Die Ethnogenese der europäischen Indogermanen

Jürgen Udolph: Besprechung von Marija Gimbutas: Die Ethnogenese der europäischen Indogermanen

Aus den Überschriften wird bereits die Grundthese der Archäologin deutlich: Mitteleuropa ist erst später indogermanisiert worden, es ist eine sekundäre Heimat indogermanischer Stämme. Der Ausgangbereich der nach Europa einfallenden Eroberer wird in den Kapitelüberschrif­ten nicht genannt, wer jedoch auch nur flüchtig Einblick in die Arbeiten von M. Gimbutas ge­nommen hat, der weiß, daß es sich um die südrussische Steppe, das Gebiet der sogenannten Kurgankultur (benannt nach den 'für diese Kultur charakteristischen Grabhügeln mit Grab­kammern (russ. kurgan)' (S. 6, Anm. 6) handelt. - Knappe Darstellungen haben den Vorteil, daß dem Leser die Meinung des Autors in prägnanter Kürze präsentiert werden. Sie bieten das Gerüst, auf dem die Argumentation aufbaut. Es ist zu prüfen, ob diese Thesen nicht schon in ihrem Kern angreifbar sind. - Satz 1 der Abhandlung lautet: 'Das neolithische und kupfer­zeitliche Europa (6 500 - 3 500 vor unserer Zeitrechnung) war ein nichtindogermanisches'. Diese These stützt sich ausschließlich auf archäologisches Material (Einfall von Kurgan-Leu­ten nach Europa, S. 6). Das, was man M. Gimbutas zufolge als charakteristisch indogerma­nisch bezeichnen kann, manifestiert sich 'am besten in der Sozialstruktur, im religiösen Pan­theon und Brauchtum'. - Diese Grundgedanken sind meines Erachtens in sich bereits falsch. Zu den archäologischen Argumenten werde ich hier als Laie nicht Stellung nehmen, Alexan­der Häusler und andere Fachvertreter sind dafür kompetenter.

Ich bezweifle jedoch nachhaltig, daß sich 'das Indogermanische' außerhalb der Sprache zweifelsfrei nachweisen läßt. Wenn man aber diese Komponente als wichtigste akzepiert, dann hängt fast alles, was man zur Frühzeit 'des' Indogermanischen und der indogermanischen Stämme sagen kann, von der ausreichenden Berücksichtigung der Toponymie und vor allem der Hydronymie ab. In diesem Zusammenhang erscheint bereits auf der ersten Seite eine Bemerkung des Herausgebers Wolfgang Meid (wohlgemerkt: nicht der Autorin), die dem gegenwärtigen Stand der Diskus­sion um die alteuropäische Hydronymie nicht gerecht wird. Das 'Alteuropa' von Marija Gim­butas wird korrekt von dem getrennt, was Hans Krahe 'alteuropäisch' genannt hat. Wenn der Herausgeber in einer Anmerkung jedoch klarzustellen versucht: 'Um der Gefahr der Be­griffsverwirrung zu entgehen, sollte man die Bezeichnung 'alteuropäische Hydronymie' durch 'westindogermanische Hydronymie' ersetzen', so wird damit der Stand der Diskussion aus den sechziger Jahren wiedergegeben, nicht aber der gegenwärtige. Die besondere Stellung des Baltischen, die Einbeziehung des slavischen und in großem Umfang slavisierten Sprach­gebietes und die Ausdehnung der voreinzelsprachlichen Namengebung bis in die südrussische Steppe lassen ein Etikett 'westindogermanisch' schon lange nicht mehr zu. - Während das er­ste Kapitel fast ausschließlich mit archäologischen Argumenten ausgefüllt ist, geht es im zweiten (Mitteleuropa - die sekundäre Heimat der Indogermanen) auch um linguistische Be­weisgründe.

Dabei sind aber etliche gravierende Fehler festzustellen: - 1. Die Annahme, die alteuropäische Hydronymie sei im Slavischen nur marginal vorhanden (S. 10), ist überholt. Gerade Polen bietet eine Fülle von voreinzelsprachlichen Namen mit gesicherten Beziehun­gen zum Baltikum, aber auch zum Westen (auf Einzelheiten gehe ich hier jetzt nicht ein (vgl. Rezensent, Die Stellung der Gewässernamen Polens innerhalb der alteuropäischen Hy­dronymie, BNF.NF., Beiheft 31), Heidelberg 1990). - 2. Die auch von M. Gimbutas aufge­griffene These von A. Tovar, die alteuropäische Hydronymie sei mit nichtindogermanischen Elementen durchsetzt (S. 11), ist zurückzuweisen (vgl. Kratylos 22,1977, S. 123-129). - 3. Völ­lig verfehlt ist die Annahme, 'das' indogermanische Wort für 'Meer' (nebenbei gesagt, gibt eine Reihe anderer Bezeichnungen) in lat. mare usw. beziehe sich auf das offene Meer, so daß man von hier aus auf alte Wohnsitze schließen könne (S. 11). Gewässernamen wie Morava, deutsch March, und der daraus abgeleitete Ländername Morava 'Mähren', die balkanischen Flußnamen Morava und andere, sowie detaillierte Untersuchungen zu dem Wort mare, Meer, more (man vergleiche schon A. Nehring, Idg. *mari, *mori, Festschrift für Franz Rolf Schrö­der, Heidelberg 1959, S. 122-138; zum Slavischen Rezensent, Studien zu slavischen Gewäs­sernamen und Gewässerbezeichnungen, BNF.NF., Beiheft 17, Heidelberg 1979, S. 214-226), lassen keinen Zweifel daran zu, daß von einer ursprünglichen Bedeutung 'Binnensee, Bin­nengewässer' auszugehen ist.

