Jürgen Udolph: Besprechung von ROSPOND, STANISLAW: Slawische Namenkunde. I. Die slawischen Ortsnamen. Lieferung 3-5

Lfg. 3:

Die erste Doppellieferung des Werkes wurde in dieser Zeitschrift, Bd.  50(1990), S. 219-221 besprochen. Die vorliegende Lieferung enthält den Schlußteil des 5. Abschnittes „Die ON. als sprachliche Gebilde“ (S. 161-217), Teil 6 „Semantik in der Toponymie“ (S. 218-229) und einen Teil des 7. Abschnittes „Geographische Namen unbesiedelter Gebiete“ (S. 230-240). Über Methoden und Zielsetzung des Kompendiums habe ich in der oben erwähnten Rezension bereits gehandelt. Es fragt sich, ob die nun vorliegende dritte Lieferung des an und für sich zu begrüßenden Werkes ähnlich kritisch zu beurteilen ist.

Teil V (Die ON. als sprachlichen Gebilde) (S. 161-217) enthält in seinen Schlußkapiteln Bemerkungen zur phonetischen Terminologie (S. 167-174), in der Begriffe wie Assimilation, Dispalatalisation, Epenthese, Hyperkorrektur usw. anhand von Beispielen aus der Toponymie erklärt werden.

Teil B hat die Formenlehre der Ortsnamen zum Inhalt (S. 174-188), diskutiert wird die Flexion der Ortsnamen, darunter die umstrittene Beurteilung der altèechischen -as-Formen Dolas, Topolas usw. (S. 176ff.), die  Deklination der Toponyme (S. 184f.) und andere, damit zusammenhängenden Fragen.

Der folgende Abschnitt C mit dem Titel „Zur Wortbildung der slaw. ON.“ (S. 188-208) ist naturgemäß vor allem der in den slavischen Sprachen vorherrschenden Suffigierung gewidmet.

Syntaktisches in den ON. enthält Abschnitt D (S. 206-208). Behandelt wird u.a. die Substantivierung syntaktischer Wendungen, etwa in dem slav. ON. Niemaschkleba, man vergleiche hdt. Siehdichfür, ndt. Südekum.

Teil E hat die Lexikologie der ON. zum Thema(S. 208-217) und enthält Bemerkungen zu dem in den ON. enthaltenen Wortschatz, dem „Asyl der verblassenden Sprachaltertümer“ oder „Friedhof der Wörter“. In diesem für die Frage der Abgrenzung slavischer Namen von vor- und nichtslavischem Wortgut wichtigen Punkt sind etliche schwere Fehler enthalten, u.a. bei der Beurteilung von G³omia, £eba, Radêca, Radunia und *modla. Das liegt vor allem an der Überbetonung des slavischen Elementes und der fehlenden Be-rücksichtigung außerslavischer Vergleichsnamen der ungenügenden Einbindung in indogermanisch-alteuropäische Zusammenhänge.

Teil VI ist der „Semantik in der Toponymie“ gewidmet (S. 218-229), im einzelnen werden Benennungsmotive, Bedeutungsentwicklung und Gedenk-namen sowie ON. als Spiegel der Kulturgeschichte behandelt.

Teil VII (S. 230ff.) befaßt sich mit den geographischen Namen unbesiedelter Gebiete, die vorliegende Lieferung enthält aber nur eine ersten Abschnitt zur Hydronymie, dessen Umfang unklar bleibt. Mit Recht wird auf das hohe Alter der Gewässernamen und die entscheidende Rolle bei der Lösung ethnologischer Probleme hingewiesen (S. 230). Die von Rospond ge-forderte Aufarbeitung der Hydronymie der slavischen Länder hat inzwischen nicht unbeträchtliche Fortschritte gemacht (der Band gibt kaum den Bearbeitungsstand von 1992 oder zwei bis drei Jahre davor wieder). So wird der Gewässernamenbestand Polens durch die von W.P. Schmid herausgegebene Hydronymia Europaea systematisch aufgearbeitet (bisher elf Bände einschließ-lich eines Sonderbandes zu den baltischen Ortsnamen Ostpreußens), wodurch auch Gerullis’ bekannte Arbeit über die baltischen Namen dieses Gebietes (1922) ersetzt werden wird. Die auf den wichtigsten slavischen Wasserwörtern basierenden slavischen Namen sowie vorslavische Hydronyme Polens hat der Rezensent in zwei Monographien (1979, 1990) behandelt, darunter die wichtigsten Namen Polens wie Oder, Neiße, Weichsel, San, Warthe, Bzura, Noteæ u.a.m., deren Einbettung in die alteuropäische Hydronymie besser gelingt als vielfach angenommen. Ihre immer wieder (M. Rudnicki, S. Rospond) vorgeschlagene slavische Herkunft ist ebenso abzulehnen wie der entsprechende Versuch in den Fällen von Brandenburg und Mecklenburg (S. 198).

