Der Name Schlesien

Jürgen Udolph: Der Name Schlesien

Die Auseinandersetzung um den Namen Schlesien, polnisch Slask, ist zeitweise mit großer Heftigkeit und Schärfe geführt worden. Die „richtige“ Etymologie wurde nach­haltig vertreten, im Laufe der Zeit entwickelte sich eine z.T. erbitterte Feindschaft zwi­schen Anhängern der „silingischen, germanischen“ Theorie und den Vertretern der „autochthonistischen, slavischen“ Deutung. Unbemerkt von den mehr lokalpatriotisch orientierten Verfechtern der beiden Varianten haben sich jedoch in letzter Zeit durch grundlegende Untersuchungen an den Gewässernamen Europas, zu denen auch unser Jubilar beigetragen hat, neue Deutungsmög­lichkeiten aufgetan, die auch für den so umstrittenen Namen Schlesien1 von Bedeutung sein könnten. Dabei handelt es sich um Auffassungen, die sowohl in etlichen Ländern Europas wie auch unter Indogermanisten als wenig fruchtbar angesehen werden: es geht um eine voreinzelsprachliche Namen-schicht, deren Entstehung vor die Herausbil­dung der indogermanischen Sprachen zu legen ist, um die alteuropäische Hydronymie. Die folgenden Bemerkungen versuchen, zu einer Minderung der Schärfe der bisherigen Auseinandersetzung um den Namen Schlesien im Lichte einer kritischen Prüfung und unter Einbeziehung von Untersu-chungen zur europäischen Gewässernamengebung beizutragen2.
Wie lebhaft bis in die jüngste Zeit hinein die Debatte um den Namen geführt wor­den ist, zeigt nicht zuletzt ein Beitrag von W. Manczak3. Ein kurzer Abriß der Grund­gedanken dieses Aufsatzes führt uns in das zentrale Problem der Diskussion: ist der Name Schlesien/Slask von dem (offensichtlich) germanischen Namen der bei Ptole­mäus genannten Óéëßããáé abgeleitet oder nicht? Nach Vorstellung bisheriger Deu­tungsvorschläge, auf die wir z.T. noch kurz zu sprechen kommen werden (genannt werden z.B. Bandtke, Kozierowski, Vasmer, Rudnicki u.a.), werden die beiden Grundpositionen in einem Satz zusammengefaßt4: „les linguists allemands sont persua­dés que ce noms proviennent, en fin de compte, du nom de la tribu germanique Óéëßããáé, alors que les linguistes polonais voient un lien entre ces noms et les mots polonais dialecteaux contenant la racine sleg-“. Dabei geht es nach Manczak vor allem um die Frage, ob man von*S?lesko oder *Slesko auszugehen habe. Der polnische Linguist glaubt, die Entscheidung mit einem Blick in den Slownik polszczyzny XVI wieku treffen zu können. Dieser bietet im Fall des Landesnamens in Wendungen mit den Präpositionen w und z nicht we, ze (wie etwa bei Lemberg und Danzig: we Lwowie bzw. (älter) we Gdansku, ze Gdanska5), sondern nur die Formen w und z. Die Folge­rung Manczaks lautet (S. 53): „La seule conclusion qu’on puisse en tirer est que l’a polonais Slasko est issu de *Slesko (est non pas de *S?lesko) et n’a rien à voir avec les Óéëßããáé“. Daraus folgt seiner Ansicht nach weiter, daß beide oben skizzierten Lösungsvorschläge gleichermaßen fraglich sind, und ferner, daß sich der Name einer sicheren Deutung entzieht, demnach wahrscheinlich älter als die Herausbildung des Germanischen und Slavischen und einer indogermanischen Schicht zuzuschreiben ist. Da nach Manczak die slavische Urheimat zwischen Oder und Weichsel gelegen habe und es eine Kontinuität der Besiedlung gegeben haben müsse, bilde der indogermanische Charakter von Sleza seiner Ansicht nach kein Gegenargument gegen die slavische Ansiedlung.

In der Zuweisung des Namens zu einer indogermanischen Schicht sehe ich einen wirklichen Fortschritt, jedoch krankt Manczaks Vorschlag wie auch der aller anderen Sprachwissenschaftler daran, daß keine Deutung des Namens vorgelegt wird. Gerade in diesem Punkt lassen sich aber heute Fortschritte erzielen. Nach einem kurzen Abriß der Forschungsgeschichte werde ich auf diesen Punkt zurückkommen.
In der Zuweisung der ursprünglichen Bedeutung des Namens Schlesien/Slask ist man sich einig: so bezieht sich der Beleg von 1203 villa in campo Zlesie zweifellos auf  Jackschönau und „auf die Gegend am Zobten als derjenigen, welche zuerst und deshalb in der Folge noch vorzugsweise als das Land Schlesien bezeichnet worden ist ...“6. Im Codex Diplomaticus Silesiae V 340 heißt es dazu: „Slezia [ist] in dieser Zeit noch aus­schließlich Niederschlesien; duces Sleziae heissen bis tief im 15. Jahrhundert nur die Nachkommen des ersten Boleslaus, die Nachkommen seiner Bruders Mesco dagegen duces de Opol ...“. Auf einer Karte von 1513 dient nach A. Heyer7 der „Name Schle­sia ... zur Bezeichnung der Gegend zwischen Spree und Neißemündung, also der Lausitz“. Unzweifelhaft ist nach allgemeiner Ansicht, daß die Gegend um den Zobten der ursprüngliche Geltungsbereich unseres Namens gewesen ist; von dort breitete er sich zunächst auf ganz Nieder­schlesien und später auch auf Oberschlesien aus.

