Die Schichtung der Gewässernamen in Pannonien

Erschienen in: Ural-Altaische Jahrbücher, Neue Folge 15(1997/98)[1999], S. 90-106.

Das hohe Alter der Gewässernamen sowie deren Bedeutung für die Untersuchung der Siedlungsgeschichte eines Gebietes ist schon lange bekannt. So heißt es schon bei G.W. Leibniz : „Et je dis en passant que les noms de rivieres, estant ordinairement venus de la plux mieux le vieux langageet les anciens habitans, c’est pourquoy ils meriteroient une recherche particulaire“.

Die wissenschaftliche Diskussion hat aber erst in den letzten Jahrzehnten durch die Untersuchungen von Hans Krahe  und W.P. Schmid  zur alteuropäischen Hydronymie einen Stand erreicht, von dem aus Fragen der Vor- und Frühgeschichte Europas mit Hilfe der Hydronymie erfolgversprechender behandelt werden kann. Der Onomastik wird nach meiner Einschätzung heute alles in allem mehr Vertrauen entgegen gebracht als früher; es ist allerdings auch ein Gebiet, das bedingt durch die Notwendigkeit großer Sammlungen Zeit und intensive Arbeit erfordert, bevor man zu gesicherten Aussagen gelangt.

Für Pannonien lassen sich auch ohne gewässernamenkundliche Studien mehrere Bevölkerungsschichten ansetzen; abgesehen von einem äußerst fraglichen vor¬indogermanischen Substrat werden - um nur bei den relativ sicheren Ethnien zu bleiben -  eine Besiedlung durch indogermanische Stämme, Slaven und Ungarn angenommen.

Während man den Einbruch der Ungarn als selbstverständlich akzeptiert, ist die Frage, ob die slavische Bevölkerung in Pannonien als autochthon ansehen soll, in letzter Zeit angezweifelt worden. Wir werden darauf zurückkommen.

Die Landnahme der Ungarn hat selbstverständlich auch in der Hydronymie Pannoniens ihre Spuren hinterlassen. Dabei verstehe ich Pannonien als das Gebiet zwischen Donau im Norden und Osten, Drau im Süden und den Ausläufern der Ostalpen im Westen. Dabei sind die ungarischen Spuren in der Hydronymie als die der jüngsten Schicht in den Namen Pannoniens im allgemeinen relativ leicht zu erkennen. Ihre Benennungsmotive differieren nicht von denen in anderen Sprachen, etwa in den indogermanischen. Der Fluß, sein Wasser, dessen Farbe und Aussehen oder Geschmack, der Bewuchs am Ufer und die dort lebenden Tiere gaben den Ausschlag für die Namengebung.

Ungarische Namen bieten etymologisch im Vergleich zu allen anderen die geringsten etymologischen Schwierigkeiten, sie sind im allgemeinen recht durchsichtig, wie eine kleine Auswahl zeigen soll . Man vergleiche etwa  Fekete, Fekete-kút, Fekete-patak, Fekete-víz, zu ungarisch fekete „schwarz“ und patak „Bach“ (Lehnwort aus dem Slavischen) beziehungsweise víz „Bach“; Fertõ, deutsch Neusiedlersee, 1074 inter Litaha et Vertowe, 1199 Ferteu, Ferteutuk), zu ungarisch fertõ „See, Sumpf, Morast“;  Almás-patak, zu ungarisch alma „Apfel“; Által-ér, zu ungarisch által „durch“ und ér „Flußarm, kleiner Bach“;  Bozót-patak, zu ungarisch bozót „Gestrüpp, Gesträuch, Dickicht, Buschwerk“; Császár-víz, zu ungarisch császár „Kaiser“ und víz „Fluß“, ein junger Name; Gyöngyös, mehrere Flußnamen bei Szombathely und auch anderswo, zu ungarisch gyöngy „Perle“. Auch in der Lüneburger Heide gibt es einen Perlenbach, der seinen Namen dem Perlenvorkommen verdankt; Kapos, 1009 und öfter Kopus, zu ungarisch kapu „Tor“, man vergleiche Ortsnamen wie Kapuvár, Nagykapos, Rábcakapi; Lánka-patak, 1857 Lánka, zu ungarisch lanka „Wiesenabhang, Halde“, ein Lehnwort aus slavisch loka „Wiese“; Malomcsatorna, zu ungarisch malom „Mühle“ und csatorna „Kanal“; Meleg-víz, zu ungarisch meleg „warm“ und víz „Bach“; Pécsi-víz, westlich von Pécs, Ableitung von dem Ortsnamen Pécs, dt. Fünfkirchen; Sárvíz, 1394 Saarwyze, zu ungarisch sár „Schmutz, Schlamm, Morast“ und víz „Wasser“; Séd, 1749 Séd, zu ungarisch séd, síd „Bach“; Sió, 1600-1614 Siuo(nem), zu ungarisch sió „Schleusengraben neben einer Mühle, der zu Hochwasserzeiten das Wasser ableitet“; Sorok, 1256 Surk, nach Kiss II 491 zu ungarisch sark ~ sarok „Ecke, Winkel“, sicher bezogen auf den Verlauf des Flusses; Szent-László-víz, südöstlich von Tatabánya, junger Name und Ableitung von dem Ortsnamen Szent László; Tekeres, 1542 Thekeres, zu ungarisch tekeres  „gedreht, gewunden“; Váli-víz südlich Tatabánya, wahrscheinlich Ableitung von dem Ortsnamen Vál.

