Jürgen Udolph: Die Namen Heldra und Heldrastein

In Auszügen erschienen als:
„Bei den Siedlern am Hang“. Die Bedeutung der Namen Heldra und Heldrastein, in: Das Werraland 51(1999), H. 1, S. 4-6.

Die ungewöhnliche und exponierte Lage des Heldrasteins hat ihm nicht zu Unrecht den Beinamen “Krone des Werratales” eingebracht . Die Beschreibung der wie eine Mauer wirkenden Felswand zeigt auch dem Unkundigen, daß es sich um eine außergewöhnliche Erhebung handelt: “ ... ein 500 m hoher, markanter Muschelkalkklotz mit beinahe waagerecht verlaufender Deckfläche und Hangkante sowie einer fast 2000 Meter langen, steilen, bis zu 62 Meter senkrecht abfallenden Felswand, dem gewaltigen Absturz einer flach nach Südwest geneigten Hochfläche” .
Es fragt sich, ob diese ungewöhnliche Gestalt nicht auch den Namengebern des Berges ins Auge sprang und Anlaß für die Benennung gewesen ist. Eine Überprüfung bisheriger Deutungen führte in Verbindung mit neueren Arbeiten nord- und mitteldeutscher Namen zu einem Gedanken, der in einer Anmerkung des Beitrages von H. Weigel und W. Ernst (s. Anm. 1) bereits angeführt wurde, hier und im folgenden aber weiter und genauer ausgearbeitet werden soll.
Die Behandlung eines geographischen Namens und dessen Etymologie verlangt zunächst nach einer möglichst genauen Auflistung der historischen Belege des Objektes. Diese zeigen nicht selten Veränderungen des Namens, die für eine zufriedenstellende Erklärung unerläßlich sind. Zwar ist die Lautgeschichte eines Namens eingebunden in diejenige des am Ort gesprochenen Dialektes, aber immer wieder kommt es zu Umdeutungen eines Namens, indem die Sprecher diesem einen neuen Sinn geben, zumeist dann, wenn die alte Bedeutung verblaßt ist und nicht mehr verstanden wird.
Es liegt im Phänomen der Veränderlichkeit der Sprachen, daß sich der Wortschatz einer Sprache, einer Sprachgruppe wandelt. Einzelne Wörter werden irgendwann durch andere ersetzt und verschwinden. Dies bedeutet nicht selten, daß das Wort in der lebenden Sprache nicht mehr verwendet wird und nur noch aus Texten, Wörterbüchern und schriftlichen Aufzeichnungen gewonnen werden kann. Mit diesem Prozeß geht einher, daß Wörter in ihrer Verwendung eingeschränkt sein können und nicht mehr von allen Sprechern benutzt werden. So verwendet man heute zum großen Teil Pferd für Roß, Insel für Eiland, ehrlich, rein für lauter usw. Roß, Eiland, lauter wirken heute antiquiert oder gehoben, waren aber einmal Bestandteil des allgemeinen Sprachgebrauchs.
Die Faszination der Ortsnamen liegt darin, daß gerade sie alte Wörter enthalten, die ein moderner Sprecher nicht mehr benutzt und daher auch nicht erkennt. So enthalten Namen wie Lauterbach ein altes Wort für “sauber, rein”, noch faßbar in dt. geläutert, ein lauterer Charakter. Zusammenfassend gesagt: Wörter verschwinden aus der Sprache. Aber sie leben oft in den Orts-, Flur- und Flußnamen weiter.
Der Ortsname Heldra ist wie folgt überliefert:
876 (K. 10.Jh.) Heldron (K. Andrießen, Siedlungsnamen in Hessen. Verbreitung und Entfaltung bis 1200, Marburg 1990, S.  242 nach Monumenta Germaniae Historica, Diplomata Ludwig d. Dt. Nr. 170)
1365 Heldern (H.B. Wencks Hessische Landesgeschichte, Bd. 2, Frankfurt-Leipzig 1789, S. 426)
14.Jh. zcu Helder (Weisthümer. Gesammelt von J. Grimm, Bd. 3, Göttingen 1842, S. 324)
1613 Heldra (K.G. Bruchmann, Der Kreis Eschwege, Marburg 1931, S. 149)

Der Flußname Heldra(-Bach) ist in alten Quellen offenbar nicht bezeugt , jedoch ist von dem Flußnamen wohl eine in der Nähe liegende Wüstung Helderbach benannt worden .

