Jürgen Udolph: Besprechung von Namenforschung.Name Studies.Les noms propres.Ein internationales Handbuch zur Onomastik.

Die Problematik der Besprechung umfassender und von zahlreichen Wissenschaftlern erstellter Sammelwerke ist bekannt. An der Nützlichkeit der innerhalb der Reihe Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft erschienenden Bände ist im allgemeinen kein Zweifel geäußert worden. Auch sprechen dafür nicht zuletzt Neuauflagen älterer Ausgaben.

Von Rezensenten wird aber immer wieder - und auch das ist angesichts zahlreicher Beiträger nicht anders zu erwarten - das Ungleichgewicht und die das unterschiedliche Niveau der Aufsätze betont. Dagegen wird oft positiv vermerkt, daß der Griff zu den Bänden zumindestens einen ersten Einblick in ein fremdes Sachgebiet vermittelt; positiv wird auch die Zusammenstellung der angeführten Literatur bewertet, die ja im allgemeinen von Sachkennern zusammengestellt ist und eine gute bis hervorragende Orientierung für den Einzelnen, der kaum noch die Fülle der Publikationen auf einem ihm etwas ferner stehenden Sachgebiet überblicken kann, gewährleistet.

Dem Charakter der Indogermanischen Forschungen entsprechend sollen die hier vorgetragenen Bemerkungen im folgenden an einem für die Indogermanistik wichtigen, aber immer noch umstrittenen Teilbereich überprüft werden: gemeint ist die alteuropäische Hydronymie, die ja durchaus als eine auf Gewässernamen aufbauende Theorie das sicherste und gewiß auch wichtigste Bindeglied zwischen Namenforschung und Indogermanistik ist. Wir werden zu prüfen haben, inwieweit diese These in einzelnen Beiträgen behandelt und bewertet worden ist, und ob Th. Andersson recht hat, wenn er an anderer Stelle (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde - Germanen, Germania, Germanische Altertumskunde [Studienausgabe], Berlin - New York 1998, S. 94) geäußert hat, daß heute „die alteurop. Theorie nicht oder nicht voll akzeptiert worden ist und deswegen eine Neudefinierung verlangt worden ist“.

Von den über 250 Autoren aus 45 Ländern ist die alteuropäische Hydronymie ausführlicher behandelt worden in den Beiträgen von W.P. Schmid „Alteuropäische Gewässernamen“ (Bd. 1, S. 756-762), A. Greule, Gewässernamen: Morphologie, Benennungsmotive, Schichten (Bd. 2, S. 1534-1539) und J. Udolph, Slavische Gewässernamengebung (Bd. 2, S. 1539-1547). Andere gehen über sie hinweg, es sind ausschließlich nordische Forscher. Hinweise auf die Alteuropa-Theorie fehlen in der Übersicht schwedischer Gewässernamen (T. Andersson, Bd. 1, S. 41ff.) und in dem Bericht über die Namenforschung in Dänemark (J. Kousgård Sørensen, Bd. I, S. 46-49), obwohl ein wichtiger Teilbereich des Landes in der Göttinger Dissertation von G. Kvaran Yngvason, Untersuchungen zu den Gewässernamen in Jütland und Schleswig-Holstein (1981) ausführlich behandelt worden ist. Begründet wird dieses von Th. Andersson im ersten Satz seines Beitrages „Namen in Skandinavien“ (Bd. 1, S. 792-805) wie folgt: „In Skandinavien besteht seit alters her sprachliche Kontinuität, insofern als unter der germanischen Schicht kein Substrat nachgewiesen worden ist“ (S. 792). Und an anderer Stelle heißt es: „im Hauptteil des skandinavischen Altsiedlungsgebiets, d.h. im größten Teil von Dänemark, Norwegen und Schweden, sind ... neben der germanischen Sprache und deren Vorstufe keine weiteren Sprachen bezeugt“ (Th. Andersson, Bd. 2, S. 1697). Nicht nur aus diesem Grund stellt sich „die skandinavische Forschung zur Theorie einer vorgermanischen alteuropäischen Hydronymie im allgemeinen skeptisch“ (Th. Andersson, Bd. 1, S. 793); es wird gefolgert: „Dies alles spricht dafür, daß in Skandinavien (mit Ausnahme des nördlichen Teils) sprachliche Einheitlichkeit und Kontinuität seit der Zeit der ältesten überlieferten Ortsnamen herrscht“ (Th. Andersson, Bd. 2, S. 1697). Auf diese These wird noch zurückzukommen sein.