Eine Deutung hat von den ältesten sicheren Belegen auszugehen. Ich habe mich bemüht, diese für den Stammesnamen, das Land, den Fluß Sleza/Lohe und den Berg­namen Sleza/Zobten/Sobótka zusammenzustellen.
1. Silingi. Die Lokalisierung dieses wahrscheinlich germanischen Stammes ist nicht ganz sicher. Man schwankt zwischen der Lausitz und Niederschlesien. Nach M. Schön-feld und H. Reichert8 erscheint der Name bei Ptolemäus als Óéëßããáé, daneben auch in den Varianten Óßëéããáò, Ëßããáé, Ånëéããáé, im 5. Jh (Chron. Hydat) als Vandali  cogno-mine Silingi, auch Vandalis Silingis, sylingis, Vandali Silingi, Silin­gos (silinguos, si-linguites), silin, selingi, sylingi (C. Hydat. Cont.; mehrfach), im 7.Jh. (Isidor von Se-villa) als Silingos, Silingi, wobei sie häufig als Teilstamm der Wandalen be­zeichnet werden.
2. Schlesien/Slask (Land und Gau Schlesien): z.J. 1017 compluribus Cilensi et Diedesi; in pago Silensi, vocabulo hoc a quodam monte nimis excelso et grandi olim sibi indito9, um 1047 (K.) Silesiam10, 1109 regio Zleznensis11, (1138) Slesziam12, 1163 provincia Silencii13, 1175 dux Zlesie, (1202)-1203 dux Zlesie, 1208 dux Zlesiê, 1208 dux Zlesie, 1209 dux Slezie, 1216 in Zlesia, 1218 ducis gratia Zlesie, 1228 in terra Zlesie, (vor 1230) in terra Zlesie, 1233 in terra ducis Slesie, 1234 (K.) Theuto­nici Slesenses, 1234 (Tr.) Zlesie, 1235 in Zlesia, 1238 (Tr.) de Slesia 1240 (K.) in Silesia, 1245 duce Zelesie, duce Slesie, Var.: Zlesie, 1249 (K.) baronibus Slesie14, 1253 terram Zlesie, 1253 terram Slezie (mehrfach), 1259 terra Slesiensi, 1261 in Sle­zia, 1264 in provincia Slesiensi, 1264 in districtu Slesie, 1266 in Slezia, 1267 in terra Zlesie, 1268 (K.) ad partes Slesie, 1270 districtus Slesie, 1271 (K.) milibus Slesiam, 1271 (K.) in Slesiam, 1272 in Slesia (zweimal), 1273 in Slesia, 1275 in Slesia terra, 1279 in Slesia15. Dabei ist beachtenswert, daß „die Form Silesia für Schlesien ... vor dem XIV. Jahrhundert nicht nachzuweisen sein“ [dürfte]16.
3. Der Fluß Sleza//Lohe: 1155 inter Muchobor et Selenza (Handschrift: Sclenza)17, 1202 (F. 14.Jh.) ad fluvium Slenze; totam fluvium Slenze18; 1208 prope litus Zlen-zê19, 1218 (F.) per fluvium Lau20, 1245 apud vadum Laui21, (1273) aqua, que dicitur Laau22; 1291 Lavi23.
4. Der Berg Sleza/Zobten/Sobótka: 1108 in monte Silencii24, 1148 (K.) ecclesie sancte Marie de monte Silencii, (1149-1150) (K.) in monte Silencii, 1209 (K.) circa montem Silencii, 1223 monti, qui dicitur Sylencii, 1242 in monte Slenz25, 1245 in Monte Slez, 1247 sub monte Zlenc; supra montem Zlenz; in monte Zlenz, 1250 (K.) montem, qui dicitur Zlencz26, 1256 (K.) prope montem Zlencz, 1260 circa montem Slezie, 1280 (K.) In silva vero Slencz montis27, 1346 Zlesia28, 1360 circa montem Slesie29. Seit dem 14.Jh. erscheint als Übernahme des ON. Sobótka die neue Bezeich­nung Sabothus, in monte Silentii alias Sobotha usw., dann auch dt. Zobten30.
5. Slavischer Stammesname: Mitte 9.Jh. (A. 10.Jh.; sog. Bayer. Geograph) Sleen-zane31, 1086 (A. 12.Jh.) Zlasane32.
Die Deutung des Namens Schlesien war lange Zeit fast unstrittig: die sogenannte „traditionelle“ Auffassung, in ihm eine Ableitung von dem (germanischen) Stamm der Silingi zu sehen, wurde nicht nur von deutschen Sprachwissenschaftlern (K. Zeuss, K. Müllenhoff, J. Hoops, E. Schwarz, M. Vasmer, R. Trautmann u.a.) vertreten, sondern auch von polnischen Linguisten, z.T. sehr nachdrücklich (A. Brückner33, J. Rozwa­dowski34), verfochten. „Schlesien bedeutet ‘Silingenland’“ heißt es bei K.  Müllenhoff und E. Schwarz, für J. Hoops35 ist der slavische Name eine Umgestaltung des germa-­nischen Stammesnamens. Auch der Flußname wurde als „Silingenfluß“ aufgefaßt, ebenso sah man in dem mons Silenci einen  Silingenberg36. Die Lohe war für die meisten ein „unbedeutender linker Nebenfluß der Oder, aber deshalb beacht­lich, weil hier wieder der germanische Stamm der Silingen indirekt erscheint ... Die Bedeutung wird ‘Bach des Siling’ sein“37. Daß der Fluß namengebend gewesen wäre, sei „ ... ganz unwahrscheinlich, ... wenn ein berühmter heiliger Berg die Gegend be­herrscht“38. Darauf und auf den Namen des Flusses (auch auf die deutsche Variante) wird noch zurückzukommen sein.

In der Tat besticht die Herleitung von dem Stammesnamen Silingi. Die wichtigsten Überlegungen zur lautlichen Entwicklung hat bereits M. Vasmer vorgebracht39. Nach Auskunft der oben genannten Nachrichten saßen „südlich von den Goten ... zu Beginn der christlichen Zeitrechnung .... die vandilischen Stämme, zu denen auch die Silinger gehören, von denen Schlesien (pol. Slask, tschech. Slezsko) seinen heutigen tschechi­sierten Namen hat“40. Dazu zählen auch die von Ptolemäus erwähnten Óßëéããáé; wei­terhin „haben wir in der Nachricht des spanischen Bischofs und Chronisten Hydatius (um 470 n.Chr.) von den Vandali cognomine Silingi ein einwandfreies Zeugnis für die Zugehörigkeit der Silinger zu den wandalischen Stämmen“, wobei „der Name der Si­linger [schon] durch seine Endung -ing ... ziemlich deutlich als ein germanischer Stam-mesname charakterisiert [ist]“ 41. Bei einer Herleitung von diesem Namen „braucht man auch Formen wie westslav. *s?lez?sk? : óßëéããáé ‘Schlesien’ u.a. nicht durch Lautsubstitution zu erklären“42; die Entwicklung wäre ganz regelgerecht verlau­fen: aus Siling- müßte slav. S?leg- werden, „das lautgesetzlich ein S?ledz- ergab, so wie uns ein slavisches k?n?dz? ,Fürst’aus einem altgermanischen kuning- bekannt ist“43. Auch die weitere Entwicklung als Adjektivbildung wird von Vasmer bestens erklärt44. Daran anschließen läßt sich ebenfalls die slavische Bildung mit dem Suffix -’ane.
Der hier nur knapp skizzierte Vorschlag einer Deutung aus einem germanischen Stammesnamen paßt fraglos zu der berechtigten Annahme, daß es ein altes Slaventum in Schlesien nicht gegeben habe45. Dafür wird auch (und wohl nicht zu Unrecht) der ON. Nimptsch (< Nem?c? „Deutsche“?) geltend gemacht. Auch ist zu bedenken, daß der Name Schlesien tschechischen Einfluß verrät: „Die deutsche Bezeichnung für Schlesien hat in der ersten Silbe einen Vokal, der nur im Tschechischen entstanden sein kann“. Ebenso zeigt „die gelehrte lateinische Form Silesia ... Spuren tschechischer Lautentwicklung in ihrem e und im inlautenden Siblanten“ 46.

