Der Flußname Peene

In die Liste der „sicher vorslavischen Gewässernamen zwischen Ostsee und Erzgebirge“ hatte E. Eichler  den Namen der Peene nicht aufgenommen. Zurecht hatte er aber betont, daß seine Aufstellung vorläufigen Charakter besitze und ergänzungsfähig sei.

Die folgenden Ausführungen versuchen, das Etikett „vorslavisch“ (in unserem Fall vielleicht besser: „voreinzelsprachlich“) auf die Peene auszudehnen. Daß die Gewässernamen im deutsch-slavischen oder - historisch betrachtet - im germanisch-slavischen Kontaktgebiet (und somit auch im Einzugsbereich der Peene) verschiedenen Schichten angehören, ist eine heute wohl allgemein anerkannte These und wir verdanken unser Wissen nicht zuletzt auch den Untersuchungen von Ernst Eichler. Dabei stehen wir zwischen Elbe und Oder aber vor einem beson¬deren Problem: bevor ein Flußname in die Liste der voreinzelsprachlichen oder alteuropäischen Bildungen aufgenommen werden kann, ist eine doppelte Prüfung notwendig: erst wenn einigermaßen gesichert werden kann, daß er weder aus dem Slavischen noch aus dem Germanischen oder Deutschen erklärt werden kann, ist die Aufnahme gerechtfertigt. Die Diskussion eines Flußnamens in diesem Gebiet schließt somit die Frage ein, ob es in die¬sem Relikte gibt, die auf eine germanische Besiedlung vor der slavischen Einwanderung schließen lassen.

Die hier angeschnittene Problematikspielt auch und gerade im Fall des Flußnamens Peene keine kleine Rolle.

Um den Namen dieses über 100 km langen Flusses hat sich vor allem G. Schlimpert bemüht. Ich werde darauf noch näher eingehen. Zuvor ist es jedoch nötig, eine möglichst umfassende Zusammenstellung der historischen Überlieferung des Namens vorzulegen. Bei der Durch¬sicht der bisherigen Deutungsvorschläge habe ich nämlich feststellen müssen, daß manche Etymologen nicht die notwendige Materialbasis besaßen oder aber einzelne Belege willkür¬lich für ihre Deutungen ausgewählt haben.

Die Basis meiner Überlegungen bietet die nun folgende Auflistung der historischen Belege. Mir sind bekannt geworden:

786 (Fälschung 12.Jh.) ubi Pene fluvius ; zum Jahr 789 usque ad Pana fluvium ; (912-13) (Fälschung 12.Jh.) a flumine Pene ; 920 (Fälschung 12.Jh.) a flumine Pene ; 946 (Fälschung 12.Jh.) qui dicitur Pene ; 989 a flumine Pene ; 1047 ad fluvium Pene ; 1053 a flumine Pene ; 1055 (Fälschung?) a flumine Pene ; 1059 (Fälschung 11./12.Jh.) a flumine pene ; um 1075 (Adam v. Bremen) usque Penem fluvium; flumen Panis, Variante: paruus; ad Panem fluvium; In ostio Peanis; ad Panim fluvium ; 1136 (Fälschung 12.Jh.) ad flumen Penum; 1150 qui dici¬tur Pene ; um 1150 ab oriente Pene fluvio; in hostio Peanis fluvii ; 1153 (Abschrift) in ripa Pene ; 1158 ad fluvium Pene ; 1159  
(Abschrift) ad fluvium Pene ; um 1170 flumen Panis; ad flumen Panim; ad Penem fluvium; ad Penem fluvium; Penis fluvius; citra Panim; ad Penem fluvium; ad flumen Penem ; 1171 (Fälschung 12.Jh.) ad Penum; 1173 ab ipsa Pena; 1174 in Pena ; 1178 (Abschrift 14.Jh.) et Penem fluvium; ab hostium Pene; 1179 (Abschrift 15.Jh.) qui dicitur Pene ; 1186 ad Penum fluvium ; 1189 (Abschrift 16.Jh.) ad Penum flu¬vium; 1197 (Fälschung 12.Jh.) ad Penum fluvium; Penum fluvium ; um 1200 ad Penum flu¬vium; soliti Peni fluminis; et pyratis Peni fluminis ostia; Penensi vicelicet et Zwynensi; per Penum amnem; Penus amnis; profundiora Peni amnis loca; in proximum Peno amni ; 1215 que vocatur Pena; 1219 in Pena ; 1226 in ipsam Penam; 1228 que Pena dicitur ; 1229 in Pana ; 12(2)9 (Abschrift 13.Jh.) que Pena vocatur ; 1236 per descensum Pene fluuii; 1236 per descensum Pene; 1242 qui Pena dicitur ; 1243 (Fälschung) a capite Pene ... fluvii Pene; 1244 (Fälschung 14.Jh.) que vulga¬riter Pene dicitur ; (1245) in capite Pene ; 1247 in P[e]na (Variante: Pyna) dicitur ; 1248 in Pena ;  

