Jürgen Udolph: Deutsches und Slavisches in der Toponymie des nördlichen Niedersachsen

(Die Ortsnamen des Amtes Neuhaus, Kr. Lüneburg)

Die in den letzen Jahren durchgeführte Arbeit an einem Historischen Ortsnamenbuch für Niedersachsen1 darf natürlich die slavischen Spuren im Osten Niedersachsens nicht unberücksichtigt lassen. Die slavischen Orts- und Wüstungsnamen in den Kreisen Lüchow-Dannenberg, Lüneburg, Uelzen und Gifhorn sind schon verschiedentlich behandelt worden, es überwog dabei allerdings die slavistische Ausrichtung2; deutsche und germanische Ortsnamen fanden nicht die gleiche Aufmerksamkeit.
Hinzu kam eine territoriale Ausweitung Niedersachsens vor drei Jahren: auf Wunsch der Bevölkerung wurde das nördlich der Elbe gelegene Amt Neuhaus am 1.Juli 1993 aus Mecklenburg-Vorpommern aus- und dem Landkreis Lüneburg und damit dem Land Niedersachsen eingegliedert. Rein zufällig durchfuhr ich am 3. Juli 1993 das Land nördlich der Elbe und konnte an zahlreichen Fahnen mit dem Niedersachsenroß die Zugehörigkeitsgefühle der Einwohner sehr deutlich registrieren.
Das Amt Neuhaus ist damit dem „Zuständigkeitsbereich” der Arbeiten an den Ortsnamen Mecklenburg-Vorpommerns entzogen und muß im Rahmen der Behandlung niedersächsischer Toponyme bearbeitet werden. Das Amt hat eine wechselvolle und zum Teil eigenartige Geschichte durchlebt3; immer wieder hat es sich als ein besonderes Fleckchen Erde erwiesen, das sogar unter Napoleons Herrschaft Bestand gehabt hat.
Schon sein Name schwankt; noch bei P. Kühnel4 wird es Amt Neuhaus an der Elbe oder Neuhaus in Lauenburg genannt. Das heutige Amt Neuhaus liegt zwischen der Elbe im Süden und Westen, der Sude im Norden und der Rögnitz im Osten. Seine Grenzen werden fast ausschließlich von Flüssen gebildet und das Wasser ist untrennbarer Teil seiner Geschichte. Es hat auch dazu beigetragen, daß es Zankapfel zwischen Herrschern aus Lauenburg, Mecklenburg und Lüneburg gewesen ist.
Nach Kühnel5 umfaßt es „zwei alte slavische Ländchen, und zwar Wehningen teilweise, den Gau Darzing aber, welcher wiederum einen Teil des ersteren bildete, ganz“. Der Gau Darzing wird zm ersten Mal im Ratzeburger Zehntverzeichnis (um 1230) erwähnt.
Die wechselvolle Geschichte des Landstrichs zeigen landesgeschichtliche Atlanten6 recht deutlich: er gehörte zum Besitz Heinrichs des Löwen7, um 1230 den Grafen von Dannenberg als Lehen der Bischöfe von Ratzeburg, 1258 erhält ihn Herzog Albrecht von Sachsen-Lauenburg in einem Vergleich mit Herzog Albrecht von Braunschweig. In den folgenden 30 Jahren wechselte das Gebiet mehrfach seinen Besitzer. Um 1360 gehört es zum Amt Hitzacker, 1363 wechselt es zum Bestand der Fürsten von Braunschweig und Lüneburg. Im 15. Jh. ist es eine askanische Enklave, nach Aussterben des Mannesstammes der askanischen Herzöge im 1689 geht es an Herzog Georg Wilhelm von Celle und dadurch mit Lüneburg 1705 an Hannover über. Zum Kurfürstentum Hannover gehört es bis 1810, nach Napoleons Neugliederung ist es für drei Jahre erneut Enklave: als Teil des Departements der Elbmündungen zwischen dem Hzgt. Mecklen-urg-Schwerin und dem Departement der Aller. Der Wiener Kongreß schlägt es wieder zu Hannover, von 1859 – 1885 existiert ein eigenes Amt Neuhaus in der Landdrostei Dannenberg. Die Konsequenzen des 2. Weltkrieges führen am 16. Juli 1945 zur Eingliederung in die Sowjetische Besatzungszone, der Atlas Niedersachsen von 1950 deklariert das Amt Neuhaus noch als „niedersächsisches Gebiet in der sowjetischen Zone“. Am 1. Juli 1993 führt der Wunsch der Bevölkerung zur Rückgliederung an den Landkreis Lüneburg und damit zum Land Niedersachsen.
Die gelegentliche Sonderstellung des Gebietes und die wechselvolle Geschichte könnten geographische Gründe haben. Von J. Dittmar8 wird der sich ständig ändernde Lauf der Elbe angesprochen: da dieser ” zunächst nicht ganz feststand, sondern ... nördlich [des heutigen Verlaufs, J. U.] in der Linie Gülstorfer See, Sumter See, Sumter Kanal und Krainke-Niederung in weiteren Flußarmen erfolgte, war hier ursprünglich ein umfangreicherer Elbe-Streifen gegeben, der – nach einer Zeit der Überschwemmungen durch die Einrichtung verschiedener Deichanlagen fruchtbar und siedlungsfreundlich gemacht – von lüneburgischer Seite her gern besetzt wurde ...“.
Eine Durchsicht der Ortsnamen des heutigen Amtes Neuhaus ist bisher nicht unternommen worden. Vor allem sind die slavischen Namen bearbeitet worden. Es gibt jedoch offenbar auch einige recht alte germanische Relikte, deren Untersuchung interessante Ergebnisse zu bieten vermag.
Die Ortsnamen des Amtes Neuhaus gehören in Übereinstimmung mit denen der benachbarten Landstriche im großen und ganzen vier Schichten an: einer neuhochdeutschen, einer niederdeutschen, einer slavischen und einer vorslavischen9. Hinzu kommen einige übertragene Namen, die am Anfang stehen sollen.

A. Übertragene Namen
1.) Neu Bleckede. Dieser Ort liegt ca. 1½ km von Bleckede entfernt auf dem Nordufer der Elbe, unmittelbar gegenüber Bleckede. Es ist eine junge Siedlung, urkundliche Belege sind mir nicht bekannt geworden.
Der Name ist vom Südufer der Elbe übertragen. Bleckede ist ein alter Name, dessen Bildung mit dem Suffix -ithi unbestritten ist. Man vergleiche an älteren Belegen (Auswahl): 1209 in Bleketsa usque Schalsburg ...10, 1224 (A. 15. Jh.) apud Blekethe11, 1224 (A. 16. Jh.) apud Blekede12, 1228 in palud Blekede ... de Blekede13, 1258 Bleckethe; Variante: Blekede14, (1271 – 1274) Castrum Blekethe15. Der Name wird übereinstimmend16 mit einer Grundform *Blek-ithi zu asä. blek ‘Bleiche, Fläche, Blachfeld’ gestellt. Er könnte in dem ON Bleckten im Kr. Heinsberg eine Parallele haben17.
2. Neu Garge. Der Ort liegt 2,7 km nordöstlich von Alt Garge auf dem Nordufer der Elbe. Beide Orte sind erst in jüngster Zeit belegt. Die ältesten mir bekannten Belege bietet die Kurhannoversche Landesaufnahme, Blatt 69: 1766 Neu Garge, Alt Garge, um 1800 belegt Manecke18 sie in den alt-, neu Garge. Kühnel 372 vermutet eine kollektive Bildung *Gargüje zu slav. *grúg-, sloven. grgati ‘tönen (girren)’, und auf Grund der Lage an der Elbe einen Bezug zum Wasser des Flusses. Bückmann 165 übernahm diese Deutung als ‘Rauscheort’.
Dieser Vorschlag ist nicht grundsätzlich abzulehnen. Das slovenische Wort gehört zu einer onomatopoetischen Sippe, die u. a.  auch umfaßt: serbokroat. gr` gati ‘Zähne putzen’, makedon. grga, grgne, grgnuva ‘spritzen’, russ. gorgotát’ ‘kreischen’, poln. gorgoliæ siê ‘blasen, wehen’ u. a. m.19. Die Lage an der Elbe könnte als Bestätigung dienen. Auch ist bemerkenswert, daß die
Kurhannoversche Landesaufnahme von 1776 zwischen Alt und Neu Garge in der Elbe einen Gargenwerder kennt.
 Es darf andererseits nicht übersehen werden, daß der Name innerhalb des altsorbischen und altpomoranischen Gebietes isoliert steht. Unter Umständen haben wir einen weiteren Fall aus der Sippe von elbslavischen Namen vor uns, die besondere Beziehungen zum Südslavischen besitzen und die bereits an anderer Stelle20 behandelt wurden.
L. Schneiders Versuch21, den Namen an mnd. querke/quarke „Gurgel” anzuschließen, ist mit dem Konsonantenbestand in Garge nicht zu vereinbaren.
3. Neu Wendischthun. Auch dieser Ort liegt nördlich der Elbe und ca. 3 km von Alt Wendischthun (östlich von Bleckede22) entfernt. Er erhielt den Zusatz Wendisch erst im 15. Jahrhundert, vgl. 1291 in castro Tunis ... dicti de Thunis ... Acta sunt hec Thunis23, 1299 in castro Tunis (mehrfach)24, 1413 to Wendeschen Tùne, 1443 to Wendeschen Tune, 1444 to Wendeschen Tune25, 1491 van Wendesschen Tüne26, 1776 Wendischthun27.
Es liegt ein germanisch-deutscher Ortsname vor, vgl. die ausführliche Darstellung der tun-Sippe bei J. Udolph28 (zu unserem Namen speziell S. 724) und die Ausführungen bei L. Bückmann 121 und H. Jellinghaus, Anglia 20 (1898) 324. Die ersten Belege (Tunis) zeigen Latinisierungen.
L. Schneiders Bedenken gegen die diese Deutung29 und der Hinweis auf slav. tyn „Zaun” sowie die Vermutung, daß man „die Deutung mit Hilfe des slawischen Wortes ... nicht ausschließen” könne, überzeugen nicht. Urslavisches *y würde im Polabischen in einigen Varianten erscheinen, niemals aber als û. Außerdem sind im gesamten westslavischen Sprachgebiet, vor allem aber im Polabo-Pomoranischen Namen, denen das slavische Wort zugrunde liegt, sehr selten.
4. Neu Schutschur. Etwa 1,5 km östlich von dem auf dem südlichen Elbufer liegenden Schutschur befindet sich im Amt Neuhaus – getrennt von der Elbe – der kleine Ort Neu Schutschur, sicher infolge von Übersiedlungen aus Schutschur entstanden. Für die kleine Siedlung sind alte Formen nicht bekannt, etwas besser steht es mit Schutschur bei Hitzacker: 1636 Sutschur, 1640 Schutschur, 1750 Schutschur, 1760 Schütschur, Schütschurer Werder, Schütschurer Weide30, um 1800 Schutschuer31, nach Kühnel „aus Mangel älterer urkundlicher Formen nicht sicher zu erklären“32. Einen Versuch habe ich an anderer Stelle unternommen33 und den Namen an südslavisches Material anzuknüpfen versucht.
Die vier Übertragungen sind unzweifelhaft. Das auch aus der Gegenrichtung Ortsnamen übertragen worden sind, werden wir noch im Fall von Groß Kühren – Klein Kühren sehen.
Die hier behandelten Namen zeigen die engen Verbindungen, die über den Elbstrom hinweg bestanden haben müssen und bestätigen im Grunde die heutige Zugehörigkeit zum Kreis Lüneburg. Selbst das Fehlen einer Brücke zwischen Lauenburg und Dömitz hat sich nicht negativ auswirken können.
