lage) auch heutige Karten noch zu erkennen geben.

Südöstlich von Vehrte liegt die Flur Auf dem Osterberg5, 1784-1790 Auf dem Osterberge6, davon abgeleitet ist ein Straßenname Osterberg7. Es kann sich durchaus um einen durchsichtigen Namen handeln, der auf die Lage östlich von Vehrte Bezug nimmt. Einer Mitteilung von H. Jarecki folgend bezog sich die Namengebung auf die Lage östlich der alten Bauernschaft Vehrte.

Im Zusammenhang mit diesem Namen sei bemerkt, daß in großen Teilen der Bevölkerung, aber auch bei interessierten Laien, das Osterfest und dessen Name irrtümlicherweise mit einem angeblichen Kult zu Ehren einer Göttin Ostara verbunden wird. Damit verbunden werden auch nicht selten Flurnamen wie Osterfeld, Osterberg. Entsprechende Hinweise finden sich auch im Osnabrücker Schrifttum. N. Bödige8 schreibt bei der Erwähnung der Oestringer Steine im Nettetal: „Nach alter Überlieferung sollen die Oestringer Steine dem Kultus der Frühlingsgöttin Ostara gedient haben

und daher ihren Namen tragen; wahrscheinlich aber stellen sie Begräbnisstätten der vorzeitlichen Besitzer des benachbarten Meierhofes dar, einer uralten Siedlung, die später ... zu den Familiengütern des Sachsenführers [Wittekind] gehörte“. Entsprechend zählt P. Buettner9 Namen wie Osterboll, Gemarkung Bassum; Osterberg, Gem. Berge; Asterfeld, niederdeutsch Aosterfeld, Gem. Dalvers; Osterfeld, Gem. Grothe; Osteresch, Gem. Wulften; Osteresch, Gem. Gr. Drehle; Osterkamp, Gem. Settrup; Osteresch, Gem. Evinghausen; Osterfeld, Gem. Langen; Im Osterfelde, Gem. Langen (daneben: Osterwiese); Osterberg, Gem. Rüssel; Osterkamp, Gem. Tütingen; Osterstiege, Gem. Thiene, auf und mutmaßt: „Benannt nach der Ostara, der germanischen Erd- und Frühlingsgöttin, die besonders bei den Angels und Sachsen verehrt wurde, wodurch sich auch die Häufung des mit Oster ... zusammengesetzten Flurnamen gerade im norddeutschen Raum erklärt“.

Es fehlt hier der Raum, um ausführlicher auf das Problem des Oster-Namens einzugehen, einige Anmerkungen müssen genügen10. Schon W. Golther11 hatte geäußert: „Die Osterbräuche erklären sich aus dem Frühlingsfeste, das den Germanen wie allen Völkern eigen war, aber auf keine bestimmte Gottheit zu beziehen ist ... Die zahlreichen Monatsnamen unter den Germanen stammen aus allen möglichen, insbesondere landwirtschaftlichen Beziehungen, niemals aber sind sie von Götternamen hergenommen ... Darum ist Bedas Meinung, es habe unter den Angelsachsen Göttinnen namens Eostre und Hreda gegeben, wenig glaubhaft. Die von J. Grimm ... aufgestellten altdeutschen Göttinnen Hruoda, Ostara, Ricen, Zisa sind aus den Glaubensvorstellungen der alten Deutschen zu streichen“. Ganz ähnlich hat sich fünzig Jahre später K. Helm geäußert12. Und auch K. Weinhold13 hielt Bedas Erklärung „für üble Spielerei“, da man „keine germanischen Monatnamen sicher nachweisen [könne], die nach einer alten Gottheit benannt wären“.

Es war die Autorität Jacob Grimms, die zu dem weit verbreiteten Irrtum geführt hat. Eine Göttin Ostara hat es nie gegeben. Es ist daher K. Helm

nachdrücklich zuzustimmen, wenn er knapp bemerkt hat14: „ ... alles, was man in der Osterzeit in Zeitungsartikeln über Ostara zu lesen pflegt, ist Phantasie“ .

Hinter dem ON. Auf dem Talkamp westlich von Vehrte, in dem auch ein Staßenname Talkamp bezeugt ist15, und der um 1525 in den Personennamen Anna up den Talkamp; Hermann up den Talkamp bezeugt ist16, liegt das auch im Osnabrücker Raum häufige Kamp vor, dessen Bedeutung in den niedersächsischen Mundarten variiert. U. Scheuermann verzeichnet für die mittelniederdeutsche Zeit „Landstück, insbes. eingefriedetes Stück Landes, Weide- oder Ackerland, auch gehegtes Waldstück, im allgemeinen als Privatbesitz; Feldstück von bestimmter, doch nicht festgelegter Größe“; im Neuniederdeutschen erscheint das Wort in der Bedeutung „ein mit einer Hecke oder mit einem Graben eingehegtes Stück Land, gleich viel, ob es Ackerland, oder Wiese, oder Waldbestand ist“ 17. Daneben enthält der Orts- und Straßenname hochdeutsch Tal, obwohl niederdeutsch dal zu erwarten wäre.

Die Fluren Bruchwiesen18, Im Bruche19, Vor dem Bruche20 und der Straßenname Vor dem Bruch in Klein Icker21 enthalten nach dieser Schreibung hochdeutsch Bruch „Bruch-, Sumpf-, Moorland; niedriges nasses Uferland“ bzw. Wiese. Eine niederdeutsche Entsprechung des ersten Namens müßte etwa Brookwisch, des zweiten Namens Brook lauten.

Der Herrenkamp enthält neben kamp (s.o.) ein Bestimmungswort Herr-, das nach U. Scheuermann22 und anderen auf „(ehemalige) adlige Grundherrschaft bzw. den Landesherrn, evtl. auch auf Kirchenbesitz“. hinweist. Was in unserem Namen letztlich vorliegt, kann nur eine intensivere heimatkundliche Untersuchung ermitteln, die von der Lokalforschung angestrengt werden müßte.

Der Flurname Johannis Heide23 enthält kaum Heide „sandige, unbebaute, wildbewachsene Fläche“, sondern ist wohl zu dem bei Du Plat genannten Personennamen Johann Heyde  zu stellen24.

Der Name der Karlsburg25 bezieht sich offenbar auf ein kleines Gehöft am Power Weg östlich von Klein Icker; er lebt auch weiter in dem Straßennamen Karlsburger Weg. Nach H. Jarecki ist „definitiv keine Burg bekannt“. Man kann daraus ohne Kenntnis der Lokalgeschichte nur folgern, daß im vorliegenden Fall deutsch Burg „bergende, schützende Stätte“ auf ein Wohnhaus übertragen wurde.

Im Fall des Flurnamens Rehbruch26 könnte man es leicht machen und neben dem hochdeutschen Grundwort Bruch (vgl. oben) hochdeutsch Reh sehen. Doch diese Deutung wird falsch sein. Wie der Rehbach in Göttingen-Grone steckt im ersten Teil des Namens sicherlich eher niederdeutsch Ried „Schilf“, so z.B. auch in den Ibbenbürener Flurnamen Reeackerstuck, Rehediek, Reidiek, Reewechstucke27.

B. Ältere (niederdeutsche) Namen

Die Flur Auf dem Bultkamp28 enthält im Grundwort Kamp (s.o.). Das Bestimmungswort Bult erinnert vor allem an den Namen der Hannoverschen Pferderennbahn Neue Bult. Weiter sind anzuschließen die Ortsnamen Bulte bei Wiedenbrück und Bülten (Kr. Peine und Hildesheim). Zugrunde liegt mittelniederdeutsch bult, vgl. mndl. bult, fläm. bulte, afries. bult, blut „Erdhaufen, (künstlicher) Erdhügel“29.

Der FlurN. Auf dem Plasse an der Nette südwestlich Vehrte30 bedeutet „auf der freien, ebenen Stelle liegend“. Er enthält ein Wort, das G. Müller31 unter einem Flurnamenansatz Plaß wie folgt beschreiben hat: „Platz; Stelle (an der sich etwas befindet); freie,ebene Stelle“.

Zweideutig ist der FlurN. Auf dem Rott32. Gehört er zu mittelniederdeutsch rote, rate „Verrotten, Fäulnis“, neuniederdeutsch Rote, Rate „Grube zum Flachsrösten, Rößegrube“ oder aber zu neuniederdeutsch Rott „Rodeland“?33

Besser erklärbar ist die Bezeichnung Auf der Boekenhorst, davon abgeleitet auch der Straßenname Boekenhorst in Vehrte34. Sie enthalten niederdeutsch bök, b?k „Buche“ und im Grundwort -horst, das zu mittelhochdeutsch hurst, althochdeutsch hurst, altsächsisch hurst „Gebüsch, Gestrüpp“, mittelniederdeutsch, mittelniederländisch hurst, horst, neuniederländisch horst, altenglisch hyrst, neuenglisch hurst „Buschwald, Gebüsch, Gehölz, Gesträuch, Gestüpp, Niederholz“, auch „bewachsene kleine Erhöhung in Sumpf und Moor“, jünger auch „Vogelnest“, gehört35.