1255 in stagno Penitz ... in Pena; 1256 in der Pene ; 1257 an der Pene; 1266 in prima parte Pene fluuii ; 1267 super Penam; que wlgariter dicitur Pene; totam Penam ; 1277 in Penam ; 1281 extra Penam, 1285 per Penam ; 1286 (Abschrift 16.Jh.) per Penam, 1287 fluvii Pene ; (um 1290) que Pena dicitur ; 1292 in prima parte Pene, 1292 (Abschrift 16.Jh.) per Penam, 1294 supra Penam, 1295 qui vocatur Pena ; 1296 fluuium Penam, 1296 suluen vlete Pena, 1298 des vlethes der Pene ; 1300 in flumine qui dicta Pena, 1307 ouer de Pene, 1310 iuxta fluuium Pena, 1312 qui dicitur Pena ; 1312 Pena; ultra Penam; 1313 super Zwinam et Penam ; 1314 que Pena vocatur, 1315 in prima parte Pene ; 1317 per Penam ; 1318 inden Pene [sic!] ; 1319 infra Penam ; 1320 in de Pene unde de Pene up; et Penam ; 1321 infra Penam ; 1321 binnen der Pene unde der Zwine; 1325 infra Swinam et Penam ; 1328 infra Swinam et Penam, 1333 in Pena, 1334 in prima parte fluuii Pene, 1340 fluminis dicti Pena ; 1404 versus Penam,  

1411 to der Pene, 1412 uppe de Pene, upp der Pene, by der Pene ; um 1450 Pene, Pene ; 1517 flumen Panis, quam Penam nunc appellant; Circipani cis Panim, id est intra Panim, quasi circiter Panim; ultra Panim; Transmisso Pani fluvio; ad Penam fluvium ... est autem Pena sive Penis fluvius; inter Oderam et Panim habitantes; ultra Panim sunt; ad Penem fluvium; circa Panim; ad Panim fluvium; prope Penam; in ripa Pene .

Die Belege für den Stammesnamen der Zirzipanen, einer Ableitung von dem Namen des Flusses, habe ich beiseite gelassen. Sie finden sich z.B. bei Schlimpert 1990:314 und Schall 1962:57f.

Der Flußname steht schon lange im Zentrum der Diskussion. Dabei hat man immer wieder an einen Zusammenhang mit slavisch pena „Schaum“ gedacht. Schon bei F. Kohls 1930:53f. heißt es: „Die Peene ist ein in slavischen Gebieten häufig wiederkehrender Flußname. Bei Pinsk fließt die Pina, bei Saratow die Piana; die Wolga kommt aus einem See namens Pena. Der Borgwallsee im Nachbarkreise Franzburg wird auch als stagnum Penin bezeichnet“. Für R. Olesch 1938:275 war diese Deutung „eindeutig und bekannt“.

Dieser Meinung schloß sich auch Witkowski 1970:566 an. Unter Ablehnung der These von H. Schall (die uns noch beschäfigen wird) schrieb er: „seit 786 ist dieser Name in zahlreichen Belegen als Peanis, Panis, Penis (so meist) u.ä. belegt. Es besteht keine Schwierigkeit, diesen Namen zu einem altpolabischen Appellativum *pìna (so auch urslavisch) 'Schaum' zu stellen. In diesem Sinne hat auch Trautmann den Namen gedeutet“. In die gleiche Richtung geht eine Bemerkung von W. Kaestner, der in  

meiner Untersuchung über die slavischen Gewässerna¬men  das „gemeinslavische Appellativ pena 'Schaum; schäu¬mendes Wasser'„ vermißte, „das vielen Namen zugrunde liege, so etwa dem GN Peene“ .

Diese auf den ersten Blick so überzeugende Deutung wurde jedoch gerade in letzter Zeit ei¬ner Prüfung unterzogen: „Die Etymologie des Namens der Peene aus slawisch pena 'Schaum' zweifelte Z. Stieber an, indem er darauf hinwies, 'daß dieser Fluß ... ungewöhnlich langsam fließt und ... von Schaum ... nicht die Rede sein kann“, hat G. Schlimpert  referiert.