Dieser knappe Überblick enthält keine neuen und überraschenden Deutungen. Sie basieren - wie schon gesagt - im wesentlichen auf dem Standardwerk der ungarischen Namenforschung, dem Buch von Lajos Kiss, Földrajzi nevek etimológiai szótára, Bd. 1-2, Budapest 1988. Sie zeigen, daß Pannonien von einem Netz ungarischer Gewässernamen überzogen ist, die zum größten Teil noch heute verständlich sind und in der Wortbildung wie im appellativischen Bestand fest im Ungarischen verankert werden können. Da die Gewässernamen aber nach allgemeiner Ansicht besonders altertümlich sind, richtet sich der Blick schon bald auf die nicht aus dem Ungarischen zu erklärenden oder zumindestens nicht befriedigend zu deutenden Namen.

Bisherige Untersuchungen  hat man in der Hydronymie Pannoniens slavische, illyrische, keltische und indogermanische Spuren nachzuweisen versucht. Ich möchte dazu im folgenden in aller Kürze Stellung nehmen, wobei vor allem die in letzter Zeit recht intensiv diskutierte Frage der slavischen Flußnamen Pannoniens und und deren Bedeutung für Heimat und Expansion slavischer Stämme behandelt werden soll .

An der Tatsache, daß in dem Gebiet westlich und südlich der Donau den Ungarn slavische Gewässernamen bekannt geworden sind und ihrer Sprache angepaßt wurden, kann nicht gezweifelt werden. Für intensive Kontakte sprechen auch die zahlreichen slavischen Lehnwörter im Ungarischen, die I. Kniezsa  behandelt hat. Bei der Übernahme slavischer Wörter und Namen sind einige Erscheinungen charakteristisch: die Tendenz zum vokalharmonischen Ausgleich führt zu Beszterce für Bistrica, Kemence für Kamenica, die Vermeidung von Doppelkonsonanten im Anlaut zu Izdench für Zdenec, asztal für stolú, király für kralú, kenez für knez, Malaka für Mlaka, Csukanpataka für Šcuka(n)potok, szent für svet?, Batce für Blatce, Pitnice für Plitvica, zum Teil kam es zur Metathese wie in szilva für sliva, Golgova für Glogova. Vokalisches -r-  wurde durch -ur- und später -or- wiedergegeben: Hrvat > Hurvat, Horvat; Smrdeci  > Zumurdechi.

Aus dem Bestand slavischer Namen in Pannonien seien genannt:

Balaton, deutsch Plattensee, 1055 balatin, eine -n-Ableitung zu dem slavischen Sumpfwort *bolto . Dieser Name löste einen älteren, nämlich Pelso, ab, über den noch zu sprechen sein wird.

Slavischen Ursprungs kann auch Barankai-patak bei Marcali sein, vielleicht liegt eine slavische Grundform *bar-in-ka (zu bar(a) „Sumpf, Morast“ vor.

Ein Zusammenhang mit slavischem Material wird auch erwogen im Fall des Csele-Patak östlich von Pécs , jedoch will ein überzeugender Anschluß nicht gelingen.

Das ist anders bei dem Namen Cserta, 1773 Cserta, der gut mit slo¬venisch und kroatisch cret „sumpfige Gegend im Wald, Sumpfwald“ verbunden werden kann, ein Wort, das auch in das Ungarische als cseret entlehnt ist .

Slavischen Ursprungs ist auch der Flußname Gerence, 1180 Gremce, zu granica „Grenze“. Sehr wahrscheinlich gehört in diesen Zusammenhang auch Herpen-yõ, 1217/1412 Hrepyna, im dem eine Grundform *Chrapina vorliegen kann und worin slavisch chrap „Dickicht auf feuchtem Grund, Morast“ vermutet wird .