B. Neuhochdeutsche Namen
1.) Herrenhof. Die kleine Siedlung auf dem Hitzacker gegenüber liegenden Elbufer erscheint in älteren Belegen wie folgt: ca. 1640 Mersche zum Herrn Vorwerk Über-Elbe, 1764 Herrnhof34, 1776 Herrenhoff35, 1800 Herrnhof, vor Zeiten Überelbe36. Der Ort ist sehr wahrscheinlich von Hitzacker aus benannt worden37 und hieß zunächst Überelbe.  Später erhielt er den Namen Herrn Vorwerk, aus dem sich Herrenhof entwickelte. Es liegt ein junger Name vor, der keiner Erläuterung bedarf.

C. Niederdeutsche Namen
1.) Bohnenburg. Der nordöstlich von Hitzacker am Nordufer der Elbe gelegene Ort ist erst seit dem 16. Jahrhundert bezeugt: 1533 to Bonenborch38, 1776 Bonenburg39, 1822 Bonenburg40. Der älteste Beleg zeigt im Grundwort noch deutlich niederdeutsches -borg. Im Bestimmungswort wird ein Personenname Bon(o) vorliegen, der schwach flektiert bei E. Förstemann41 gut bezeugt ist.
2.) Haar. Trotz der späten Bezeugung ist dieser Ortsname leicht zu deuten. Seine Belege (1764 Haar42, 1776 Haar43, 1776 Haars Koppel44, 1794 Haar45, 1822 Haar46) variieren kaum. Nach Kühnel 281 handelt es sich um einen deutschen Namen. Er gehört zu der weit verbreiteten Sippe um ahd. horo st.N. ‘Schlamm, Brei, Schmutz, Kot, Erde’, asä. horu ‘Kot, Schmutz’, mnd. hôr ‘Dreck, Unrat; Schlamm, Moorerde, Lehm’, nnd. hâr ‘Schmutz, Kot’, die ich an anderem Ort unter Einbeziehung des Namenmaterials ausführlich behandelt habe47.
3.) Heidkrug. Nordwestlich von Laave am Laaver Moor liegt diese kleine Siedlung, für die ältere Belege kaum bekannt sind. Allein die Kurhannoversche Landesaufnahme, Blatt 70 verzeichnet 1776 den Ort als Heidkrug; auch Manecke II 410 nennt ihn (1822) Heidkrug. Der Name ist ein Kompositum aus Heide und Krug, hier sicher in der Bedeutung „Wirtshaus“. Eine Auflistung zahlreicher Krug-Namen bietet F. Haeger48.
4.) Krusendorf. Westlich von Neuhaus liegt dieser Ort, der durch seine älteren Belege die niederdeutsche Herkunft recht deutlich zeigt: (1330 – 1352) to Krusendorpe49, 1360 to Cruzendorpe, 1764 Crusendorp50, 1776 Krusendorf51,  1822 Krüsendorf, Krusendorf52. Neben dem Grundwort ndt. dorp, das erst spät zum hdt. dorf wechselt, liegt der ndt. FamN. Kruse vor53, vgl. ndt. krus „kraus”  hier wahrscheinlich ursprünglich bezogen auf „Krauskopf, Kraushaar“.
5. Laake. Die älteren Belege zeigen, daß von einer Lagebezeichnung auszugehen ist: 1399 Dat ghantze dorp. to der lake54, 1776 Laacke55, 1822 Lake56. Die Zweifel von Kühnel 283 an eventueller deutscher Herkunft sind unbegründet. Der Name gehört zu mndt. lãke ‘kleineres sichtes, stehendes Gewässer, mit Wasser gefüllte Vertiefung usw.’, ndt. lake ‘Lache, seichte Stelle, Pfuhl, Pfütze usw.’ 57. Es gibt zahlreiche Vergleichsnamen aus dem Orts-, Fluß- und Flurnamenbestand Norddeutschlands.
6. Neuhaus (Elbe). Der Sitz der Gemeinde hat einen relativ jungen, niederdeutschen Namen. An  alten Belegen sind mir bekannt geworden: 1328 vnde solen en buwen ein hus to des Hertogen Vorde... dat Nyehus58, 1369  de Dertzinge vn½   dat Nyehus59, 1371 Volrad van Zule van deme Nyenhus60, 1372 dat hus to dem nyen huv   s61, 1375 dat hws to dem Nyenhws in dem Dertzinghe; den Dertzingh mit deme Nyenhuse62, 1429 dat Nygehus in dem Derzinge63, 1457 tome Nigenhuse64, 1467 to deme Nyen huse65, 1473 van den husen Lovenborch und Nyenhuse66, 1477 van Lowenborch und Nyenhuse67, 1524 Datum Nigehus68, 1822 Vorburg Neuhaus69. Der Name geht auf eine Wasserburg zurück, die die Grafen (später Herzöge) von Lauenburg in den Niederungen an der Krainke erbaut hatten und vornehmlich als Wohnung für jüngere Prinzen und als Witwensitz benutzten70.
Der Name ist einfach komponiert und enthält ndt. ni(j)e, ni(g)e ‘neu’ und hûs ‘Haus’, hier vielleicht zu verstehen als ‘Schloß’. Zahlreiche Vergleichsnamen – zumeist zusammengesetzt mit plur. -husen/-hausen – bietet E. Förstemann71.
Zu der Lagebezeichnung in dem Dertzinghe vgl. unten am Ende des Beitrages.
7.) Niendorf. Für diesen Ort nordwestlich von Neuhaus habe ich keine sicheren Belege ermitteln können. Auch Kühnel erwähnt ihn nicht. Man wird ihn aber dennoch wohl zu den zahlreichen mit mnd. nige, nije ‘neu’ und dorp ‘Dorf’ gebildeten Toponymen zurechnen dürfen.
8.) Stixe. Der am Stixer See gelegene Ort ist erst sehr spät bezeugt: 1776 Stixe72, ca. 1800 Stiexer Bauer Feld73, 1822 Stichssee, Vorwerk Stichserhof74. Während Rost, Muka und Trautmann den Namen nicht behandeln und somit offenbar dem Slavischen nicht zurechnen, hat Kühnel 292f. erwogen: „vielleicht zu altsl. sútoka, sútok-, poln. stok, stek ‘Zusammenfluß, ON tschech. Stoky, polab. Steknitz ..., 1202 flumen Cikinize ... Zusammenfluß zweier Arme der Krainke’”, allerdings auch hinzugefügt: „Sicherheit der Deutung ist beim Fehlen älterer urkundlicher Formen nicht möglich”.
Dem ist zu entgegnen, daß der Ort am Rand des das Amt Neuhaus durchziehenden großen Waldgebietes und von der Krainke und deren Zuflüssen entfernt liegt. Eine Rolle könnte aber der Stixer See gespielt haben. Vielleicht war dieser sogar namengebend, so daß man von einem Kompositum mit dem Grundwort -see ausgehen kann. Im Bestimmungswort liegt dann vielleicht mnd. stîch ‘Fußweg, Steig, schmaler Weg zwischen Flurstücken oder im Gelände usw.’75 vor. Aber auch dieses bleibt angesichts der späten Überlieferung eine Spekulation.
Wie man sieht, ist die Ausbeute an niederdeutschen Namen, die nach Eindringen der Slaven entstanden sein dürften, ist nicht sehr groß. Dem gegenüber gibt es zahlreiche slavische Relikte im Namenschatz des Amtes Neuhaus, wie die folgende Aufstellung zeigen wird.

D. Slavische Namen
1.) Banke. Der heutige OT. von Privelack liegt am Banker See und ist wie folgt belegt:
1306 in terra Dertzinghe ... in terra Derzinghe ... in villa Banke76, 1450 Bangken77, 1531 Bancke78, 1715 Banke, 1736 Dorff Bancke, 1764 Bancket (!)79, um 1800 Banke80. Eine deutsche Erklärung – etwa zu Bank, Sandbank – überzeugt kaum. Man hat daher bisher aus dem Slavischen gedeutet81 und den Namen zu polab.-pomor. *b¹k gestellt, das mit kasch. bo²k ‘Bremse’, poln. b¹k ‘Rohrdommel, Bremse’ und polab. bunkar ‘Rohrdommel’82 verwandt sein dürfte.
Fehlerhaft ist allerdings die Ansicht von P. Kühnel83, es sei von einer Bildung *B¹kov, also mit dem Suff. -ov- gebildet, auszugehen. Eher ist wohl eine plur. Bildung *Bo²ki zu vermuten, woran auch R. Trautmann zu denken schien, wenn er an polnischen Vergleichsnamen B¹k und B¹ki heranzieht84. Speziell wären hier zu nennen: B¹ki, ON im Kr. Janów85, B¹ki bei Sieradz, 1519 Banky86, sowie weitere B¹ki-ON aus Polen87. Die Lage am Banker See als einem für Vögel willkommenen Ort kann die angenommene Deutung m.E. durchaus stützen.
2.) Groß, Klein Banratz. Die unmittelbar benachbart liegenden Orte haben ihre differenzierenden Zusätze Groß, Klein bzw. älter grot – wie die historischen Belege zeigen – erst sekundär erhalten, man vergleiche: 1371 einen hof to Bandrase88, 1397 twe houe to Groten Banderatze89, 1397 to groten Banderatze90, 1397 to groten Banderatze91, 1764 Banneratz92, 1776 großen Banratz93, Klein Banratz94, 1822 Banraz95.
Daß hier ein slavischer Name vorliegt, ist schon bald erkannt worden. Bereits K. Muka sah darin ‘stpo³. B¹doradici t.j. spólnota rodzinna B¹dorada ...’96, für P. Rost97 gehörte der Name als ‘*Banderadice zu b¹d- und radú’. Mit anderem Fugenvokal stellte Kühnel 277 den Namen zu altslavisch b¹d- ‘sein, das Wesen’ und sah in ihm einen PN B¹dimìrú. Sein Vergleich mit dem kaschub. ON Bêdzmjerovcje, und polab. Bandelstorf, 1347 Bandemerstorpe in Mecklenburg sowie poln. Bêdzimirowice, Bêdargowo u. a. m. führte ihn für unseren ON zu einem Ansatz *B¹diradüci, *B¹diradce ,die B¹dirad’, einer patronymischen Bildung. Ihm folgte Bückmann98.
R. Trautmann99 erklärte den Namen ‘aus altem *B¹doradŸ so wie nso. Budoraz (-a) Kr. Guben ... von einem PN *B¹dorad’, sein Vergleich wurde ein wenig von E. Eichler revidiert100, da Buderose, nso. Budoraz, jetzt poln. Budoradz, 1764 Buderose in seinem ersten Teil urslavisch *bo²d-, aber auch urslav. *bud- reflektieren kann. Dennoch heißt es auch bei ihm zu dem sorbischen Namen: „Aus aso. *BudoraŸ ,Ort des Budorad’ ...  vgl. auch Banratz ... aus *B¹doradŸ”. E. Kaiser101 stellte unseren Namen zu der Sippe um den Typus Radogošè, der mit Hilfe des possessivischen Suffixes -jü von Vollnamen gebildet sei, als Grundform sei *Bo²dorad-jü anzunehmen.
Eine wichtige Korrektur an einigen Vorschlägen haben R.E. Fischer und T. Witkowski102 angebracht: als Grundform sei „*B¹diradŸ- zu einem nicht belegten VN *B¹dirad [anzusetzen]. Die polnischen Parallelen (Bêdzieciech, *Bêdziemys³) machen einen Ansatz *B¹doradŸ unwahrscheinlich”.
Bemerkenswert an diesem Namen ist seine Zugehörigkeit zu einem Typus, für den „vielleicht ein Zusammenhang mit dem Siedlungsprozeß entlang der Elbe gesehen werden muß”103. Damit wird die schon bei Schutschur angesprochene Vermutung eines Zuzugs aus dem Süden durch einen weiteren Namen erhärtet.