Es ist dieses ein Einwand, der nicht so einfach zur Seite geschoben werden kann. In der Tat zeigen Beschreibungen des Flusses, daß es sich bei der Peene um ein typisches Flachlandge¬wässer handelt, dessen Strömung alles andere als schnell oder reißend - auch nicht nach star¬ken Niederschlägen - bezeichnet werden kann.

Auch H. Schall hatte gewisse Zweifel an der Verbindung mit dem slavischen Wort. Allerdings beruhten seine auf einer recht willkürlichen Auswahl an historischen Belegen. Es heißt bei ihm: „Der Name des Flusses selbst lautet - in ältesten Chroniken -, nicht genau datierbar: Peanis fluvius; Leutici cis Panim flumen; Circipani usque ad Panem fluvium (bei Adam von Bremen); Panis, Penis (bei Helmold, der Adam benutzt hat). In Urkunden heißt es: 1053 Pene flumen, 1281 Pena usw.“ . Schall glaubte, daß diese Belege noch eine baltische Lautung wi¬derspiegeln würden. Seine Belegauswahl ist aber willkürlich und entspricht nicht der tatsäch¬lichen Überlieferung.

Wie die Zusammenstellung des Materials zeigt, findet sich die Variante mit -ea- nur bei Adam von Bremen und bei Annalista Saxo (der natürlich auf Adam fußt).


Die -a-Formen Pa¬nis usw. erscheinen in den Annales Laureshamenses, bei Adam von Bremen, bei Helmold von Bosau und in Bugenhagens Pomerania. Es ist ganz offensichtlich, daß alle auf Adam von Bremen basieren, dessen Aufzeichnungen zwar eine wichtige Quelle darstellen, die aber an¬gesichts der zahlreichen Belege des Pommerschen und Mecklenburgischen Urkundenbuchs, die den Namen ausschließlich mit -e- überliefern (einzige Ausnahme: 1229 in Pana, Mecklen¬burgisches Urkundenbuch, Bd. I, S. 358), dennoch nicht als alleiniges Zeugnis betrachtet wer¬den dürfen. Die Schreibungen mit -e- überwiegen, baltischer Einfluß ist - zumindestens in der Lautung - nicht zu sehen und die Verbindung mit slavisch pena bleibt vorerst als Möglichkeit bestehen. Die Belege mit  a- sind auch von S. Urbanczyk  zu Unrecht bevorzugt worden.

Was die Verbindung mit dem slavischen Schaumwort angeht, so kann mit G. Schlimpert „kein Zweifel bestehen, daß slaw. *pena in GewN und ON enthalten ist“ . Er erwähnt in diesem Zusammenhang unter Hinweis auf F. Bezlaj 1960, S. 80f. slovenische FlußN wie Penca, den slovakischen GewN Pena und russische Verwandte wie Penna, Penka, Pena. Ich habe selbst auch keine Bedenken, in diesem Sinne anzuschließen: 1. Pennin bei Stralsund, 1242 Pennin usw. (am Ufer brechende Wellen) ; 2. Pen(j)a, Pen(j)avica, Penjušica, FlußN im Vardarge¬biet ; 3. Pinyn, FlußN in der Karpato-Ukraine ; 4. Pynjanka, Nebenfluß des Dnjepr . Zweifel hatte aber schon O.N. Trubaèev 1968:201 an dieser einfachen Deutung und zog für den ostslavischen FlußN Penejka eine Verbindung mit baltischem Material um altpreußisch Pene, Penen, Penithen vor.

Die slavische Deutung der slovenischen und karpato-ukraischen Namen ist angesichts ihrer Lage in gebirgigen Gebieten allerdings kaum strittig. Es fällt dabei aber auf, daß es sich  

dabei fast ausschießlich um abgeleitete Namen handelt; die einfache Bildung zu slavisch pìna „Schaum“ scheint zu fehlen. Nimmt man alles zusammen, so sind beträchtliche Zweifel an der lange Zeit für sicher gehaltenen slavischen Herkunft des Namens der Peene aufgetaucht.

Gegen einen anderen Versuch von M. Rudnicki, eine Verbindung mit slavisch pienka (zu pol¬nisch pieð „Baumstamm“) herzustellen, wandte sich M. Vasmer 1971:II, S. 662, „da die Über¬lieferung dem widerspreche, ohne sich allerdings selbst näher zu äußern“ .

Die hier in Kürze geschilderte Forschungsgeschichte führte G. Schlimpert zu einem neuen Versuch der Deutung. Ausgehend von einer Namenvariante für das Havelländische Luch, die im 17.Jh. zweimal als Langer Peen moor bzw.