Der Name Auf der Haarenburg36 enthält neben -burg (das aber auch altes -berg sein kann; die beiden Wörter wechseln in Namen z.T. regellos miteinander, mancher Burgberg hat nie eine Burg bessessen) ein altes Sumpf- und Morastwort. Haar gehört zu althochdeutsch horo „Schlamm, Brei, Schmutz, Kot, Erde“, „Sumpfboden, Schlamm, Schmutz, Kot, Sumpf“, horo, horaw „Sumpf“, adjektivisch horawig, horawîn, hurwîn „sumpfig“, mittelhochdeutsch hor, hore „Sumpfboden, kotiger Boden, Kot, Schmutz, Schlamm“; altsächsisch horu „Kot, Schmutz“, horh „Rotz, Nasenschleim“, horo „Fäulnis“; mittelniederdeutsch hôr „lutum“, „Dreck, Unrat; Schlamm, Moorerde, Lehm“, hôr(e), hâr(e) „Dreck, Unrat, Schmutz“; neuniederdeutsch hâr „Schmutz, Kot“. Dieses Wort steckt auch in Harburg, Horb, Horton und in zahlreichen anderen Namen, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Niederlanden, in Belgien und England37.

Die Flur Auf der Wellenbreite38 enthält hochdeutsch Breite, zumeist zu verstehen als „Ackerbreite, Ackerstück von größerer Breite als Länge“ u.a.m.39, und im Bestimmungswort niederdeutsch welle „Quelle“40,  „Stelle, wo das Wasser aus der Erde hervorbricht oder sprudelt und sich

sammelt; Quelle, natürlicher Brunnen“41. Der Blick auf die Karte bestätigt diese Deutung. Hier anzuschließen ist die Hofbreite42, deren Bestimmungswort offenbar auf den Hof Lückemeyer Bezug nimmt.

In Bocksiek43 liegt neben niederdeutsch bök, b?k „Buche“ siek vor, das in Niedersachsen in der Form siek, sik oder auch sick erscheint und zumeist in der Bedeutung „Bodensenkung, sumpfige Niederung“, „sumpfige Niederung, eine stets feuchte Stelle im Acker“, „feuchte Niederung, feuchte, sumpfige Stelle“ bezeugt ist. Das Mittelniederdeutsche kannte es als sîk „wasserhalti­ger Grund, sumpfige Niederung, Tümpel“, das Altsächsische in der Form s?k „Wasserlauf, Sumpf“44. Dieses Wort steckt auch in dem FlurN. Bolsiek45, dessen Bestimmungswort am ehesten zu mittelniederdeutsch bol „hohl, unterhöhlt, aufgebläht“ (so daß hohle Stellen zwischen der Masse sind), neuniederdeutsch boll, bool „hohl“ (im Niederländischen bol „weich, morastig“)46 gehört. Weniger wahrscheinlich ist ein Anschluß an neuniederdeutsch boll „Anhöhe, Hügel“ (auch die Lage der Flur spricht dagegen).

Auf einen Bachlauf weist der FlurN. Breite Riede (auch Straßenname Breitenriede47), dessen erstes Element hochdeutsch breit ist, jedoch werden auch in diesem Fall hochdeutsch sprechende Administratoren das ursprüngliche niederdeutsch br?d verdrängt haben. Die Bestätigung für diese Annahme findet sich bei Du Plat, der eine Flur Bey der Bredenriede48 bezeugt. Im zweiten Teil liegt ein in Norddeutschland weit verbreitetes Bachwort vor, das zumeist auf kleine, häufig versumpfte Gewässer hinweist. Am bekanntesten dürfte es aus der Eilenriede in Hannover sein. Es erscheint in unterschiedlicher Gestalt: rîd(e) „Bach, Wasserlauf“, auch ride, rien „natürlicher Wasserlauf, kleiner Fluß, Rinnsal auf dem Watt“, westfälisch, ostfälisch rye, rie „kleiner Bach, Wasserlauf“, auch als rîge und rî'e, rîhe „kleiner Wasserlauf“. Das Mittelniederdeutsche kannte es als rîde, rîe, rîge (ride, rije, rige) „Bach, kleiner Wasserlauf, Graben“49.

In dem Vehrter Straßennamen Farnbrink50 steckt ein FlurN., dessen Bestimmungswort leicht erkenntlich zu deutsch Farn gehört. Das Bestimmungswort brink begegnet sehr häufig in norddeutschen Flurnamen (auch in Familiennamen als Brinkmann usw.). Es bedeutet nach G. Lerchner51, der sich ausführlich damit befaßt hat, „‘Anhöhe, Hügel’, davon spezifiziert einerseits ‘Anhöhe im Wiesengelände’, dann ‘bewachsene Hochfläche’, ‘bewachsene Anschwemmung im Flußbett’, ‘bewachsene Fläche’ überhaupt ‘Anger’, ‘Versammlungsplatz’, schließlich sogar ‘Versammlung’; andererseits ‘abgrenzende Höhe’, ‘Rand’, ‘Ufer’ ...“. Eine Zusammenstellung norddeutscher Namen unter Einbeziehung der Zusammenhänge mit englischen und skandinavischen Entsprechungen findet sich bei J. Udolph52.

Der Name des Gattberges südwestl. Vehrte enthält im Bestimmungswort unstrittig -berg. Das Bestimmungswort wird niederdeutschen Wörtern zu verbinden sein, die U. Scheuermann53 zusammengestellt hat. Dort heißt es unter einem Ansatz Gatt: „mittelniederdeutsch gat ‘Loch, Öffnung, Durchbruch, Durchlaß, Durchgang; Grube; Wasserstraße, Durchfahrt’, neuniederdeutsch Gatt ‘Loch, Öffnung, Durchgang, Grube, Höhle’; ‘im Binnenland oft in Namen für feuchte Bodensenken’“. Für unseren Namen darf man auf eine ursprüngliche Bedeutung „Durchgang, Durchfahrt“ schließen. Das läßt sich nicht nur durch die Etymologie des Ortsnamens Vehrte stützen (dazu s. unten S. 81), sondern auch durch die Beobachtung, daß über den Gattberg der sogenannte Bremer Heerweg verläuft54. Man beachte auch den Straßennamen Im Gattberg südöstlich der Erhebung55. Den Gattberg darf man daher wohl am ehesten als „Berg am Durchgang“ verstehen.

Der Name Glassiek56 besitzt im Grundwort niederdeutsch siek, das schon unter Bocksiek und Bolsiek behandelt wurde (s.o.) und geht daher wohl auf einen Bachnamen zurück57. Nicht so leicht ist zu erklären, wie das erste Element zu verstehen ist. Glassiek könnte als „durchsichtiger, klarer Bach“ verstanden werden, jedoch liegt bei fast allen anderen Namen, die das Wort Glas enthalten, ein Hinweis auf eine Glashütte vor. Nach Aus-

kunft von H. Jarecki ist davon aber nichts bekannt, so daß sich das Benennungsmotiv wohl doch auf das ursprünglich klare Wasser bezogen haben wird.

Die Hagenbrede58 enthält im Grundwort nicht wie in den schon behandelten Namen Wellenbreite und Breite Riede hochdeutsch breit, sondern niederdeutsch br?de „Breite“. Das Bestimmungswort Hagen gehört zu niederdeutsch h?gen, nach G. Müller59 zu verstehen als „(ursprünglich umzäunter, umhegter Grund, überwiegend) Wald“. Man vergleiche dazu auch die Behandlung der -hagen-Ortsnamen im Kr. Schaumburg durch W. Laur60.

Das Grundwort des FlurN. Im Ellerkamp (auch Straßenname Ellerkamp)61 ist oben unter Talkamp bereits besprochen worden. Daneben enthält der Name mittelniederdeutsch eller, elre, neuniederdeutsch Eller „Erle“.

Im Wellbrook, Flur und Straßenname in Vehrte62, ist ein „Quellbruch“, man vergleiche oben unter Wellenbreite sowie niederdeutsch brook „tiefliegendes, feuchtes, auch sumpfiges Gelände“.

Probleme bereitet die Flurbezeichnung In den Hengelrieden63. Die Hengelriede bezeichnete ursprünglich eine größere Flur als in der Grundkarte ausgewiesen und liegt nach einer Mitteilung von H. Jarecki auf einer leichten Erhöhung zwischen den Quellbereichen zweier Bäche. Daß der Name heute nicht mehr verstanden wird, darf aus der Tatsache gefolgert werden, daß eine ca. 500 m südlich davon in Vehrte liegende Straße den Namen Engelriede führt64. Zu riede „Bach, Rinnsal“ wurde oben schon Stellung genommen (s. Breite Riede). Das Bestimmungswort erinnert an die Hengemühle bei Diepholz, eine Wassermühle an der Hunte, deren alte Belege nach G. Lutosch grundsätzlich altes -l- enthalten: 1356 in Hengelmolen, 1771 Hengelmühle65. Er vermutet einen Zusammenhang mit hängen und verweist auf Lübben-Walther66. Dort steht unter hengel-bôm: „Baum, Stange, Rick, worüber man allerlei hängen kann“, hengelmole ... „(?) Mühle“, hengel-rode „ein hängender Querbalken an einer Wippe, einem Brunnen, Galgen etc.“, hengelse (-sche) „herunterhängendes Gewand“.

Diese Wörter gehören natürlich zu Hang „Neigung, schräge Fläche, Abhang“, hängen, hangeln, Abhang, wozu nach Hj. Falk und A. Torp67 als Deminutivbildung schwed. dial. hangla, schwed. hängla u.a.m. gehören (man vergleiche auch deutsch Henkel als -l-Ableitung).