Weniger Kritik fordert Abschnitt 3 (Die Entstehung einer nördlichen und südlichen Indogermanengruppe durch Abwanderung aus Mitteleuropa zwi­schen 3 000 und 2 500) heraus. Auch dem vierten Kapitel, der Behandlung der Ausbildung der baltischen Sprachfamilie kann im wesentlichen zugestimmt werden. Es zeigt sich dabei aber auch, daß die Argumentation dann unangreifbarer wird, wenn hydronymische Untersu­chungen herangezogen werden können. So heißt es mit Recht unter Berufung auf V.N. Topo­rov und O.N. Trubaåev: 'Die baltische Hydronymie der Landschaften des heutigen Weiß- und Zentralrußlands beweist das Ausmaß der baltischen Besiedlung eindrucksvoller als archäolo­gische Funde allein es vermögen' (S. 17). Allerdings bleiben auch in diesem Zusammenhang schwere Fehler nicht aus, so zum Beispiel, wenn mit Hermann Schall 'die Westgrenze der Balten bis westlich von Berlin' verlegt wird (S. 17), und dessen Meinung, der Name Berlin selbst sei baltischer Herkunft referiert wird. - Zustimmen kann man allerdings der nach Vor­stellung von archäologischen und sprachwissenschaftlichen Argumenten gezogenen Vermu­tung, daß die Identität der Balten 'eine der am wenigsten umstrittenen unter den europäi­schen Indogermanen ist' (S. 17), und auf urgeschichtlichen Thesen aufbauend sicher auch dem folgenden Halbsatz 'ähnlich der der Germanen', jedoch wird eine vom Rezensenten im Druck befindliche umfangreiche Untersuchung zum Germanenproblem aus namenkundlicher Sicht zu zeigen versuchen, daß die bisher als sicher angenommene nordische Herkunft ger­manischer Stämme nicht zu halten ist.

Auch in diesem Punkt zeigt sich somit, daß die Ergeb­nisse archäologischer Untersuchungen erst dann als wirklich gesichert gelten können, wenn sie topo- und hydronymisch gestützt worden sind. Für den Fall des Slavischen hat M. Gimbu­tas daraus die meiner Ansicht nach richtigen Schlüsse gezogen (S. 25f.). Auch bei dieser in ih­rer Herkunft lang umstrittenen indogermanisch Sprachengruppe gab letztlich die Durchsicht der Gewässernamen den Ausschlag für oder gegen lange diskutierte Thesen. - Insofern kann man dem ersten Teil des einleitenden Satz des letzten Abschnittes des Bändchens zustimmen. Dort heißt es: 'Am Modellfall der baltischen Gruppe hat sich gezeigt, daß ohne eine linguisti­sche Basis die Identifikation indogermanischer Sprachfamilien in ihrem Frühstadium kaum möglich ist ...'. Das gilt meiner Meinung nach aber nicht für den zweiten Halbsatz '... und daß umgekehrt ohne stützende archäologische Beweise die Untersuchung von Orts- und Gewäs­sernamen unschlüssig bleibt' (S. 27). Die bisher fast ohne Widerspruch akzeptierte, nahezu auschließlich auf archäologischen Untersuchungen basierende und als gesichert geltende An­nahme der nordischen Heimat des Germanischen wird als Testfall für die Auffassungen von Marija Gimbutas und meiner knappen Besprechung dienen können. (Göttingen, Jürgen Udolph)

Zuwanderungsthese stirbt nicht aus: „Im 6. Jahrtausend wanderten aus Südosteuropa kommend die ersten Sprecher des indogermanischen Sprachtypus ein und verdrängten die nicht-indogermanischen Sprachen bis auf Reste und Relikte“ (A. Greule, Spuren der Vorzeit: Die Flussnamen Sachsen-Anhalts und andere Namengeschichten, in: Namen des Frühmittelalters als sprachliche Zeugnisse und als Geschichtsquellen, Berlin - New York 2009, S. 153).