Der slavische Fischname karas „Karausche“ steckt wohl in Karasica, 1769 Karasicza. Dieser Fluß trug früher einen anderen Namen, nämlich K(a)-rassó, 1287-1291 Krasou, worin aber ebenfalls das Fischwort vorliegt, das als kárász in das Ungarische entlehnt worden ist.

Damit ist die Liste der relativ sicheren slavischen Flußnamen in Pannonien schon erschöpft. Auch von diesem Ergebnis her betrachtet verwundert die von dem russischen Linguisten O.N. Trubaèev vorgetragene These, die slavische Ethnogenese habe in Pannonien ihren Ausgangspunkt gefunden. Auf dem Titelblatt seines neuesten Buches Buch Çtnogenez i kul’tura drevnej¬šnich slav¬jan wird dieses nochmals auch bildlich herausgestellt. In der Monographie selbst trägt ein Kapitel die Überschrift: Centr praslavjanskich fonetièeskich innovacij - v Pannonii (S. 77f.). Eine Verbreitungskarte bisheriger Vorschläge [Karte 1] zeigt die Ausnahmeposition des Vorschlages von Trubaèev sehr deutlich.


Karte 1

Gegen diese These hatte ich Argumente vorzubringen versucht , die von dem russischen Gelehrten in dem erwähnten Buch auch im Resümee energisch zurückgewiesen wurden. Es ist hier nicht der Ort, in allen Einzelheiten über die Frage der Ethnogenese eines Volkes oder einer Sprachgemeinschaft im Lichte der Namenforschung zu sprechen, aber einige Grundbedingungen müssen bei der Bestimmung der ungefähren geographischen Lage des Entfaltungsgebietes einer indogermanischen Sprachgemeinschaft erfüllt sein. Dazu zähle ich:

1. Die alteuropäische Hydronymie (über die ich noch sprechen werde), muß in quantitativ und qualitativ ausreichendem Maße nachweisbar sein.

2. In der Streuung der alteuropäischen Namen müssen besondere Beziehungen zum Baltikum vorliegen.

3. Die Hydronymie sollte Elemente aufweisen, die auf eine baltisch-slavisch-germanische Zwischenschicht zurückgehen (auch dazu noch später mehr).

4. Das Gebiet muß slavische Namen besitzen, die auf Appellativa unterschiedlicher Verbreitung zurückgehen, so auf Wörter, die möglichst in allen slavischen Sprachen belegt werden können, aber auch auf altertümliche Elemente, die nur in Teilen der slavischen Sprachen begegnen.

5. Die vorslavischen Namen dieses Gebietes müssen die anzusetzenden urslavischen Lautveränderungen mitgemacht haben.

Mit Hilfe welcher Methoden eine Eingrenzung des ältesten Siedlungsgebietes erreicht werden kann, hat O.N. Trubaèev selbst untertrichen: „Das wichtigste Material für dazu notwendige Untersuchungen liegt im Namenschatz des entsprechenden Gebietes und in der Deutung der Orts- und Gewässernamen“ [Unterstreichung von mir, J.U.].  Aus diesem Grund ist die Hydronymie Pannoniens und deren Interpretation für die Frage slavischer Siedlung von entscheidender Bedeutung. Für O.N. Trubaèev sind vor allem slavische Hydronyme, die auf altertümlichen Gewässerbezeichnungen beruhen, wichtig. In diesem Zusammenhang nennt er ausdrücklich: *struga „Wasserstrahl, Strom“, rìka „Fluß“, búrzú  „schnell“, *bystrica „schneller Fluß, Strom“, *potokú „Bach“, *sopotú „Quelle, Strudel“, *toplica „warmes Wasser“, *kaliga „Schlamm“, *bolto „Sumpf“, *prìvlak „Landenge, über die man Schiffe zieht“, ponikva „verschwindender Fluß“.

Zu etlichen dieser Grundwörter existieren jedoch bereits Kartierungen der davon abgeleiteten Namen, die der russische Sprachwissenschaftler nicht berücksichtigt hat und die im folgenden vorgestellt werden sollen.

a.) Slav. *struga in russ. struga „Vertiefung, Bucht, alter Flußarm“, wruss. strúha „Haupt¬strö¬mung des Flusses, Bach“, ukrain. strúha „Wasserstrahl, Flüßchen, Bach“ usw. besitzt eine Verbreitung  [Karte 2], die überdurchschnittliches Vorkommen im westslavischen Sprachgebiet zeigt.
 