Sie erscheint wie folgt in älteren Urkunden:
1081 (F. 11. Jh.) Helderbach (K. Andrießen, Siedlungsnamen in Hessen. Verbreitung und Entfaltung bis 1200, Marburg 1990, S. 181 nach Mainzer Urkundenbuch, Bd. I Nr. 358)
1365 Helderbeche (Reimer, Hist. Ortslexikon S. 220 nach Wenck, Hess. Landesgeschichte, Bd. 3, S. 213)
1778 Hellersbach (Reimer, Hist. Ortslexikon S. 220)

Der Flurname Heldrastein ist wie folgt bezeugt:
Anf. 16.Jh. supra lapidem dictum Heldestein (K.G. Bruchmann, Der Kreis Eschwege, Marburg 1931, S. 131)
1574 am Hellerstein (K.G. Bruchmann, Der Kreis Eschwege, Marburg 1931, S. 137)
1613 des Hellersteins (K.G. Bruchmann, Der Kreis Eschwege, Marburg 1931, S. 150)
um 1745 auf den Hellerstein (K.G. Bruchmann, Der Kreis Eschwege, Marburg 1931, S. 155)
Weitere Flurnamen bietet W. Arnold (s.u.).

Es ist unverkennbar, daß Orts-, Fluß-, Wüstungs- und Flurname miteinander verbunden sind und letztlich auf eine einzige Bezeichnung zurückgehen. An diese sind die Zusätze -bach und -stein hinzugeteten. Die Deutung muß daher von einer Form Heldra o.ä. ausgehen. Zur alten Ortsnamenform Heldron s. unten.

Bisherige Deutungen verbanden den Namen gern mit dem Wort für Holunder, so schon W. Arnold : “Heldra bei Wanfried ...: zu hol(un)tar sambucus”. Er fährt fort: “Daselbst *Helderbach ... Die Localnamen haben abwechselnd Heller und Holler: Hellerlache Wiesen bei Heldra, Hellerstein daselbst, Hellersbach Feldort bei Unterngeis, Hellersgrund Wiesen bei Harmerz, der Hellrich Feld und Holz bei Völzberg; daneben Holler, Hollerberg, Hollerborn, Hollerfeld ...”.
Arnolds Vorschlag ist - allerdings ohne es zu erwähnen - E. Schröder, Deutsche Namenkunde, 2. Aufl., Göttingen 1944, S. 185 gefolgt. Bei der Behandlung der Ortsnamen Hessens kommt er auf Namen mit ursprünglichem -tar zu sprechen, worin ein altes Wort für “Baum” steckt (noch zu erkennen in dt. Holunder, engl. tree und auch verwandt mit dt. Teer). Für Heldra nimmt Schröder wie Arnold Herkunft vom Holunder an. Gleiches vermutet K. Andrießen  für den Wüstungsnamen Helderbach.

Gegen diesen Vorschlag hatte sich schon - mit Recht - A. Werneburg ausgesprochen  und ausgeführt: “Arnold ... leitet [ihn] von ahd. hol(un)tar - sambucus ab, indem er meint, Heller und Holler seien gleichbedeutend. Dem kann ich aber schon deshalb nicht beistimmen, weil das Wort nicht Hellron, sondern Heldron lautet. Meines Erachtens kommt hier das alte Haltaere, Helder ... in Betracht, im Sinne von ‘Hirt’, so dass Heldra als ‘Hirtenwohnung’ zu deuten wäre”.