Nicht nur die Bemerkungen zur Hydronymie müssen durch neuere Arbeiten ergänzt werden. Auch in anderen Punkten kann - was angesichts der sich entwickelnden Onomastik nicht verwunderlich ist - auf neuere Publikationen verwiesen werden. So hat M. Vasmers Studie zu den slavischen Namen in Griechenland wichtige Ergänzungen in der Untersuchung von Ph. Malingoudis, Studien zu den slavischen Ortsnamen Griechenlands. 1. Slavische Flurnamen aus der messenischen Mani, Mainz-Wiesbaden 1981, erfahren. Zu den slavischen (und ungarischen) Dienstsiedlungsnamen (S. 181) ist auf das Buch von Ch. Lübke, Arbeit und Wirtschaft im östlichen Europa. Die Spezialisierung menschlicher Tätigkeit im Spiegel der hochmittelalterlichen Toponymie in den Herrschaftsge¬bieten von Piasten, Pøemysliden und Arpaden, Stuttgart 1991, zu verweisen. Für Fragen der Slavisierung vorslavischer Hydronyme auf dem Balkan ist G. Schramm, Eroberer und Eingesessene, Stuttgart 1981, heranzuziehen.

Rosponds Handbuch ist zweifellos von Nutzen für den eine erste Orientierung Suchenden, wichtig sind vor allem die Literaturhinweise. Mängel sehe ich nach wie vor in den Fragen der Beurteilung dessen, was man als urslavische Toponyme ansehen kann, da hier die proslavische Tendenz unverkennbar ist. Das gilt vor allem für den Bereich zwischen Oder und Weichsel. Nur eine wertfrei arbeitende Onomastik wird den ihr zukommenden Platz auch in der Slavistik einnehmen können.

Lfg. 4-5:

Die ersten Lieferungen des Werkes wurden in dieser Zeitschrift, Bd.  50(1990), S. 219-221 und 54(1994), S. 178-179 besprochen. Mit der vorliegenden 4. und 5. Lieferung wird die Arbeit abgeschlossen (allerdings findet sich auf S. 270 ein Hinweis auf „beigelegte Karten“ im Anhang; dieser scheint noch zu fehlen). Sie enthält den Schlußteil des 7. Abschnittes „Geographische Namen unbesiedelter Gebiete“ (S. 241-254) sowie VIII. Die Ortsnamen als siedlungsgeschichtliche Gebilde (S. 254-273), IX. Die Ortsnamen in ihrer stratigraphischen Staffelung (S. 274-299), X. Die Ortsnamen in ihrer chronologischen Schichtung (S. 300-307), XI. Die slawischen Ortsnamen in ihrer soziologischen Schichtung (S. 308-314), XII. Die Ortsnamen in ihrer landschaftlichen Schichtung (S. 315), XIII. Literarische Onomastik (S. 316-322) und XIV. Die slawische Ortsnamenforschung im Dienste der Sprachwissenschaft und anderer Disziplinen (zusammenfassende Gesichtspunkte) (S. 323-325). Ein Verzeichnis der Abkürzungen (S. 326-329), der behandelten Namen (S. 331-387) und der zitierten Autoren (S. 388[falsch auf der Umschlagseite: S. 338]-404) beschließen die Lieferung und das Gesamtwerk.

Über Methoden und Zielsetzung des Werkes habe ich in den oben erwähnten Rezensionen bereits gehandelt; zahlreiche Druckfehler und stilistische Probleme habe ich stillschweigend übergangen. Wichtiger ist der Gehalt der Arbeit, vor allem für die benachbarten und verwandten Disziplinen.