3. Carrenzien. Dieser OT. von Neuhaus ist vor allem durch das Waldgebiet der Carrenziener Heide, 1776 Carrenziener Heide104, bekannt. Leider ist er nicht sehr früh überliefert: 1764 Carentzin, 1770 Carntzien105, 1776 Carnzien106, 1822 Karrenzien107, so daß eine sichere Deutung kaum möglich ist. Es bleiben Vermutungen: P. Rost 224 denkt an eine Entsprechung zu poln. chory ‘krank’, etwa chyr-, chere und an Herkunft von einem PN Er stützt sich vor allem auf Karenzin (Carntzin) in Mecklenburg und auf einen polnischen ON Chorzêcin. Unsicher geworden, erwägt er auch einen Zusammenhang mit hraniti und den Personennamen Hranota, Hranislav. K. Muka 384 geht von einem Ansatz Gorêtin aus und stellt ihn zu einem Personennamen Gorêty, wobei er kaschubisch Gorêcin vergleicht. Vielleicht hat Kühnels Verbindung108 mit „altsl. krúnú ‘mit abgeschnittenen Ohren’, tschech. krniti verschneiden, polab. *karn, PN tschech. Krn, Krnìj, poln. Kornala, ON tschech. Krnín, Krnìjovice, poln. Kornalowice, polab. Karenzin in Meckl. 1334 Carntzin, hier ebenso Karnèino ‘Ort des Krnka, Karnka’” das meiste für sich. J. Dittmar109 erwog diese Etymologie ebenfalls.
4. Darchau. Die historische Überlieferung dieses Namens beginnt nicht – wie gelegentlich fälschlich angenommen wurde110 – mit dem Beleg 1277 Dargowe111, denn dieser bezieht sich auf Dargow am Schaal-See112, sondern einige Jahrzehnte später: 1360 to Darchowe, to Dargow, to Dargouwe113, 1368 darchowe114, 1715 Darchau115, 1822 Darchau116. Aus Darchau stammten Siedler, die Neu Darchau bei Hitzacker, 1,5 km südlich von Darchau, auf dem Südufer der Elbe gründeten, ca. 1760 Neu-Darchau117. Manecke beschreibt den Ort wie folgt: „Neu-Darchau an der Elbe und am Kateminerbach besteht aus 3 Häuerlingshäusern, die von den Eingesessenen des Dorfes Darchau jenseits der Elbe im Amte Neuhaus ... erbauet sind, um von solchen aus ihre Ländereien besser nutzen zu können”118.
Wir haben somit eine Ortsnamenübertragung aus der Gegenrichtung vor uns, die zudem heute etwas seltsam wirkt, denn das Ausgangsdorf Darchau besteht nur noch aus wenigen Häusern, während Neu-Darchau fast 1500 Einwohner hat.
Dennoch muß die Deutung von Darchau ausgehen. Bisher hat man fast immer zwei Vorschläge für die Etymologie unterbreitet: entweder sah man in dem Stamm des zugrundeliegenden PN slav. dragú und somit ein „Besitzdorf des Drag, Drago, Kf. von PN wie Drahoslav, Drahomír (tschech.), Drogomi³ (pol.). Vgl. ON tschech. Drahov, Drahovice”119, ähnlich Muka 386, favorisiert auch von Kühnel 237: altslav. dragú, polab. drag lieb, teuer, PN Dragomir, Drag, Draga, ON serb. Dragovac, tschech. Drahov, hier ebenso Dargov, Ort des Darg. Oder man zog altes *Darchov heran wie in tschech. Drachov und nso. Drochow zu einem KN. *Darch120. J. Dittmar 79 schwankt zwischen *Darg(o) und dem tschech. ON Drahov auf der einen Seite und *Darchú und dem nso. ON Drochow auf der anderen Seite. Angesichts der fast übereinstimmenden Überlieferung mit -ch- halte ich den zweiten Vorschlag für überzeugender.
5. Dellien. Der Name des nördlich von Neuhaus liegenden Ortes ist erst seit dem 18. H. belegt: 1762 by Dellin121, 1764 Dallin122, 1776 Dellien123,  um 1800 Dellin, Delliner Feldt, Delliner Wiesen124, 1822 Dellien125. Übereinstimmend hat man ihn dem Slavischen zugewiesen. Während P. Rost 195 einen mecklenburgischen ON Dellin und poln. Dolina vergleicht und ihm Muka 386 mit der Annahme einer altpolabischen Grundform Dolina, neupolab. Dülaina ‘Talgegend, Ort im Tal’ sehr nahe kommt, hatte Bückmann 164 dagegen an einen ‘Ort des Dal’ gedacht und sich auf Kühnel 279 gestützt, der altslavisch dalú ‘gegeben’ und PN wie Dalimil, Dalata, Dalica, Dal, sowie die ON Daleboøice, Dalevice, Daletice, herangezogen hatte und für Dellien eine Grundform Dalino mit der Bedeutung ‘Ort des Dal’ vorgeschlagen hat. J. Dittmar 136 referiert beide Vorschläge, ohne eine Entscheidung zu fällen.
Beide Vorschläge überzeugen aber nicht. Offensichtlich ist von einem -e-haltigen Wurzelvokal auszugehen, der weder zu dal noch zu dol passen will. Viel näher liegt slavisch *dìl ‘Berg, Hügel’, worüber unter Einbeziehung reichhaltiger Belege aus dem appellativischen und onymischen Bereich E. Eichler anläßlich des ON Delitzsch ausführlich gehandelt hat126. Wirft man unter diesem Aspekt einen Blick auf die geographische Lage des Ortes127, so liegt Neuhaus unmittelbar unterhalb einer Erhebung, deren Höhe 14,6 m sich deutlich von den umliegenden Messungen (9,5 m, 7,6 m, 9,3 m, 11,0 m) abhebt. Die Realprobe bestätigt somit – im Einklang mit den lautlichen Problemen bei einer anderen Deutung – die Deutung als slav. *Del-in- ‘höher gelegener Ort’.
6. Gülstorf. Der Name dieses Dorfes ist seit Beginn des 15. Jahrhunderts überliefert: 1401 Dat ghanse dorp to ghùlstorpe128, 1764 Gülsdorp129, ca. 1770 Gulstorff130, 1776 Gülstorff131,  1822 Gülsdorf132. Die Etymologie ist umstritten. Muka 388 denkt an altpolab. Golica, neupolab. Gülaiæa ‘Heidebach, Kahlenbach’, Kühnel 280f. schreibt: „Dorf des Gol oder Gul, entweder zu altsl. golú nackt, PN serb. Golüklas, Gola, Fem., russ. Golo, russ. Golo, poln. Golisza, ON russ. Golino, tschech. Holín, Holešov, oder zu altslav. *guljati schwelgen, tschech. hulák Schlemmer, PN tschech. Hul, Hula, Hulyš, ON in Meckl. Gülzow, 1333 Gultzowe, tschech. Hulín, Hulice”.

In jedem Fall handelt es sich um einen sogenannten „Mischnamen”, wobei niederdeutsch dorp an eine slavische Grundlage angetreten ist. Beide Vorschläge haben etwas für sich: aus einem *golica wäre der erste Bestandteil auch zu erklären, allerdings erweckt die Verbindung mit niederdeutsch dorp doch einige Zweifel und aus -o- wäre weniger -ü- als vielmehr -ö- (und gerade im Niederdeutschen, vgl. Müller – Möller, Küster – Köster) zu erwarten. So hat wahrscheinlich die Erklärung aus einem PN zur slavischen Sippe um gul-, erweitert mit einem -s-/-š-haltigen Suffix, die meisten Argumente für sich.
7.) Gülze. Dieser Ortsteil von Neuhaus ist leider nicht gut überliefert, bekannt sind nur zwei ältere Belege, von denen nur einer höheres Alter besitzt: 1360 van ghùltzow133, 1776 Gültze134,  1822 Gülze135. Eine sichere Deutung kann nicht geboten werden. Während P. Rost 214, K. Muka 388 und R. Trautmann136 an slavisch golú ‘kahl’ anschließen und eine Grundform *golica, etwa ‘Heidebach, Dorf am Heidebach, Kahlenbach’ oder auch ‘Heide, kahler Platz’, annehmen, gehört der Name für P. Kühnel 285 zu einem Personennamen, der zwar auch zu slav. golú ‘nackt’ angeschlossen werden könne (er vergleicht serbisch Golüklas, tschechisch Holec, Holeš, polnisch Goliszcza und andere), und sieht in ihm „Golišovo, oder Golcovo ‘Ort des Goliš, Golec’”. Er erwägt aber auch die Möglichkeit, an altslavisch guljati schwelgen, tschech. hulák Schlemmer, die tschech. Personennamen Hulek, Hulyš, und Ortsnamen wie Hulice, Hulcze, anzuschließen. Dann wäre Gülze altes Gulèovo ‘Ort des Guleè’. L. Bückmann 164 folgt Kühnel.
Verwandte und mutmaßlich identische Namen wie Gülzow, Golzow hat A. Schmitz137 behandelt und drei Grundformen *Gol-šov-, *Gol-èev-, *Gol’cov- diskutiert. Eine eindeutige Zuordnung ist nicht möglich.
8.) Gutiz. Der ON ist wie folgt belegt: 1450 Goutzittze138, ca. 1760 Gütjitz139, 1764 Gutjetz (!)140, 1776 Gulitz (!)141,  1776 (FlurN.) Gutitzer Wiesen142, 1822 Gutitz143. Auch hier schwanken die Deutungen. P. Rost 213 stellte ihn zur slavischen Sippe um chot, vergleicht in Mecklenburg Gottin, urkundlich Chutun, Gottin und Göthen, urkundlich Chùten u. a. , K. Muka 388 dachte an eine altpolab. Grundform *Chudici und eine Verbindung mit slavisch chudy ‘arm, mager’. P. Kühnel 281 findet keine rechte Erklärung, geht nur von einer Wz. gut- aus, aber weiß dafür keine Bedeutung. Er vergleicht die polnischen Ortsnamen Guty, Gutowo, Gutowiec, Gutków, und polabisch Gutow in Mecklenburg und sieht in unserem Namen altes „Gutice ‘Ort, Leute des Gut-, Guta’”.
Aufgrund verschiedener Parallelen, darunter auch einen Wüstungsnamen auf Rügen,1232 Gutitz, 1314 Gutiza, stellt R. Trautmann144 den Namen wie Rost zu der Sippe um chot-. Ihm ist M. Je¿owa145 gefolgt. Angesichts des nicht zu sicherenden Ansatzes *gut- ist dieses wahrscheinlich immer noch die beste Lösung.
9.) Kaarßen. Obwohl die Kirche des Ortes kurz vor der Reformation entstanden ist146, lassen sich alte Belege nicht beibringen. Bekannt sind nur ca. 1700 Karsen, ca. 1720 Kaarsen, 1764 Carsen, 1770 Carssen147, 1776 Caarsen148, 1822 Kaarsen149. In diesem Fall sind sich die Gelehrten einig; alle150 stellen den Namen zu der slavischen Rodungswurzel *kroè- und vergleichen poln. karcz, zu slovenisch, serbisch krè Rodeland, tschech. krè ‘Strunk, Baumstrunk’ usw., woraus im Polabischen *karè zu erwarten wäre. Für Muka liegt eine Grundform Kårcina ‘Rodung, Gereut’ vor.
Es handelt sich um ein im Slavischen weit verbreitetes Wort, das innerhalb der Rodungsterminologie zu den älteren Appellativen gehört151 und auch im Ostslavischen seine Entsprechungen besitzt.