Zunächst zeigt ein Blick in Beiträge anderer Autoren, daß in allen anderen europäischen Ländern die Grundlagen der alteuropäischen Hydronymie akzeptiert werden: „In den Orts- und Gewässernamen treffen wir auf Wurzeln und Wortstämme, die in unserer heutigen Sprache oder auch bereits in den überlieferten Sprachformen nicht mehr vorkommen. Ein ganz augenfälliges Beispiel dafür stellen die Flußnamen der alteuropäischen Hydronymie dar“ (W. Laur, Bd. 1, S. 614). In den Niederlanden wurde nach R. Rentenaar (Bd. 1, S. 54) durch das Buch von M. Schönfeld, Nederlandse waternamen (1955) „gerade noch die erste Phase der Diskussion über die alteuropäische Hydronymie“ gestreift. W. Haubrichs ist der Ansicht (Bd. 1, S. 66), daß es H. Krahe war, „der nach dem Kriege die ‘alteuropäische’ indogermanische Hydronymie nach Leitlexemen und Leitsuffixen systematisierte und eine systematische Erforschung der deutschen Gewässernamen in Gang setzte“. Nach H. Löffler (Bd. 1, S. 88) hatten H. Krahe und seine Schüler durch Studien über die ältesten Flußnamen „die Frage nach der vorkeltischen Sprachbevölkerung im heutigen deutschen Sprachraum schrittweise von der umstrittenen Illyrer-, Ligurer-, Veneter-Hypothese zur Ansetzung eines ‘alteuropäischen‘ (West-)Indogermanischen entwickelt ... In kritischer Fortsetzung dieser Studien hat W.P. Schmid 1968 die heute gesicherte Anschauung vom indogermanischen Ursprung dieses alteuropäischen Namen’systems’ formuliert“. Ähnlich urteilt R. Schmitt (Bd. 1, S. 634): „Intensive Forschungen galten seit Jahrzehnten den erfahrungsgemäß besonders konservativen Gewässernamen und vor allem der von Hans Krahe ... sog. ‘Alteuropäischen Hydronymie’ ... die in Lexematik und Morphologie Strukturen indogermanischen Typs aufweist, aber nicht mit Krahe auf eine Vorstufe des westindogermanischen Sprachen zurückgeht, sondern mit Schmid 1968 auf das Indogermanische selbst“, ähnlich auch G. Bauer (Bd. 1, S. 10): „Vor-indogermanisches archaisches Sprachgut hat man lange in Gewässernamen (Hydronymen) gesehen (Krahe). Es ist inzwischen als indogermanisch erwiesen worden (W.P. Schmid)“. Nach H. Tiefenbach (Bd. 1, S. 777) ist schon unter den ältesten germanischen Namen der Völkerwanderungszeit in lateinischen und griechischen Quellen „bei den Gewässernamen ... die sog. alteuropäische Schicht indogermanischer Gewässerwörter mit den typischen Ableitungssuffixen gut erkennbar“. In Österreich gibt es nach P. Wiesinger (Bd. 2, S.1082) Gewässernamen, „von denen eine Reihe zum Typus der ‘alteuropäischen Hydronymie’ gehört“. Auf den Britischen Inseln ist die Situation ähnlich: „A group of river names ... often with counterparts or close relatives in England and on the Continent ... hints at the presence of speakers of Indo-European  (‘Old European’) in Scotland and in Britain as a whole before the arrival of the Celts ...“ (W.F.H. Nicolaisen, Bd. 2, S. 1411). Ein Bereich stützt einen anderen: im Maingebiet liegt nach A. Greule (Bd. 2, S. 1551) „unter der verschwindend geringen Zahl keltischer Namen ... die relativ starke Schicht alteuropäischer Namen, die nicht aus einer Einzelsprache erklärbar sind, aber die morphologische Struktur eines indogermanischen Erbworts, das zum Wortfeld der Wasserwörter gehört, haben und entweder in ein Netz wurzel- und strukturverwandter Namen in Europa gehören oder wenigstens mit einem anderen Namen in Europa ein Paar bilden“. Die von W.P. Schmid häufig unterstrichene besondere Position des Baltischen betont auch D. Hirša: „Den archaischen Charakter der baltischen Sprachen bezeugt die Verbreitung der Hydronymie, deren Grundschicht gleichmäßig verbreitet ist und hohe Konzentration der alteuropäischen Hydronymie in sich aufweist” (Bd. 1, S. 817). Auch „im thrakischen Sprachgebiet sind zweifellos Spuren der alteuropäischen Hydronymie erhalten geblieben“ (I. Duridanov, Bd. 1, S. 822).