Hier können weitere Flurnamen genannt werden, etwa Bey dem Hangelbaum, beim Hangel Bohm und In Hängelbäumen im Kreis Rotenburg/Wümme, wozu es bei P. Hessmann68 heißt: „Niederdeutsch hangel, hängel bedeutet ‘Herabhängendes’. Das Wort kommt vor in Zusammensetzungen wie hangelbeer ‘Hängelbirne’, hangelb?k ‘Hängebauch’. Ein hangelbaum wird ein Baum mit herunterhängenden Ästen und Zweigen sein (z.B. eine Trauerweide). Vgl. niederdeutsch hangelbark ‘Hänge-, Trauerbirke’“. Hierzu gehört wohl auch der Hengelsberg bei Dransfeld, wo sich eines der wichtigsten und bekanntesten Kulturdenkmale des Göttinger Raumes, die sogenannten Altarsteine, befindet69. Weiter lassen sich anführen „die Hangeleiche bei Heimburg im Kreis Wernigerode, der Hangelsberg bei Aschersleben ... [und] Hangelhoch bei Erxleben, Kreis Haldensleben“70. Zu den Hängelsbergen bei Groß-Ottersleben hat aus sprachlicher Sicht ausführlich W. Burghardt71 Stellung genommen. Der geht dabei von Verschreibung mit falsch hinzugesetzten H- aus und vermutet eine Ausgangsform Angelsberg. Eine Erklärung dieser Form gibt er aber nicht! Es fällt schwer, seiner Annahme zu folgen, zumal W. Burghardt selbst fortsetzt: „Die Hangelbreite in Magdeburg-Lemsdorf und Osterweddingen nach dem Gelände zu ‘Hang’. Hangel-Berg Groß-Ottersleben, Hangel-Hoie Groß-Ottersleben, Magdeburg-Diesdorf, Hangel-Bergfeld in Groß-Ottersleben, Hangel-Breite in Magdeburg-Lemsdorf, Osterweddingen“.

Aus dem Kreis Heiligenstadt können angeführt werden: Hangelbirke, Hangelblöcke, die nach E. Müller72 das gleiche Elemente wie in mittelhoch-

deutsch hangelboum, hengelboum, worin „Hängen, Herunterhängendes“ zu vermuten sei, enthalten.

Einige dieser Namen stehen zweifellos unter Verbindung mit deutsch hängen, aufhängen in einem Zusammenhang mit Gerichtsstätten, so nach W. Fieber und R. Schmitt73 mit Sicherheit der Hangelsberg bei Aschersleben. Das gilt auch für andere Flurnamen, die aber wie die Vehrter Hengelriede kein -l- aufweisen und daher von vornherein nur unter Vorbehalt herangezogen werden könnten.

Genannt seien hier in aller Kürze der Hängehügel bei Osterhausen, der auf eine Gerichtsstätte weist 74, ein fast kreisrunder, ca. 3,5 m hoher und im Durchmesser ca. 20 m großer Hügel75, 1538 (kleiner) Hengehohe, 1541 Hanshoe; vonn der gebreite an dem Henge Hobell gelegen, 1588 auf den Hennge Hügel, 1600 Hanghügell, 1614 Hengehügell, 1622 Henghügel, nach dem Hanghügel ... am Hengehügel,  1723 Hengehügel76, dessen Grundwort z.T. mit dem von K. Bischoff behandelten77 germanischen *haugaz „Hügel, Grabhügel“78 und dessen dialektalen Weiterentwicklungen Hoch, Hauck, Hök, Hoe, Hog, Ho verbunden werden kann.

Weitere Flurnamen „mit dem Grundwort Hang- sind im mitteldeutschen Raum mehrfach überliefert, so ... der Hängehügel bei Hedersleben, Kreis Eisleben, die Hangeiche bei Winkel, Kreis Sangerhausen, der Hangensberg bei Abberode, Kreis Hettstedt, der Hangefleck bei Woffleben, Kreis Nordhausen, das Gehänge bei Nohra, Kreis Nordhausen ... „79, von denen auf Richtstätten hinweisen: „die Hangeiche bei Winkel, Kreis Querfurt ... und der Hängehügel auf der Gemarkungsgrenze zwischen Bornstedt, Kreis Eisleben, und Osterhausen, Kreis Querfurt. Letzterer ... ist ... ohne Zweifel ... der Galgen des Amtes Sittichenbach“80.

Von diesen ist aber die Vehrter Flur In den Hengelrieden zu trennen. Dieser Flurname enthält eine -l-Ableitung und ist mit einiger Wahrscheinlichkeit mit den oben genannten Namen Henge(l)mühle bei Diepholz, Hengelsberg bei Dransfeld, Hangelhoch bei Erxleben, Hängelsbergen bei Groß-Ottersleben, Hangelbreite in Magdeburg-Lemsdorf und Osterweddingen, Hangel-Hoie in Groß-Ottersleben und Magdeburg-Diesdorf, Hangel-Bergfeld in Groß-Ottersleben, Hangel-Breite in Magdeburg-Lemsdorf und Osterweddingen, Hangelblöcke im Kr. Heiligenstadt, zu verbinden. Weiter ist hier an deutsch Hang „Neigung, schräge Fläche, Abhang“ und Abhang, sowie an die nordischen Deminutivbildung schwed. dial. hangla, schwed. hängla zu erinnern.

Eine Bestätigung der Annahme, daß sich Hengel- in Hengelriede am ehesten als „Abhang-, Hang-“ und die Flur (alter Bachname) Hängelriede als „Hangbach, Bach an einer Schräge“ auffassen läßt, zeigt auch die topographische Lage81. Daneben ist auch ein Bezug zu England wichtig: bei der Erörterung des ON Hangleton in Sussex erwägt A.H. Smith82 ein altenglisches Wort *hangel „slope“ (also „Abhang, Neigung“) oder als Adjektiv *hangol „schräg, abschüssig“, die mit altengl. hangelle „hängendes Objekt“ verbunden werden könnten. Diesem Vorschlag hat sich E. Ekwall83 angeschlossen.

Wir gewinnen damit eine westgermanische -l-Ableitung eines gemeingermanischen Wortes (deutsch hängen, Hang, gotisch hãhan, anord. hanga, altengl. h?n), das vor allem im Norden Deutschlands (mit Schwerpunkt an der Mittelgebirgschwelle) und in England zur Namengebung verwendet wurde. Das gemeinsame Vorkommen in diesen beiden Bereichen besitzt zahlreiche Parallelen, die hier nicht weiter genannt werden können84.

Der Name In den Wiedebraken85 besteht aus einer Wendung, die im Grundwort niederdeutsch br?ke „Brache, umbrochenes Land“ enthält, hier wahrscheinlich wie bei G. Müller86 nicht in der Bedeutung „(zeitweise) unbearbeitetes Ackerland“, sondern eher wie in mittelniederdeutsch br?kelant „erstmals umbrochenes, aus Wald-, Heide- oder Ödland gewonnenes Ackerland“ bezeugt. Im Bestimmungswort ist am ehesten niederdeutsch w?de „Weide“ zu vermuten; niederdeutsch w?d „weit, ausgedehnt“ bleibt besser fern.

Der FlurN. In der Lite87 besitzt Entsprechungen in etlichen Orts- und Flurbezeichnungen Niedersachsens, so etwa in Liethe, ON. bei Wunstorf, dem ON. Liedingen (Kr. Peine), 822-826 (Abschr. 15. Jh.) Lithingi, in einer Straße Auf der Lieth in Göttingen, in einer schon sehr früh (1329) im Urkundenbuch Mariengarten erwähnten Flur silvam ... dictam Lyde, in den ON. Lühnsche Lieth (Kr. Holzminden), Lietber bei Voldagsen nördlich Einbeck, Liethe bei Rastede sowie Hinter der Lieth und Lietherhof bei Cuxhaven. Die Namen gehören zu mittelniederdeutsch lît „Abhang, Halde, Senkung“, neuniederdeutsch Liet „Berglehne, Bergabhang“, ein Wort, daß mit Lehne, lehnen und Leiter verwandt ist.

Probleme bereitet der Straßenname Katzhegge88. Man denkt an deutsch Katze, dessen häufiges Vorkommen in Flurnamen aber nicht sicher geklärt ist (zudem wäre es hier ein hochdeutsches Wort, also später Herkunft). Z.T. vermutet man bei damit zusammengesetzten Namen „eine Minderwertigkeit des im Grundwort genannten Begriffes“89. Dazu paßt aber hegge, sofern es mit dem bei G. Müller90 genannten Belegen heege, heeg, heeen, heeggen, heeghe, heeghen, hege, heghe, heck „Hecke“ in Verbindung gebracht werden kann nicht. Zudem stört der in den Ibbenbürener Flurnamen bezeugte Langvokal. Falls man dennoch bereit ist, von einer Lautform Katzenhecke auszugehen, besteht die Möglichkeit, an das ebenfalls bei Müller, Ibbenbüren S. 254 genannte hekke „Einfallstor, Gatter“ zu denken. Dafür könnte eine Mitteilung von H. Jarecki sprechen91, wonach festzuhalten sei, „daß mit Katzhegge ursprünglich der Wald auf dem Osterberg bezeichnet wurde. Die Deutung von hekke als ‘Einfallstor, Gatter’ hat einiges für sich und könnte sich auf die Straße beziehen, die von Belm nach Vehrte führt und in die Vehrter Dorfstraße mündet“. Nimmt man weiter hinzu, daß man in norddeutschen Namen ein Element *kat- „gekrümmt“ sucht 92 und die Straßenführung des Weges von der Bauernschaft Vehrte auf den Osterberg hinauf dieser Bedeutung entspricht, ergibt sich eine weitere Deutungsmöglichkeit. Allerdings muß man bekennen, daß eine sichere Deutung nicht zu gewinnen ist.