Karte 2: struga

Deutlich erkennbar besteht über die Mährische Pforte, die als alter Kontaktraum schon lange bekannt ist, zu Slovenien und Teilen Kroatiens. Pannonien hat nur geringen Anteil an der Streuung. Es ist unzulässig, die Verbreitung der von slav. *struga „Flußlauf, Strömung“ abgeleiteten Namen als Argument für ein slavisches Zentrum in Pannonien ins Feld zu führen. Die Streuung widerspricht dieser These nachdrücklich. Dieses ist umso wichtiger, als das slavische Wort eine sichere Etymologie besitzt und ohne Probleme an die indogermanische Wurzel *sreu- „fließen“ angeschlossen werden kann. Daraus folgt: das mutmaßliche Gebiet der slavischen Heimat muß an der Verbreitung beteiligt sein. Pannonien ist davon aber so gut wie unberührt und scheidet schon aus diesen Gründen aus.
b.) Ein in allen slavischen Sprachen bezeugtes Wort für „Fluß“ liegt von in russ. reká, wruss. rjéèka, ukrain. riká, poln. rzeka, èech., slovak. reka, rieka, bulg. reka usw. „Fluß, Strom, Wasserlauf, Flüßchen, Bach“ . Die Verbreitung der davon abgeleiteten Fluß-, Orts- und Flurnamen spricht für sich [Karte 3]: die Konzentration in einem Gebiet nördlich der Karpaten etwas zwischen Weichselquelle und der Bukovina kann nicht einfach übersehen oder überspielt werde.
 

Karte 3: reka

Ebenso wenig ist es statthaft, die von diesem Zentrum der Verbreitung ausgehenden Verbindungen nach Norden (weichselabwärts), Westen (zum Odergebiet), nach Südwesten (durch die Mährische Pforte bzw. in die ungarische Tiefebene hinein) zu übersehen oder bewußt unberücksichtigt zu lassen. Vielmehr lehnen sich die Namen in ihrer Mehrzahl an alte und geographisch günstig verlaufende Hügel- und Bergzüge an; es sei nochmals an die Mährische Pforte erinnert.

Das slavische Wort *rìka ist etymologisch bestens erklärbar: die Grundform *roi-k-a schließt sich an die indogermanische Wurzel *rei-, *roi- „fließen“ an, verwandt sind u.a. altind. ráyas „Strom, Lauf“, lat. rivus „Fluß“ und der alte Flußname Rhein (< *Rei-n-os). Umso wichtiger ist die Existenz des Zentrums im Vorkarpatengebiet.

Wie im Fall von *struga ist eine Verbindung nach Slovenien erkennbar. Pannonien hat zwar Anteil an der Streuung, die wenigen Namen erlauben es aber keineswegs, darin etwa Spuren einer slavischen Konzentration zu sehen. Das Nordkarpatengebiet hebt sich eindeutig heraus.

c.) Ein für die slavische Namengebung wichtiges Wort steckt in Flußnamen wie Bystrica, Bystrzyca, Bystøice, Beszterce, Bistritz, Wistritz, Weißeritz, Feistritz . Zugrunde liegt ein slavische Wort, das sich z.B. nachweisen läßt in russ. dial. bystrica „Stromschnelle, tiefer Teil des Flußbettes, Fahrrinne“, ukrain. (dial.) bystrycja „reißender Gebirgsbach, schneller, rauschender Bach, Wildbach“, poln. bystrzyca „schnelle, reißende Strömung im Fluß oder Bach; Bergbach, Wildbach“ u.a.m. Dem slavischen Wort liegt eine -ica-Ableitung zugrunde. Als Basis ist ein Ansatz *bhûs-ro- anzunehmen, der mit germanischen Wörtern wie bysia „mit großer Gewalt ausströmen“, boysa „hervorstürmen“, busa „bestürzen, hervorstürzen“, bûsen „gewaltsam sein, lärmen, stürmen“ verbunden wird.


Karte 4: bystrica

Eine Kartierung der auf dem slavischen Wort beruhenden Namen, die in erster Linie Gewässenamen sind [Karte 4], zeigt, daß die Namen die ungarische Tiefebene fast vollständig aussparen. Häufungen sind in den Karpaten, im Erzgebirge und in Slovenien zu erkennen. Angesichts des Wortstammes und der Bedeutung der Appellativa findet dieses eine leichte Erklärung: slav. *bystrica bezieht sich in erster Linie auf Gewässer mit rauschendem, lebendigem Wasserlauf, auf Bergbäche mit reißender Strömung. In den Ebenen sind daher Namen kaum zu erwarten.

Für die Heimatfrage erbringt die Untersuchung der Bystrica-Namen hinsichtlich Pannoniens wenig Positives: erneut erweist sich der Nordkarpatenvorraum als ein Gebiet, das an der Streuung überdurchschnittlichen Anteil hat, und erneut hat Pannonien an dem Typus kaum Anteil.

d.) Auf das Geräusch des Wassers nimmt auch unser nächstes Wort Bezug: slav. *sopotú bedeutet in den slavischen Sprachen zumeist „(plätschernde) Quelle, Wasserfall“ . Es gehört zu russ. sopét’ „schnaufen, schnauben“, altruss. sopìti „Flöte spielen“ u.a.m.

