Jürgen Udolph: Besprechung von ŠUL'HAČ, Praslov'jans'kyj hidronimnyj fond, Kyïv

Die große Bedeutung der Gewässernamen für die Früh- und Vorgeschichte des europäischen Raumes zwingt immer wieder zu Untersuchungen, Bestandsaufnahmen und kritischen Auseinandersetzungen. Das anzuzeigende Buch gehört am ehesten zur zweiten Kategorie: es enthält neben einer kurzen Einleitung (S. 4-8) zwei ungleich große Abschnitte, von denen der erste (S. 9-34) theoretische Aspekte der Herausarbeitung des urslavischen hydronymischen Bestands zum Inhalt hat (Abgrenzung des Areals; appellativische Basen; Morphologie; Strukturen von archaischen Gewässernamentypen, u.a. Ableitungen von Basen wie *tu-, *s?-, *ma-/*mo-, Bildungen mit –tr-, -st-, -dr-, -zn-, -kn-), während der zweite (S. 35-332) eine Auflistung der in Frage kommenden Gewässernamen in Form eines „Fragments rekonstrukciï“ enthält. Eine sehr knappe Zusammenfassung der Ergebnisse (S. 333-334), ein Quellenverzeichnis (S. 335-358) und verschiedene Register (S. 359-367) beschließen den Band, den jeder des Ukrainischen mächtigen Gewässernamenforscher mit Interesse in die Hand nehmen wird.

Um es aber vorweg zu nehmen: die Ausarbeitung leidet - vielleicht bedingt durch die Umbrüche in Osteuropa und durch erschwerten Zugang zu westlicher Literatur – unter einem Ungleichgewicht: während die Arbeiten osteuropäischer Spezialisten immer wieder und gern zitiert werden (O.N. TRUBACEV, T. LEHR-SPLAWINSKI, O.S. STRYŽAK, O.P. KARPENKO, V.P. NEROZNAK, D.G. BUCKO u.a.), sind neuere Arbeiten westdeutscher und westeuropäischer Forscher wie von W.P. SCHMID, J. UDOLPH (nur in einer Rezension von J. ZAIMOV genannt) wie auch die Reihe der Hydronymia Europaea unerwähnt geblieben. Das ist insofern ein entscheidender Nachteil, weil die genannten Autoren durch ihre Arbeiten an slavischen und vorslavischen Gewässernamen gezeigt haben, daß sich unter dem slavischen Namenbestand ein alteuropäisches (= indogermanisches) Substrat verbirgt und erst durch die Arbeiten an der Abgrenzung zwischen beiden Gruppen deutlicher erkennbar wird, welcher Name einer voreinzelsprachlichen und welcher einer urslavischen oder slavischen Schicht zugeordnet werden kann. Und noch ein weiteres Problem wird erst bei Einbeziehung der alteuropäischen Hydronymie deutlich: da sich das Slavische als indogermanische Sprache (wie auch dessen Schwestersprachen) nicht völlig losgelöst vom vorslavischen Erbe entfaltet haben dürfte, ist ein besonderes Augenmerk darauf zu legen, ob es nicht Hydronyme gibt, die als Bindeglieder zwischen der alteuropäischen Hydronymie und den slavischen Gewässernamen anzusehen sind. Die Zuordnung zu der einen oder der anderen Namengruppe dürfte in solchen Fällen geradezu unmöglich sein. Das hat dann wieder erneute – und positive – Konsequenzen für das mutmaßliche Areal urslavischer Siedlung: dieses muß derartige Bindeglieder in seinem Bestand enthalten.

Zu diesen Fragen trägt der Band leider nur bedingt bei. Entstanden ist ein Nachschlagewerk von vor allem ukrainischen Gewässernamen, die im allgemeinen einer frühslavischen Schicht zugerechnet werden können. Nicht hierher gehören z.B. die in dem Band aufgeführten Namen *Alba, *Bug?, *Gorina, *Neb?l? u.a.m. Die Untersuchung darf als eine Station auf der Etappe bewertet werden. In welcher Weise das Verhältnis zwischen alteuropäische Hydronymie und slavischer Namengebung umrissen werden kann, hat der Rezensent unlängst zu zeigen versucht: Alteuropäische Hydronymie und urslavische Gewässernamen, in: Onomastica 42(1997)21-70; Typen urslavischer Gewässernamen; in: Praslowianszczyna i jej rozpad, Warszawa 1998, S. 275-294. Dort finden sich auch Hinweise auf neuere Arbeiten, die bei zukünftiger Diskussion unbedingt Berücksichtigung finden müssen.