Auf den ersten Blick unklar ist der FlurN. Schamelei93, der mit einem Straßennamen Schamelweg zusammenhängen wird. Zwei Einträge mit älteren Belegen klären den Namen. Er enthält einen Personennamen. Bei Du Plat ist ein Schamel als Halber Erbe bezeugt94 und um 1525 erscheint nach J. Vincke95 Hynrick Schamel als Eigentümer.

Zu verschiedenen Überlegungen gab der FlurN. Seelhorst96, auch Straßenname in Vehrte97, Anlaß. J. Sudendorff meinte vor mehr als 100 Jahren98, man könnte den Namen ableiten  „von: Seele und hohe (höe) Rast ...“. In einer Anmerkung setzt er später jedoch hinzu: „Doch ist es wohl richtiger abzuleiten: Seelhorst von Sadel, Sedel, welches in den Worten: Sadel oder Saelhofen (Selihova) und in dem Worte Saal vorkommt, und in dem Orte In den Seelhöfen, die Oberzala der ältesten Osnabr. Urkunden bei Altenmelle, dem früheren Gerichtsplatze des Schreigödings, erhalten hat. Sadel oder Sedel, ursprünglich = Sitz, daher Sadel-, Sedel-, Sael- oder Seelhöfe, Stuhlhöfe, welche einen Erb-Schöffensitz im Gericht haben“.

Eine kritische Begutachtung des Vorschlages hat zunächst zu unterstreichen, daß der Name nicht isoliert ist. Er findet sich auch in Seelhorst, OT. von Hannover, 1483 als Waldname erwähnt, heute aus dem Seelhorster Kreuz gut bekannt: up de Selhorst, sowie in drei weiteren, recht früh bezeugten Ortsnamen Selhorst bzw. Zeelhorst bei Förstemann99, 890 Selihurst bzw. 1185 Selehorst, 12.Jh. Selehurst, die dieser zunächst zu altsächsisch seli „Wohnung“ stellt (vgl. Bruchsal, Brüssel < br?k-sel-).

Keiner der Vorschläge überzeugt. Zu beachten ist, daß es sich bei den hier in Rede stehenden Namen vor allem um Flurnamen handelt (das trifft auf jeden Fall für unser Seelhorst wie für den OT. von Hannover zu). Dem entspricht auch die Bedeutung des Grundwortes -horst, das bereits oben bei Boekenhorst behandelt wurde („Gebüsch, Gestrüpp, Buschwald, Gehölz, Gesträuch, Niederholz“, auch „bewachsene kleine Erhöhung in Sumpf und Moor“).

Von hieraus muß im Bestimmungswort Seel- eine erläuternde Bezeichnung für das Grundwort -horst gesucht werden. Aus sprachlicher Sicht kommt weder sedel, sadel „Sitz“ oder salha „Salweide“ in Frage. Von der Bedeutung her ist eine Verbindung mit Seele nicht in Betracht (das Wort ist in Orts- oder Flurnamen weder zu erwarten noch bezeugt).

Die Lösung findet sich - so meine ich - am ehesten in einer Etymologie, die im Bestimmungswort mittelniederdeutsch sele (seile) „Niederung, Wiese“100 sieht. Es ist fraglich, ob E. Förstemann recht hat, wenn er101 ausgeführt hat: „Das mittelniederdeutsch sele, zeyle, Niederung scheint eher zu sil als zu s?l zu gehören“, denn altes -i- müßte sich eigentlich erhalten; auch bedeutet mittelniederdeutsch sîl, sîle „Durchlaß für Abwässer“ und findet sich vor allem im deutschen Küstengebiet. Es spricht somit vieles für eine Verbindung sel(e) „Niederung, Wiese“ + -horst „kleine Erhöhung im Niederungsgebiet“.

Bestätigt wird diese Etymologie durch Bemerkungen bei S. Wauer102. Sie erwägt bei dem Ortsnamen Holdseelen mit Recht einen Zusammenhang mit Flurnamen wie Seelenwiesen, Sehlscher Werder und den Ortsnamen Seelenhorst, 1725 an der Sehlen Horst. Sowohl niederländische wie slavische Herkunft wird dadurch unwahrscheinlich.

Auch der Komplex um den Süntelstein, den Süntel und den OT. Sonnenhügel in Osnabrück (alt Süntelbek) erfordert einen längeren Kommentar. Der Name des Süntelsteins bei Vehrte (dort auch Süntelsteinweg103), 1841 Sündel oder Sonnenstein genannt104, 1853 Sündelstein105, ist seit J.K.

Wächters Auflistung und H. Hartmanns Untersuchung106 immer wieder diskutiert worden. Wächter, S. 108 schrieb: „Der Name Sündel oder Sonnenstein, der in der Gegend öfter vorkommt, könnte ...  auf eine astronomische und somit druidische oder religiöse Bedeutung des Steins hindeuten“. H. Hartmanns Bemerkungen hat F. Runge zusammengefaßt107: „Während er früher die Ansicht vertrat, daß der Name mit dem des Gebirgszuges, auf dem der Stein steht, zusammenhänge, will er ihn jetzt von dem althochdeutsch sunnâ, Sonne, ndd. sunne, sünne, ableiten und ihn als ‘Sonnenaltar' angesehen wissen, der dem Wodan, dem höchsten Gott, ‘dessen Augen als Sonne die ganze Welt erleuchtet', heilig war ... wenn H. aber meint, der Name Süntel sei für den Gebirgszug zu keiner Zeit volkstümlich gewesen, so darf man dem doch billige Zweifel entgegensetzen, die sich darauf stützen, daß die Sündelbeke bei Osnabrück und der Sundelberch (die jetzt Sonnenhügel genannte Anhöhe) in historischer Zeit keinen andern Namen geführt haben ... Beide stehen aber unzweifelhaft mit dem Gebirgszuge in Verbindung“.

Diese so überzeugend klingenden Verbindungen erfordern eine eingehende Prüfung, die vor allem auf einer Zusammenstellung älterer Belege aufbauen muß. Nicht zuletzt dank der Sammlungen von G. Wrede können die Namen heute besser beurteilt werden. Der Gebirgsname Süntel, unter dem ursprünglich das gesamte nördliche Wesergebirge einschließlich des Wiehengebirges verstanden wurde, erscheint in den Quellen wie folgt: z.J. 782 in monte qui dicitur Sundal; Varianten: suntal, sumptdal, siimptal, suntdal108; in loco qui vocatur Sundtal109; in monte qui dicitur Suntdal110; in loco qui dicitur Suntal111; z.J. 783 ad montem qui Suntal appellatur; Varianten: sunttal, sultal, sontal112; 991 (A. 18. Jh.) dedimus silvam Suntal vocatam113; (1015-1036, Vita Meinwerci) inter Suntal et Asnig114; 11.Jh. iuxta montem Suntal115; 1305 supra montem, qui Suntel vocatur116; 1308 in monte, qui dicitur Suntel117; 1448 (F.) in dewenen Zuendel118; 1462-1478 an dem Suntel, vor dem119; 1503 uppe den Suntel120; 1574 am Suntel121; 1609 für dem Süntel122.

Zu einer Deutung des schwierigen Namens wird noch zu kommen sein; zuvor gilt es, anhand eines Vergleichs der Belege mit denen der für verwandt gehaltenen Namen die oben vorgestellten Vermutungen zu überprüfen. Der ON. Sonnenhügel, heute OT. von Osnabrück, hieß früher auch Süntelbek und ist deshalb mit Süntel und dem Süntelstein zusammengebracht worden. Die Annahme ist verfehlt, wie die folgende Auflistung zeigt. Der Ortsname Sonnenhügel ist wie folgt belegt: 1246 vridhinc Sunnelesbike, 1272 (A. um 1500) Sunsebeke, 1277 Sunnesbeke, 1283 Sunnel(s)beke, 1291 (A. 15. Jh.) Sunnesbe(e)ke, 1305 Sundelbecke, 1311 Sundelbecke, 1326 Sundelsbecke, 1412 Sundelbeke, 1426 Zundelbeke, 1442 Zundelbecke, 1456/58 Sundelbecke, 1489, 1490, 1502, 1563 Sündelbeck, Sündelbeke123,  Mitte 19.Jh. Sündelhügel124. Der ON. geht auf den Namen eines Nebenflusses der Hase bei Sonnenhügel zurück; dieser erscheint in alten Quellen wie folgt. 1189 (Fälschung) Suntelbeke, 1284 iuxta flumen Sunnesbeke, 1391 Zundelbeke, mundartlich süntlo b?k?125.

Die Überlieferung zeigt einwandfrei, daß zwischen diesem Namen und dem des Süntel keinerlei Zusammenhang bestanden hat. Der Orts- und Flußname Sonnenhügel, Süntelbeke  ist vielmehr gleichen Ursprungs wie der des ON. Sünsbeck, Ksp. Holte (südöstlich von Osnabrück bei Bissendorf), man vergleiche: 1182 Sunnesbeke, (2. H. 13. Jh) Sunnesbeke, 1331 Sunnesbeke, 1316 (A. 1404) Sunsbeke, 1402 Zunsbeke, 1412 Zunsebeke,

Zunzebeke, 1442 Sunsbeke, tor Sunbeke, 1456/58 Sunsbeke, Sundesbecke, 1464 Sunsbecke, 1496 Sünsbeck, 1512 Sundesbecke, (nach 1605) Sünßbecke, 1634 Sunßbeche, 1772 Sünsbeck126.