Die Streuung der davon abgeleiteten Namen ist der von *bystrica sehr ähnlich [Karte 5]: bevorzugt begegnen die Namen im Bergland (Karpaten, Erzgebirge, Böhmerwald, Slovenien). Die ungarische Tiefebene und Pannonien kennen den Typ nur in wenigen Exemplaren. Für ein slavisches Innovationszentrum spricht sopot keineswegs.


Karte 5: sopot

e.) Das slavische Sumpfwort *kalú in wruss. kal „Schmutz“, ukrain. kal „Sumpf, Schlamm, Schmutz, Bodensatz“, russ. kal „Kot, Unrat“, poln. kaleñ „Tümpel, dünner Schlamm“, ka³ „Kot, Schlamm“, sorb. ka³, kalnica „Kot, Schlamm“ u.a.m.  steckt in hunderten von Gewässer-, Orts- und Flurnamen. Die Kartierung [Karte 6] zeigt den übergroßen Anteil des Westslavischen an der Streuung, eine erneute Häufung im Vorkarpatengebiet und in Slovenien, daneben auch in Nordbulgarien, und einige Belege in Pannonien. Für eine mutmaßliche Heimat des Slavischen südlich der Karpaten spricht die Namenverbreitung keineswegs.


Karte 6: kal-

f.) Ein interessantes slavisches Wort verbirgt sich hinter einem Ansatz *ponikú, *ponik-l-, *poniky, -úve, vgl. ukrain. dial., russ. dial. ponikovec „in der Erde verschwindender Fluß oder Bach“, poln. ponik, ponikwa „Loch, in dem ein Wasserlauf verschwindet, um weiter unten wieder hervorzutreten; unterirdischer Wasserlauf, kleiner Bach“, èech. punkva „in der Erde verschwindener Fluß in Karstgegenden“, serb., kroat. ponikva „trichterförmige Vertiefung im Karst; Ort, wo sich das Wasser im Boden verliert“. Die Sippe gehört zu dem slavischen Verb poniknoti „sich bücken“, russ. vniknut’, proniknut’ „eindringen, durchdringen“ .
 

Karte 7: ponik-

Die Verbreitung der Namen zeigt ein Bild [Karte 7], das uns schon bekannt ist: Häufungen im westslavischen Sprachgebiet und in Slovenien, Lücken bzw. spärliches Auftreten in Ungarn und den Niederungsgebieten. Karstgegenden wie Slovenien besitzen natürlich gute natürliche Voraussetzungen für die Namengebung; ihre Zentrierung in diesen Gebieten ist keine Überraschung.

Für Pannonien als altes slavisches Siedlungsgebiet spricht die Streung der Ponik-Namen aber in keinem Fall. Aber wir können zusammenfassend noch weitergehen: in keinem einzigen Fall zeigt sich Pannonien als ein besonders hervorgehobenes Gebiet; vielmehr ist es der Raum nördlich der Karpaten im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet, der an allen Verteilungen - und zumeist in großer Konzentration - Anteil hat. Es hat viel für sich, dieses Gebiet als das der slavischen Heimat anzunehmen.

Auch abgesehen von den hier auszugsweise angeprochenen Namentypen besitzt Pannonien einige slavische Gewässernamen, darunter den des Balaton, aber es ist nicht die älteste sprachliche Schicht, die sich herausarbeiten läßt. Das zeigt schon der Name des Balaton selbst, denn in der Antike hieß er Pelso. Und damit stoßen wir zeitlich zurückgehend in eine andere sprachliche Schicht vor, die in den letzten Jahren sehr intensiv untersucht worden ist und wodurch sich auch Konsequenzen für die Beurteilung manches ungarischen Flußnamens, darunter auch in Pannonien, ergeben haben. Dabei werde ich mich auf heute noch bestehende Namen beschränken; die antike Nomenklatur Ungarns ist vor allem von E. Höring  behandelt worden. Nur im Fall von Pelso und Pannonien werde ich davon abweichen. Als ein wichtiges Kriterium wird dabei zu prüfen sein, inwieweit die für das Urslavische anzusetzenden Lautveränderungen die alten Namen noch erfaßt haben. Auch von hieraus werden sich Argumente für oder gegen alte slavische Siedlungen ergeben.

