Die Gewässernamen im Einzugsgebiet der Treene

Jürgen Udolph zu Jens-Uwe von Rohden: Die Gewässernamen im Einzugsgebiet der Treene

Die Arbeit, eine mit dem Jungius-Preis ausgezeichnete Kieler Dissertation, beginnt mit einem Vorwort (S. 9f.), der zu ent­nehmen ist, daß die Untersuchung in langen Jahren nebenberuflich entstanden ist. In der sich an­schließenden Einleitung (S. 11-20) wird die Forschungslage umrissen. Dabei wird unterstrichen, daß es bisher keine namenkundliche Untersuchung gab, die 'ein bestimmtes Flußgebiet im Schles­wiger Raum behandelt' (S. 11). Vorarbeiten lagen unter anderem von W. Laur, K. Hald, A. Bjerrum, J. Kousgård Sórensen und G. Kvaran vor (zur Kritik an dieser Arbeit: S. 14f. mit Hin­weis auf die Besprechung von W. Laur, BNF.NF. 16,1981,237-240). Der Gegensatz zu der Unter­suchung von G. Kvaran liegt nach Auffassung des Verfassers vor allem in der Begrenztheit und Überschaubarkeit des Untersuchungsgebietes (S. 15). Methode und Zielsetzung der Arbeit orien­tieren sich an den Arbeiten von F. Witt, B.-U. Kettner, W. Kramer und F. Debus. Dabei hat sich v. Rohden dem Grundsatz verpflichtet, 'alle verfügbaren Namen und Belege zu sammeln' (S. 13), wobei Mundartformen mit F. Debus als 'prinzipiell gleichwertige Belege' betrachtet werden (S. 13). Zur Textgrundlage und Quellenkritik wird auf den Seiten 15-19 Stellung genommen. Umfragen unter Informanten haben dabei ergeben, daß ursprünglich süderjütische Namen schon oft nieder­deutsche Gestalt angenommen haben. Die Anmerkungen zu dem einleitenden Kapitel (S. 19f.) be­schließen diesen Teil der Arbeit. - Teil 1 der Untersuchung umreißt das Untersuchungsgebiet (S. 21-34). Es umfaßt das zentrale nördliche Schleswig-Holstein, etwa den Raum zwischen Flensburg, Schleswig und Husum. Drei 3 Karten geben einen guten Überblick über das Terrain. Die Bemer­kungen zur Siedlungs- und Sprachgeschichte (S. 25-33) gehen auf den zum Teil bereits vollzogenen Sprachwandel vom Süderjütischen zum Nieder- und später Hochdeutschen ein. Weiterhin werden die Probleme bei der Bestimmung der alten Wohnsitze der Angeln, Jüten und Sachsen angespro­chen. Die 'von Westen her einsetzende Siedlungstätigkeit der Friesen um die Jahrtausendwende ... hat die Hydronymie im Untersuchungsgebiet nur ausnahmsweise beeinflußt' (S. 28). 'Etwa vom 12. Jahrhundert an kann man in Schleswig von den Einzelsprachen Süderjütisch, Niederdeutsch und Nordfriesisch sprechen' (S. 29). 'Anhand der sprachlichen Zugehörigkeit der Ortsnamen läßt sich der Rückzug der dänischen Sprachgrenze herausarbeiten' (S. 29). Das Vordringen des Mittelnieder­deutschen steht im Zusammenhang mit der Entfaltung der Hanse und deren Zentrum Lübeck. Später findet eine Ablösung durch das Hochdeutsche statt. - Teil 2 der Arbeit behandelt die 'Hydronymie des Untersuchungsgebietes' (S. 35-171). Es handelt sich eigentlich um die zusam­menfassende Auswertung der Untersuchung und war offenbar ursprünglich nach dem jetzigen Teil III (dem Lexikon der Gewässernamen) plaziert gewesen, denn der erste Satz (S. 35) lautet: 'In Teil III (Lexikon) sind alle in die Sammlung aufgenommenen Namen ... nach ihrer Herkunft, Bedeutung und Bildungsweise erörtert worden'. In vier Abschnitten werden behandelt: 1. 'Die Gewässerbe­zeichnungen und ihre Verwendung' (S. 35-109), wobei es vor allem um eine 'Namengrammatik' (S. 35) geht.