Besonders auffällig ist der Umschwung in den slavischen Ländern, speziell in Polen, gewesen. Wer weiß, wie vehement vor nur wenigen Jahrzehnten gerade in Polen gegen die These von vorslavischen Gewässernamen zu Felde gezogen wurde (S. Rospond, M. Rudnicki u.a., vgl. Bd. 2, S. 1540,1544f.), kann sich nur wundern, welcher Wandel beobachtet werden kann; so heißt es im Beitrag von K. Rymut über westslavische Namen (S. 805-811): „Es unterliegt keinem Zweifel, daß Eigennamen bereits in der indogermanischen Epoche existierten ... Dies trifft insbesondere auf Gewässernamen zu, die große Flüsse bezeichneten ...“ (S. 806). Polen besaß sogar einen Vorläufer von H. Krahe, J. Rozwadowski (†1935). Dieser „kam als erster zu der Erkenntnis, daß es unter den alten slawischen GewN eine große Gruppe von Namen gibt, die nicht aus dem Slawischen zu erklären sind, d.h. nicht mit Hilfe nur slawischen Sprachmaterials, sondern daß diese Namen Analogien in den Namen anderer Sprachfamilien (der germanischen, keltischen, griechischen, romanischen, thrakischen usw.) besitzen. Dieses Konzept lag auch, unabhängig von den Ansichten J. Rozwadowskis, der bekannten Hypothese H. Krahes über die sogenannten alteuropäischen GewN zugrunde“ (K. Rymut, Bd. 1, S. 211; vgl. dazu auch J. Udolph, Bd. 2, S. 1541).

Neuere Untersuchungen zeigen, daß Osteuropa für nicht wenige Bereiche des Kontinents von ganz besonderer Bedeutung ist: „Die Aufdeckung und Weiterentwicklung der alteuropäischen Hydronymie ... hat auch für die Gewässernamen im slavischen Siedlungsgebiet einige Konsequenzen ...: Unter der einzelsprachlichen, slavischen Schicht ist in ganz Osteuropa mit voreinzelsprachlichen, alteuropäischen (idg.) Namen zu rechnen; die besondere Stellung des Baltischen ... bringt es mit sich, daß sich als Entsprechungen für westidg. Material ... besonders häufig balt. Namen, aber auch alteurop. Relikte im angrenzenden slav. Siedlungsgebiet ausfindig machen lassen. Dadurch ergeben sich neue Interpretationsmöglichkeiten für bisher kaum deutbare Gewässernamen Mittel- und Westeuropas“ (J. Udolph, Bd. 2, S. 1540).