10. Konau. Dieser Ortsname bereitet wenig Probleme. Die Überlieferung zeigt ein relativ klares Bild: 1360 dat dorp Konowe (Zuordnung nicht ganz sicher)152, 1385 tho Konow153, 1396 tho Konowe154, 1764 Conau155, ca. 1770 Conow156, 1776 Konau157, 1822 Konau158, auch ein FlurN. ist belegt: ca. 1770 im Conower Parensk159. Man stellt den Namen mit einer Grundform *Koñov-  zu dem bekannten slavischen Pferdewort konü160 und sieht darin ein ‘Pferdedorf’ oder eine Ableitung von einem Personennamen, der auf diesem Wort aufbaut. Allein T. Witkowski161 hat gewisse Zweifel angemeldet und einen Zusammenhang mit *kon ‘Grenze, Ende’ oder *kuna ‘Marder’ für möglich gehalten.
11. Groß Kühren. Dieser Ort liegt auf dem rechten Ufer der Elbe gegenüber Klein Kühren (Kreis Lüchow-Dannenberg). Bei der Zuordnung der Belege gibt es Probleme. Kühnel hat sie irrtümlich162 beiden zugeordnet. Wahrscheinlich kann man wie folgt sortieren: für Groß Kühren 1388 ghereke to kùrem163, 1450 Kurem164, 1608 Kühren165, ca. 1640 Großen Kühren166, 1764 Kuren167, um 1800 Großen-Küren168, für Klein Kühren 1450 Dravensche Kurem169, um 1800 Kleinen-Küren170. Groß Kühren ist heute ein bedeutend kleinerer Ort als Klein Kühren, das offenbar durch Siedler aus (Groß) Kühren angelegt worden ist.
Die Deutung ist umstritten. Während Muka 390 eine altpolabische Grundform Chorin ansetzt und eine Verbindung zu slavisch chor- oder zu korenü ‘Wurzel’ unter Berücksichtigung der tschechischen Ortsnamen Choøín, Koøen, niedersorbisch Kór´eñ erwogen hat, zog Trautmann, MH. 87 den slovakischen Ortsnamen Kurima heran und stellte den Namen zu polnisch kurzyæ „rauchen, räuchern”  kurz „Staub” und russ. kurnája izbá „Rauchhütte“. Bei Trautmann werden zugleich genannt: Kühren bei Plön, Kühren bei Calbe, Keuern bei Döbeln.
E. Kaiser171 denkt an eine (allerdings unsichere) Ableitung von kura „Henne”  wofür sich für andere Kühren-Namen auch E. Eichler verschiedentlich ausgesprochen hat. Kühnel schließlich hatte (S. 245) die slavische Wurzel kor-, koriti ‘demütigen’, hier in einer Grundform *Korim-jü, Korim ‘Ort des Korim’, favorisiert.
Vielleicht gehört der Name zu der von K. Hengst172 behandelten Sippe um Kohren bei Geithain, Choren bei Meißen, Köhra bei Grimma und Kühren bei Wurzen, in denen seiner Ansicht nach ein alter Typus *Choryñ, strukturell aufzufassen als Kurzname + -yñ, vorliegt.
Eine Entscheidung ist wegen der späten Überlieferung kaum möglich. Groß und Klein Kühren geben aber durch Namen und Lage zu erkennen, daß es enge Beziehungen über die Elbe hinweg gegeben hat.
12. Laave. Der am Laaver Moor liegende Ort ist trotz seiner jungen Überlieferung173 (1762 im Laver Scheideholz174, 1776 Lave175, 1822 Lave176) gut zu erklären177. R. Trautmann hat unter Nennung zahlreicher Vergleichsnamen wie Lave, Laage, Lawke, Laffcken, £awy, Lava dazu ausgeführt: „Auf Lage am Wasser bezieht sich zweifellos die Ortsnamengruppe, die von slav. *lava ‘Bank’ kommt, wenn auch der ursprüngliche Sinn der ON bei uns nicht genau erfaßbar zu sein scheint (po. ³awa ‘Bank, Brettersteg über Bach, Sumpf; Ackergrundstück inmitten des Waldes in einer Schlucht’ und ³awica ‘Sandbank, Schotterbank, Untiefe’, nso. ³awa und ³awka ‘Steg über Wassergräben’)”.
13. Pinnau. Auch dieser Ortsname ist nur jung überliefert (um 1720 Pinnow, 1764 Pinnau178, 1776 Pinnah (!)179, 1822 Pinnau180), wird aber einhellig und überzeugend zu slavisch *pünü ‘Baumstumpf, Stubben’ gestellt181. Zahlreiche Vergleichsnamen bestätigen diese Deutung.
14. Popelau. Der zwischen Konau und Darchau gelegene kleine Ort besitzt eine gute Überlieferung: 1360 dat dorp Popelow, 1391 twe houe to Povpelow, 1411 in dem dorpe to Popelow, ca. 1760 Poplau, 1764 Peplau (!)182, 1776 Poppelau183, 1822 Popelau184. Seine Herkunft ist unstrittig. Übereinstimmend185 setzt man eine Grundform *Popelov- an, stellt ihn zu einem slavischen Personennamen und sieht in slavisch popelú, pepelú „Asche” die Grundlage der Ableitung. Zahlreiche Personen- und Ortsnamen wie Pepelow, Popelov, Popielow bestätigen diese Deutung.
15. Pommau. Der am rechten Ufer der Elbe liegende Ort ist wie folgt überliefert: 1399 to poyemoyge186, 1450 Poygemoyg187, 1640 Pomau, 1715 Pommau, ca. 1750 Pommo, 1764 Pomau188, 1776 Pommau189, um 1800 Pommau190, 1822 Pommau191. Ein davon abgeleiteter Inselname erscheint um 1750 als Pommoer Werder192. Wie wichtig die Berücksichtigung der historischen Belege ist, zeigt die Deutung von Muka 395, der – ohne ältere Belege zu nennen – eine Grundform *Pomnovo ansetzt. Diese Deutung ist natürlich verfehlt. Überzeugender sieht Kühnels These (S. 287) aus, wonach der Ortsname „ganz und gar dem poln. ON Pomyje Pommey Wpr. [entspricht], altsl. pomyje, poln. tschech. pomyje Spülicht, von altsl. myj¹, myti waschen, drav. måje er wäscht, hier also polab. drav. Pomoyje ‘das Spülicht, das Abspülen, der Spülplatz’ usw.; der Ort liegt direkt an der Elbe”. Von Kühnel übernahm Bückmann 164 die Deutung als ‘Spülplatz’.
Aber auch Kühnel hat sich geirrt. Die Überlieferung des Ortsnamens Pomyje bei Pelplin spricht gegen Kühnels Deutung: 1278 Pomyn, Pomini, 1281 Pomie, 1324 Pomim, 1394 czu Pomen usw., erst ab 1682 erscheint Pomyje, 1749 Pomey193. Diese Formen gehen wie die heutige polnische auf den zwischenzeitlichen deutschen Einfluß durch die deutsche Form Pommey(n) zurück. Der Name ist unklar, H. Bugalska194nimmt baltische Herkunft an. Von hier fällt demnach kein Licht auf Pommau.
Dennoch wird Kühnels Deutung zutreffen, denn die Ukraine bietet wenigstens zwei Namen, die für Pommau herangezogen werden können: zum einen den Ortsnamen Pomyjniki195, zum andern den Flußnamen Pomyjnyca, Nebenfluß der Theiß in der Karpato-Ukraine196. Beide enthalten – wenn auch suffixal unterschiedlich erweitert – doch wohl die beiden Elemente po und myj-, die auch in Pommau vorliegen werden. Ich denke, daß Pommau in den beiden ukrainischen Namen eine Stütze besitzt.
16. Preten. Dieser, ganz im Norden an der Grenze zu Mecklenburg liegende Ort, wird wie folgt erwähnt: (um 1322) prethen197, 1459 tome Prethen198, 1764 Preten, Preter Fehr199, 1776 Preten200. Er „liegt am Rande eines größeren Holzes in der Nähe der Rögnitz”201 und wird nicht nur deshalb von P. Rost zu  slavisch *prìtonü ‘Durchhau’ gestellt und mit tschechisch zaton¡ ‘Verhau’, niedersorbisch ton ‘Aushau im Walde’ verglichen. Etwas anders sieht Muka 395 die Etymologie: „‘Platz vor der Tiefe des Wassers, Ort vor der Untiefe’ (p. tonia i tonie) albo ‘Durchhau resp. Aushau im Walde, Lichtung’, sts³. *prìtonú ...’”. Kühnel 288 schließlich erwägt: „entweder zu altsl. prìtú Drohung, prìtiti drohen ... oder zu zu altsl. *prìtonú, *pritonú Aushau, vgl. zatonú, Insel, Bucht, ... hier Prìton ,Aushau, Lichtung’”.
Nicht ganz ohne Bedeutung ist die Tatsache, daß Manecke202 für das Jahr 1415 eine Wüstung Preten „an der Landschnede von Kaarßen und Pinnau” belegt.
Sieht man sich im Vergleichsmaterial des Westslavischen um, so findet man für die angenommene Bedeutung „Aushau” keinen Beleg, dagegen aber zahlreiche, die mit slav. tonü „Untiefe, tiefe Stelle im See, Stelle, an der man gut fischen kann” verbunden werden können. Ich nenne hier nur Pritten, ON in der Neumark, < *Pritoñ „Dorf an der Tiefe, am tiefen Wasser, bez. an dem mit Netzen umstellten tiefen Strich Wasser, aus pri und toñ bzw. tonja”203, Przetonek, Vertiefung, Untiefe im See Bytyñ, 1542 przethonek204; Przytonek, mehrere tiefe Stellen in verschiedenen Seen, darunter die fischreichste im See bei Cichów, belegt z.B. 1571 zgon z przithonkiem, 1515 – 20 Przythonek205; etliche Fischerflurnamen Przytonek kennt auch E. Breza206.
Es kann kaum einen Zweifel geben, daß Pritten hier seine Erklärung findet. Zudem liegt der Ort nur wenig von dem Zusammenfluß von Krainke und Sude entfernt in einem überaus feuchten, sumpfigen und nassen Gebiet, in dem das Wasser die entscheidende Rolle gespielt hat.
17. Privelack. Der auf dem rechten Elbufer gelegene Ort liegt nach P. Rost207 „zwischen zwei einander nahen Flußarmen, der Elbe und einem Zufluß der Krainke; östlich davon die Krainke, der Zeetzer See, der Stixer See u. a.” und erscheint in älteren Form wie folgt: 1345 hebbet vorkoft ... den Priuelok ...208, 1373 mid deme dorpe to deme Pryueloke209, 1776 Privelack210, 1822 Privelake211. Der Name weist auf eine aus dem Ostslavischen bekannte Transportstelle hin, nämlich auf die Strecke zwischen zwei Flüssen, über die Fahrzeuge geschleppt oder waren gefahren werden, vgl. russ. perevoloka „Landenge zwischen zwei schiffbaren Flüssen”, pomoranisch 1283 portus, qui Prewloca vulgariter dicitur, sowie polnische Ortsnamen Przew³oka, tschechisch Pøívlaky, südslavisch Prevlaka, Privlaka, hierher auch der Priwall bei Travemünde, 1306 Priwalc212. Eine ausführliche Zusammenstellung des slavischen Materials hat J. Udolph (mit Kartierung) vorgelegt213. Vielleicht ist auch der von mir damals noch nicht angeführte griechische Name Ðñüâëáêáò, schmale Landzunge, die die Athosinsel mit dem Festland verbindet214 hinzuzufügen215. K. Mukas Verbindung (S. 396) mit poln. Przywa³ek „Brustwehr am Walle, Umwallung, Verhau, Schanze, Damm” überzeugt nicht.