'Wesentliche Gesichtspunkte' sind für den Autor 'die Verwendung bestimmter Gewässer­bezeichnungen, die Semasiologie und die Bildungsweisen' (S. 35). Dabei wird in fließende Gewäs­ser und Quellen (S. 37-82, zum Beispiel å, au, bek, born, kilde, siek, rönne) und stehende Gewässer (S. 83-109, unter anderem diek, kolk, kule, see, sood) unterteilt. Eine genaue Trennung läßt sich natürlich nicht in jedem Fall durchführen. 2. 'Mehrnamigkeit' (S. 111-131), untersucht werden Mehrfachformen, Übersetzungen, Umdeutungen, Namenangleichungen und anderes mehr. 3. 'Lautliche Erscheinungen' (S. 133-154), wobei es vor allem um niederdeutsche und nordgerma­nisch-süderjütische Eigenheiten und Entwicklungen geht. In diesem Zusammenhang kann der Verfasser wichtige Einzelheiten, die auch für die historische Grammatik der entsprechenden ger­manischen Dialekte von Bedeutung sind, herausarbeiten. Vor den Anmerkungen zu diesem Kapitel (S. 168-171) steht 4. die Behandlung der 'kontaktsprachlichen Erscheinungen (Interferenzen)' (S. 155-167). Diese können sich auswirken als 'unveränderte Übernahmen, orthographische Umgestal­tungen, Weiterentwicklungen nach den morphologischen und morphosyntaktischen Gesetzen des Superstrats, Umbildungen nach den phonologischen und phonotaktischen Gesetzen des Superstrats (Lautsubstitutionen), Transpositionen lexikalischer Elemente (Übersetzungen), Mißverständnisse und volksetymologische Umdeutungen' (S. 155). - Der umfangreichste Teil der Untersuchung (S. 173-483) enthält ein Lexikon der Namen des Untersuchungsgebietes (zu Einzelheiten der Behand­lung sieh S. 173-175). Dieses ist sorgfältig zusammengestellt, es läßt kaum Wünsche offen und ist nach Prinzipien gestaltet, wie sie modernen onomastischen Untersuchungen zukommt. Zu einigen wenigen Ergänzungen sieh weiter unten. - Verzeichnisse der Quellen sowie der Lautschrift, Ab­kürzungen, Symbole, Literatur und Karten und ein wertvolles Register (S. 485-593) beschließen die Arbeit. - Eine namenkundliche Arbeit, die eine Fülle von Material verarbeitet, regt immer zu Kommentaren, Ergänzungen und Fragen an. Vor einer zusammenfassenden Wertung und dem Versuch, die vorliegende Untersuchung für siedlungsgeschichtliche Aspekte zu nutzen, sei daher auf einige Einzelheiten eingegangen. - Zu Arensbek (S. 179ff.) ergänze Arendsee, Arentsee (Hydronymia Germaniae A 16, Stuttgart 1990, S. 13ff.). Die bei der Erörterung der Etymologie gemachte Äußerung 'Adlersee ergäbe durchaus einen Sinn' (S. 180) erscheint mir nicht sehr plausi­bel. Entsprechende Versuche, die im slavischen Bereich liegenden, ähnlich gelagerten Orla-Namen zu deuten, führen kaum weiter (hierzu und zur Wurzel *er-/or- in der alteuropäischen Hydrony­mie sieh J. Udolph, Die Stellung der Gewässernamen Polens innerhalb der alteuropäischen Hy­dronymie, Heidelberg 1990, S. 219-226, speziell S. 222f.). - Zu Bollerbek (S. 216) ergänze Bollers Beck, Bollers Beke (Hydronymia Germaniae, A 16, S. 50). - Zu döbbel und so weiter < *dupila- 'Sumpf' vergleiche man die Ausführungen von V.F. Faltings, Nordfriesisches Jahrbuch, NF. 2O,1984,29O, sowie mittelhochdeutsch tobel 'Vertiefung, Waldtal' und aus dem Slavischen zum Beispiel russ. dupló, poln. dupel 'Höhlung im Baumstamm', auch 'Bienenstock' (M. Vasmer, Rus­sisches etymologisches Wörterbuch, Band 1, Heidelberg 1953, S. 382).