Zu diesem Namen stellt Förstemann, Ortsnamen II,2, Sp. 946 weiterhin Sünsbruch, ein Gut bei Hattingen, 11. Jh. (Hs. d. 12. Jhs.) in Sunnasbroka. Die Etymologie dieser Namen erfordert eine intensivere Diskussion, die hier nicht geleistet werden kann. Es sei nur soviel gesagt, daß die Namen gemeinsam mit dem baltischen Flußnamen Suñka im Pregelgebiet, seit 1318 als Suna, Süne bezeugt, und zusammen mit lettisch s?ñas „Moos“127 zu der im Baltischen häufig vorkommenden Wurzel indogermanisch *seu-, *s?- „Saft, Feuchtes, regnen, rinnen“ gehören werden.

Für unsere Fragestellung sind vor allem noch zwei Dinge zu prüfen: 1. Woher kommt und was bedeutet der Name Süntel als Gebirgszug? 2. Wie steht dazu der Name des Süntelsteins?

Unter Süntel verstand man früher nicht nur den Gebirgszug nordwestlich von Hameln, „sondern dazu auch die ganze Weserkette und das Wiehengebirge“128. Die Belege wurden oben angeführt. Unter diesen können Formen wie sundal, suntdal, Suntal als volksetymologische Umdeutungen aussortiert werden, zumal eine Bildung mit dal oder Tal mit W. Laur129 sehr unwahrscheinlich ist, „da ein Gebirgszug kaum nach einem Tal benannt sein wird“. W. Laur geht daher von einem -l-Suffix aus und führt weiter aus130: „Schwierigkeiten bereitet ... die Erklärung des /t/ im Auslaut des Wortstammes ... So können wir ... vermuten, daß unser Gebirgsname vielleicht von einem dem althochdeutsch sunt = ‘Süden’ entsprechenden Wort abgeleitet ist, vgl. Sundgau, also ‘das Gebirge im Süden’“.

Gegenüber bisherigen Deutungen wie etwa = „Sonnental“ oder der seit E. Förstemann131 favorisierten Erklärung zu gotisch swinþs „mächtig, stark“, wozu auch deutsch ge-sund gehört, ist W. Laurs Vorschlag ein echter Fortschritt, jedoch fehlt auch bei ihm eine überzeugende Deutung des -t-. Das von W. Laur angesprochene Wort für „Süden“ ist althochdeutsch sund, mittelhochdeutsch sunt, niederländisch zuid, altenglisch s?þ, englisch south, altsächsisch s?th „im Süden“, das auf germanisch *s?nþ- zurückgeht und indogermanisch *sunt- verlangt. Es ist eine Ableitung von dem Wort für Sonne, eigentlich „das zur Sonne hin liegende Gebiet, Land“. Aus dem germanischen -þ- kann aber hoch- und niederdeutsch nur -d- werden, daher auch neuhochdeutsch Süd, Süden, neuniederdeutsch suder. Nur im Auslaut könnte -d- als -t- erscheinen, aber diese Position liegt im Namen Süntel offensichtlich nicht vor. Der einfache Vergleich mit deutsch Süden hilft somit nicht.

Aber dennoch ist dieses wohl der richtige Weg. Es muß nur gefragt werden, ob nicht neben germanisch *sunþ- „Süden“ in den germanischen Sprachen auch eine Variante *sunt- gleicher Bedeutung bestanden haben könnte. Das es einen Wechsel zwischen stimmhaften und stimmlosen Konsonanten, vor allem zwischen -d- und -t-, -b- und -p- und -g- und -k- sowohl im Wortschatz wie im Namenbestand des Germanischen gegeben haben muß, ist gerade in letzter Zeit immer deutlicher geworden132. Wir werden darauf auch im Fall der Nette zurückkommen. [Nachtrag: hierzu BergN. Sündelt südl. Meschede??].

Unter diesem Aspekt ist für unser Problem Süntel der Name des Harzes besonders interessant und wichtig: dieser geht für das Altsächsische auf Hart zurück (Hartesburg für Harzburg usw.), erst hochdeutsch entwickelt sich daraus die heute verbreitete Form Harz. Das ist für sich genommen noch kein Problem. Dieses entsteht jedoch, wenn man dasjenige Wort hinzusetzt, zu dem der Name des deutschen Mittelgebirges gehört: es ist hochdeutsch hard (althochdeutsch hard) „Bergwald“, heute gut bekannt aus der Haardthöhe in Bonn.

Das Verhältnis von hochdeutsch hard(t) und niederdeutsch Hart „Harz“ stimmt nicht mit den üblichen Lautverschiebungsverhältnissen überein; schon H. Verhey betonte133, daß im Wort Harz die Lautverschiebung nicht stimme.

Genau an dieser Stelle können wir Hart „Harz“ : hard(t) und Süntel : sunþ- „Süden“ in Beziehung zueinander setzen und die These wagen, daß sich im Namen des Süntel germanisch *Sunt-ila verbirgt, das Grundwort mit Konsonantenwechsel im Stammauslaut zu sunþ- „Süden“ gehört und der Name „Gebirgszug im Süden“ bedeutete. Dabei ist von besonderer Wichtigkeit, das der angesprochene Konsonantenwechsel vor die erste (= germanische) Lautverschiebung gesetzt werden muß und somit im ersten Jahrtausend vor Christus erfolgt ist. Daraus erhellt sich das hohe Alter des Namens.

Wenn wir jetzt zum Namen des Süntelsteins bei Vehrte übergehen, so ist natürlich sofort klar, daß das hohe Alter des Süntel-Namens mit dem des Süntelsteins nichts gemein haben wird. Allenfalls könnte in dem Namen des Steins die alte Bezeichnung des Wiehengebirges weiterleben, jedoch hängt dieses von den Belegen ab. Die jüngeren zeigen Unsicherheiten: 1841 Sündel oder Sonnenstein, 1853 Sündelstein, und stimmen nicht mit dem Namen des Gebirgszuges (noch 1609: für dem Süntel) überein. Jedoch enthält der älteste zu ermittelnde Beleg aus dem Jahr 1756 Süntelsteen134 in Übereinstimmung mit dem Gebirgszug -t-, so daß zum einen K. Beckmann gefolgt werden kann135, der betont hatte: „Der Sünnensteen heißt eigentlich Süntelstein“, und zum anderen die Folgerung erlaubt ist, daß in dem Süntelstein der alte Name des Gebirges steckt. Nachdem dieser durch „Wiehengebirge“ verdrängt wurde, war der alte Sinn nicht mehr verstanden und der Weg zu Umdeutungen (Sonne, Sünde) war frei. Damit erlededigen sich bisherige Vermutungen, daß sich aus der Bezeichnung des Steines Hinweise auf eine ursprüngliche religiöse Bedeutung des Steins ableiten ließen oder dieser als „Sonnenaltar“ gedient habe.

Wie jung die Namen der Findlinge zum Teil sind, läßt sich auch am Beispiele der Teufelssteine, heute auch Teufels Teigtrog136 und Teufels Backofen (Teufelsteine)137 genannt, erkennen. Schon die sprachliche Formen zeigen, daß es sich um keine alten Namen handelt,  denn entgegen einer ganzen Anzahl von Flurnamen, die bis heute ihre niederdeutsche Lautung bestens bewahrt haben (Boekenhorst, Bocksiek, Hagenbrede, Wellbrook), zeigt sich in den Beschreibungen und Belegen der Teufelssteine nicht ein einziges Mal die normale niederdeutsche Form Düwel „Teufel“. Man vergleiche dem gegenüber etwa Hinweise aus dem ehemaligen Kreis Bersenbrück: „In dem Forstort Maiburg bei Bippen liegt ein großer Stein, dat Dalumer br?tschapp, düwelstein oder den dü¯        wel sine geldkisten genannt, bei dem der Teufel sein Unwesen treibt ... Auf dem Restruper esk liegt ein großer Findling, der döwelst?n“138.

Bei unseren Teufelssteinen wird es sich daher um junge Namen handeln, um die sich Geschichten ranken, deren Ursprung kaum noch erklärt werden kann139. Einen Teufelsstein kennt man auch in der Gemarkung Höckel-Wielage und in der Gemarkung Bippen140.  U. Scheuermann141 sieht in Flurnamen, die niederdeutsch Düwel, Döwel, Deuwel „Teufel“ enthalten, Hinweise auf einen „schauerlichen, unheimlichen, verrufenen Ort“.

Im allgemeinen ist man gern bereit, schaurigen Geschichten Glauben zu schenken. Das dürfte auch bei unserem letzten Flurnamen, dem Butterstein am Gatt-Berg bei Eistrup142, auch Straßenname Am Butterstein143, der Fall sein. Dieses außergewöhnlich „große Exemplar eines Findlings“144 wurde von J. Vincke145 zu butt = grob und Büttel = Henkersknecht gestellt und als „Gerichtsstein“ aufgefaßt.

Flurnamen mit dem Element Butter sind nicht leicht zu erklären. P. Alpers und F. Barenscheer haben bereits vor Jahrzehnten146 zusammengestellt, wie man den vor allem im Ostfälischen häufigen Butterberg (im alten Kreis Uelzen allein 11mal!) zu erklären versuchte: man dachte an 1. fettig, ertragreich oder klebrig (zumeist vom Boden); 2. den Weg der Butterfrauen; 3. an Butterblumen oder Buttervögel (Schmetterlinge) oder die Honigbutter als Bienennahrung; 4. an die runde Form eines Halbpfundes Butter; 5. an die Abgabe einer Buttermenge; 6. an einen Berg, „in dem die Unterirdischen buttern“ oder „wo die Elben [Elfen] boddern“, oder wo die Hexen buttern, wo es also spukt; 7. an eine Gerichtsstätte147; 8. an einen Osterfeuerplatz (zu beuten = Feueranmachen); 9. an eine Entstellung von Bünteberg oder Otterberg oder Butenbarg (= außen gelegen); 10. an butt = stumpf (von Menschen).