Vor einer zusammenfassenden Wertung sei noch auf einige wichtige Einzelheiten eingegangen. Mit Recht hat S. Rospond ein Wort von J. Grimm aufgegriffen, der die Kontinuität der Geschichte betont hat: „Niemals, wo europäische Geschichte beginnt, hebt sie ganz von frischem an, sondern setzt immer lange dunkle Zeiten voraus, durch welche ihr eine frühere Welt verknüpft wird“ (S. 257). Für die Frage altslavischer Siedlungsgebiete, der Urheimat und ersten Ausbreitung der Slaven heißt dieses: slavische Gewässernamen müssen auf einem indogermanisch-alteuropäischen Substrat aufbauen und innerhalb der slavischen Namen des ältesten Siedlungsgebietes sind unterschiedlich alte Namentypen zu erwarten. Auch in der mutmaßlichen slavischen Heimat sind somit vorslavische Gewässernamen zu erwarten.

Auch unter diesem Aspekt kann die von T. Lehr-Sp³awiñski ausgearbeitete und von S. Rospond übernommene These von zwei urslavischen Zonen (zumeist A und B genannt; S. 258f., nochmals aufgegriffen S. 295) nicht überzeugen. Das sich dadurch herauskristallisierende Gebiet zwischen Oder und Dnjepr ist viel zu groß, als daß es als slavisches Kerngebiet in Frage käme. Es kommt vielmehr darauf an, die Kontinuität von indogermanischer Namengebung über ur- und frühslavische Hydro- und Toponyme herauszuarbeiten. Dabei sollte man eigentlich auch Beweise für die sogenannte balto-slavische Sprachgemeinschaft finden (S. 259f.), jedoch spricht keiner der dafür genannten Namen, etwa Bug, Wilia, Minia, Upa, Vop’, Luèesa, für die Annahme dieser These. Aber auch mutmaßliche germanische Flußnamen in Polen wie Skrwa, Tanew, Pe³tew (S. 260f.) sind heute anders zu betrachten. Wie so viele alte Namen finden sie in der alteuropäischen Hydronymie ihren Platz und ihre Erklärung. Auch „venetische“ Namen (S. 262f.) und illyrische Relikte (S. 263f.) können dort eingeordnet werden.

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß die slavische Namenforschung noch wichtige Aufgaben vor sich hat, die sie nur in enger Verbindung mit Untersuchungen aus dem Bereich der Germanistik, Baltistik, Iranistik und Indogermanistik zufriedenstellend lösen wird. Die Einbeziehung der alteuropäischen Hydronymie ist dabei von entscheidender Bedeutung. Auf gewässernamenkundlichem Gebiet wird dabei Grundlegendes in der von W.P. Schmid herausgegebenen Reihe Hydronymia Europaea geleistet. Zu begrüßen ist auch die einsetzende intensive Aufarbeitung der Ortsnamen Polens (Nazwy miejscowe Polski, Bd. 1 (A-B), Red. K. Rymut, Kraków 1996).

Versucht man unter diesem Aspekt (in dem allerdings schon neuere Strömungen eingeflossen sind, die S. Rospond zu seinen Lebzeiten nur in Ansätzen registrieren konnte), den Stellenwert der Slawischen Namenkunde S. Rosponds zu erfassen, so ist in erster Linie die auch schon in den bisherigen Besprechungen angesprochene Überbetonung des slavischen Elementes zu kritisieren. Dadurch fehlt es an ausreichender Berücksichtigung außerslavischer Vergleichsnamen, und die Einbindung in indogermanisch-alteuropäische Zusammenhänge gelingt nur in geringem Maße. Gerade durch die Verkettung und Vernetzung altslavischer Gewässernamen mit dem Substrat der alteuropäischen Hydronymie haben sich aber in jüngerer Zeit immer deutlichere Hinweise auf das Gebiet altslavischer Siedlung und erste Expansionen ergeben.

Abgesehen von diesem für die slavische Frühzeit wichtigsten Punkt und abgesehen von der auch bei Siedlungs- und Flurnamen immer wieder durchscheinenden proslavischen Tendenz liegt mit der Slawischen Namenkunde von S. Rospond aber immerhin ein Hilfsmittel vor, daß trotz stilistischer Mängel seinen Wert hat. Vor allem als Wegweister durch die (ältere) slavische onomastische Literatur wird es zukünftig auch gute Dienste leisten.