Im Süden Pannoniens fließt die Dráva, kroatisch Drava, deutsch Drau. Ihr Name ist schon lange einer allgemein anerkannten Klärung zugeführt worden : gemeinsam mit der Drawa, deutsch Drage in Pommern, dem ostpreußischen Flußnamen Drage, den französischen Flußnamen La Draou und Drac und weiteren Ableitungen wie Durance, Drwêca/Drewentz,  Trave und anderen wird der Name zu der indogermanischen Wurzel *dre?-/*dro?- „fließen, Lauf“ gestellt, die vorliegt in altindisch dravá? „Lauf, rasche Bewegung, Flüssigkeit“, drávati „läuft, zerfließt“.

Der Name gehört zu dem Netz der sogenannten Alteuropäischen Hydronymie. Darunter versteht man Gewässernamen, die mit Hilfe indogermanistischer Untersuchungsmethoden erklärt werden können, die sich aber der Deutung aus einer indogermanischen Einzelsprache widersetzen. Die Untersuchungen von H. Krahe und W.P. Schmid  haben dazu Wesentliches beibringen können: so mußte der Glaube, dahinter verberge sich eine westindogermanische Zwischenschicht, aufgegeben werden, da die Erklärung der Namen (dazu gehört auch die Dráva!) nur mit Hilfe ostindogermanischer Appellativa gelingen kann. Das aber setzt die Gemeinschaft aller indogermanischer Sprachen voraus. Weiterhin ist deutlich geworden, daß es ein Zentrum innerhalb der Hydronymie im Baltikum gibt. Dort finden sich immer wieder Anschlüsse für Flußnamen aus ganz Europa. Hier kann offenbar die Beziehung der Dráva zu Drage und Drawa angeschlossen werden. Weitere Parallelen werden noch zu nennen sein.

Ein bisher kaum zu lösenden Problem ist der Name Ikva bei Sopron, 1246 Icoa. Gern erwägt man slavische Herkunft, da im Flußgebiet des Südlichen Bug eine Ikawa, ukrainisch Ikva, liegt. Es fehlt aber bisher ein überzeugender Anschluß im slavischen Wortschatz. Immerhin kann man wieder Beziehungen nach Norden feststellen.

Neues Licht scheint auf den Namen Jaba südlich des Balaton zu fallen. L. Kiss  bietet für den ON. Jabapuszta Belege wie 1138/39 Luba, 1193 Liba und 1246/74 Liba. Im Allgemeinen nimmt man einen Zusammenhang mit der slavischen Wurzel um lubit’, ljubov’ und so weiter an. Es gibt aber noch eine ganz andere Möglichkeit der Deutung: unter Hinweis auf griechisch ëåßâù „träufeln, gießen“,  ëïéâÞ „Trankopfer, Spende“, lateinisch lîbo½   „mit einer Flüssigkeit benetzt oder bestrichen“, auch „übergossen, triefend“  ist der Ansatz einer indogermanischen Wurzel *leib- „gießen, fließen“ leicht möglich. Diese nun ist in Flußnamen Europas bestens belegt, man vergleiche L’ba bei Smolensk, Libe, Flußnamen in Litauen und Lettland, Libawa, Nebenfluß der Ma³apanew in Schlesien, Libra, Flußname bei Reims in Frankreich und andere mehr . Erneut zeigt diese Sippe, daß man bei der Erklärung ungarischer Flußnamen den Blick nach Norden richten sollte.

Das gilt auch für die Lajta, die unverkennbar aus deutschem Mund in ungarischen gelangt ist. In dieser Variante lebt die deutsche Form Leitha weiter, die mit hochdeutscher Diphthongierung auf einer Grundform *Lita, zum Teil ergänzt durch -aha als Lit-aha, beruht. Auch dieser Name hat Entsprechungen im Norden. So hat O.N. Trubaèev hierzu den ukrainischen Namen Lit gestellt, sah darin ein pannonisches oder illyrisches Relikt und verband beide mit altpreu-ßisch lydis, albanisch leth „feuchte Fäule“ und verwies auf die semantisch ähnliche Bezeichnung des Flusses in ungarisch Sárvíz „schmutziges Wasser“. Als Verbindungsglied kann darüber hinaus der slovakische Name Litava, ungarisch Litva, alt Lyttua, Lytua, angesehen werden, der wie die Leitha (mit deutsch  aha) eine einzelsprachliche Ergänzung mit slavisch -ava enthält. Die Ausstrahlung reicht aber noch weiter nach Norden: anzuschließen ist der Name Litauen/ Litvánia, der auf einem Hydronym *Leitava, einer Ableitung von *Leita, beruht. Die Namen gehören zu der indogermanischen Wurzel *lei- „gießen“ zu lit. líeti, líeja, líejo, dial. l?jo „gießen, schütten“. Erneut zeigt sich die enge Verbindung Pannoniens mit den baltischen Ländern.