18. Raffatz. Der östlich von Hitzacker auf dem Nordufer der Elbe unmittelbar am Deich liegende Ort ist erst spät bezeugt: ca. 1640 Raffatz, 1715 Raffatz, 1727 Raffatz, 1764 Raffholtz (!)216, 1776 Raffatz217, 1822 Raffatz218, die Deutung ist dadurch nicht unerheblich erschwert. Man favorisiert219 – wahrscheinlich mit Recht – Herkunft von slavisch rovú „Graben, Grube”  tschechisch rovec, das in zahlreichen Ortsnamen wie Rov, Rovišæe u.v.a.m. nachweisbar ist.
19. Rassau. Dieser Ort (gelegentlich auch als Groß Rassau bezeichnet) liegt nordwestlich von Hitzacker auf dem rechten Ufer der Elbe. Die Überlieferung zeigt ein recht einheitliches Bild:
1450 Raszauw220, 1715 Rassau221, 1776 Rassau222, 1822 Rassau223. Der Name wird ebenso einheitlich zu einem slavischen Personennamen gestellt, wobei eine Kurzform Raš(o) bevorzugt angesetzt wird224. Etwas anders dachte Rost 291 an einen Personennamen Ros(o), Kurzform von Rodislav, tschech. Rodislav.
Kühnel 311 kennt auch eine vermutliche Namenparallele: Klein Rassau südöstlich von Neuhaus, 1715 Raßau, die ich sonst nicht belegen kann. An Herkunft von einem slavischen Personennamen wird auch in diesem Fall kaum zu zweifeln sein.
20. Rosien. Nordwestlich von Neuhaus liegt dieser kleine Ort, dessen Überlieferung nicht sehr weit zurückreicht: 1726 nach Rosien, 1764 Rossin225, 1776 Rosin, FlurN. 1776 Rosiner Theil Holtz, Rosier Pferde Coppel, Rosiner Wiesen226, 1822 Rosien227. Dennoch ist man sich über Deutung einig: während Rost 294 noch etwas zweifelnd Herkunft von slav. rúžú ‘Roggen’ als *rúž ina annahm, haben Muka 398, Kühnel 291 und J. Dittmar 137 keine Bedenken, den Namen in diesem Sinn zu erklären. Eine andere Lösung ist – soweit ich sehe – auch nicht in Sicht.
21. Strachau. Der östlich von Hitzacker auf dem Nordufer der Elbe gelegene Ort ist wie folgt belegt: 1450 Strachauw228, ca. 1640 Strachu, 1715 Strachau229, 1776 Strachau, FlurN. 1776 Strauchauer Weide, Strachauer Marsch 230, um 1800 Strachau, FlurN. Strachauerrade231. Man erklärt ihn übereinstimmend als -ov-Ableitung von einem slavischen Personennamen, der als Kurzform *Strach (zu Strachomir usw.) zu strach ‘Furcht, Schrecken’ gestellt wird232. Ortsnamenparallelen bestätigen diese Etymologie.
22. Sückau. Der spät bezeugte Ort in dem von Sude und Rögnitz bei ihrer Vereinigung gebildeten Winkel (1690 Suckau233, 1762 Sückau234, 1776 Sückau, FlurN. Sückauer Feld235, ca. 1800 bey Sückau236, 1822 Sückau237) wird ganz unterschiedlich erklärt. Für Rost 322 ist die Lage entscheidend: „es handelt sich um ein ausgeprägtes Flachland”  daher sei von slavisch sucho scil. polje ‘trockenes Feld’ auszugehen. Dem entspricht Mukas Annahme (S. 401) sucha (scil. niva) ‘trockener Ackerboden, dürres, wasserarmes Land’. Auch J. Dittmar, S. 26 hält Herkunft von suchy für möglich, vermag aber nicht zu entscheiden, ob nicht ein Personenname Žukú oder Sukú die Grundlage des Namens abgegeben hat.
Kühnel 293 ging einen ganz anderen Weg: für ihn liegt entweder slavisch žukú ‘Binse, Ginster’ oder suka ‘Hündin’  jeweils erweitert mit einem -ov-Suffix zugrunde.
Folgt man Trautmann, der Ortsnamen wie Suckau mehrfach behandelt hat, so dürfen diese nicht zu slavisch suchy gestellt werden (daß ergäbe eher Formen wie Zowka, Zuchow, Zuch, Zuchen, Zauche). Er stellt diese Sippe daher zu dem Käferwort žukú. Wahrscheinlich wird man diesem Vorschlag folgen müssen.
23. Sumte. Der Ort liegt an einem langgestreckten See westlich von Neuhaus. Der Ort begegnet in folgenden älteren Belegen: 1330 – 1352 to ... zommete238, 1399 ene houe to Sumpte239, 1563 tho Sumpte240, 1776 Sumte241, 1822 Sumbte, Sumpte242. Man wird mit Rost 323 annehmen dürfen, daß das -p- sekundär entstanden ist und von einer Grundform *Som-t- oder *Sum-t- ausgegangen werden muß.
In der Diskussion um diesen Namen verglich man:
a.) Summt, Dorf und See bei Oranienburg, der Ort: 1375 villa Czùmit, Czuemit, 1416 Summolt, 1475 Czumholt usw. 243, der See: 1475 dy Czumholt usw.244.
b.) Einen früher erwähnten See im Kr. Waren, so 1291 stagnum Szumit245.
c.) Einen weiteren früher erwähnten See im Westhavelland, 1179 lacus Zumit246.
d.) Den ein wenig unbeachtet gebliebenen Schumke-See bei Zossen, 1583 Der Sommotkow, 1655 Der Sammetkow, Sammit, 1788 Schaumkesee, den G. Schlimpert247 wohl mit Recht hierher stellt und eine Grundform *Somit-, *Somit-k- angenommen hat.
e.) Einen recht früh belegten Seenamen bei Arnswalde in der Neumark, 1237 ad parvum locum Somite248, auf den Trautmann, MH. 147 aufmerksam gemacht hat.
f.) Somitoe, See im Kr. Mozyr’249, allerdings auch belegt in der Variante Sominoje250.
Fast übereinstimmend setzt man für diese Namen eine Grundform *Somit- an und sieht in dem Grundwort slavisch som ‘Wels’251, wobei G. Schlimpert auf das hohe Alter der Wortbildung hinwies und Gewässernamen aus dem ostslavischen Bereich wie Chmelita, Kolpita, Chochlita,
Salita, sowie den bulgarischen Gewässernamen Rosita und den Bergnamen Gabrit unter Hinweis auf Arbeiten von M. Vasmer und I. Duridanov herangezogen hat252. S. Kozierowski253 erbrachte eine weitere morphologische Parallele mit dem Verweis auf die Bildung Ostrowite zu ostrov ‘Insel’. Ergänzend zu der Bildung *Somit- wurde verschiedentlich254 auf -in-Ableitungen *Somin-, z.B. in Summin bei Karthaus und Pr. Stargard255 verwiesen.
Auf Grund dieser Vorschläge kann weder die Etymologie von Kühnel 293 zu slavisch so²bot- ‘Sonnabend’256 noch dessen Verbindung mit so²pú ‘Geier’ oder *z?b? ‘Zahn’ überzeugen.
Auch der Gedanke von Rost 323, eine Verbindung zu slavisch šumú „Geräusch, Rauschen” herzustellen, muß sowohl aus semantischen Gründen (es handelt sich um flache, in Niederungsgebieten gelegene Gewässer) wie lautlich abgelehnt werden.
Eine gewisse Beachtung verdient aber eine andere Bemerkung von Rost: „Ein sächsischer Name auf ithi, -idi ... liegt bei Sumte schwerlich vor; eine auch nur einigermaßen befriedigende Erklärung des ersten Bestandteiles ließe sich wenigstens nicht beibringen“.
Obwohl in letzter Zeit den Bildungen auf -ithi wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt worden ist257, hat Rosts Bemerkung dennoch weiterhin Bestand: eine sichere germanische oder deutsche Ableitung *Som-ithi oder *Sum-ithi läßt sich nicht beibringen. Theoretisch wäre eine derartige Bildung angesichts von Bleckede, Geesthacht und Drage möglich. Die sicheren slavischen Parallelen und das im Fall einer germanisch-deutschen Erklärung unklare Grundwort sprechen aber wohl doch eindeutig dafür, von einem slavischen Namen auszugehen.
Zur altertümlichen Bildung mit -it- vergleiche man auch J. Udolph258.
24. Tripkau. Der Ort im Amt Neuhaus besitzt eine genaue Parallele in Tripkau bei Dannenberg. Unser Name ist wie folgt bezeugt: 1450 Trippkouw259, ca. 1640 Tripkau260, 1715 Tripkau261, 1764 Tribbekau, ca. 1770 Tripekow262, 1822 Tribbekau263.
Dieser Name macht in der Deutung keine Probleme. Man ist sich einig264, von einer Grundform *Trìbkov- auszugehen und als Grundlage einen Kurznamen *Trebek anzunehmen, der zu slavisch trìbú ‘geeignete Zeit’ gehört.
25.) Viehle. Der am rechten Elbufer gelegene kleine Ort ist erst spät belegt: 1503 de Vyler Fere, 1563 von Vile265, um 1800 Viele266. Die späte Überlieferung erschwert die Deutung. Rost 337 schlug unter Bezug auf E. Förstemann267 deutsche Herkunft vor, wofür aber nur wenig spricht. Ein sicherer Anschluß im Niederdeutschen fehlt. Daher vielleicht doch eher slavisch, kaum aber mit Muka 403 zu slav. velij als ‘großes Dorf’  eher vielleicht mit Kühnel 388 zu slavisch vila ‘Nymphe’,  tschech. vila ‘Narr’,  poln. wi³a ‘bei dem es rappelt’,  „hier Pl. ‘die Vila’”.
26. Vockfey am Vockfeyer See erscheint in früheren Belegen wie folgt: 1386268 in deme dorpe to vokeue269, in einer Dorsalnotiz dieser Urkunde aus dem15. Jahrhundert to der Bokenen (!)270, 1395 bestand [es] aus zwei Dörfern, Vooksei und Savekau, auch Satkau271, 1749 Vockefey272, 1776 Vockfey273, 1822 große und kleine Vocksei (sic!)274.
Die Auffassung, es handele sich bei dem Beleg von 1386 vokeue um eine Verschreibung, basiert auf der in der Schleswig-Holsteinischen Regesten- und Urkundensammlung wiedergegebenen Dorsalnotiz des 15. Jahrhunderts. Die im schleswig-holsteinischen Regesten- und Urkundenbuch enthaltene Originalurkunde zeigt deutlich vokeue. Man darf daher dem Beleg meiner Meinung nach vertrauen.
Man hat für den Namen zwei Etymologien vorgeschlagen. Muka 404 geht auf eine Grundform *Vokovy zurück und verbindet diese mit okovy ‘Fesseln, Bande’. Bückmann 164 folgt Kühnel 294, der an einen Zusammenhang mit slavisch oko, woko ‘Auge’,  auch ‘Brunnen’, gedacht hat  und hier eine Form „Vokovo oder ähnlich” angenommen hat.
Die Verbindung mit der zweiten Gruppe ist sehr verlockend. Zwar hatte ich bei meiner Zusammenstellung der von slavisch oko ‘Auge, Brunnen, Quelle wie ein Fenster u. a. m.’ abgeleiteten Namen keine -ov-Bildung notiert275, aber den nordakadischen Namen IÁêïâá angesprochen, den J. Schröpfer276 mit dem oben genannten slavischen Wort für die ‘Fessel’ verbunden hatte. Immerhin hatte M. Vasmer277 diesen und andere griechische Namen als eventuelle slavische -ovo-Bildung angesprochen und hinzugefügt: „... deren erster Teil schwierig ist. Man könnte an skr. `o`ko ‘Quelle’ (Vuk) denken, aber ein *Okovo kann ich im Slavischen nirgends nachweisen. Vgl. jedoch Okovüskyj Lìsú (Laur.Chr.) aber auch S. 126: IÁêïâá. Wegen der Form IÁêïâÞ, oben, muß wohl mit türkischer Herkunft aus ak + ova gerechnet werden”.