M. Vasmer ist wie A. Brückner der Meinung, daß der Name der Silingi im Berg-namen Zobten (= „Silingerberg“)47 überlebt habe und von dort Schlesien seine Benen-nung erhalten habe. Der Name des Flusses wird - wie schon gesagt - nur am Rande er-wähnt.
Dieser Meinung entgegen steht eine Erklärung aus dem Slavischen. ­Auch diese hat - nicht zuletzt wegen der offensichtlich slavischen Bildung in dem relativ frühen Beleg Sleenzane (Bayer. Geograph)48 - ihre Berechtigung. Da zudem in diesem Beleg keine Spur des an sich zu erwartenden slavischen -?- (*S?l- < *Sil-) zu erkennen ist, sehen die slavischen Forscher darin ein schwerwiegendes Argument gegen die Herleitung von dem Namen der Silinger49.
Man geht daher von einem ursprünglichen Ansatz *sleg- aus, vergleicht damit cech. slezak und poln. slazak, zieht weiter poln. slegnac „naß werden, anfeuchten“, slganina „Regenwet-ter, Feuchtigkeit“ heran, setzt eine slav. Wz. *sleg- „naß, feucht“ an, schließt deshalb auf einen idg. Ansatz *sleng- : *sleng’- und zieht dazu u.a. poln. przeslagly „durch-näßt“, przeslagwa „Seidelbast“, slagwa „Unsauberkeit; Regenwetter“. Neben wurzelauslautendem -g liegt auch -k vor in poln. slaknac  „naß werden, durchnäßt werden, vom Regenwetter durchnäßt werden, von Kälte durchzogen wer­den“, slakwa „Regen-, Schauerwetter, mit Schnee vermischter Regen“, slakniety  „durchnäßt; schlottrig“. Man vermutet ein altes Schwanken des Konsonantismus, etwa -g- : -g’- :  ~  -k-  : -k’-, wie z.B. in ahd. slingan : ags. slinkan,  lett. slãncka : slànga50.

Als Konsequenz ergibt sich aus dieser Zusammenstellung, daß der Flußname als primär angesehen wird51. Diese Etymologie hat zweifellos ihre Berechtigung, jedoch hat erneut M. Vasmer52 auf die Problematik der slavischen Sippe um poln. sleganina hingewiesen: das Alter der -g-Formen ist völlig unbestimmt, die Belege mit -k- dürfen auf keinen Fall beiseite gelassen werden. Viel eher ist ein Wechsel k > g wie in poln. dial. wielgi für wielki „groß“ anzusetzen. Dann wären die Formen mit -g- jung und M. Vasmer folgert wohl mit Recht: „ich halte slakwa usw. für zweifellos verwandt mit russisch sl’akot’ ‘feuchtes Wetter’ und stelle es weiter zu serbokroatisch slëka ‘Flut’, auch odsleka ‘Ebbe’ (bei Vuk ...). Die gemeinsame Grundform *slek- genügt zur Er-klärung all dieser Formen ... Beide polnischen Bildungen gehen, wie das l (nicht l !) lehrt, auf e zurück“.
Von hieraus führt natürlich kein Weg zu dem Flußnamen Sleza: „Wenn in letzter Zeit der Versuch gemacht worden ist, die Benennung Schlesiens als echt sla­visch zu erweisen und aus einem slavischen *s?lek- zu erklären, so kann dieser Ver­such nicht den Anspruch darauf erheben, ernst genommen zu werden, da man in die­sem Falle ein poln. *Slacz-, cech. Slec- erwarten müßte und die Form von poln. Slezák diesen Ansatz ausschließt“53. Dieser Argumentation sind nicht nur E. Schwarz54 und G. Schlim-pert (a.a.O., S. 114) gefolgt; auch W. Manczak55 stimmt ihr zu. In einem früheren Beitrag hatte dieser zudem darauf verwiesen56, daß eine -a-Ableitung im Slavischen eigentlich auf der -o-Stufe aufbauen müßte und daher *slongã und nicht *slengã zu erwarten wäre. Somit ist auch dieser auf slavischem Material aufbauende Vorschlag mit Recht kri­tisiert worden.
W. Manczak hat in seinem eingangs erwähnten Beitrag unterstrichen, daß ihn keine der beiden bisher vorgebrachten Deutungen überzeugt. Dem wird man folgen können. Wahrscheinlich enthalten aber beide Vorschläge Elemente, die einer überzeugen-deren Etymologie dienlich sein können. Bevor ich darauf eingehe, seien nur knapp einige andere, völlig abweichende und z.T. völlig unbeachtete Deutungsvor­schläge genannt.

So hat E. Kucharski57den Flußnamen Sleza an eine baltische Wurzel sil- ange­schlossen, die u.a. in lit. sìlis, lett. sils  „Vertiefung, Tal, Trog“ vorliegt. Nicht unwich­tig ist seine These, der Flußname enthalte weiterhin das baltische Suffix -ing-. Es wird uns noch beschäftigen.
Übergehen kann man die verschiedentlich vorgebrachte These, es bestehe ein Zu­sammenhang mit poln. slaz „Malve“58. Ebenso ist Lakomys eigene Meinung, der Name Slezanie sei aus einem Ansatz *zelazanie (zu slav. železo usw. „Eisen“), natür­lich unhaltbar59.
Einen ganz anderen Wert besitzt dagegen eine Bemerkung von I. Duridanov, die dieser an für das Problem der schlesischen Namen wenig auffälliger Stelle gemacht hat. Bei der Erörterung der Bildung der Flußnamen des Vardargebietes60 schreibt er: „Der FlN Treska ... gehört zu einem vorslavischen Bildungstypus, der auch Flußnamen wie russ. Volga, poln. Wilga ..., Warta ..., Slega > *Sleza (*slêg-) usw. umfaßt ...“. Falls also von einem Ansatz *Sleg-ja  auszugehen wäre, würde die Wortbildung gegen eine slavische Bildung sprechen.