Alpers-Barenscheer weisen darauf hin, daß eine allgemein gültige Antwort nicht zu geben ist. Bei einigen Namen des Kreises Uelzen läßt sich das

Motiv aber einigermaßen sicher fassen: sie bezogen sich auf ertragreicher Boden (= 1) oder auf die abseitige Lage (= 9).

Wichtig könnte aber noch ein mittelniederdeutscher Beleg sein, den Alpers-Barenscheer nicht genannt haben. Im mittelniederdeutschen Handwörterbuch148 ist sowohl bot-dink „(gebotenes Ding), feierlicher, allgemeiner Gerichtstag“ bezeugt wie auch bottingstên, worunter ein „Stein, an und auf welchem das Botding gehalten wurde“ verstanden wurde. Eine Umdeutung zu „Butterstein“ wäre durchaus möglich. Von den von Alpers-Barenscheer aufgezeichneten Möglichkeiten wäre das dann der siebente Vorschlag.

Nicht ausgeschlossen ist aber der letzte von Alpers-Barenscheer genannte Punkt. Niederdeutsch butt bedeutet „klumpig, plump“149. Eine einfache Bezeichnung „plumper, großer, dicker, klumpenförmiger Stein“ kann leicht aus Buttstein zu Butterstein umgedeutet worden sein.

Es fragt sich, was für unseren Butterstein zutrifft. Da Steine dieser Größe gern als Treffpunkt gewählt wurden, ist die Möglichkeit, daß es sich um einen Treffpunkt für Gerichtsverhandlungen gehandelt hat, nicht auszuschließen. Diese Deutungsmöglichkeit wird offenbar von der Lokalforschung gestützt, denn nach H. Jansing150 kamen „bereits in vorgeschichtlicher Zeit ... die Menschen am Butterstein zusammen. Der Felsen bildete unter anderem den Mittelpunkt eines Gerichtsplatzes“. Nachtrag: H. Schuster-Šewc, Der Butterberg ..., Letopis 50,2003,2,89-94.

Mit diesem Flurnamen könnten wir die Besprechung verlassen. Es gilt aber noch, eine Korrektur an einer z.T. weit verbreiteten Auffassung vorzunehmen, die sich auf die Ritzungen mancher Findlinge, hinter denen man wohl zurecht Fruchtbarkeitssymbole vermutet, bezieht. In der grundlegenden Arbeit von D. Evers151 heißt es dazu (S. 116): „Selbst im Deutschen ist es durchaus möglich, daß es einen Zusammenhang zwischen bohren und geboren gibt. Jedenfalls ist das germanische b?rôn, das heißt bohren, urverwandt mit dem lateinischen forare und dem griechischen öáñÜù, was wiederum ‘pflügen’ heißt. Und so wären wir wieder einmal im großen Symbolwirrwarr bei dem ackerbauzeitlichen Fruchtbarkeitssymbol, dem Pflug, angekommen“.

Es muß unterstrichen werden, daß diese Etymologie völlig verfehlt ist. Richtig ist die Verbindung von deutsch bohren mit griechisch öáñï™í „pfügen“, lateinisch for?re „(durch)bohren“, aber deutsch geboren (werden) hat damit nicht zu tun: zugrunde liegt ein mit gotisch gabaíran, althochdeutsch, altsächsisch giberan „hervorbringen, erzeugen“ verwandtes Wort, das eigentlich „zu Ende tragen“ bedeutet und mit lateinisch ferre, griechisch öÝñåéí „tragen“ verbunden werden kann. Der Vokal -o- in geboren entstammt dem Ablaut des germanischen Verbums und kann nicht einfach mit außergermanischem -o- verglichen werden.

Damit können wir endgültig die Durchsicht der Flurnamen verlassen und uns den Ortsnamen (im Sinne von Siedlungsnamen) zuwenden. Diese besitzten im allgemeinen (Ausnahmen bestätigen die Regel) höheres Alter als die Flurnamen. Für die infrage kommenden Ortsnamen Eistrup, Powe, Vehrte und Icker trifft diese Feststellung aber ohne Einschränkung zu. Es handelt sich um sehr alte Zeugen der sprachlichen Vergangenheit des Nordteiles des Belmer Gemeindegebietes.

II. Ortsnamen

1. Eistrup. Die Überlieferung des Namens zeigt, daß er etymologisch nichts mit dem heute identischen ON. Eistrup, Gem. Uphausen-Eistrup (als Edesthorpe, Edestorpe152) zu tun hat: (ca. 1200) Ekestorpe, (ca. 1240) Ekesthorpe, 1307 Ekesthorpe, 1350 Ekestorpe, 1402 Ekestorpe, Eckstorpe, 1412 Ekestorpe, 1442 Eckstorpe, 1456/58 Eyckstorppe, 1510 Eckstorpe, 1512 Exstorpe, 1522 Eckedorpe, 1565 Esterup, (nach 1605) Eistrupff, 1634 Eßtrup, 1772 Eistrup, mundartlich ä  strup153.

Der Name enthält im Grundwort altsächsisch thorp „Dorf, Gehöft, Siedlung“. Davor steht unzweifelhaft ein sogenannter stark flektierender Personenname, der im Gen. Sing. -es- enthält (vgl. noch heute deutsch der Tag : des Tages). H. Jellinghaus154 sieht in dem ON ein „Dorf des Agiki“, worin eine durchaus mögliche Erklärung des Namens vorliegen kann. Sie ist derjenigen von J. Vincke155, wonach der ON „als ‘Dorf des Eggi’ zu deuten“ sei, unbedingt vorzuziehen. Die Ortsnamenbelege zeigen -k-, nicht -g(g)-.

Letztlich ist aber der zugrunde liegende Personenname nicht mehr sicher zu bestimmen; die sprachgeschichtlich nicht mehr genau zu rekonstruierende Verschleifung hat die ursprünglichen Verhältnisse so stark verwischt, daß Sicherheit über den Personennamen nicht mehr zu gewinnen ist. Im Bereich der niedersächsischen Toponymiue gehört Eistrup zu einer Gruppe von Zehntausenden von Ortsnamen, die mit einem Personennamen im Bestimmungswort gebildet sind, wobei es sich um einen altsächsischen (= niederdeutschen) Personennamen gehandelt haben wird. Nur selten liegt dabei aber der Name des Gründers156 einer Siedlung vor; eher erfolgt die Namengebung unter Bezug auf einen Bewohner der Siedlung, der sich in irgendeiner, heute nicht mehr zu bestimmende Weise von den Mitbewohnern abhob. Wenn J. Vincke157 betont, daß die Gründung „zweifellos noch in heidnischer Zeit“ erfolgte, so wird dieses auch aus sprachgeschichtlichen Gründen zutreffen. Hinzu kommt, daß der immer wieder und auch im Osnabrücker Gebiet vermutete fränkischer Einfluß viel zu hoch eingeschätzt worden ist158. Jedoch sollte das Alter von Eistrup nicht gesondert betont werden; fast alle Ortsnamen des Osnabrücker Gebietes sind vorfränkischer Herkunft. Das zeigen auch die folgenden Namen159.


2. Icker. Die historische Überlieferung des Ortsnamens zeigt, daß der Name recht konstant geblieben ist: 1090 Ickari, 1158 (Fälschung?) Icker, 1412 Icker, ca. 1200 (A. 13. Jh.), 1236 (A. 14. Jh.), (ca. 1300), 1426 (de, in) Ickere, 1223 Hichere, 1249, 1280 (de) Ikkere, 1250 (de) Ychere, 1265 Ichere, 1350 Ykere, in Nickere, 1350, 1360, 1402, 1412 (in) Yckere, 1402, 1412, 1423, 1456/58 Yker, 1442 Ycker, Ikker, 1480 Icka, mundartlich ik?r160. Nach F. Wrede161 liegt im Dorfkern die Siedlung Klein Icker, für die alte Belege aber fehlen.

Es ist schon verschiedentlich versucht worden, den schwierigen Namen zu deuten. So meinte H. Jellinghaus162: „Der erste Teil ist das in vielen alten Ortsnamen als Suffix erscheinende ik, iki, welches vielleicht Spitze bedeutete. Der zweite Teil ist das ebenso häufig erscheinende Suffix -ari, dessen Bedeutung wir nicht kennen. Derselbe Name ist Ickerlo bei Paderborn ... Ickern bei Dortmund entstand aus Ie-horne“.

Unter Berücksichtigung weiterer Namen darf man mit J. Udolph163 in Icker ein in zahlreichen Ortsnamen bezeugtes, sehr altertümliches germanisches

Suffix -r-164 sehen, das auch in Barver, Binder, Blender, Börger, Deter, Diever, Dinker, Drüber, Eimer, Fahner, Fehmarn, Freren, Gitter, Gummer, Halver, Heger, Höxter, Iber, Inger, Kelbra, Letter, Levern, Limmer, Lüdern, Mahner, Mehler, Bad Münder, Nebra, Ölber, Ölper, Örner, Rümmer, Salder, Schieder, Schlutter, Schwemmer, Secker, Söhre, Steder, Stemmern, Welver begegnet. Mit Atter, Helfern, Hilter, Himmern, Laer (alt Lodre), Lecker, Wetter und Wimmer ist davon auch der Osnabrücker Raum betroffen165.