Langer Peen Moer erscheint und die nach seiner Ansicht an den Namen der Peene erinnert, sowie unter Bezug auf die -a-Varianten des Peene-Namens stellte er eine Verbindung zu dem im Germanischen weit verbreiteten Appellativum fenn her, das auf *panja zurückgeführt werden kann und eine alte Bezeichung für „Sumpf, Moor“, aber auch für „tiefliegendes Grasland“ ist. Schon im Gotischen liegt es als fani „Schlamm“ vor . Da im Namen der Peene langes -e- vorliege, stellte G. Schlimpert ihn zu ei¬nem Ansatz *pen-, *pen-ko-; dann hätten Slaven eine germische Form *Fana oder *Fena o.ä. vorgefunden, die slavisiert *Pan- oder *Pen- ergeben hätte, „wobei mit Eindeutung von slav. pìna durchaus gerechnet werden könnte“ .

Aus semantischer Sicht ist gegen diese Etymologie nichts einzuwenden. Das germanische Ap¬pellativum ist bestens bekannt und diente in weiten Teilen Norddeutschlands, der Nieder¬lande, Belgiens, Nordfrankreichs und Englands (kaum dagegen in Skandinavien) zur Benen¬nung von Sümpfen, Mooren, Gewässern, Kanälen u.a.m. . So kann hier auch das von G. Schlimpert herangezogene Lange Peen Moor angeschlossen werden. In diesem Zusammen¬hang ist auf eine Auseinandersetzung zwischen H. Kuhn und H. Wesche zu verweisen, die G. Schlimpert nicht aufgegriffen hatte.

In der Besprechung des Beitrages von H. Kuhn über die Aussagekraft der Sprachwissenschaft zur Frage von Völkern und Sprachen zwischen Germanen und Kelten  hat H. Wesche  den Versuch unternommen, zahlreiche Flurnamen aus dem Gebiet zwischen Ems und Elbe auf idg. *pan- „Sumpf, Moor“ zurückzuführen, obwohl sie im Anlaut keine Spur der germanischen Lautverschiebung zeigen. Darunter befinden sich Beispiele wie Pennberg, Penbusch, Penkuhle, Penn(en)moor, Pensiek, Pinkenborn, Panstedt, Punnewiese, die zweifellos in Verbindung zu dem von G. Schlimpert herangezogenen Material gesetzt werden können. Ich möchte in die¬sem Punkt jedoch H. Kuhns Antwort  folgen, der mit Recht darauf verwiesen hat, daß „die meisten der Flurnamen ... mit voller Sicherheit von keiner vorgermanischen Herkunft“ zeu¬gen und einer viel jüngeren Sprachschicht angehören. Diese mit P- anlautenden Namen in Nie¬dersachsen bleiben bei der Frage nach unverschobenen Relikten, worauf auch G. Schlim¬pert reflektiert hatte, besser fern. So hatte er auf den früh bezeugten flandrischen FlußN Pena verwiesen, weiter unter Bezug auf H. Kuhn auf Pente bei Osnabrück und Pannerden bei Arn¬hem. Es handelt sich um verwickelte Fragen und Probleme, die aber für den Namen der Peene nicht relevant sind und hier nur am Rand behandelt werden sollen.

Die semantisch durchaus überzeugende Verbindung mit germanisch fenn < *pania überzeugt nämlich lautlich nicht.
 
Der Stammvokal ist eindeutig als -a- anzusetzen (dafür sprechen auch die verwandten Appellativa und Namen wie altpreußisch pannean „Moosbruch“ und Panno¬nien) und müßte bei Übernahme in das Slavische als -o-, unter Umständen auch als -a- (wofür es Beispiele gibt), erscheinen. Der Name der Peene weist jedoch mit seiner Überlieferung wie der heutigen Lautung auf altes -ì-. Hinzu kommt der umstrittene Anlaut, der nach G. Schlim¬pert im Namen der ebenfalls hierher zu stellenden Finow (zu der ich an anderem Ort Stellung nehmen werde) verschoben sein soll, bei der Peene jedoch nicht.

Da man auch H. Kunstmanns Vorschlag einer Verbindung mit einem nordgriechisch-make¬donischen Stammesnamen mit G. Schlimpert mit Recht als „abenteuerlich“ bezeichnen muß , blieb der Name der Peene meines Erachtens bis heute ungeklärt.