Damit möchte ich die Vorstellung bisheriger Deutungsvorschläge beenden und den Weg zu einem eigenen Vorschlag betreten. Dabei werden wir allerdings - wie schon erwähnt - auf einige bisher schon erwähnte Punkte zurückgreifen.
Bisher noch nicht zur Sprache gekommen ist die Frage, wie der offensichtlich ger­manische Name der Silingi erklärt werden kann. Dieser ist bisher keineswegs sicher ge-deutet61. Der einzig ernst zu nehmende Vorschlag kommt von M. Vasmer62: „In einer gründlichen Untersuchung ... hat ... Elof Hellquist auch einen schwedischen Orts­namen Silinge in Södermanland nachgewiesen, wo auch ein Seename Silingen sich findet. Den Ortsnamen hält er für das ursprünglichere und ist geneigt, ihn im Zusam­menhange mit dem ostgermanischen Stammesnamen der Silingi zu erklären“. Vasmer stellt auch wei-tere Parallelen zwischen skandinavischen und ostgermanischen Namen her und schließt daher für die Silingi auf einen „alten Stammesname bei den Germa­nen“.
Das Problem bei dem Vergleich ist ihm ist nicht entgangen: der schwedische Name besitzt in der Wurzelsilbe einen Langvokal und differiert damit von dem wandalischen Stammesnamen (mit Kürze). Er glaubt diesen Unterschied mit weiteren Beispielen auf­heben zu können63. E. Schwarz ist ihm darin aber nicht gefolgt, und hat wegen der Quantitätsdifferenz die jüngste Deutung des germanischen Stammesnamens aufgegrif­fen: „Leute mit dem Sielengeschirr“. „Diese Deutung wäre ansprechend, weil sie den vermutlich kultischen Charakter des Stammesnamens betont“64. Der Quantitätsunter-schied wird auch von W. Manczak65kritisch betrachtet; eine Beziehung zum schwedi-schen ON. wird aus diesem Grund auch von S. Rospond66 abgelehnt.
Bezeichnenderweise gibt es noch eine ganz andere Deutung des Völkernamens: E. Lidén stellt ihn67 „zu abulg. sila ,Gewalt, Kraft’“ und folgt damit einem Vorschlag von L. Laistner68. Diese These überzeugt allerdings kaum und hat auch keine Anhänger ge-funden.

Ich habe mich bemüht, den schwedischen Orts- oder Seenamen Silinge(n) einer ge-naueren Prüfung zu unterziehen. Man muß lange suchen, bevor man ihn findet. So fehlt er in dem geographischen Standardwerk Sverige69, das immerhin auf einem Maßstab von 1 : 300 000 aufbaut und alle dann belegten Namen auflistet. Allein in Ritters Sammlung geographischer Namen70 ist er zu entdecken. Er fehlt auch in dem jüngst erschienenen Band von S. Strandberg über die Seenamen in Södermanland71 und kann kaum überregionale Bedeutung besitzen. Auch von hieraus ergeben sich weitere Zwei-fel an der Zusammenstellung.
Diese Bedenken werden weiter erhöht, wenn man sich dem von deutscher Seite stark vernachlässigten Flußnamen Sleza/Lohe zuwendet. Vor allem M. Vasmer hat sich dagegen gewandt, daß ein Flußname als Ausgangspunkt der Namensippe um Schlesien - Slask - Sleza zu betrachten sei, und hat mit aller Entschiedenheit die An-sicht vertreten, daß von dem Stammesnamen auszugehen sei: „Ein weiterer Einwand gegen die ‘deutsche’ Auffassung, der von verschiedenen ... sehr ernst genommen wird, besteht in der Behauptung, daß topographische Bezeichnungen nicht von Stammes-namen ihren Ursprung haben können. Ich halte dieses Argument für ... nichtssagend ...“. Vasmer verweist auf  Beispiele wie Frankenbach, Sachsengraben, Merskaja Reka und äußert zusammenfassend zu diesem Punkt: „Angesichts solcher Beispiele ist mir vollkommen unbegreiflich, wie man behaupten konnte, daß Gewässernamen nicht von Stammesnamen gebildet sein könnten“72. Gleichermaßen hart vertrat er die Ansicht, daß auch der Bergname Sleza so zu erklären sei: unter Hinweis auf den Fläming be-merkt er73: „ ... dann ist es nicht zu verstehen, warum es nicht auch einen Silingerberg hat geben können. Wer solche Bedeutungen für unmöglich hält, der hat eben kein Recht, über Ortsnamenforschung zu reden“. Wie groß die Vernachlässigung des Flus-ses und seines Namens bei Vasmer und Brückner war, zeigt die folgende Passage: man glaubte annehmen zu können, „der Bergname stamme von dem Flußnamen. Schon Brückner hat wiederholt auf die große Unwahrscheinlichkeit dieser Theorie hingewie-sen, die den großen Berg seinen Namen von dem unbedeutenden Fluß beziehen läßt und annehmen zu dürfen glaubt, das ganze Land Schlesien sei von dem unansehnlichen Fluß benannt“74.

Es lohnt sich, diesen „unansehnlichen“ Fluß in seinen Ausmaßen etwas näher zu be-trachten. Zusammen mit seinem rechten Nebenfluß Mala Sleza (Kleine Lohe) bildet er zwischen Bystrzyca und O³awa mit einer Gesamtlänge von ca. 70 km ein bedeutendes linksseitiges Zuflußgebiet der Oder südlich von Breslau. In der nächsten Umgebung von Breslau ist er neben der Oder eindeutig der wichtigste Wasserlauf und umläuft im Westen und Nordwesten das gesamte Gebiet der Stadt. Stellt man diesen Fluß in sei-ner Länge deutschen Flüssen gegenüber, so lassen sich damit in etwa vergleichen (ca. 40-90 km): Ahr, Brigach, Lauchert, Günz, Mindel, Zusam, Vils, Traun, Rott, Mattig, Hase, Hunte, Eder, Fulda, Wümme, Rhume, Innerste u.a.m. Handelt es sich auch hier um „unansehnliche“ Flüsse? Oder ist man etwa voreingenommen gewesen? Man soll-te gewiß nicht die herausragende Lage des Zobten übersehen, aber auch nicht den Fluß und damit seinen Namen als möglichen Ursprung der Benennungskette.
Hinzu kommt ein weiteres Argument, daß vor allem von polnischer Seite einge-bracht worden ist und seine Berechtigung hat75. Es gibt nur außerordentlich wenige Beispiele dafür, daß ein Stammesname zu einem Gewässernamen geworden ist. Vas-mers Hinweis auf Sassenbach und ähnliches zeigt, daß es sich in den allermeisten Fäl-len um recht junge Benennungen handelt.
Für die Annahme, daß von dem Gewässernamen auszugehen ist (auf die entschei-dende Frage, ob es auch eine überzeugende Etymologie für diesen gibt, werden wir noch komen), spricht auch die slavische Benennung Slezanie, cech. Slezane, schon 9./10.Jh. (Bayer. Geograph) Sleenzane. Dieser Typus stellt ist im Slavischen nicht nur, aber sehr häufig eine Ableitung von einem Gewässernamen dar. Das gilt auch und ge-rade für die ältere Zeit. In polnischer Lautung nenne ich Wislanie, Wiercanie, Bobrza-nie, Wkrzanie, Sprewianie, Polabianie, Nyszanie, Morawianie, Buzanie. Vielleicht gehört sogar der Name der Slaven selbst, poln. Slowianie, hierher76.