Vielleicht fällt von dem Elbufernamen neues Licht auf dieses Problem. Daß es spezielle Beziehungen zwischen dem dravänopolabischen Namenbestand und dem Südslavischen gibt, ist schon mehrfach angesprochen worden278. Slavische Herkunft wäre dann sowohl für unseren Namen wie für die griechischen Toponyme nicht ausgeschlossen.
27.) Zeetze. Der am Zeetzer See und am Rande eines ausgedehnten Waldgebietes gelegene Ort besitzt einen Namensvetter in Zeetze bei Clenze. Die Überlieferung setzt im 14. Jahrhundert ein279: 1328 Zcezce280, 1451 Czetze281, 1776 Zeetze282, FlurN. Seetzer Wiesen283, 1822 Zeesee284. Die Etymologie scheint klar: übereinstimmend285 sieht man in dem Namen die slavische Sippe um sìkú ‘Aushau, schneiden’  zumeist mit einer Grundform *Sìèje, zu aksl. sìèije ‘Aushau, Holzhau, Hag’.

Zusammenfassung. Der Anteil der slavischen Namen im Amt Neuhaus ist hoch, etwa 2/3 der Namen dürfen hierzu gezählt werden. Neben ganz gewöhnlichen Ortsnamen aus westslavischen Appellativen und slavischen Personennamen fallen einige Toponyme durch einige Besonderhei­ten auf. Dazu möchte ich zählen: Dellien, Kaarßen (kro                         è), Pommau, Privelack, Sumte (Wortbil­dung mit -it-), Vockfey.
Während die ersten vier sämtlich in der Ukraine, in dem Bereich, der aufgrund der Hydronymie und Toponymie an allen alten slavischen Namengruppen Anteil hat286, Entsprechungen besitzen (im Fall von Pommau sogar ausschließlich), ist Privelack zusätzlich (vgl. Ðñüâëáêáò) und Vock­fey unter Umständen (vgl. IÁêïâá, EÁêïâÞ),  mit einem anderen periphären Bereich des Slavia, mit Griechenland, verbunden.
Das Dravänopolabische erweist sich nicht zuletzt durch diese Besonderheiten als ein toponymisch interessantes Untersuchungsgebiet, das allerdings auch nicht geringe Anforderungen an den Slavisten stellt. Doch nicht nur dieser, sondern auch an der Germanist findet im Amt Neuhaus wichtiges Material. Mit der Durchsicht der slavischen Namen ist das Untersuchungsgebiet noch nicht erschöpfend behandelt; es gibt einige Toponyme, die offenbar einer älteren Schicht und damit der Zeit vor der slavischen Einwanderung angehören.
E. Älteres deutsches und germanisches Namengut
Es sei vorweg bemerkt, daß nicht bei jedem der nun zu behandelnden Namen eine zweifelsfreie Zuweisung zu einer vorslavischen Schicht (verstanden als dasjenige Namenstratum, das vor der slavischen Einwanderung bereits bestanden hat) möglich ist. Durch die Grenzlage des Amtes Neuhaus begünstigt sind sicher auch deutsche Neubildungen innerhalb eines sonst slavischen Gebietes zu einer Zeit, als die slavische Einwanderung schon abgeschlossen war, möglich gewesen. Eine relativ sichere Zuweisung zu einem vorslavischen Substrat ist eigentlich nur dann möglich, wenn der betreffende Name Grundwörter oder morphologische Elemente enthält, die dem Mittelniederdeutschen nicht mehr bekannt gewesen sind oder schon unproduktiv geworden waren. Angesichts der Überlieferungslage in Norddeutschland ist selbst diese Überlegung nicht ohne Schwächen. Dennoch sei versucht, eine Auflistung mutmaßlicher alter germanisch-deutscher Namen zu geben.
1. Bitter. Der so durchsichtig aussehende Name ist nur sehr schwer zu erklären. Seine Überlieferung seit dem 15. Jahrhundert (1450 Bithter287, 1531 Bitter288, ca. 1640 Bitter, 1736 Hofe zum Bitter289, um 1800 Bitter290) trägt nicht dazu bei, Licht in das Dunkel zu bringen. Er liegt unmittelbar gegenüber Hitzacker inmitten eines Gebietes, das nur deutsche Namen kennt: Herrenhof, Brandstade, Laake, Gosewerder, Vergünne. Der Ortsname Bitter ist meines Wissens innerhalb der deutschen Nomenklatur isoliert; komponiert begegnet Bitter noch in Bitterfeld, 1136 oppidum Bittirfelt usw. (ebenfalls nicht sicher geklärt) 291.
Kühnel 297 vermutete mit Recht deutsche Herkunft. In einem ersten Versuch habe ich die Vermutung geäußert, daß eine -r-haltige Bildung wie in den hochaltertümlichen Parallelen Letter, Limmer, (Salz)gitter vorliegen könne292, über die Ableitungsgrundlage aber noch keine Aussagen machen können. Die Aufarbeitung der niedersächsischen Toponymie führte inzwischen zu einigen sehr altertümlichen Namen, die zur Lösung beitragen könnten. Ich nenne in aller Kürze Betheln (HI), 1013 Betunun293, 1019 in Betanun294, 1022 in Betenun295; b.) Bettrum (HI), 1285 in Betenum296, 1311 Bettenem297, 1317 Betkenum298; Bettmar bei Hildesheim, 1146 in Bethmere299, (1100 – 1200) In Bethmere300, 1181 (K.) in Bethmere301; Bettmar bei Braunschweig, 1146 in Bethmare, 1226 u. ö. in Bethmere302.
Eine Lösung steht noch aus. Ob hier das von P. Hessmann behandelte303 niederdeutsche Wort beete ‘sumpfige Weide’ herangezogen werden kann, bleibt fraglich. Unter der Voraussetzung, daß Bitter hohes Alter zugeschrieben werden kann, ist eine Herleitung aus einer Grundform *Betira nicht umöglich.
2.) Derzing. Obwohl es sich hierbei nicht um einen ehemaligen oder heute noch existierenden Ortsnamen handelt, meine ich, daß der Name hier nicht übergangen werden sollte. Als Derzing bezeichnete man früher einen Teil des heutigen Amtes Neuhaus zwischen Elbe und Rögnitz. Mir sind an Belegen bekannt geworden:
1230 In terra Dirtzinke304, 1258 super Dertsingen305, 1261 in terra vero Dertsinge; de terra vero Dertsinge; De terra vero Dertsigge306, 1271 De terra vero Dertsinge307, 1306 in terra Dertzinghe; cum totali terra Derzinghe308, 1314 de terra Derzingorum309, 1328 met den Dertscinghen310, 1334 vor de Dertzy? nge311, 1335 terre Dartzinge312, 1355 in dem dertzy? ngh313, 1357 in dem Dertzyinghe; in dem Dertzinge314, 1357 (A.) in dem Dertzinge315, 1363 de Dertzinghe316, 1369 De Dertzinge vn½   dat Nyehus317, 1372 in dem Dertzinghe mit dem Dertzinge318, 1372 in dem Derczynge met dem Derczynge319, 1377 in terra Dertzingh; in terra Dertzynghe; in terra Dertzinch; in terra Dertzinghe320, 1429 in dem Derzinge321, 1434 in den Derzing322,1531 wilckenßdorp ... Bitter ... Bancke ... im Darssing belegen323,  1608 der Sieger Land (!)324.
Zunächst ist zu diskutieren, von welcher Grundform man auszugehen hat. Für J. Bilek, der den Namen bisher fast als einziger behandelt hat325, war die Sache klar: aufgrund eines angeblichen Beleges von 1158 terra Dartzinke ging er von einem slavischen Suffix aus und hielt den Namen für slavisch. Die zahlreichen Belege mit -ing- hatte er überhaupt nicht im Blick.
Diese Ansicht ist völlig verfehlt. Zunächst ist zu bemerken, daß in der von J. Bilek genannten Quelle (Mecklenburgisches Urkundenbuch, Bd. 1, Nr. 65, einer verfälschten Urkunde!) ein Beleg Dartzinke nicht enthalten ist. Dieser fehlt auch in der Neuausgabe der Quelle, den Urkunden Heinrichs des Löwen326, Nr. 41.  Vielleicht liegt eine Verwechslung mit dem Beleg in Dartsowe Bischopestorp vor, der sich aber nicht auf den Dertzing, sondern auf Dassow bei Grevesmühlen bezieht. Somit bleibt als einzige, von den zahlreichen -ing-haltigen Belegen abweichende Form nur 1230 In terra Dirtzinke übrig.
Gerade die -ing-Bildungen aber weisen natürlich nicht auf einen slavischen, sondern auf einen germanisch-deutschen Namen. Die umliegenden Gebiete (Kreise Lüchow-Dannenberg, Lüneburg usw.) kennen nicht wenige Bildungen mit -ing-327. Es wäre ein Novum im Bereich des Hannoverschen Wendlandes, wenn ein slavischer Name mit -ing- substituiert worden wäre. Daß dieses im Bereich der Ostalpen gang und gebe war,  liegt darin, daß dort das Suffix -ing- noch produktiv war, als die slavischen Namen eingedeutscht wurden. Dieses aber war im Wendland nicht der Fall, wie F. Debus unterstrichen hat328.
Man wird daher eher den anderen Weg gehen dürfen und anzunehmen haben, daß der Name ursprünglich ein -ing-Suffix besessen hat und dieses durch slavisch -ink- substituiert worden ist.
Bezeichnenderweise hat R. Trautmann329, der etliche ganz ähnliche Namen behandelt hat, etwa Daarz, den Namen des Darß, weiter Darze u. a. m. und zur Etymologie ausführte: „Man wird altes *Darè und *Darèe Pl., sowie *Darèov ansetzen müssen, belegt nur in unserem Sprachraum; neben ihnen liegen die ON skr. Draèa und Draèevo zu skr. draèa ‘Dornstrauch’, slov. draèje N. ‘Dornengestrüpp’ (zur Sippe von poln. drzeæ – dar³ Brückner, S³. 100)”  den Dertzing nicht erwähnt!
Über Trautmann hinausgehend hat dann – wie schon angesprochen – J. Bilek den Namen dem Slavischen zugewiesen und ausgeführt: „Ich möchte annehmen, daß Dartzinke früh im deutschen Munde umgebildet wurde aus nwsl. *Darènik m., mit dem Suffix slav. -ünikú gebildet zum Pflanzennamen *darè” 330. Das nun kann so nicht stimmen. Von einer Form *Darènik ist nichts zu sehen und die Belege mit -ing- kann man nicht einfach unberücksichtigt lassen.
Kühnel 276 erwog ebenfalls eine slavische Deutung: „ ... zu altsl. drúk-, drúè-, Bedeutung? oder zu altsl. der¹, drati ‘reißen’  draèí Dornstrauch, ON serb. Draèevo, klr. Dereèanka ...”  folgert aber zum Schluß: „die Ableitung bleibt ... ungewiß”.
Ich denke, daß man das Suffix -ing- ernster nehmen muß und annehmen darf, daß der Name in deutschem Mund bewahrt worden ist. Dann aber kann die Affrikata -(t)z- nicht nur aus dem Slavischen erklärt werden, sondern auch aus dem Deutschen. Gemeint ist der als Zetazismus bezeichnete Vorgang, der altes -k- vor zumeist vorderen Vokalen zu -(t)z- werden ließ, also eine dem Slavischen ganz ähnliche Entwicklung. Gerade in Ortsnamen ist diese Erscheinung über den gesamten niederdeutschen Bereich verbreitet. Ich nenne hier nur beispielhaft Zeven, Celle, Wietze, Söder, Etzenborn, Etzem, Zellerfeld, Sikthe, Sarstedt und verweise auf die einschlägigen Untersuchungen331.