Für polnisch Gdansk (S. 218) lies Gdansk. - Zu Jerrisbek (S. 315f.) ist wohl der Ortsname Jersbek bei Bargteheide (ältere Belege jetzt in Hydronymia Germaniae, A 16, S. 180) heranzuziehen. - Krauel (S. 335) besitzt eine weitere Entsprechung in Hamburg: Kraueler Brack, auch Orts- und Inselname Krauel (sieh Hy­dronymia Germaniae, A 16, S. 194). - Der Flurname Müsch (S. 362f.) wird zu *musk gestellt und dazu ergänzt: 'Die Wurzel *musk ist in vielen nordischen Toponymen enthalten' (S. 362), K. Hald 'setzt ein Appellativ *mysk voraus, eng verwandt mit jüt. musk ... 'Nieselregen, Nebel' und adän. myske, jüt. muske ... 'nieseln', möglicherweise auch mit jüt. musk 'Schimmel' ... (Er) vermutet au­ßerdem eine Verbindung mit norweg. *mysk und schott. misk als Bezeichnung für niedriges, feuchtes und unbebautes Land' (S. 363). Von hieraus ist eine interessante Verbindung zu zwei -ithi-Namen möglich, man vergleiche Moischt, Ortsteil von Marburg, 13.-15. Jh. muscede, Mushede, Muskede, Muschede, demnach wahrscheinlich aus *Musk-ithi, und Müschede, Ortsteil von Arns­berg, a. 1204 zum Musche, Muschede. Ich hatte diese beiden Namen bei der Behandlung der -ithi-Bildungen (in: Probleme der älteren Namenschichten, Leipziger Symposium, BNF.NF., Beiheft, Heidelberg 1991, im Druck) zu den eher nichtgermanischen Typen gezählt und mit russisch muzga 'See, Lake, Weiher', slovenisch muzga 'Schlamm, Lettenerde' verbunden. Nun scheint ein Ansatz *Musk-ithi doch seine Erklärung innerhalb des Germanischen zu finden; zu den slavischen Appel­lativen bestände dann Urverwandtschaft. - Die Annahme einer Entlehnung von niederdeutsch piep 'Pfeife, Röhre', aber auch 'schmaler Abzugsgraben zwischen Acker-, Weide- und Wiesenstücken' (S. 55), aus lateinisch *pîpa 'Schalmei' kann zutreffen. Gerade aber die -l-Ableitung erscheint nicht nur in dem jütisch pebel, pebbel 'kleiner Bach', sondern ebenfalls in -ithi-Bildungen wie in den Ortsnamen Hack-Pfiffel bei Sangerhausen, a. 1261 Pfeffelde, a. 1438 Familie Hacke im Dorfe Pfeffelde; Pfiffel bei Allstedt und Mönch-Pfiffel, Kreis. Apolda, 9. Jahrhundert (Kopie 11. Jahr­hundert) Bablide, a. 1154 Peffelde und so weiter, die mit den Gewässernamen Pfiffelbach und Pfüffelerbach in Verbindung stehen. Man vergleiche auch altenglisch pípe '(hölzerne) Wasserröhre'. Ob nicht doch von einem germanischen Appellativum auszugehen ist, das nur zufällig an lateinisch *pîpa 'Schalmei' anklingt? -  Zur Zusammenstellung des Hydronyms Rheider Au und der Ortsna­men Groß-, Klein-Rheide (S. 391-393) mit einem indogermanischen Ansatz *roi-t- > germanisch *rai-p- sieh auch A. Mayer, Die Sprache der alten Illyrier, Band 2, Wien 1959, S. 94f. - Die für unklar und umstritten gehaltene Etymologie von deutsch See löst sich mit A. Greule, Vor- und frühgermanische Flußnamen am Oberrhein, Heidelberg 1973, S. 151, als u-Determinativum der Wurzel *sei-/soi-/si- 'tröpfeln, rinnen, feucht' meines Erachtens doch zufriedenstellend. - Wei­teres Vergleichsmaterial zu Stolbek sieh jetzt bei J. Udolph, Stellung 276f. - Es fällt auf, daß v. Rohden keine Probleme hatte, Vergleiche aus dem nördlich des Untersuchungsgebietes angrenzen­den dänischen Sprachgebiet beizubringen. Die rührige dänische Namenforschung hat dazu das ihre getan.

Dagegen fehlt es für den Raum südlich der Elbe nach wie vor an fundierten Untersuchun­gen (abgesehen von den Flurnamenuntersuchungen in Niedersachsen). Nur einige wenige Ergän­zungen waren aus dem Namenmaterial des Unterelbegebietes (Hydronymia Germaniae, A 16) mög­lich. - Wenn man eine zusammenfassende Wertung der Untersuchung vornimmt, so muß man sa­gen, daß der Verfasser seiner Aufgabe voll gerecht geworden ist. Seine Deutungen überzeugen fast durchweg; über einzelne Namen wird man immer streiten können. Allerdings liegt diese Beurtei­lung auch zum Teil in der Materie selbst. Es sind fast ausschließlich relativ junge Namen, denen sich v. Rohden gegenüber sah. Ihre Deutung steht vor nicht allzu großen Schwierigkeiten. Dabei ist allerdings zu unterstreichen, daß sich der Verfasser den verschiedenen Problemen der Interferenz zwischen niederdeutschen und dänischen Namensformen gewachsen zeigt. Er hat eine Arbeit vor­gelegt, der man Anerkennung zollen muß. - Mit diesem Urteil könnte man diese Besprechung ab­schließen. Es ist aber gerade die eben angesprochene Erkenntnis, daß sich im Untersuchungsgebiet fast ausschließlich junge und jüngste Gewässernamen auffinden lassen, die zum Nachdenken über die daraus resultierende Siedlungsgeschichte anregen sollte. Von Rohden hat selbst auf die geringe Anzahl älterer Bildungen aufmerksam gemacht: 'Beispiele einer älteren, einstämmigen Hydronymie [bleiben], auch im Vergleich mit dem Landesteil Holstein, spärlich. Dies gilt auch für das hier be­handelte UG' (S.70) und weiter: 'Ursprünglich einstämmige Namen einer germanischen oder gar indogermanischen Schicht machen mit etwa 1% nur einen verschwindend geringen Anteil des Na­menbestandes aus' (S. 72). Hinzu kommt, daß auch bei Namen, 'die sich in die alteuropäische Hy­dronymie stellen ließen, Zweifel angebracht [sind], insbesondere, weil sie auch noch an vorhan­denes Wortgut anzuschließen sind' (S. 71). Wenn man dem gegenüber in Rechnung stellt, daß sich das Germanische als indogermanische Sprache auf einer indogermanisch-alteuropäischen Grundlage aus einem voreinzelsprachlichen Dialektbereich herausgebildet haben muß, dann kann sich dieses nicht dort abgespielt haben, wo ältere Namen und Namentypen so gut wie unbekannt sind. Zu ei­nem ähnlichen Ergebnis kam ich auch schon bei der Besprechung der Arbeit von Antje Schmitz, Die Orts- und Gewässernamen des Kreises Plön, BNF.NF. 23(1988), S. 315. Das heißt, daß die Zweifel, Schleswig-Holstein gehöre mit zum ältesten germanischen Siedlungsgebiet, durch die vor­liegende fundierte Arbeit weiteren Zuwachs erhalten. - Ein weiterer Punkt ist die Frage des ur­sprünglichen Siedlungsgebietes der Angeln, Sachsen und Jüten. Ihre Lage ist unsicher (S. 25). Von Rohden baut in diesem Zusammenhang vor allem auf die Archäologie: 'Übereinstimmende vorzeit­liche Funde im Osten Südjütlands und in Teilen Englands, in die die Angeln später auswanderten, machen ... das östliche Hügelland als Siedlungsraum der Angeln wahrscheinlich' (S. 25). Wohl auch auf archäologischen Untersuchungen basiert die weit verbreitete und bisher kaum bestrittene An­nahme, daß von Schleswig-Holstein aus 'wesentliche Bestandteile beider Völker [Angeln, Sachsen, J.U.] im 5. Jahrhundert gemeinsam zu den britischen Inseln auswanderten ...' (S. 26).

Ich möchte dieser Auffassung eine Erkenntnis entgegenstellen, die der Autor in einem anderen Zusammenhang gemacht hat und die die Bedeutung der Namenforschung für derartige Fragen unterstreicht: 'Anhand der sprachlichen Zugehörigkeit der Ortsnamen läßt sich der Rückzug der dänischen Sprachgrenze herausarbeiten' (S. 29). Müßte man nicht das auf die Frage der Landnahme Englands übertragen und von namenkundlicher Seite an das Problem herangehen? Und um noch einen Schritt weiter zu gehen: es erheben sich ernste Zweifel an der ständig vertretenen Meinung, die germanischen Siedler Englands seien vor allem aus Schleswig-Holstein gekommen, wenn sich (wie zum Beispiel durch die vorliegende Untersuchung) herausstellt, daß das mutmaßliche Ausgangsge­biet kaum altertümliche germanische Namen oder Namentypen besitzt. - Mit diesen Überlegungen bin ich weit über die ursprüngliche Intention der zu besprechenden Arbeit hinausgegangen. Sie zeigen aber, zu welchen weitreichenden Folgerungen onomastische Arbeiten in der hier vorgelegten Qualität anregen können. Dem Verfasser ist für seine intensive, zeitaufwendige und umfassende Arbeit zu danken. (Göttingen, Jürgen Udolph)

Kieler Beiträge zur deutschen Sprachgeschichte. Band 13. 1989. Karl Wachholtz Verlag Neumünster. 593 S. Mit 13 Karten. 8°.- Die Arbeit, eine mit dem Jungius-Preis ausgezeichnete Kieler Dissertation, beginnt mit einem Vorwort (S. 9f.), der zu ent­nehmen ist, daß die Untersuchung in langen Jahren nebenberuflich entstanden ist. In der sich an­schließenden Einleitung (S. 11-20) wird die Forschungslage umrissen. Dabei wird unterstrichen, daß es bisher keine namenkundliche Untersuchung gab, die 'ein bestimmtes Flußgebiet im Schles­wiger Raum behandelt' (S. 11). Vorarbeiten lagen unter anderem von W. Laur, K. Hald, A. Bjerrum, J. Kousgård Sórensen und G. Kvaran vor (zur Kritik an dieser Arbeit: S. 14f. mit Hin­weis auf die Besprechung von W. Laur, BNF.NF. 16,1981,237-240). Der Gegensatz zu der Unter­suchung von G. Kvaran liegt nach Auffassung des Verfassers vor allem in der Begrenztheit und Überschaubarkeit des Untersuchungsgebietes (S. 15). Methode und Zielsetzung der Arbeit orien­tieren sich an den Arbeiten von F. Witt, B.-U. Kettner, W. Kramer und F. Debus. Dabei hat sich v. Rohden dem Grundsatz verpflichtet, 'alle verfügbaren Namen und Belege zu sammeln' (S. 13), wobei Mundartformen mit F. