Der Flußname Finow

Jürgen Udolph: Der Flußname Finow

(Namenkundliche Informationen, Beiheft 18, Leipzig 1995, S. 191-196)

Die Ortsnamen Hohen- und Niederfinow gehören zusammen mit dem offenbar namengebenden Flußnamen Finow zu den umstrittenen des Gebietes nördlich von Berlin. Man hat in ihm slavischen Urspung gesucht, aber auch angenommen, daß er auf germanische Namengebung zurückgeht. In letzter Zeit wurde vor allem Zeit seine Beziehung zu dem Flußnamen Peene diskutiert. Dabei stand vor allem der Anlaut zur Debatte: sollte etwa von unterschiedlicher Germanisierung des *P- auszugehen sein? Im Fall der Finow wäre dann mit früher, vollzogenener Lautverschiebung, bei der Peene dagegen mit später und damit unterbliebener Germanisierung zu rechnen. Gelänge es, eine Differenzierung wahrscheinlich zu machen, so hätte dieses Auswirkungen für die Frage, wann die Germanisierung des brandenburgischen und vorpommerschen Raumes erfolgt sein könnte.

Die Deutung eines Namens muß - wie bekannt - auf einer ausreichend dokumentierten Auswahl der historischen Belege basieren. Im Fall unseres Namens ist die Ausbeute nicht sehr groß. Da aber sowohl bei den Orts- wie dem Flußnamen kaum Schwankungen zu beobachten sind, kann die Deutung von einer relativ sicheren Grundlage aus erfolgen. Zudem ist man sich einig, daß der Name Finow ursprünglich dem linken Zufluß der Oder zukam und daß die Ortsnamen Hohenfinow und Niederfinow davon abgeleitetet sind. Seit Beginn der Überlieferung gibt es in der Schreibung des Flußnamens und der beiden Ortsnamen östlich von Eberswalde kaum Differenzen, so daß die drei Namen gemeinsam betrachtet werden können.

Der Ortsname Hohenfinow ist nach G. Schlimpert1 wie folgt überliefert: 1258 vie Vinowe, 1334 in opidis tam superiori quam in­feriori

1 G. S c h l i m p e r t, Die Ortsnamen des Barnim, Weimar 1984, S. 135.

Vynowe, 1375 Vino alta, Vynow, Wynow, Vinow, 1314 czu Hogenwinow, 1449 (A.) zcur hoen fynow, 1450 Hoghenwino, 1450 Hogenfino, 1527 Alta Fynow, 1624 Hohen Finow, 1861Hohen-Finow. Für Nieder-Finow habe ich gefunden: 1267Vinavie inferioris, 1300 Vinow 2, 1308 Vinow 3.

An historischen Belegen für die Finow selbst, den linken Zufluß der Oder nordöstlich von Berlin, sind mir bekannt geworden: 1294 aquam ... Vino 4 1300 in flu­vium Vinou5,1304 aque vinoue 6, 1315 fluuium Vinowe 7, (1415) uff die Vynaw ..., uff die

Vynaw 8. Daß man von dem Flußnamen auszugehen hat, ist sehr wahrscheinlich. W. Hammers zweifelnde Vermutung (a.a.O.), ob an einen Zusammenhang mit slavisch vino „Wein“ zu denken sei, kön­nen wir mit G. Schlimpert getrost übergehen. Dieser hat sich in mehreren Beiträgen mit dem Namen beschäfigt9.

G. Schlimperts Überlegungen sind die folgen­den: da der Name aus dem Slavischen nicht erklärbar ist (ein Zusammenhang mit slav. vino „Wein“ sei - wir schon gesagt - mit Sicherheit auszuschließen) , müsse am ehesten von einer mittelnieder­deutschen Grundform *Fino(u)we ausgegangen werden, in der neben dem Grundwort o(u)we „Au, Land am Wasser“ ein Be­stimmungswort *Fin- vorliege. Dieses sei sicherlich vorslavischer, konkreter: germanischer Her­kunft, und man könne am ehesten eine Verbindung zu der indogermanischen Wurzel *pen- „Schlamm, Sumpf; Wasser, feucht“ herstellen. Hierzu gehören nach G. Schlimpert altisländisch fen „Sumpf, Morast“, altsächsisch feni „Sumpf“, mittelnie­derdeutsch venne „moorige Weide“, sowie ablautend angelsächisch fyne „Feuchtigkeit“. Schlimpert verglich weiter den Ortsnamen Vinsebeck bei Höxter, 11.Jh. Vinesbiki, den Gewässernamen Fehne bei Olden­burg i.O., 8.Jh. Finola, schließlich auch den Sumpfnamen Fiener bei Brandenburg, 1178 silva, que Vinre dicitur, 1009 Uinár, und anderes mehr.

Diese Deutung ist einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Entscheidend ist dabei, daß der Wurzelvo­kal der herangezogenen germanischen Sippe zunächst eindeutig -a- gewesen ist. Das geht nicht zuletzt aus dem - von G. Schlimpert nicht berücksichtigen, aber sehr wichtigen - Beitrag von D. Hof­mann, Zur Entwicklung von germ. *fanja „Sumpf, Moor“ im niederdeutsch-niederländisch-friesischen Nordwesten, Niederdeutsches Wort 10(1970)95-108, hervor. Zwar versuchte G. Schlim­pert, seine These mit dem Hinweis auf die angelsächsische Ablautvariante fyne zu retten, aber dessen -i- ist sicher ebenso sekundär entstanden wie in den von ihm herangezogenen Namen Vinsebeck, Finer und anderen.

2 G. S c h l i m p e r t, Internationaler Kongreß für Slawische Archäologie II,2, Berlin 1970, S. 475.
3 W. H a m m e r, Ortsnamen der Provinz Brandenburg, Teil 2 (Schulprogramm Städt. Realschule Berlin), Berlin 1895, S. 4.
4 A.F. R i e d e l, Codex diplomaticus Brandenburgensis, Reihe A, Bd. 12, S. 283; G. S c h l i m p e r t, in: Studia Onomastica, Festskrift till Th. Andersson, Stockholm 1989, S. 350.
5 G. S c h l i m p e r t, in: Internationaler Kongreß f. Slav. Archäologie II,2, S. 475.
6 A.F. R i e d e l, op.cit. Bd. 3, S. 230; G. S c h l i m p e r t, Ortsnamen Barnim, S. 135.
7 A.F. R i e d e l, op.cit., Bd. 12, S. 208; G. S c h l i m p e r t, Ortsnamen Barnim, S. 135.
8 Hansisches Urkundenbuch, Bd. 6, S. 30.
9 In: Internationaler Kongreß für Slawische Archäologie II,2, Berlin 1970, S. 475f.; Die Ortsnamen des Barnim, Weimar 1984, S. 135; in: Studia Onomastica, Fs. f. Th. Andersson, S. 349f.



Das hier angesprochene germanischen Sumpfwort habe ich unlängst sehr ausführlich einschließlich einer umfassenden Kartierung behandelt10 und möchte daraus nur einige wenige Punkte herausgreifen. Ausgehend von got. fani „Schlamm“ geht man zumeist von *fanja aus, wobei aber Stammbildung und Genus wechseln innerhalb der germanischen Sprachen (auch in der historischen Entwicklung einzelner Dialekte), an der Altertümlichkeit des Appellativums kann aber kein Zweifel bestehen. Dafür sprechen sowohl Ablauterscheinungen innerhalb des Germanischen wie außergermanische Entsprechungen.

Außerhalb des Gotischen liegt es in altsächsisch fen(n)i, mittelniederdeutsch venne mit der Bedeutung „mit Gras oder Röhricht bewachsenes Sumpf-, Moorland, sumpfiges Weideland“, „sumpfiges, mooriges Land, niedriges Weideland“, vor, setzt sich in norddeutschen Mundarten fort als fenne „von Gräben umgebenes Flurstück; Koppel“, fenn „durch breite Gräben eingefriedetes Landstück in der Marsch“ fort. Das Friesische kennt es seit ältester Zeit als fen(n)e „Sumpf, Weideland“, vgl. weiter ostfriesisch fenne, fenn „niedriges Weideland mit moorigem Untergrund“, fenlond „Sumpfland“, niederländisch ven, veen „Moorkolonie, Torfgräberei“, worauf ostfriesisch fên (fân) getreten ist. Zum Niederländischen vergleiche man D.P. Blok, Ven(ne) in Holland11. Von besonderer Bedeutung sind die englischen Parallelen. Das betrifft weniger die neuenglischen appellativischen Entsprechungen fen, ven, fan, van „Fenn, Moor, Marsch“ und altenglisch fenn, fænn, als die Tatsache, daß dieser germanische Dialekt eine - schon erwähnte - ablautende Variante in altenglisch fyne „Feuchtigkeit, Morast“ zu kennen scheint. Das Nordgermanische schließlich kennt unser Wort als norwegisch fen „Moor“, neuisländisch fen „dass.“, dän. fen „Stück Marschland, das von Gräben eingeschlossen ist“, auch schon altnordisch fen.

Die erwähnte Untersuchung von D. Hofmann macht in Verbindung mit den sicheren außergermanischen Parallelen wie altpreußisch pannean „Moosbruch“, das auch toponymisch erscheint, und altindisch panka- „Schlamm, Kot, Sumpf“ sowie dem wichtigen Vergleichsnamen Pannonien mehr als deutlich, daß von einer Wurzel *pen-/*pon- auszugehen ist. Auch die mutmaßliche Verwandschaft mit althochdeutsch fûht(i), altsächsisch fûht, mittelhochdeutsch viuhte, neuhochdeutsch feucht und erneut altenglisch fûht „feucht“ macht diese Etymologie wahrscheinlich.

Auf die Verbreitung der Namen etc. gehe ich hier jetzt nicht näher ein, siehe dazu die in Anmerkung 10 genannte Untersuchung mit Karte 31 (S. 315). Nur eine Bemerkung zu den Namen mit dem Vokalismus Fien-, (Fiens-, Fienen- usw.) sei hier angeführt. Sie sind nach D. Hofmann, a.a.O. 99, nicht immer zu fenn zu stellen. Meine Überprüfung ergab aber, daß etliche norddeutsche Orts-, Flur- und Gewässernamen

10 J. U d o l p h, Namenkundliche Studien zum Germanenproblem, Berlin-New York 1994, S. 300-318.
11 In: Studia Frisica in memoriam Prof. Dr. K. Fokkema 1898-1967 scripta, Grins 1969, S. 44-47.



hier angeschlossen werden können, so z.B. Fienbostel, Flurname bei Klein Eicklingen; Fienen, Flurname bei Winsen/Luhe; Fienenbusch, Flurname bei Bergen, 1666 Fienenbusch; Venbosch bei Desselghem, 1570 venbosch; Fiensbrock, auch Venusbruch, Flurname bei Sülze, 1587 Fiensbrauk, 1664 Fiensbruch. Hierher gehören wahrscheinlich auch Vienenburg bei Bad Harzburg, 1306 Datum Vineburch, 1315 in Vineborch usw., sowie sicher Vienenkamp im Kr. Detmold und Vienkamp, Vienteich, 1609 in Detmold. Weiterhin können hier genannt werden 1384 in der Vininge, Höhenzug bei Wülfingen, sowie Vienenbach, Gewässername mit ON. Viningeburg bei Lüneburg. Schon früh begegnet der - bereits genannte - Name des Fiener Bruchs bei Genthin in den Quellen, 1178 in palustri silva, que Vinre dicitur; schwer zu lokalisieren ist 1180 pagus Vinne; man vergleiche weiter Vinnbusch bei Moers, 10. Jh. in Fenniloa.

Bei allen diesen Beispielen ist aber von einem sekundären -i- auszugehen. An dem Zusammenhang mit germanisch *fanja besteht zudem für die überwiegende Zahl der genannten Namen kein Zweifel.

Damit wird schon aus diesen Überlegungen heraus G. Schlimperts Annahme, der Name der Finow sei an germanisch *fanja anzuschließen, kaum zu halten sein. Es kommt aber ein weiteres Problem hinzu.