Ortsnamen mit einem Element -r- gehören zu den ältesten germanischen Ortsnamenbildungen. Zum Teil enthalten sie Ableitungsbasen, die aus dem Germanischen nicht mehr erklärt werden können, zum Teil aber auch eindeutig germanische Grundwörter. Namen auf -r- sind daher Zeugen einer Kontinuität von vorgermanischer Zeit bis in die germanische Sprachperiode hinein und kennzeichnen auch den Osnabrücker Raum als altes germanisches Siedlungsgebiet. Aufgrund ihres Alters gelingt es nicht immer, das Grundwort zu deuten.

Zweifelnd erwog ich166 einen Zusammenhang mit einem germanischen „Eis“-Wort in altnordisch jaki „Eisstück“, schweizerdeutsch jäch, gicht, altenglisch gicel(a) „Eiszapfen, -scholle“ an, das zu einer indogermanischen Wurzel *?eg-, *ig- „Eis“ gestellt wird167. Die Unsicherheit dieses Vergleichs war mir schon damals bewußt.

Vielleicht kann jetzt hier eine bessere Deutung vorgelegt werden. Geht man für Icker von einer germanischen Grundform *Ekira aus, so darf der Name wie etwa der der Bille, Zufluß der Elbe bei Hamburg, 786 usw. Belina, erklärt werden: in dem Flußnamen sieht man eine Grundform *Belina und erklärt die Entwicklung *Belina > Bilena durch Einfluß des -i- auf das davor stehende -e-, also *-e-i- > *-i-e-168. Diese lautliche Veränderung erkannte schon Jacob Grimm.

Unter Voraussetzung eines Ansatzes *Ekira findet sich nun wahrscheinlich eine Lösung. Icker kann mit Eckerde bei Barsinghausen verglichen werden, dessen ältere Belege kein -d- enthalten, sondern seit ca. 1225 durchgängig nur Ekkere, Eckere lauten. Die Form mit -d- erscheint erst 1660169. Der Name kann (mit einer etwas anderen Grundform als Icker) zu der indogermanischen Wurzel *ak-, *ok-, auch *ag-, *og- „Ecke, Kante, Spitze“ gestellt werden und hier wird Icker < *Ekira anzuschließen sein. Gerade -r-Ableitungen besitzen besitzen im Kern zumeist Hinweise auf geographische Eigentümlichkeiten der Siedlungs- oder Flurlage.

Die Wurzel weist auf „Ecke, Kante, Biegung“, die Namengebung bezieht sich bei Eckerde auf den Verlauf des Mühlbachs oder auf die Lage an der Kante des nördlich von Eckerde liegenden Hügels. Ganz ähnlich läßt die Karte erkennen, daß eine Hügelkette südlich von Icker das Motiv für die Namengebung, etwa „Siedlung an einer Kante“ abgegeben haben wird. Eine Bestätigung dieser Deutung wird sowohl durch eine Beschreibung von Icker durch G. Wrede170, der - wie andere - auf die Hanglage des Ortes hingewiesen und die Existenz steiler Hänge im Ortsgebiet unterstrichen hat, und die Realprobe (Hinweis von H. Jarecki) gestützt. Der Ortsname Icker geht aufgrund seiner Bildung mit -r-Suffix mit Sicherheit in die Zeit um Christi Geburt zurück.

2. Powe. Der Ortsname ist wie folgt überliefert: (ca. 1200) Powe, ca. 1240 Powe, 1324 Powe, Pouwe,  1350 Pouwe, 1402 Powe, 1412 Powe, Pouwe, 1426 Pouwe, 1442 Pouwe, 1456/58 Pouwe, 1512  Pouwe, Buwermarcke, 1561 Powe, 1565 Pouwe, (nach 1605) Pouwe, 1634 Pouwe, 1772 Powe, mundartlich p?w?171.

Bislang hat man den schwierigen Namen unter Hinweis auf Espowe nördlich Icker als Umdeutung aus Espowe „Espenau“ interpretiert172. Das läßt die Überlieferung keineswegs zu; es ist von einer Grundform Powe auszugehen.

Um es vorweg zu nehmen: der Name erschließt sich uns nicht. Es gelingt zwar, die Entwicklung des Wurzelvokals zu beleuchten (nach  Ausweis der

Überlieferung liegt in der Wurzelsilbe -?- vor, das auf westgerm. -?¹- weist, also germanisch *-?- fortsetzt), aber die Etymologie des Ortsnamens bleibt im Dunkeln.

Die Problematik beginnt schon bei dem anlautenden P-, das als Ergebnis einer normalen Verschiebung aus indogermanisch *B- hergeleitet werden müßte. Ein zufriedenstellender Anschluß findet sich aber nicht. Auch der Versuch, von ursprünglichem *Sp- auszugehen und dadurch das schwierige P- zu erklären173, hilft nicht weiter. Es gelingt keine überzeugende Verknüpfung mit einer Wurzel, die in Ortsnamen zu erwarten wäre. Auch eine Verbindung mit dem in Schottland belegten Wort poffle, das ohne sichere Bedeutung ist, wenn es auch gelegentlich als „small parcel of land“ verstanden wird174, ist mehr als fraglich.

H. Kuhn175 hat versucht, den Namen seinem sogenannten „Nordwestblock“ zuzuzählen, einem von Germanen spät erreichten Gebiet. Ihm hat W. Meid176 zugestimmt: „Mir erscheinen [von H. Kuhn, J.U.] plausibel gedeutet z.B. ... Powe bei Osnabrück, aus idg. *p?- ‘weiden’ (lat. p?sc?  usw.)“. Die Unhaltbarkeit dieser These177 zeigt sich zum einen in der unbegründeten Annahme, es läge ein unverschobenes *p- vor, zum anderen in einer fehlenden -?-Ableitung der *p?-Wurzel178 und schließlich an dem Lautstand zahlreicher Osnabrücker Ortsnamen selbst, unter anderem auch bei Icker, Vehrte und Nette.

Die Schwierigkeit der Deutung spricht in jedem Fall dafür, daß ein alter Name vorliegt, dessen ursprünglicher Sinn im Lauf der Sprachgeschichte verschüttet wurde. Nachtrag: vgl. Pooley, 13.Jh. Poueleye bei E. Ekwall, English Place-Names, Oxford 1960, S. 370!

3. Vehrte. Besser steht es um diesen Ortsnamen, der bislang gern mit althochdeutsch ferach, ferch „Seele“ verbunden worden ist. Eine kritische Prüfung weist auf ein ganz anderes, interessantes Benennungsmotiv.

Die Kritik setzt bereits an einem Beleg ein, der bislang fast immer zu Vehrte gestellt worden ist: ca. 1050 Fariti gehört nicht hierher, sondern zu Verth, Landkreis Warendorf179. Die Überlieferung beginnt daher erst mit ca. 1200 Verete und lautet dann: (ca. 1240) In Verethere, 1350 Verete, 1402 Verete, 1412 Verete, 1254, 1277 (A. 14. Jh.) Verethe, 1350, 1402, 1426, 1442, 1456/58, 1556 (to) Verte(n), 1510 Verthe, 1512 Veerte, 1634 Vertte, (nach 1605), 1772 Vehrte180.

Nach J. Sudendorff181 enthält der Ortsname althochdeutsch fër(a)ch Seele: „Vera, gleichbedeutend mit Seele, und Ethe, Hethe oder Heide“, und ergänzend dazu in einer Anmerkung: „ Vera zwar eigentlich: anima, Seele; in der Zusammensetzung mit: Qualla (ferah-qualla) aber auch supplicium, Todesstrafe ...“. Damit wird ein relgiöser Bezug nahegelegt. Aber schon F. Runge182 hatte daran Zweifel: „Auch die Ableitung des Ortsnamens Vehrte vom althochdeutsch fërach, ferch Seele, ist anfechtbar“.

In jüngster Zeit ist der ON erneut und auch ausführlicher behandelt worden. In meiner Darstellung der mit einem Suffix -ithi gebildeten Namen183, die im Osnabrücker Raum mit Gehrde, Hüsede, Oesede, Pente, Remsede, Vinte durchaus vertreten sind184, hatte ich den Namen nur am Rand erwähnt, da er m.E. nicht mit diesem Suffix gebildet sei. Dem ist auch in der jüngsten Behandlung durch R. Möller185 gefolgt worden. Sein Kommentar verdient es, hier vollständig wiedergegeben zu werden. Nach Auflistung der Belege aus G. Wrede meint R. Möller: „Der Ort liegt hoch und trocken am Südhang des Wiehengebirges. Nördlich fließt die Ruller Flut ohne ein ausgeprägtes Feuchtgebiet. Die Straße von Osnabrück nach Hunteburg und nach Bohmte-Bremen durchqueren die Gemarkung. Wahrscheinlich ist eine Bildung mit Dentalsuffix, wohl germ. -itja, zu altsächsisch faran ‘sich bewegen, reisen’, bezogen auf den Höhenweg und nicht auf einen Flußübergang“.

Dieser Deutung ist nachhaltig zuzustimmen: es liegt eine Dentalableitung, wohl *-itja, zu der im Germanischen bestens bezeugten Sippe um gotisch,

altsächsisch, altenglisch faran, altnordisch fara „gehen, reiten, fahren“ vor. Das Wort bezog sich ursprünglich auf jede Art der Fortbewegung.

Der Name nahm wahrscheinlich Bezug auf die Lage des Ortes an dem Bremer Heerweg, der vom Gattberg kommt und über das Wiehengebirge weiter nach Norden läuft. Die alte Verbindung zeigt sich auch in der Straßen- und Eisenbahnführung, wozu auch eine Bemerkung von G. Wrede paßt: „In Vehrte ist eine Altsiedlung zu erkennen. Die Kernhöfe liegen ... an der Straße aufgereiht“186.