Zieht man weiter in Betracht, daß der Wurzelvokal altes -a- gewesen sein kann und durch das -i- des Suffixes umgelautet werden konnte, so kommen wir zu einer mutmaßlichen Grundform *Darking-. Ist von hieraus eine Lösung für den schwierigen Namen möglich?
Angesichts des von zahllosen Wasserläufen noch heute durchzogenen Landes halte ich es für möglich, über englisch engl. dark ‘dunkel’ die Brücke zu schlagen zu der bei J. Pokorny332 in diesem Zusammenhang angeführten Wurzel *dher-, *dher? - „in kons. Erweiterungen ‘trüber Bodensatz einer Flüssigkeit, auch allgemeiner von Schmutz, Widerlichkeit, von quatschigem Wetter, von trüben Farbentönen usw.’”  wobei es sich sowohl um einen germanischen Namen handeln kann (Grundform *Dark-ing-) wie um einen vorgermanischen (*Dherg-ing-). Wortbildungsmäßig gehört der Name natürlich dem Germanischen an.
Vielleicht fällt von hieraus auch Licht auf einen auch sonst schwierigen Namen, den Darß, für den ich an älteren Formen finden konnte: 1302 mam Darz333, 1323 de Dacia vsque Dartze334, 1326 terram et siluam Dartz335, 1326 van des Darzes weghene336, 1326 cum Dartze337, 1328 Dartz338. Allerdings möchte man diesen natürlich nicht so gern von den oben schon genannten Daarz und Darze trennen mögen. Aber ganz vorbeigehen kann man an einer Möglichkeit der Verbindung zwischen Dertzing und Darß vielleicht doch nicht.
Ausgestattet mit dem Suffix -ing- darf der Dertzing immerhin dahingehend interpretiert werden, daß sein Name schon vorhanden war, bevor Slaven ihn betraten.
3. Gosewerder. Die Nennung dieses Namens in diesem Zusammenhang mag verwundern. Handelt es sich nicht einfach um einen Gosewerder, eine niederdeutsche Gänseinsel? Ohne es explizit zu sagen, hatte ich dieses selbst stillschweigend – L. Bückmann folgend – angenommen339. Eine Durchsicht der älteren Belege läßt erhebliche Zweifel aufkommen, man vergleiche: 1450 Ghuße340, 1450 Ghusze341, 1640 Gosewarder, 1715 Gosewerder, 1764 Gosenwerder342, 1776 Gosewerder343, 1822 Gosewerder344.
Der Ort liegt am Südende des Elbebogens östlich von Hitzacker, ca. 700 m von der Elbe durch ein Überflutungsgebiet getrennt, das die Elbe immer wieder zu überschwemmen scheint, da auch der Deich erst mehrere hundert Meter von dem Fluß entfernt errichtet worden ist. Das der Elbe bei Gosewerder freigegebene Territorium umfaßt mehr als 3 km².
Diese Lage hat meines Erachtens mit der Deutung unmittelbar zu tun. Es gibt drei Möglichkeiten der Etymologie: 1.) ein Zusammenhang mit dem deutschen (niederdeutschen) Wort für die Gans, mndt. gos, gãs; 2.) die Verbindung mit ndt. gose ‘trocken’ wie z.B. im Namen der Gose Elbe, und 3.) eine Etymologie, die den Namen von Goslar und der dortigen Gose einbezieht.
Zunächst ist festzuhalten, daß das heutige Grundwort -werder ‘Insel’345 offenbar erst sekundär angetreten ist. Der Name hat sich ursprünglich also nicht auf die Erhöhung bezogen, sondern auf ein anderes Objekt: das kann aber keine Gans gewesen sein. Ebenso problematisch ist die Verbindung mit mnd. goes, gose346 ‘trocken’,  das sich vorzugsweise in Verbindung mit Gewässernamen findet: Gose Elbe, Gosebach, Goseborn, Gosegraben, Gospohl347. Dazu passen auch nicht die beiden ersten Belege mit -u- (Ghuße, Ghusze).
Die Probleme lösen sich auf, wenn man einen ganz anderen Weg einschlägt. Ausgehend von dem Jues-See in Herzberg am Harz, 1569 dem Geuß, den Geuß, 1785 Jües Teich, den man an ahd. gusu ‘Überschwemmung’, mhd. die gusse, anschließen kann, gelangt man zu hdt. Güsse ‘Wo­gen, große Wassermassen in starker Bewegung’,  das als -ja- und -jo-Stamm zu *geus in altnordisch gjósa, gaus ‘hervorbrechen, sprudeln’,  geysa ‘in heftige Bewegung bringen, aufhet-
zen’,  zu den Geysiren, zu neuisländisch gusa ‘sprudeln’,  altisländisch gustr ‘Windstoß’,  englisch gush, mittelniederländisch guysen ‘Hervorströ­men’ gehört.
Schon E. Förstemann348 hat unter einem Lemma GUS angeführt: „Ahd. gusi, stn., plur. gusu, plötzlich hervorbrechendes Gewässer. Zu an. giosa, hervorbrechen” und folgende Namen hinzugezogen: Guissen bei Beckum; Goes auf Südbeveland (Zeeland); Geusa, Fluß im Kr. Merseburg, alt Gusuua, Gusau, Gusue; Am Gusen, Nfl. d. Donau bei St. Georgen, alt Gusine, Gwsin; Gossel bei Ohrdruf, alt Guslo.
Bezeichnenderweise fehlt ein Name, der gar nicht weit von dem Jues entfernt liegt: Goslar an der Gose. Es kann kaum einen Zweifel daran geben, daß der Name der Gose (auf dem der Ortsname Goslar aufbaut), auf *Gusã zurückgeführt und zu der oben genannten Wurzel *gheus- verbunden werden kann. Er besitzt zudem – bis heute offenbar übersehen – eine genaue Entsprechung in der Gausa, einem Fluß in Norwegen nordwestlich von Lillehammer.
Hier möchte ich den Namen Gosewerder, alt Ghuße, Ghusze, anschließen: er bezeichnete offenbar ursprünglich das heute noch vorhandene und der Elbe bei Hochwasser überlassene Gebiet, wurde später an mnd. gos ‘Gans’ oder gose ‘trocken’ angeglichen und bezeichnete dann mit dem Zusatz Werder eine Erhebung am Rande des Überschwemmungsgebietes. Fast könnte man diesen Namen als Bindeglied zwischen Goslar/Gose und Gausa in Norwegen auffassen.
4.) Stapel. Dieser Ort im Herzen des Amtes Neuhaus ist Pfarrdorf und besitzt auch die älteste Kirche des Amtes Neuhaus349. Bei der Beurteilung dieses Namens ist auf die historischen Belege zu achten. Mir sind bekannt geworden: 1291 Stapele350 (Muka 401 fälschlich : Stipele!), 1335 Stapel351, 1369 Stapel352, 1504 bannus Stapele, 1764 Stapel353,  1776 Stapel; FlurN. Stapeler Masch, Stapeler See, Stapeler große Wiesen354, 1822 Stapel355.
Dieser Name ist bisher – bis auf eine kleine Notiz bei Bückmann 164356 aus dem Slavischen erklärt worden. Schon bei Muka 401 finden sich die Ansätze altpolabisch Ståple und Ståplište ‘Schweineherde, Schweinehürde’ sowie eine Grundform *stüplije, *stüplište, zu stüplü ‘Schwein’. Ihm ist Kühnel 292 gefolgt und auch die jüngste Äußerung zu dem Namen von I. Bily357 hält an einer slavischen Deutung fest. Allerdings stellt sie Stapel nicht zu dem nur im Mittelserbischen belegten und dunklen Wort stüplü „sus”  sondern schwankt zwischen einer Grundform *stúp-l-/*stüp-l- zu obersorb. stpica ‘Speiche’ und einem Ansatz *Šèap-l-, der zu slovenisch šèap ‘Knüttel, Prügel, Stecken’,  russisch šèap ‘Abhieb eines Baumes’,  polnisch szczcapa, szczepa ‘Holzscheit‘ u. a. m. gehören soll.
Ich muß gestehen, daß mich die slavische Deutung in keiner Weise überzeugt. Nachdem das unklare ‘Schweine’-Wort schon ausgeschieden wurde, zeigt auch ein Blick in die slavische Nomenklatur, daß eine -l-Bildung zu den beiden anderen slavischen Sippen nicht belegt werden kann.
Ich halte den Namen für deutsch und möchte ihn in erster Linie mit mittelniederdeutsch, mittelniederländisch stapel ‘Stapelplatz’,  auch ‘Feld an einer Gerichtssäule, Grenzpfahl, -säule, Pfosten, erhöhter Gerichtssitz, Gerichtsstätte, Niedergericht, Ballentuch, Warenbündel, Warenanhäufung, Zwangshandelsplatz’358 verbinden. Aus den mutmaßlichen Bedeutungen ‘Gerichtsstätte, Warenanhäufung, (Zwangs)Handelsplatz’ erklärt sich leicht die überregionale Bedeutung des Ortes und die Existenz der ältesten Kirche des Amtes Neuhaus in diesem Ort wird verständlich.
5. Stiepelse. Der früher als Stapel belegte Ortsname liegt an der Elbe, an Belegen habe ich finden können: 1209 in Stapelitz359, 1380360 to dem Styepelse; to dem stypelse361, 1765 Stipelitze362, 1776 Stiepelsen, Stiepelser Holtz363, um 1800 Stiepelse364. Wie im Fall von Stapel haben Muka und Kühnel eine Verbindung zu dem oben zitierten stüplü ‘Schwein’ gesucht.

Man wird besser davon ausgehen, den Namen wie Stapel aus dem Niederdeutschen zu erklären. Es wäre dann das slavische Suffix -ica oder -ice angetreten, wozu unter Umständen eine angestrebte Differenzierung zu dem 11 km entfernt liegenden Stapel beigetragen hat. Nachbarte von Stiepelse sind Neu Wendischthun, Neu Bleckede und Neu Garge, die durch ihre Namen eine Beziehung zu einem anderen, dem älteren Mutterort verraten.
6.) Vergünne. Der spät bezeugte, kleine Ort (1776 Vargünne, Vargünner Weide365, 1822 Vergünne366) ist nach Manecke II 410 „1590 als Vorwerk aus dem Acker Laubitz anzulegen vergönnet ...” und habe daher seinen Namen erhalten.
Diese Interpretation erinnert an die nicht wenigen Orte, die eine Bezeichnung Ovelgönne, Övelgünne u.ä. tragen, so etwa im Kreis Hameln-Pyrmont, in der Prignitz, bei Brandenburg, in Mecklenburg und anderswo. Zuletzt hat S. Wauer367 die Sippe behandelt.
Im Gegensatz zu diesen nicht wenigen Orts- und auch Flurnamen steht Vergünne aber isoliert. Es ist meines Erachtens daher nicht ausgeschlossen, einen anderen Weg einzuschlagen. An anderer Stelle368 hatte ich bei der Diskussion um den Landschaftsnamen der Prignitz den Ortsnamen Vergünne bereits behandelt und mit folgenden germanischen Appellativen und Namen verbunden:
got. faírguni ‘Berg’,  altenglisch fiergen, firgen ‘Berg’,  altnordisch fjo²rgyn ‘Land, Erde’ (hierher?); Hercynia silva (Bezeichnung der deutschen Mittelgebirge?), Fergunna (noch im 9.Jh. ‘Erzgebirge’), Färgegöl, Seename in Småland, Färgaren in Kalmarlän, Färgelanda in Västergötland, Ferryhill in Durham (10.Jh. [æt] Feregenne), Fern Down in Dorset369.
Fast könnte man meinen, unser Vergünne stelle das Bindeglied zwischen den deutschen Mittelgebirgen und den skandinavischen Entsprechungen dar.