Die deutsche Form Lohe hilft uns in diesem Punkt nicht77. Offenbar ist weder der alte Name des Berges noch der des Flusses von Slaven an nach Osten einwandernde Deutsche übermittelt worden. Nur im Landschaftsnamen Schlesien/Slask überlebte die alte Bezeichnung. Hat es sich dabei wirklich so abgespielt, wie A. Brückner es uns in seinem Artikel über Schlesien und Golesici78 glauben machen wollte, die Herleitung des Namens aus der Gewässerbzeichnung müsse daran scheitern, „daß die alte Zeit, wie wir es aus Thietmar wissen, den imposanten Zobten, nicht die unbedeutende Lohe berücksichtigte“?  Können wir diesem wirklich folgen? Oder hat nicht A. Brücker viel-leicht mit seiner folgenden Passage, die das Unwahrscheinliche dieser Annahme noch-mals herausstreicht, ins Schwarze getroffen? Er fährt nämlich fort: „... es bleibt der merkwürdige Zufall bestehen, daß ein kleiner Germanenstamm seinen Namen bis in die slavische Zeit rettete, während Namen großer Stämme spurlos schwanden ...“ [Unter-streichung von mir, J.U.].
Hat nicht vielleicht eher E. Fraenkel in der knappen Bemerkung „die Lohe = Sleza aus Silingia“ die Grundform des Flußnamens richtig erfaßt79 (auch wenn hier wieder der Stammesname als Grundlage angesehen wird)? Folgt man versuchsweise dieser mutmaßlichen Grundform, so wird man sich Gedanken über ein mögliches Suffix ­-ing- machen müssen. Um die germanische Ableitung zu retten, greift man gern zu nordi-schem Material, so auch E. Schwarz: „Es gibt ... vor allem im Norden eine Menge von germanischen Flußnamen, die tatsächlich auf -ing ausgehen“80. Aus slavischer Sicht glaubte W. Semkowicz einwenden zu können81: die Annahme, der GN. hätte ursprün-glich Silinga geheißen, sei verfehlt, da -ingi- auf eine patronymische Bildung weise und in einem Flußnamen nicht begegnen könne.

An dieser Stelle sind die Erkenntnisse aus Untersuchungen an europäischen Flußna-men durch H. Krahe und seine Nachfolger einzufügen. Wir werden sogleich sehen, daß die Einbindung des Flußnamens Sleza in das Netz der alteuropäischen Hydronymie mühelos gelingt. Zuvor möchte ich jedoch diejenigen offenen Fragen, die in diesem Zu-sammenhang bedeutsam sind und in den vorliegenden Seiten angeschnitten worden sind, nochmals kurz auflisten.
1. Der Name Schlesien/Slask bezog sich ursprünglich auf den Zobten und dessen nähere Umgebung. Der Stammesname der Silingi, aber auch der der Sleenzane, der Name des Landes, des Flusses und des Berges gehen wohl auf einen Ursprung zurück.
2. Die Herleitung aller Namen von dem der Silingi überzeugt aus mehreren Grün-den nicht. Der Name der Silingi selbst ist bisher ungedeutet.
3. Rein lautlich ist allerdings ein Ansatz *Silinga durch keinen besseren zu erset-zen.
Damit lassen sich sowohl die Ptolemäischen Óéëßããáé wie polnisch Slask „Schlesien“ verbinden. Die Deutung muß demnach von einem Ansatz *Sil- (offensichtlich mit Kürze) ausgehen.
4. Gegenüber polnisch Slask und dessen Grundform *S?lez-?sk? darf der frühe und wichtige Beleg Sleenzane82 (Bayer. Geograph) doch nicht überbewertet werden.
5. Die Verbindung mit einem angeblich alten slavischen Element *sleg- „naß, feucht“ ist aufzugeben. Die Formen mit -g- sind jung.
6. W. Manczaks Kritik an den beiden bisher vor allem diskutierten Interpretationen ist berechtigt. Seine These von voreinzelsprachlicher Herkunft des Namens Schlesiens würde man gern folgen; nur wurde auch von ihm kein überzeugender Vorschlag vorgelegt.
7. Alte topographische Bezeichnungen sind fast nie von Stammesnamen abgeleitet.
8. Der Flußname wurde auf deutscher Seite entschieden vernachlässigt. Für die Herleitung vom Gewässernamen spricht auch die slavische Bildung Slezanie, cech. Slezane.
9. Die „unbedeutende“ Lohe/Sleza gehört mit ca. 70 km Länge zu den größeren Flüssen im Odergebiet.
10. Das Suffix -ing- muß aus der Gewässernamengebung heraus betrachtet wer-den. Eine Beziehung zum baltischen -ing-Suffix hat E. Kucharski erwogen. Zur Kenntnis genommen wurde sein Vorschlag nicht.