In dem Flußnamen Marcal liegt auch aufgrund des ältesten mittelalterlichen Beleges 1086 alveus Murzol, vor allem aber wegen der antiken Überlieferung Mursella, Ìïýñóåëëá unzweifelhaft ein vorslavischer Name vor, der eine -l-Bildung (deminutiv?) zu den pannonischen Flußnamen Mursa darstellt. Die ungarische Lautung könnte auf einer slavischen Form *Múrsela basieren.

Der Name besitzt sichere Entspechungen weit außerhalb Pannoniens, so am Niederrhein im alten Gewässernamen Mörs, 855 in Murse, 1147 Mursa, ferner in dem ON. Morschen bei Melsungen, 1061 Mursina, wahrscheinlich auch in Norwegen mit Moss am Oslofjord (< Mors), auch dies der alte Name eines Flusses, weiter in der Murr, Nebenfluß des Neckar bei Ludwigsburg, 2.Jh. n.Chr. VICANI MVRRENSES, um 800 in pago Murrahgowe, in dem mit großer Wahrscheinlichkeit eine Vorform *Mursa vorliegt. Die Namen sind mit einem  s-Suffix gebildete Ableitungen zu einer -r-Erweiterung der idg. Wurzel *meu-, *me??-, *m?- „feucht, modrig, netzen, unreine Flüssigkeit, beschmutzen“. In dieser Gruppe fehlen die Beziehungen nach Norden, die sonst fast immer zu beobachten sind, so etwa auch im Namen Pannónia selbst.

Die Etymologie des Namens Pannónia, Pannonien ist unumstritten. Die Verbindung mit apreuß. pannean „Moosbruch“, das auch toponymisch erscheint, und aind. pá?ka- ,Schlamm, Kot, Sumpf“ gilt als sicher. Zu wenig berücksichtigt wurde bisher ein in germanischen Sprachen gut belegtes Wort, das bereits im Gotischen als fani „Schlamm“ erscheint, einen germanischen Ansatz *fanja fortsetzt und weiterlebt in altsächsisch  fen(n)i, mittelniederdeutsch venne „mit Gras oder Röhricht bewachsenes Sumpf-, Moorland, sumpfiges (Weide)land“, ostfriesisch fenne, fenn „niedriges Weideland mit moorigem Untergrund“, niederländisch ven, veen, englisch fen, ven, fan, van „Fenn, Moor, Marsch“, altenglisch fenn, fænn, ablautend auch als fyne „Feuchtigkeit, Morast“, norwegisch fen, isländisch fen „Moor“, dänisch fen „Stück Marschland, das von Gräben eingeschlossen ist“, altnordisch fen .

Den Namen Pelso, die antike Bezeichnung des Balaton/Plattensees, hat man immer wieder mit slavisch pleso „Flußkrümmung zwischen zwei Biegungen, große Tiefe im Fluß, tiefe Stelle in einem Sumpf“, auch „Wiese, die bei Hochwasser überschwemmt wird“ verbunden . Dieses ist schon des öfteren und mit guten Gründen zurückgewiesen worden : die notwendigerweise zu erwartende Liquidametathese ist nicht zu erkennen. Zum andern ist völlig unklar, warum ein alter slavischer Name *Pleso von einem anderen, nämlich Blot-n-, abgelöst worden wäre. Dafür gibt es so gut wie keine einzige Parallele.

Der Name gehört als -s-Bildung zu der in den indogermanischen Sprach weit verbreiteten Sippe um *pel-/pol- „gießen, fließen“, deren Reflexe vom Armenischen über das Baltische und Slavische bis zum Keltischen reichen. Dazu gehören etwa Fal bei Falmouth, England; Fala, FlN. in Norwegen; Falbæk in Dänemark; Falen Å in Dänemark; Fils, GN. im Neckargebiet; Filsbæk in Dänemark; Paglia, Zufluß d. Tiber; Palà, GN. in Litauen, auch in Lettland; Palae, ON. in Thrakien; Palancia, Zufluß z. Mittelmeer bei Murviedro, Prov. Valencia; Palçja, FlN. in Litauen; Palejas, FlurN. in Lettland; Palma, ON. in Thrakien; Palminys u.a.m., FlNN. im Baltikum; Palo, Fluß zum Mittelmeer bei Nizza; Palõnas, Palona, GNN. in Litauen; Palva, Fluß in Lettland; Palwe, ON. in Ostpreußen; Pelà, Fluß in Litauen; Péla, Pelîte, FlNN. in Lettland; Polendos bei Segovia, Palmazanos und Paociana in Portugal; Palancia, Zufluß z. Mittelmeer bei Murviedro, Prov. Valencia; Palangà, ON. nördl. Memel (Klaipçda), evtl. hierzu; *Palantia im GN. Palancia in Altkastilien; Pelega, Peleška, FlNN. im alten Gouv. Novgorod; Pelesà, Pelesõs ëžeras, GNN. in Litauen; Pelva, ON. in Illyrien; Pelyšà, FlN. in Litauen; Pielnica mit ON. Pielnia, im San-Gebiet < *Pela; Pola, Fluß zum Ilmensee; Polova, FlN. bei Gorodok, Weißrußland; Valme, Nfl. d. Ruhr; Velpe bei Tecklenburg; Vielserbach, auch ON. Vielse(rhof), 1015-24 Vilisi, Zufluß z. Heder im Gebiet der Lippe; Vils, Gr. Vils, Kl. Vils, mit ON. Vilshofen, im Donaugebiet, sowie Vils, Zufluß z. Lech; Volme, Zufluß z. Ruhr . Hier findet der lacus Pelso seinen Platz.