Wenn man von einem anlautenden F- auszugehen bereit ist, so hätte sich dieses nach Übernahme in slavischen Mund eigentlich (man vergleiche den Namen der Peene12) als P- erscheinen müßte. Dieses hatte G. Schlimpert selbst erkannt und an die Möglichkeit von „nichtslawisierten vorslawischen Namen“ gedacht.

Ich denke, daß diese Deutung zu viele Unsicherheiten enthält und möchte eine andere Ety­mologie vorschlagen. Geht man von einer slavischen Lautung mit anlautendem *V- aus, so steht man vor der Möglichkeit einer Übernahme als deutsch W- (im Barnim etwa in Wense, Werneuchen und Wuschewier), aber auch - und gerade bei den Gewässernamen Fängersee und Flakensee - als F-13). Von hieraus ist eine andere, und wie ich meine, bessere Deutung möglich.

Für den unschwer zu ermittelnden Ansatz *Vin-ov- besteht die Möglichkeit, einen Anschluß an die in den indo­germanischen Sprachen bestens vertretene Wurzel *wei-, *wei?­- , *wî- „drehen, biegen“ herzustellen, die mit -n-Formans im Griechischen und Slavischen (zum Beispiel in altkirchensla­visch vìn?c? „Kranz“) vorliegt. Daß von einer Wurzel *wei-, *wî-  Gewässernamen abgeleitet werden können, zeigt die Sippe um den polnischen Flußnamen Wda samt Weida und Wieda und wahrscheinlich auch der Name Wien14. Aber wir können noch weiter gehen: einen Ansatz

12 Zu diesem Namen werde ich an anderer Stelle ausführlich zurückkommen.
13 Man vergleiche diese und weitere Beispiele bei G. S c h l i m p e r t, Die Ortsnamen des Barnim, Weimar 1984, S. 357f.
14 Dazu ausführlich: J. U d o l p h, Die Stellung der Gewässernamen Polens innerhalb der alteuropäischen Hydronymie, Heidelberg 1990, S. 289-296.



*Wî-na verlangt auch der schweizerische Flußname Wina, 1240 in der Winnen usw., den A. Greule15 (mit anderer Ety­mologie) behandelt hat. Man braucht aber nicht bis in die ferne Schweiz zu gehen, sondern kann auch im slavischen und baltischen Gebiet bleiben und bei J. Rozwadowski16 nachlesen, daß in Osteuropa Flußnamen des Typs Wiejnica, Wienicza, Wejnie, Wiejno, Winiec und Winy gut belegt sind. Die von J. Rozwadowski dort noch diskutierte finno-ugrische Herkunft kann damit m.E. ausgeschlossen werden.

Die hier vorgeschlagene Deutung ist auch aus Gründen der Realprobe nicht unwahrschein­lich. Der Blick auf die Karte zeigt, daß Hohen- und Niederfinow westlich eines ca. 100 km2 großen alten Oderarms liegen, der noch heute durch zahlreiche Verästelungen und Verzwei­gungen auffällt. Offenbar bezog sich die Namengebung auf dieses Gewässernetz. Gegen einen Zusammenhang mit dem germanischen Sumpfwort fenn spricht auch der Charakter des Flus­ses Finow: aus der aus der Zeit vor dem Bau des Finow-Kanals stammenden sehr gründlichen Untersuchung des Flusses von T. Ph. von Hagen, Beschreibung des Finow-Kanals, Berlin 1875, geht nämlich hervor, daß dieser Fluß derjenige mit dem stärksten Gefälle in Mecklen­burg und Brandenburg war, zahlreiche Mühlen trieb und damit in eindeutigem Gegensatz zur Peene steht.

Der entscheidende Vorteil dieser Deutung liegt aber in der Aufhebung der Diskrepanz zum Anlaut im Namen der Peene, wozu ich an anderem Ort zurückzukommen werde. Die Finow wäre nach diesen Überlegungen der voreinzelsprachlichen alteuropäischen Hydronymie zuzuordnen. Germani­sche Herkunft läßt sich nicht erweisen.

15 Vor- und frühgermanische Flußnamen am Oberrhein, S. 171f.
16 Studia nad nazwami wód slowianskich, Kraków 1948, S. 78f.