Mit einer Deutung aus *Far-itja erweist sich Vehrte als hochaltertümliche, germanische Bildung, die wie bei Icker zweifellos in die Zeit um Christi Geburt hinreinreicht. Trotz der Unklarheit im Fall von Powe wird auch dieser Name kaum jünger sein. Die Siedlungsnamen zeigen somit, daß mit germanischer Besiedlung in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende zu rechnen ist. Geht man noch einen Schritt weiter in die zumeist noch älteren Flußnamen, so finden sich dort weitere Bestätigungen.

III. Gewässernamen

1.) Miegbecke, ein bei J. Sudendorff187 erwähnter, jüngerer Name für die Nette, ist eine Variante, die offenbar nur lokal verbreitet gewesen ist188. Doch man kann sie erklären. Sie enthält neben niederdeutsch bek(e) „Bach“ (< germ. *baki-, *bakja- „Bach, fließendes Gewässer“), einem in fast allen germanischen Sprachen bezeugten Wort (althochdeutsch bah, altsächsisch beki, altenglisch bece, becc, anord. bekkr usw.), im Bestimmungswort offensichtlich mig-, das zu althochdeutsch mîgan „harnen, urinieren“ bzw. eher zu mittelniederdeutsch mittelniederdeutsch mige „Harn, Urin“, migen „harnen, urinieren“189 gehört. Dabei geht es weniger um Geruch oder Farbe als um den geringen Wasserstand des Baches; das Motiv der Namengebung bezog sich wahrscheinlich auf das spärliche Tröpfeln (vielleicht auch auf das Geräusch bezogen) und Rinnen des Wassers. E. Förstemann190 hat damit drei Vergleichsnamen wie Michelbeke, Megen und Mighem am Pas de Calais und in Flandern verbunden.

2.) Ein ebenfalls bei J. Sudendorff191 genannter Name, der der Krietbecke, bezog sich auf einen Seitenarm der Nette. Auch dieser fehlt bei Witt192 und auf modernen Karten, aber dennoch kann ein Deutungsvorschlag unterbreitet werden. Bei Lübben-Walther193 finden sich gleich mehrere mittelniederdeutsche Anknüpfungspunkte: a.) krite „Kreide“; b.) krete „Ritze, Kerbe“, dazu deminituv kretele „Falte, Runzel“ (Bedeutung nicht sicher); c.) krêt(e), kreit (krît) „Kreis, Kampfplatz“; d.) krête, kreit, krît „Zank, Hader, Streit“.

Der Blick in norddeutsche Flurnamen könnte dafür sprechen, die dritte Möglichkeit zu favorisieren. U. Scheuermann194 stellt die beiden Flurnamen das Kritland und auf den Krittel-Camp zu mittelniederdeutsch krête, kreit, krît „Zank, Streit, Hader“. Bei einem weiteren Flurnamen desselben Kreises (Die Kritstücken) schwankt allerdings P. Hessmann195 zwischen Zuweisung zu mittelniederdeutsch kr?t „Streit“ und „Kreide“ („Im letzten Fall wäre eine Flur mit hellem Boden gemeint“).

Eine Entscheidung kann letztlich nur von der Lokalforschung erbracht werden. Dankenswerterweise hat H. Jarecki einen Hinweis gefunden, der wohl die Entscheidung bringt; bei J. Sudendorff196 heißt es: „ ... hier tritt das ... Bächlein Krietbecke in schwarzen Kreideufern aus einer Schlucht ... rasch hervor ... Versteinerungen mancher Art aus der Liasformation werden alljährlich von der Krietbecke aus den Venner Bergen losgespült und an den Abhängen vielfach gefunden“. Hinzu kommt, daß nur wenige Meter östlich des Baches die Vehrter Schwarzkreidegrube liegt; wir haben also einen „Kreidebach“ vor uns.

3.) Der wichtigste Fluß ist die Nette. Zwar ist auch deren Name nicht früh überliefert (allein der Ortsname Nette erscheint in der ersten Hälfte des 16. Jhs. als Nete197), aber dank der Tatsache, daß auch andere Flüsse den Namen Nette tragen, kann der Gewässername dennoch einer älteren Schicht zugeordnet werden198.

Man vergleiche an niederdeutschem Material: Nette, anderer Name der Altenau, r.z. Oker bei Halchter, 997 Net; Nette, Nfl. d. Alme im Kr. Büren, 1656 die Vette (= Nette); Nette, Nfl. d. Lenne mit den ONN. Nette, Nettenscheid, nach 1480 dat Netenschede; Nette-Bach, Nfl. d. Emscher, mit den ONN. Ober-, Nieder-Nette, 1123 Nette; Nate, FlN. bei Natendorf, Kr. Uelzen, 1192 usw. in notendorpe; Nathe, Nfl. d. Hahle bei Duderstadt, 1477 Nathe, wohl *Natana, Notter, Nfl. d. Unstrut, 1337 Nathra; Neetze, GN. und ON. bei Lüneburg, 1205 Netisse, < *Natisa.

Hochdeutsche Entsprechungen (mit zweiter Lautverschiebung) sind u.a. Nasse, r.z. Leine bei Sangerhausen, 1341 Nassa; Nazzaha bei Gotha; Nesse, GN. im Saalegebiet, 1068 Nezza; Nesse, jüngerer Name der Lupnitz/Lupentia, 1014 (Kopie) Nazaha; Netzbach, ON. bei Diez, < GN., 1092 u.ö. Nezebach, 1129 Nezebach u.a.m.199

Das Besondere an dieser Flußnamensippe ist ein alter Wechsel im Dental. Die Osnabrücker Nette geht wie zahlreiche andere auf eine germanische Grundform *Natia mit Gemination des t vor j zurück. Verwandt ist deutsch naß, gotisch (ga)natjan „benetzen“. Diese Wörter verlangen wegen der vollzogenen Lautverschiebung einen indogermanischen Ansatz *nad-, während das verwandte griechische Wort íüôéïò, íïôåñüò  „naß“200 indogermanisch *nat- voraussetzt. Es liegt also ein wurzel- oder stammauslautender Wechsel zwischen -d- und -t- vor, der - und das muß festgehalten werden - erfolgt sein muß, bevor die erste oder germanische Lautverschiebung die Wurzel erfaßte, der aber zugleich Kennzeichen germanischer Entwicklung ist, wie die Sippe um naß, Nässe, benetzen zeigt.

Das Fazit: die Nette zeigt durch ihre Lautgestalt, daß sie früh germanisiertes Siedlungsgebiet durchfließt; anders ist der Wechsel des Konsonanten nicht zu erklären. Dabei muß dieser Wechsel in frühe Zeiten zurückdatiert werden, mit Sicherheit in eine Zeit, die weit vor Christi Geburt liegt.

IV. Zusammenfassung, Folgerungen und Schluß

Die Durchsicht der Gewässer-, Orts- und Flurnamen im Norden der Gemeinde Belm hat gezeigt, daß die Namengebung in erste Linie auf die Lage der Flur und der Siedlung Bezug genommen hat. Bei Gewässernamen steht das Wasser selbst, dessen Farbe, Gestalt, Verlauf, Charakter usw. an erster Stelle201. Hinweise auf Opferstellen, Gedenksteine oder Grenzanlagen, auf Rechtsverhältnisse oder geistige Vorstellungen, die die ältere Forschung gern in geographischen Namen sehen wollte, haben sich nur bei wenigen Namen finden lassen: mit einiger Wahrscheinlichkeit nur beim Butterstein.

Das mag angesichts der zahlreichen Kultsteine im Norden des Belmer Gemeindegebietes verwundern. Man sollte aber nicht übersehen, daß das Leben des Menschen in der Frühzeit wie im Mittelalter in erster Linie von der unmittelbaren Umgebung der Wohnstätte geprägt worden ist. Benannt wurden zunächst Gegenstände, Fluren, Wiesen und Felder der nächsten Umgebung, das weitere Umland ist davon weniger betroffen gewesen. Hinzu kommt die Tatsache, daß ein tradierter Name immer auch ununterbrochene Siedlung oder zumindestens ununterbrochene Namenweitergabe voraussetzt. Das ist jedoch im Verlauf von hunderten oder tausenden von Jahren nur für wenige wichtige Objekte in der Nähe einer Siedlung zu erwarten. Schon zwischen Flurnamen und Siedlungsnamen klaffen da erhebliche Lücken; auch unsere Analyse hat das deutlich höhere Alter der Siedlungsnamen erkennen lassen. Die Benennung eines Findlings in etwa 2-3 km Entfernung eines Dorfes hat dagegen nur geringe Chancen, über Jahrhunderte hinweg Bestand zu haben.

Für die Siedlungsabfolge ergibt unsere Untersuchung, daß mit germanischer Namengebung seit vorchristlicher Zeit zu rechnen ist. Hinzu kommt, daß die behandelten Namen in sich Spuren sehr alter Benennung enthalten, Spuren, die z.B. in den bisher für altgermanisch angesehenen Siedlungsräumen wie Schleswig-Holstein oder Dänemark nicht vorhanden sind. Die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Herkunft, Heimat und Wanderungen germanischer und sächsischer Stämme202 sind durch die hier vorgelegte Untersuchung eines kleinräumigen Gebietes bestätigt worden203. Es konnten - und darin dürfte ein gewichtiger Punkt liegen - dem Gesamtbild weitere Mosaiksteine hinzugefügt werden.