Einen ganz anderen Weg schlug auch der Altmeister der deutschen Namenforschung, Ernst Förstemann , ein. Er stellte Heldra zusammen mit Helda, Hilden (alt Heldein, Helede, Heldene), Heldrungen und anderen zu niederländisch helde, helle “Abhang, Hügel, schräge Fläche, Kuhle, Tiefe”, mittelniederdeutsch helle “abhängiges Land”, althochdeutsch halda “die Halde”, ahd. hald “geneigt”, ein Wort, das schon im Gotischen (4. Jh. n. Chr.) als -halþei, z.B. in wilja-halþeis “Zuneigung” bezeugt ist. Dazu gehört auch die dt. Sippe (mit einer Bedeutungsveränderung) um hold, Huld, huldvoll usw., eigentlich “(zu)geneigt”.

Diesem Vorschlag folgte H. Walther . Er sieht in dem Namen Heldra eine ähnliche Bildung wie in dem Ortsnamen Heldrungen südöstlich Bad Frankenhausen, 876 Heltrunga, 1004 Haldrungin, der neben dem Ortsnamen Oberheldrungen auch den Flußnamen Helderbach neben sich hat.
Bevor ich E. Förstemanns und H. Walthers Erklärungsvorschlag aufgreife, seien einige ergänzende Belege und ältere Deutungen für diese thüringischen Namen genannt: während vom Flußnamen keine älteren Formen bezeugt zu sein scheinen , ist der ON. Heldrungen auch außer den von H. Walther genannten beiden Belegen gut bezeugt : 1128 Heldorongon, 1143 Helderingen, 1169 Heldrungen, 1186 Helderungen, 1197 Heldrungin, 1197 Halderunge, 1199/1233 Heldrunch, 1202 Haldrungen, (1203) Heldrugin, 1266 Hildrung, 1310 Helderingen, 1365 Helderunge, 1365 Heldrungen, 1395 Heldunghen, 1399 Helderungen, 1413 Heldrunghen, 1419 dem van Heldrungen. E. Ulbricht  und F. Witt  sehen in dem Namen wie andere oben bei Heldra den Holunder.
Entgegen den Auffassungen von Arnold, Schröder, Ulbricht, Witt und Andrießen können die Namen nicht mit der Holunder-Bezeichnung verbunden werden. Werneburg hatte völlig recht, wenn er auf die Diskrepanz zwischen den Held-Belegen der Namen und der Lautform Holun- in dem Pflanzenwort hingewiesen hat. Letzteres geht wohl auf eine Vorform *Holun-/Hulun- zurück und kann unmöglich mit Namen verbunden werden, die in der Wurzelsilbe ständig ein -e- (Heldra) aufweisen.

Nicht zuletzt deshalb hat H. Walther, zu dessen Auffassung wir jetzt zurückkommen können, in Nachfolge von E. Förstemann, eine ganz andere und durchaus überzeugende Etymologie (die ich nur in einigen Kleinigkeiten korrigieren möchte) vorgeschlagen. Er führt unter der Rubrik -r-Bildungen neben Heldra auch Heldrungen auf und schreibt dort knapp: “germ. *Haldira, *Heldara, zu ahd. halda, helde ‘Bergabhang’” . Weiter verweist er auf den Flußnamen Haller, Nebenfluß der Leine bei Springe (Deister), da 1304/24 als Halder belegt, sowie auf den von dem Fluß abgeleiteten Ortsnamen Hallermunt. Hierzu sind einige Anmerkungen zu machen.
Zum einen muß der Flußname Haller fern bleiben. Zwar steckt dieser durchaus in dem Ortsnamen Hallermunt  wie auch in dem Ortsnamen Springe, vor 1007 (A. 15. Jh.) usque Helereisprig, 1255 Halresprige usw., erst später Springe , aber der von H. Walther für die Deutung herangezogene Beleg von 1304-24 Halder steht völlig isoliert gegenüber den Formen Helere, Halleram, halram usw. Der Name ist anderer Herkunft .