Neues Licht ist vor einiger Zeit auf den Namen Rinya, den linken Zufluß der Drau, 1269 Ronna gefallen, der nach L. Kiss  etymologisch identisch mit rinya, rinnya „wasserreicher, morastiger, feuchter Ort“ ist, möglicherweise aber auch slavischer Herkunft sein kann, wie die kroatischen Namen Rujna, Rujno nahelegen könnten.

Eine genauere Untersuchung der alteuropäischen Hydronymie hat jetzt aber gezeigt , daß etliche und darunter sehr bekannte Flußnamen Europas zu einer indogermanischen Wurzel *re?-/*ro?- „aufreißen, wühlen, graben“ gestellt werden können, darunter zum Beispiel Rawa, Ruja, Rhume, Rumia, Ruhr, Roer, Ryla, Rila, Ros’, Rusa, Ruthe, Ryta. Noch bedeutsamer ist die Tatsache, daß auch eine -n-Ableitung bekannt ist, darunter Runa in Spanien und Frankreich, auch Quellfluß der Wolga, Fluß zum Frischen Haff, GN. im Pregel-Gebiet und andere mehr.

Schematisch läßt sich die Sippe wie folgt darstellen:

Ableitungen zu der Wz. *re}-/*ro}-/*r¤-

-ia

(-io-)

-ma-

(-mo-)

-na

(-no-)

-ra

(-ro-)

-la

(-lo-)

-nta

 

-s(i)a,

-s(i)o-

-g(i)a

-ta,

-to-

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

reja(?)

 

runa (medi-terran?)

 

 

 

 

*rugia

(roman.)

 

 

Ruja, Rujas

Rhu-me, Rumia

Runa, Rauna, Rinya

Ruhr, Roer, Rulle, Rurzy-ca u.a.

Rüh-le, Rulle, Ryla, Rila

Reut, Revu-ca (?)

Reuß, Riß, Ros’, Rusa u.a.

Ruga,

Rügen (?)

Rut(h)e, Ryta, Rutú u.a.

 



Dabei zeigt sich erneut eine besonders prägnante Beziehung zum Baltikum und den dort angrenzenden Gebieten. Dieses ist auch der Fall bei dem letzten Namen, den ich behandeln möchte, dem der Zala.

An dem Zusammenhang dieses Namens mit dem zahlreicher Saale-Flüsse in Deutschland und Österreich (Saale, Saalach), in Spanien (Salo), Frankreich (Sal, Solle), im Baltikum (Salà, Sal-ùpis, Sa³a/Zalle) und in Polen (So³a) ist nicht zu zweifeln. Zugrunde liegt die indogermanische Wurzel um altpreußisch salus „Regenbach“, mittelirisch sal „Meer“, lateinisch salum „unruhiger Seegang, Flußströmung, hohe See“ .

Damit komme ich zum Schluß und zu einem Resümee. Die jüngsten Gewässernamen Pannoniens entstammen dem Ungarischen. Eine frühere Schicht kann dem Slavischen zugerechnet werden, jedoch ist die Zahl der Hydronyme nicht ausreichend dafür, in diesem Gebiet die Heimat der Slaven zu suchen. Die älteste Schicht entstammt dem Bestand der alteuropäischen Hydronymie, wobei eine genaue Zuordnung zu einer indogermanischen Einzelsprache nicht möglich ist. Illyrisches, Keltisches oder auch ein sogenanntes pannonisches Substrat ist nur schwer auszumachen, unsere Arbeitsmethoden verlassen uns hier offenbar. Konstatiert werden kann aber eine auffällige Beziehung der pannonischen Namen zum Norden, zum Baltikum. Die These von W.P. Schmid, daß sich dort ein Zentrum der alteuropäischen Hydronymie befindet , wird auch durch die Flußnamen in Pannonien bestätigt.