Entgegen diesen doch recht einheitlichen Auffassungen enthalten die hier zu besprechenden Bände aber auch einige wenige Beiträge, die in unterschiedlicher Hinsicht dem Stand der Diskussion um die alteuropäische Hydronymie nicht (mehr) gerecht werden. Dazu zähle ich eine Äußerung wie die folgende: „Der Namenschatz Deutschlands ist nicht einheitlich ‘germanisch’, sondern verteilt sich überwiegend auf verschiedene indoeuropäische ... Völker bzw. Kulturen, darunter die Ligurer, Illyrer, Veneter und Kelten. Zwischen ihnen muß es längere Zeitspannen sprachlichen Kontaktes gegeben haben, da eine deutliche Trennung von früh- und vorgermanischen Namen (mit ie. Prägung) nicht jeweils möglich ist“ (H. Menke, Bd. 2, S. 1071). Überholt ist auch die Auffassung desselben Autors, H. Kuhns Nordwestblock decke „sich in etwa mit dem venetisch-belgischen Siedlungsgebiet, das auch die -apa-Namen kennt“ (ebda.). In dieser Form mißverständlich ist der Passus: „Krahes Versuch des Nachweises eines indogermanischen ‘Alteuropäischen’ hielt der seit den ausgehenden 60er Jahren einsetzenden Kritik besonders von Wolfgang Paul Schmid ... nicht stand“ (P. Wiesinger, Bd. 2, S. 981). Skepsis, die z.T. überholt ist, zeigt E. Seebolds Meinung (Bd. 1, S. 604), wonach die Zuweisung von Namen zur alteuropäischen Hydronymie unsicher sei: „Während die Existenz eines solchen Systems durch die häufigere Wiederkehr der verwendeten Elemente einen hohen Wahrscheinlichkeitsgrad für sich beanspruchen kann, ist die Erklärung der einzelnen Bildungen in allen Punkten unsicher. Schon die Zuweisung zur indogermanischen Sprachfamilie stößt sich an dem überdurchschnittlich häufig auftretenden a-Vokalismus, und die Verknüpfung mit ‘Wasser-Wörtern’, die möglicherweise in ein frühes Stadium der indogermanischen Sprachen zurückgehen, kann wenig Verbindlichkeit für sich beanspruchen“. Seltsamerweise hat man sich aber bisher an dem a-Vokalismus lateinischer Wörter nicht gestoßen (vgl. W.P. Schmid, Bd. 1, S. 760).

Faßt man die Beiträge zusammen, so wird deutlich, daß es keine andere Theorie gibt, die der Existenz voreinzelsprachlicher Gewässernamen gerechter wird als die der alteuropäischen Hydronymie. Durch sie wird auch klar, daß es bestimmte Bereiche gibt, in denen eine Kontinuität von einer voreinzelsprachlichen (= alteuropäischen, indogermanischen) Namengebung bis hin zu einer einzelsprachlichen Schicht, z.T. jüngerer und jüngster Ausprägung, beobachtet werden kann. Daß diese in unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich stark ist, darf nicht verwundern. Dort aber, wo diese Kontinität fehlt, kann und muß ein Bruch in der Besiedlung angenommen werden. Das zeigt sich z.B. überdeutlich in einem Vergleich indianischer Flußnamen in Nordamerika mit denen von Einwanderern gegebenen. Brüche unterschiedlicher Art zeigen sich auch in Bereichen Mitteleuropas; so sind die Verbindungslinien zwischen vorgermanischer und germanischer Namengebung im Bereich zwischen Saale und Elbe wesentlich dünner als zwischen Elbe und Rhein.

Der Überblick über Beiträge zur alteuropäischen Hydronymie zeigt aber auch erneut, wie isoliert die nordische Namenforschung steht. Es soll und kann hier gar nicht entschieden werden, ob es im Norden wirklich keine alteuropäischen Namen gibt (erhebliche Zweifel sind angebracht). Etwas anderes erscheint mir aus nordischer Sicht wichtiger: die bewußte Betonung des „rein germanischen“ Charakters der nordischen Hydronymie führt zu einer Konsequenz, die der skandinavischen Auffassung von der germanischen Heimat im Norden alles andere als dienlich ist: nur ein Bereich, in dessen Namenschatz eine gewisse Kontinuität von alteuropäischer Hydronymie bis zu germanischer Namengebung hin beobachtet werden kann, darf dafür in Anspruch genommen werden. Dieses aber ist mit der Skepsis der skandinavischen Forscher sicher nicht bezweckt worden; vielleicht sollte man dort - wie in Polen geschehen - zu einer Revision der eigenen Auffassung kommen. Eine kritische Sichtung der hier besprochenen Bände aus nordischer Sicht könnte dazu der erste Schritt sein. Th. Anderssons Meinung, wonach „die alteurop. Theorie nicht oder nicht voll akzeptiert worden ist und deswegen eine Neudefinierung verlangt worden ist“, wird durch in den vorliegenden Bänden publizierten Beiträge in keiner Weise bestätigt.

Unsere Durchsicht der beiden Bände (mit Nachdruck sei auf den dritten, überaus hilfreichen Registerband verwiesen) hat an einem Teilbereich gezeigt, daß der Leser anhand der unterschiedlichen Stellungnahmen nicht nur bestens in die Thematik und Problematik onomastischer Untersuchungen eingeführt, sondern auch unmittelbar mit aktuellen Streitfragen konfrontiert wird. Den Herausgebern ist für ihre Mühe nachdrücklich zu danken.