Wir stehen vor der Frage, ob es sich bei Vergünne um einen ganz jungen oder einer sehr alten Namen handelt. Die Lage des Ortes könnte für die zweite Möglichkeit sprechen: er liegt neben dem oben bei der Behandlung von Gosewerder erwähnten umfangreichen Überschwemmungsgebiet an dem Rand einer von dem Elbdeich eingefaßten Erhöhung, die als Vorposten des besiedelbaren Landes am Prallhang des Flusses dem Wasser besonders ausgesetzt ist, aber durch die erhöhte Lage offenbar nicht unmittelbar gefährdet ist. Es wäre gut möglich, daß sich hier ein alter Name (erinnert sei an das auf der anderen Elbseite liegende Höhbeck).
7.) Wehningen. Der östlichste Ort des Amtes Neuhaus (und einer seiner größten) trägt einen alten Namen und setzt offenbar die Bezeichnung eines Gaues fort. Dieser Gauname, das Land zwischen Rögnitz, Elde und Elbe, erscheint auch fast 200 Jahre eher als der Ortsname in den Quellen, man vergleiche:
a.) Gauname: 1158 (Fälschung, hier aber echtes Teilstück) in Wanigge370, 1171 in Wanige; in Waninge371, 1174 (F.) in Waninge372373, zwischen 1190 – 1195 in terra ... Waninge374, 1230 in terra Waninke ... In terra uero waninke que est inter walrerowe. et Albiam. et Eldenam375, 1236 in terra Waninge376. Dieses ist die letzte Erwähnung des Landes; an seine Existenz erinnern aber noch die Orte Wendisch-Wehningen in Mecklenburg und unser Wehningen, auch Deutsch- oder Junker-Wehningen genannt, im Amt Neuhaus. Dieses ist wie folgt bezeugt:
b.) Ort: 1315 Weningen377, 1334 vor Wenynge (vor weny· nge)378, 1334 tu weninghe379, 1335 küniken von wenningen380, 1336 to Wenighe381, 1351 Heyno de Weninghe382, 1353 Hinricus de Weninghe383, 1353 Hinrici de Dannenbergh, alias de Weninghe384, 1361 to weninghe; weyninghe385, 1371 dictus de Weninghen; Variante: Weninge386, 1372 dat hws to Weninghen; to Weninghen; tho wenyge387, 1375 Henneke Schacke van Weninghen388, 1378 Henneke Schacke
van Wenningen; Henneken Schacken tho Weninghe389, 1381 tho Weyninghe390, 1384 dat dorp by Weninge391, 1385 by Wenynghe392, 1389 Ludolf von Wanige393, 1391 vse halue slot Wenynghen394, 1396 tho Wenynghen395, (vor 1397) vnsem slote Weninge; vmme Weninghe; Van Weninghe396, 1466 to Weneghen397, 1476 von Bulow zcu weninge398, 1776 Wehningen399.
c.) Ort Wendisch Wehningen (Ksp. Dömitz): 1370 to Wendesschen Wenynghen400, 1776 Wendisch Wehningen401.
d.) Hügelname (Höhenzug zwischen Elde und Rögnitz402): 1166 Wanzeburch403, 1232 Wanowe mogili404, 1309 terra Wanzeberg405, 1506 der Wanzenberg406.
Bei der Deutung muß man allem Anschein nach von dem Landschaftsnamen, einer Bildung mit dem Suffix -ing-, ausgehen. Die von Kühnel (S. 276) vorgebrachte Etymologie mit Hilfe eines slavischen Personennamens Van ist von E. Förstemann407 mit Recht ungläubig zur Kenntnis genommen worden. Bückmanns Erklärung (S. 131) zu einem Personennamen Wâno scheitert mit E. Förstemann408 an der Länge des Vokals. Dieser denkt an einen Personennamenstamm Wan, „der sich [aber] nicht recht erklären läßt”. Völlig verfehlt ist die These von H. Schall409
Das alles überzeugt nicht. Sucht man nach mutmaßlich verwandten Namen, so stößt man häufig auf Flußnamen, so z.B. auf den heutigen Ortsnamen Wahmbeck im Kreis Northeim, dessen -m- sekundär vor -bek entstanden ist, wie die historischen Belege zeigen: (1015/36) Wanbiche410, Wanbeche411, 1105 curiam nostram Wanbeke412 usw. Förstemann II, 2 ,1217 stellt diesen Namen zusammen mit mehr als einem Dutzend Wanabach, Wembach, Wannebecq, Wahmbeck zusammen, die deutlich auf das germanische Gebiet beschränkt sind, aber von Calais bis zur Elbe reichen und daher aus einer germanischen Einzelsprache heraus kaum erklärt werden können. Förstemann verbindet sie mit ahd.-asä. wan ‘mangelnd, leer’,  ndd. auch ‘schräg’; wanî ‘Verkleine­rung’, ags. wanian ‘abnehmen (vom Mond)’,  ndd. wanen. Der Unzulänglichkeit dieser Deutung war sich Förstemann selbst bewußt. Ich denke, daß man nach einer besseren Möglichkeit suchen muß.
W. P. Schmid hat den Namen der Veneti, Veneter usw. zusammen mit got. winja ‘Weide’ zu der indogermanischen Wurzel *u?en- ‘biegen, krümmen’ gestellt413. Die Abtönung dazu ergäbe idg. u?on- und germ. *wan-. Hier finden unklare Wan-bäche ihre sicher bessere Erklärung.
Überträgt man diese Erklärung auf Wehningen und Wendisch-Wehningen, so hilft uns dieses weiter. Die Orte liegen nicht nur an einer 90-Grad-Biegung der Elbe, sondern zusätzlich an dem gewundenen Lauf der Löcknitz und eines Altarms der Elbe kurz vor deren Einmündung in die Elbe. Da gerade in diesen Ortsnamen der alte Landesname weiterlebt, ist anzunehmen, daß mit dem altsächsischen oder germanischen Namen Wan-ing- das an den Biegungen der Flüsse liegende Land bezeichnet wurde. Im slavischen Mund erfolgte für den Höhenzug zwischen Elde und Rögnitz ein Suffixersatz: für -ing- wurde offenbar -üsk- eingesetzt und so eine Form *Wan-sk- geschaffen, die in 1166 Wanzeburch usw. fortleben wird.
Zur Slavisierung ist noch bedeutsam zu vermerken, daß wie für Derzing (1230 In terra Dirtzinke, sonst nur Dertsingen usw.) so auch für Wehningen in dem Ratzeburger Zehntregister eine offenbar slavisierte Form terra Waninke begegnet, während sonst – wie bei Dertzing – nur die -ing-haltigen Formen belegt sind. Auch dieses spricht dafür, die Form Dirtzinke nicht überzubewerten.
8.) Wilkenstorf. Unser letzter Name ist ein unstrittiges Kompositum mit niederdeutsch dorp: 1274 in villa Willekinesdorp414, 1306 in terra Dertzinghe ... totali terra Derzinghe ... villam Willekensdorp415, 1395 to wilkenstorpe416, 1531 wilckenßdorp417, ca. 1700 Willikendorp, ca. 1720 Willikinsdorp418, 1822 Wilkensdorf419.
Trotz dieser Belege meint Muka 404, von einer slavischen Grundform Welkowo ausgehen zu müssen und darin eine Ableitung von einem Welka oder einem ähnlichen Personennamen sehen zu können.
Diese Konstruktion ist unnötig. Neben niederdeutsch dorp liegt der stark flektierte deutsche Personenname Willikin (man vergleiche Förstemann I 1593) vor. Slavisches bleibt beiseite.

Ergebnisse und Zusammenfassung
1.) Unverkennbar bestand für die Bewohner des Amtes Neuhaus schon in frühen Zeiten eine enge Bindung zum anderen Elbufer in den heutigen Kreisen Lüchow-Dannenberg und Lüneburg. Obwohl es auch noch heute keine direkte Brückenverbindung vom Amt Neuhaus nach Süden gibt und zwischen den beiden nächsten Übergängen in Lauenburg und Dömitz mehr als 50 km liegen, hat sich auch nach Ausweis der Namen die Elbe keineswegs als trennendes Element erwiesen. Wechselseitige Übertragungen  wie Neu Bleckede – Bleckede, Alt Garge – Neu Garge, Neu Wendischthun – Alt Wendischthun, Darchau – Neu Darchau (mit einer Fährverbindung), Groß Kühren – Klein Kühren zeugen von einem regen Austausch über den Strom hinweg. Das dadurch offenbar entstandene Zusammengehörigkeitsgefühl führte vor drei Jahren zur Rückgliederung nach Niedersachsen; die Namen bestätigen die engen Verbindungen.

2.) Innerhalb der slavischen Namen sind einige recht altertümliche Spuren zu erkennen, ich denke vor allem an Dellien, Kaarßen, Pommau, Privelack, Sumte und Vockfey. In dieser Hinsicht gibt sich das Amt Neuhaus als Teil des Dravänischen zu erkennen, in dem generell archaische Züge aufgedeckt werden können.
Teil dieser Archaismen sind auch spezielle Beziehungen zu Böhmen, Mähren und dem Südslavischen, hier seien nur Schutschur und Banratz genannt. Auch in diesem Punkt bilden die Namen des Amtes Neuhaus nur einen Ausschnitt aus dem dravänischen Namenschatz. Hinzu kommt, daß in letzter Zeit immer wahrscheinlicher geworden ist, daß auch von archäologischer Seite ein Zuzug aus Süden entlang der Elbe angenommen werden kann.

3.) Nicht nur die slavischen Namen des Amtes verraten Altertümliches, auch die germanisch-deutschen Namen weisen – neben jüngeren und jüngsten Bildungen – auf ältere Spuren hin. Dazu möchte ich zählen: das Grundwort -tun in Wendischthun (wobei allerdings die Muttersiedlung auf der anderen Seite der Elbe liegt), ferner die mutmaßliche -r-Bildung in Bitter, die -ingen-Namen Dertzing und Wehningen, das erst später zum Werder-Namen umgestaltete Gosewerder und vielleicht doch den so schwer einzuordnenden Fall Vergünne.
Die Vergleichsbildungen der Germania finden sind im wesentlichen zum einen im Norden, in Skandinavien wieder, so die Bildungen auf -tun, -tuna, -ingen- und die nordischen Entsprechungen zu Vergünne, zum andern im östlichen und südlichen Niedersachsen, so die -r-Bildungen in Letter, Limmer, Salzgitter, -tun in Thune bei Braunschweig und in Anderten, Nörthen, Bovenden, in zahlreichen -ingen-Namen dieses Gebietes Bönnien (alt Buninge), Gleidingen, Gödringen, Listringen u. a. m.
Die Nord-Süd-Streuung oder (vielleicht besser) Süd-Nord-Streuung entspricht völlig bisherigen Beobachtungen, sei es im Fall der vieldiskutierten -leben-Namen oder seien es die Typen um brink, haugaz, *hlaiw, klint, malm oder wedel420.

4. Die in einem Grenzgebiet zu erwartende Vermischung ist ebenfalls zu beobachten: ich nenne nur Wendisch-thun, Gülstorf, alt ghùlstorpe, und Stiepelse (aus Stapel-itz). Damit schließt sich der Kreis unserer Beobachtungen der deutschen, germanischen und slavischen Ortsnamen des Amtes Neuhaus. Die wechselvolle Geschichte des Ländchens hat auch in ihnen ihre Spuren hinterlassen. Unter ihnen kann man durchaus reizvolle, schwierige und einige in mancher Hinsicht überraschende Toponyme entdecken, die offenbar in dem von der Außenwelt nicht allzu sehr beachteten Landstrich von der Bevölkerung bewahrt worden sind. Gerade deren Bearbeitung ist – so meine ich – von nicht geringem Interesse für Sprach-, Namen- und Siedlungsgeschichte.