Zum zweiten: die mutmaßliche Grundform für Heldra dürfte *Haldira gelautet haben, kaum *Heldara. Die überzeugende Verknüpfung des Namens mit ahd. halda, mhd. Halde, dt. Halde führt zu dessen Grundform, die am ehesten als germanisch *halþa- anzusetzen ist. Von hieraus kann der Wechsel des Stammvokals (Heldra gegenüber Halde) nur durch ein folgendes -i- erklärt werden (sogenannter Umlaut, vgl. Gast < germ. *gasta-, aber Gäste < germ. *gasti-). Nimmt man Namen wie Haldungen hinzu , wo -ung- ebenfalls an Hald- angetreten ist, so wird es sehr wahrscheinlich, daß Heldra aus *Haldira entstanden ist.
Mit H. Walther enthält dieser Name ein -r-Element (sprachwissenschaftlich: -r-Suffix). Wörter und Namen, die dieses enthalten, gehören zur frühesten Namenschicht germanischer Stämme, da das einfache Element -r- in späteret Zeit nicht mehr in der Sprache lebendig war und damit auch keine Namen mehr gebildet werden konnten.
In einer ausführlichen Studie ist dieser Bildung vor wenigen Jahren nachgegangen worden . Es ließen sich ca. 100 Namen aus Nord- und Mitteldeutschland, den Niederlanden, Belgien und dem Nordosten Frankreichs gewinnen [vgl. Karte 1, hier einfügen], darunter etwa Artern bei Sangerhausen, 9.Jh. (Aratora, Latinisierung), 1136 de Artera; Atter bei Osnabrück; Badra, Blender, Deter, Diever, Dinker, Drüber, Eimer, Engern, Emmer, Groß-, Klein-Fahner bei Langensalza, 876 Uuanari item Uanari, in Nord-uanare; Fehmarn, < *Fimber; Freren (alt Friduren), Gitter (OT. von Salzgitter), Gummer, Halver, Heger, Höxter, 822 Huxori, 823 Huxori, Iber, Ihren, Kelbra, Langern, Lecker, Letter, Levern, Limmer (OT. von Hannover), Lüdern, Mahner, Mehler, Bad Münder, Nebra, Netra, Ölber, Ölper, Örner, Reiser, Rümmer, Salder, Schieder, Schlutter, Schwemmer, Secker, Sinthern, Sitter, Söhre, Steder, Stemmern, Welver, Wetter.

Diese Namen enthalten im ersten Teil, also vor dem -r-, fast immer einen Hinweis auf die Geographie, die Landschaft, Senken und Tiefen des Geländes usw. Der Mensch oder dessen Tätigkeit erscheint bei ihnen noch nicht. Es sind im Grunde genommen alte Flurnamen. So auch bei Heldra. Es liegt ein germanischer Name *Hald-ira vor, der am ehesten als “Abhangstelle, abschüssige Stelle, Kante” verstanden werden kann. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist dabei der Heldrastein Anlaß der Namengebung gewesen: er hieß zunächst *Haldira, entwickelte sich sprachlich völlig im Einklang mit der Lautgeschichte zu Heldra und übergab seinen Namen dann dem Ort Heldra, dem Bach (mit dem Zusatz -bach), etlichen Flurnamen, um dann selbst später den Zusatz -stein zu erhalten.

Daß der Ort seinen Namen vom Felsblock erhielt, zeigt auch dessen ältester Beleg Heldron. Darin steckt ein alter Dativ Plural auf ursprünglich -un, also etwa *Haldirun. Der Dativ ist in alten germanischen Ortsnamen der typische Lokalkasus, er kann in unserem Fall ursprünglich bedeutet haben “bei den Siedlern am Hang”. Mit Sicherheit abzulehnen ist der Vorschlag von A. Werneburg , der an ein altes Hirtenwort denkt und daher eine “Hirtenwohnung” vorschlägt.