In Anbetracht der Lage und Bedeutung Schlesiens im Spannungsfeld zwischen Deutschen, Polen und Tschechen und der wechselvollen Geschichte seiner Besiedlung ist innerhalb der Namenlandschaft mit erheblichen Verschiebungen zu rechnen. Die historische Siedlungsabfolge hat auf verschiedene Namenschichten gewirkt, man den-ke an die voreinzelsprachlichen Gewässernamen, die auf eine indogermanisch-alteuropäische Namengebung weisen, an den frühen germanischer Einfluß, der nicht aus-zuschließen ist, an die Übernahme durch slavische Einwanderer, an den eindeutig nachweisbaren tschechischen Einfluß, an die Eindeutschung durch Siedler aus dem Westen und an das ständig vorhandene slavische Element. Es dürfte im einzelnen nicht mehr möglich sein, alle Beziehungen oder gegenseitigen Beeinflussungen heute noch zweifelsfrei ermitteln zu können. Wenn man weiter bedenkt, daß in unserem Fall ein Stammesname, ein Flußname, ein Bergname und ein daraus entstehender Ge-bietsname in fast ständigem Kontakt miteinander verwendet und verändert wurden, so halte ich es für ausgeschlossen, anhand von Materialien aus dem 16. Jahrhundert Lau-tungen ermitteln zu wollen, die vor fast 2000 Jahren bestanden haben sollen. Aus diesem Grund halte ich auch Manczaks Argumente83 für nicht überzeugend.
Wie problematisch die gegenseitige Beeinflussung zweier Namen schon in histori-scher Zeit sein kann, läßt sich anhand eines mutmaßlichen -ing-Namens, nämlich des Sollings in Südniedersachsen, dank der sorgfältigen Analyse durch W. Kramer84 gut nachvollziehen. Das Verhältnis zwischen Solling und dem ON. Sohlingen ist gekennzeichnet durch einen ständigen Austausch und durch fortwährende gegenseitige Beeinflussung. Eine „Übersicht über die Leitformen“ beider Namen85 macht dieses besonders deutlich. Um wieviel schwieriger ist noch der Versuch, in einem Grenzbereich in vorhistorische Zeit vorzudringen und Grundformen für Berg-, Stammes-, Fluß- und Landesnamen ermitteln zu wollen! Was uns allenfalls gelingen kann, ist die ungefähre Bestimmung des zugrundeliegenden Elements. Dieses wird - nach allem, was hier zusammengetragen wurde - am ehesten der Name des Flusses sein. Ihn gilt es, einer näheren Prüfung zu unterziehen. Dabei ist die heutige amtliche polnische Schreibung Sleza nicht verwertbar; sie entstand erst nach 1945 auf Grund einer Empfehlung der Komisja Ustalania Nazw Miejscowych86.
Die mit dem Berg-, Stammes- und Landesnamen verbundenen Deutungsprobleme lösen sich vollständig auf, wenn man von dem Flußnamen mit einer durchaus überzeugenden Grundform *Silinga ausgeht. Eigentlich ist es sogar verwunderlich, daß man diesen relativ leicht zu beschreitenden Weg bisher nicht gegangen ist. Es genügt, den Blick von Schlesien abzuwenden und in Europa nach einer „Wasserwurzel“ *sil- zu suchen.
Schon bald stößt man auf den Beitrag von H. Krahe, Einige Gruppen älterer Ge-wässernamen, 1. Namen mit Sil-87, französisches Material hat L.-F. Flutre bereitge-stellt88, und schon vor dem dem Zweiten Weltkrieg hat J. Pokorny einige Namen zu einer Wurzel Sil- gezogen89. Ich gebe im folgenden eine Auflistung der inzwischen bekannt gewordenen Namen. Der Wurzel entsprechend handelt es sich fast ausschließ-lich um Gewässernamen.

An erster Stelle sind unerweiterte Formen zu nennen, die - der alteuropäischen Hy-dronymie entsprechend - mit -os oder -a gebildet sind. Man vergleiche: Sil, FlN. in Ga-licien, ist nach J. Pokorny90„aus Sîl-“ entstanden und mit ags. sioloþ „Meer“, anord. sil „stilles Wasser“ u.a.m. zu verbinden; Sihl, Zufluß der Limmat in Zürich, 1018 fluvius Sylaha, 1217 Altsila usw., dazu auch Flurname Sihlalp,  1018 id est alpem Syla voca-tam usf., s. die ausführliche Darstellung bei A. Greule91: „Sila gehört zu irisch silid ‘tröpfelt, fließt’ (Pokorny)“; *Sila, vorgermanischer Name der Reuss, lebt fort im ON. Silenen im Urner Reusstal, 857 Silana usw., nach A. Greule, a.a.O. 147f.  ist die Grundform für den Fluß als *Sila, für das Tal als *Silãna anzusetzen; man beachte wei-ter 1322 Sela, FlN. in Portugal (?),  < *Sila (mit Kürze in der Wurzelsilbe)92; Sila, seit 1195 belegt, Ausfluß d. Lago di Pinè, Grundform *Sîla93; Sile,  Fluß in Venetien, alt (Plinius, Geograph v. Ravenna u.a.) Silis, Sile94; 956-974 rivulum Silo, „wahrschein-lich im Dép. Haute-Loire“95; Le Syl, 1090 Sil, Fluß bei Lavau, Dép. Loire-Inf.96; Sil, 11./12. Jh. ad flumen Silum, l. Zufluß d. Minho (Galizien), auf Sîl oder evtl. *Silos zurückzuführen97; *Sila (mit Kürze) in la Selle, Zufluß der Somme und d. l’Escaut, auch la Selle de Beauvoisin, Fluß im Dép. Htes-Alpes98.
Hier angeschlossen werden kann auch der FlN. Hyle in Essex, 958 (K. 12.Jh.) (in-nán, andlang) Hile, (andlang) ealdan Hilæ, ca. 1250 (K. 15.Jh.)  Hyle usw., davon abgeleitet ist der ON. Ilford, 1086 Illefort usw. Nach E. Ekwall99 ist ein Ansatz *Sil- gut möglich, so daß eine Verbindung zu Sile (Italien), bei Plinius Silis, usw. hergestellt werden kann. Wörtlich heißt es: „The exact base is found in Ir silim ‘drop, distil, sow, spit’, W hil ‘seed’“100.
Schließlich sind noch zu nennen Sylys, SN. in Litauen, offenbar mit Länge in der Wurzelsilbe101, und auch die mit dem baltischen Wasserwort upe, upis komponierten Namen Sìl-upis, Syl-upis in Litauen, sowie und Sil-upç, Sil-upîte, GN. in Lettland102.

Auch Bildungen mit dem Formans -ios/-ia fehlen nicht: *Silius, jetzt Sillo, Fluß in Huelva (Andalusien) und in Badajoz (Westspanien); *Silius, jetzt Selho, 926 Selio, GN. bei Guimarães, enthält Kürze in der Wurzelsilbe wie auch *Silia, j. Sella, 926 Seliam, Fluß in Asturien, ebenso *Siliôn-, 933-967 rivo que vocitant Selione, Prov. Santander, Nordspanien103.
Bei der Behandlung der Flußnamen des Bodensee- und Oberrheingebietes hatte A. Greule (op.cit., S. 152) noch an sicherer Zugehörigkeit zu alteuropäischen Schicht gezweifelt: „Nichts steht im Wege, die beiden schweizer. FlNN. Sila/Sihl und *Sila/ Reuß auf Grund von mir. silid als kelt. FlNN. anzusprechen, wobei Sila einen alteurop. Typus repräsentieren kann“. Ich möchte dieses - wegen der baltischen Entsprechungen und nicht zuletzt aufgrund des noch folgenden Materials - bezweifeln. Darunter befinden sich nämlich auch Bildungen, die aus einer Einzelsprache heraus nicht erklärt werden können.

Etwas unsicher sind zwar -m-Bildungen, aber sie dürfen dennoch nicht ganz über-gangen werden. Notiert habe ich Siaume, Flußname im Dép. H.-Loire, 1359 Silma, 1504 Sialma, nach A. Dauzat, G. Deslandes Ch. Rostaing 104„obscur“. Vielleicht gibt es dazu eine Entsprechung in dem Seenamen Silm See im unteren Weichsel-Gebiet105, aber die Überlieferung ist sehr schwankend (Silben, Silven).
Weitaus besser steht es um die -n-Bildungen. Hier ist vor allem osteuropäisches Material zu nennen, was durchaus mit bisherigen Erkenntnissen über die Streuung dieses Bildungselementes in der alten Hydronymie korrespondiert106. Zu nennen sind hier Silenka, Fluß im Gebiet d. Sož’, auch FlN. im Desna-Gebiet107 und Silinka, Flußname im Gebiet von Wolga und Oka108.
Besondere Aufmerksamkeit wandte man dem Nebenfluß des Narew Œlina, 1533 Slina, zu109. In ihm sahen Toporov-Trubaèev 207 wohl mit Recht eine Grundform *Silina, wobei von Kürze in der Wurzelsilbe auszugehen ist. Weitere im slavischen Gebiet liegende Gewässernamen wie Silna usw. werden hier wahrscheinlich anzu-schließen sein. Da aber eine sichere Trennung von slav. sila, silny „Kraft, Stärke, stark“ nicht erreicht werden kann und immer wieder auf (angeblichen) Wasserreichtum oder starke Strömung bezug genommen wird, habe ich auf eine Auflistung verzichet. Genannt werden muß aber noch der GN. Silynç in Litauen110.

Unsicher ist ein Ansatz *Silina für einen bei Plinius erwähnten Namen zwischen Irland und Britannien111, der hier einen guten Anschluß finden würde.
Von besonderer Bedeutung sind die viel zitierten -nt-Bildungen in der alteuropäi-schen Hydronymie. An erster Stelle ist hier der Name der Schlenze in Thüringen, eines linken Nebenflusses der Saale, zu nennen. Allerdings bauen alle bisherigen Deutun-gen112 auf einem ziemlich unsicheren Beleg auf113, so daß man große Vorsicht bei der Heranziehung walten lassen sollte114.
In einem ganz anderen Landstrich ist dagegen vielleicht eine andere, sicherere -nt-Bildung aufgetaucht. Es geht um den Namen eines der größten Flüsse der Ukraine, den Sluè’, der häufig mit slavischem Material verbunden worden ist, aber m.E. weitaus überzeugender als *Süloèü aufgefaßt und auf *Silantios zurückgeführt werden kann115.

Weiterhin kann die Grundform *Silantios auch gefunden werden in dem Namen eines Baches bei dem Ort Ma³a S³oñca, dt. Klein Schlantz; die alten Belege 1248 castrum meum Slanciam, 1280 villa Slancza usw. weisen nach H. Górnowicz, HE. 1,33 mit dem Suff. -ja auf eine Wurzel *sleng-/*slenk- „feucht, naß, schlüpfrig, glatt“, die rekonstruierte Form †*Œlêdza ist seines Erachtens „vielleicht vorslavisch, die laut-liche Entwicklung slavisch“. Für E. Rzetelska-Feleszko und J. Duma116 blieb der Name unklar, eine Herleitung aus *Silantios habe ich schon an anderer Stelle unterbreitet117.
Eine weitere starke Stütze der Hydronymie sind -r-Bildungen. Auch sie sind nach-weisbar: Sele, GN. in Campanien, alt Silarus usw.118, zur Deutung s. J. Pokorny, Ur-geschichte 170 (enthält Kürze); Sillaro, Nfl. d. Reno, alt Sîlarus, Tab. Peut. fl. Sila-rum; Silarum fl.119; venetisch Sîlis, ligurisch Sîlarus, Nfl. d. Po in der Aemilia, gehört nach J. Pokorny, Urgeschichte 170 zu ags. sioloþ „Meer“, anord. sil „stilles Wasser“; Célé, Var. Celès, 818 fluvio Celeris, 844 fluvium Celeris, 972 super alveum Sileris, 1456 aqua Sileris,  1470 Celé, enthält kurzes -i-120; 1153 focem de Selir, 1183 Selyr sicut intrat in mare, Flußname in Portugal (?), enthält kurzes -i-121. Der Stammesname der Silures (Plinius, Tacitus, Ptolemäus usw.)122 bleibt wohl fern.
Auffällig ist die bei diesen -r-Ableitungen die Kürze des Wurzelvokals. Sie ent-spricht aber vollkommen der indogermanischen Wortbildung und weist die Namen damit eher einer voreinzelsprachlichen Schicht zu.

An -s-Bildungen ist nur bekannt Silisia, Nfl. d. Meduna (z. Livenza), südlich von Ampezzo123.
Eine bisher unbeachtete - u -Bildung darf vermutet werden in Selwa, ON. bei Al-lenstein/Olsztyn, 1402-08 Silwen, auch Seename Silwa, heute Lemañskie Jezioro, 1402-08 Silwen, später Silben usw. Der ON. basiert auf einem preuß. Seenamen, die deutschen und polnischen Varianten Selwa weisen aber eher auf eine Grundform *Sil(u)v-ã mit dem Suffix -uw-124.

Neben diesen eher alteuropäischen Bildungen sind vor allem im germanischen und baltischen Bereich Namen belegt, die darauf verweisen, daß die zugrundeliegende Wurzel bis in die Ausbildung der einzelnen indogermanischen Dialekte produktiv ge-wesen ist. In aller Kürze nenne ich hier Sielbek, FlN. in Schleswig-Holstein, entspre-chende Bildungen finden sich auch in anderen Teilen Deutschlands; Silaaen (? Grenfjeldaaen) in Norwegen, und Silen, schwed. Seename, zu schwed. sîla „langsam strömen“ 125.
Problematisch sind Ortsnamen aus Deutschland wie Seel, Söhl, Sielen, Siliburin, Silihem, Silehurst, Silehusen, auch Silinga (via) bei Oudenburg (Westflandern)126. Es fällt schwer, bei allen an das Wasserwort sil- zu denken, bei einigen wird man aber kaum eine bessere Lösung finden, so wohl auch nicht bei den hochaltertümlichen ger-manischen Bildungen Sil-ithi in Sylda und Siele127.
Aus dem Baltischen gehören hierher Seil-iupis, Seilç, Seilinç128.

Die hier angesprochenen Namen finden eine sichere Erklärung in der Zuordnung zu der indogermanischen Wurzel *sil-/ *sîl-. Sie liegt u.a. vor in „ags. seoloþ ‘See’, anord. sîl  ‘ruhiger Flußabschnitt’, schwed. dial. sel „ruhig fließendenes Wasser in einem Fluß’, lit. seilé ‘Speichel, Geifer’“129. Wohl mit Recht betrachten J.U. Hubschmied und J. Pokorny „*sil-/*sîl-, *seil- als eine durch l determinierte Erweiterung der idg. Wz. *sei- : *soi- : *sêi- : *si-/*sî- ‘tröpfeln, rinnen, feucht’“130. Neben der Erweiterung mit -l- schließt A. Greule131mit Berechtigung an132: *sei- + -u- z.B. in got. saiws, dt. See  usw.133, *sei- + -r-  in balt. Namen, *sei- + -m- in ahd. seim, dt. Honig-seim usw., ablautend in aisl. simi „Meer“, mit GN. Simmer u.a., *sei- + -n- in verschiedenen Namen, so in Sejna, Simbs, Sena u.a.m., *sei- + -p-/-b- in etlichen indogermanischen Sprachen (s. J. Pokorny, IEW. 894); *sei- + -d(h)- in Sitter (s. Greule § 2.30); *sei- + kw in idg. *seikw- „ausgießen, seihen, rinnen“, auch in Seine, alt Sequana; *sei- + s in Sissle, s. Greule, § 2.29. Es gibt kaum Wortgruppen, die besser in den indoger-manischen Bestand eingefügt werden können.
Es bleibt nun nur noch die Frage, ob hier auch ein Ansatz *Sil-ing- angereiht wer-den kann. Wie oben ausführlich behandelt wurde, ist dieser für den linken Nebenfluß der Oder Œlêza wahrscheinlich zu machen. Es kann nun nicht ganz ausgeschlossen wer-den, daß hier auch der schwedische See- und Ortsname Silinge(n) hinzugestellt werden kann, allerdings wird man in diesem Fall eher an eine einzelsprachliche, germanische Bildung denken dürfen, denn sowohl Basis wie Suffix sind im Germanischen lange pro-duktiv gewesen. Bezeichnenderweise hat E. Hellquist bei der ausführlichen Behandlung der Seenamen Silinge (zwei Namen im Villattinge bzw. Oppunda hd., Södermanland, 1399 Silinge) z.T. eine Ableitung von einem ON. angenommen, aber auch an eine Ver-bindung zu derselben Basis wie bei den schwedischen Seenamen Silen, Sillen u.a. ge-dacht134. Dabei fällt an dieser Stelle bei Hellquist kein Hinweis auf den Namen Schlesien.

Es kann weiter auch nicht ganz ausgeschlossen werden, daß ein Ansatz Sil-ing-auch für einen Namen in Ostpreußen anzusetzen ist. Es geht dabei um den Seenamen Jezioro Szel¹g Wielki, dt. Schilling, bei Ostróda/Osterode, 1324 Schilling, 1327 an den sehe Schilling usw., dort auch Seename Szel¹g Ma³y, 1477 clein Schilling genant usw.135, auch ON. Szel¹gowo, dt. Schillings, 1340-48 ad villam ... Schilingam usw.136, den M. Biolik als preußischen Namen zu einer Grundform * Sîlings auffaßt und mit lit. šìlas „Heide, Wald“ verbindet. Andere Deutungsmöglichkeiten können bei R. Przybytek (s. Anm. 135) eingesehen werden.
Zwar bleiben sowohl die schwedischen wie die ostpreußischen Beispiele unsicher, kein Zweifel kann jedoch darin bestehen, daß die schlesische Œlêza auf *Sil-ing-ia zu-rückgeführt werden kann und ein Anschluß die oben genannte „Wasserwurzel“ *sil- die größte Wahrscheinlichkeit für sich hat. Allerdings verlangt die Wortbildung des Namens noch einen kurzen Kommentar.
In H. Krahes Konzeption der alteuropäischen Hydronymie war für das Suffix -(i)ng- noch kein Platz. Gerade Osteuropa bietet dazu aber wichtiges Material. Vor allem im Baltischen ist es als hydronymisches Bildungselement sehr beliebt, man ver-gleiche die Angaben bei G. Gerullis137, F. Daubaras138, A. Vanagas139 und Udolph, Stellung 322. Aber auch außerhalb des sicher baltischen Sprachgebietes gibt es wich-tige Zeugen in der Hydronymie. Ich nenne abschließend in aller Kürze: *Leut-ing-iã > Luci¹¿a/Luci¹¿na, *Lût-ing-ios  > Lautensee, *L(o)up-ing-iã > £upiê¿a, Lupenze, Stollensen, Tollense, Strwi¹¿ sowie aus Deutschland Mömling/Mümling < *Nemaninga140.

Hier kann der schlesische Flußname Œlêza < *Sil-ing-ia mühelos angeschlossen werden. Er läßt sich somit von der Wurzel her gut in die alteuropäische Hydronymie einpassen, während sein Suffix auf eine engere Verbindung zur osteuropäischen Na-mengebung weist, was angesichts seiner Lage nur zu begreiflich ist.
Die Frage, ob der Name Schlesien slavischer oder germanischer Herkunft ist, löst sich m.E. dahingehend auf, daß keine der beiden Vorschläge akzeptiert werden kann. Der zugrundeliegende Flußname Œlêza entstand vor der Herausbildung der beiden gro-ßen indogermanischen Dialektgruppen. Er ist weder germanischer noch slavischer Her-kunft, sondern gehört der alteuropäischen Hydronymie an.
Eine letzte Bemerkung soll der Streuung der mit Œlêza < *Sil-ing-ia verwandten voreinzelsprachlichen Namen gewidmet sein. Neben Häufungen in Frankreich ließen sich vor allem in Norditalien verwandte Hydronyme nachweisen. Dieses deckt sich recht gut mit denjenigen Ergebnissen, die bei der Untersuchung der alteuropäischen Bestandteile Polens und deren Beziehungen zu anderen Gebieten Europas erzielt wer-den konnten141: man denke an das Nebeneinander von Cybina - Tiber, E³k/Lyck - Livenza, Ner/Nurzec - Nure, Noteæ - Natisone/Natissa, Oder - Adria, Sto³a - Stiluppe, Stilums und an die Liste von Übereinstimmungen zwischen dem Baltikum und der Adria142, die gelegentlich im polnischen Sprachgebiet Stützen in Gewässer- und Ortsnamen finden. Diese und andere Gemeinsamkeiten wie etwa Ma³apanew - lat. pandus143 sowie die Verbindungen zwischen dem Ortsnamen Wien und polnischem Material144 passen bestens zu der hier ermittelten Verflechtung zwischen der Œlêza und den norditalienischen Flußnamen Sila < *Sîla; Sile, alt  Silis, Sile; Sillaro; Sîlis/Sîlarus und Silisia. Auch in diesem Punkt läßt sich somit der Flußname Œlêza (und damit der meines Erachtens davon abgeleitete Name Schlesien145) bestens in die (alt)europäi-sche Namenlandschaft einbetten.