Es gibt aber eine Lösungsmöglichkeit, die verschiedentlich schon erwogen wurde, jedoch nicht bis zur letzten Konsequenz durchdacht worden ist. Ein Ansatz mit slavisch *-ì- führt zu einer Vorform *Poina. Wenn man mit dem Namen der Peene immer wieder den des Pripjet'-Zuflusses Pina und den davon abgeleiteten Ortsnamen Pinsk verglichen hat , deren alten Belege eindeutig auf einen Ansatz *Pîna weisen (und nicht aus slavisch pìna „Schaum“ erklärt werden können), so ist dieser Vergleich nur zu halten, wenn man eine aus voreinzelsprachli¬cher Zeit stammende Ablautvariante *poin-, *pîn- wahrscheinlich macht. Dieser Weg wurde von verschiedenen Forschern bereits beschritten (so von M. Vasmer, K. Moszyñski 1957:179 , S. Rospond 1972:23 , V.N. Toporov, O.N. Trubaèev und anderen), jedoch ist er nicht konsequent genug verfolgt worden. Zudem hat man sich zu sehr von slavischem und baltischen Material leiten lassen. Es kann  

aber gar keinen Zweifel daran geben, daß es au¬ßerhalb dieser beiden Sprachgruppen wichtige Parallelen im Namenbereich gibt.

Hier ist weniger der schon erwähnte, aber in seiner Zuordnung unsichere Flußname Pene in Westflandern zu nennen, als vielmehr Material vom Balkan und aus Osteuropa. So deutet Detschew 1957:369 den bereits bei Ptolemäus erwähnten Siedlungsnamen Pínon in Dakien als „feuchten Ort“ und stellt ihn zur Wurzel *poi-, pî- „von Feuchtigkeit strotzen“ in altindisch pá yas „Saft, Wasser, Milch“.

Ganz ähnlich verbindet A. Mayer 1959:85 den bei Herodot erwähnten Stammesnamen der Paiones mit griechisch póa, poía „Gras, Wiese“, litauisch píeva „Wiese“, altindisch pîv-an- „fett“, deutsch fett, feist, stellt diese zu der indogermanischen Wurzel *poi-, *pî- „von Saft strotzen“ und setzt mit Recht verschiedene, mit Konsonanten erweiterte Stämme an. Darunter nennt er auch als n-Bildung aind. pîná- „fett, feist, dick“, wozu illyrische Personennamen gehören wer¬den. In diesen Zusammenhang dürfte auch griechisch pínos „Schmutz“ zu stellen sein, das bislang nicht sicher erklärt werden konnte , womit z.B. ein in Illyrien genannter Flußname Pinus, Anf. 11.Jh. (Landolfus Sagax) venisset Ylliricum, omnia subvertebat et transiens Thessa¬liam ha¬bita congressione circa fluvium Pinum apud Nicopolim Epyri ...  mühelos verglichen werden kann.

Wertvolles Material vor allem aus Osteuropa (aber auch aus Frankreich und Italien) hat I. Željeznjak 110ff. - allerdings unter der fälschlich von O.N. Trubaèev übernommenen Über¬schrift „Illyrische Namen“ - zusammengestellt, wobei allerdings vom indogermanistischem Standpunkt teilweise eine unzulässige Vermischung der pan- und pei-n-/pi-n-Varianten erfolgt ist.

Wir können nun zum Namen der Peene zurückkehren. Die hier vorgeschlagene Deutung be¬sitzt meines Erachtens eine Reihe von Vorzügen:
 
1. Der Vergleich mit den weißrussischen und balkanischen Flußnamen reißt die Peene aus ih¬rer Isolierung und erlaubt ihre Einreihung in die alteuropäische Hydronymie.
2. Es liegt eine Ableitung von einer Wurzel - nicht von einem Wort - vor und damit fällt der Vergleich mit slavisch pìna „Schaum“.
3. Eine -n-Ableitung zur indogermanischen Wurzel *poi-/*pi- ist appellativisch im Griechi¬schen und Altindischen bezeugt. Auch die dazu gehörenden Hydronymie sind bevorzugt (aber nicht ausschließlich) im osteuropäischen Raum zu belegen.
4. Illyrische Herkunft für die Pina samt Pinsk und für andere osteuropäische Gewässernamen ist abzulehnen.
5. Es darf nicht übersehen werden, daß auch noch andere Erweiterungen der Wurzel *poi-, *pi-, so zum Beispiel die -u-Bildungen des Griechischen, Altindischen und Baltischen und vor allem die -d-Ableitungen in griech. pidax „Quelle“ und in altisländisch fit „niedrige Wiese am Wasser, Wiesenland“ toponymisch und hydronymisch ihre Spuren (z.B. in dem polnischen Flußnamen Pisa ) hinterlassen haben.
6. Die Peene ist somit weder germanischen noch slavischen Ursprungs, sondern trägt einen voreinzelsprachlichen, alteuropäischen Namen .


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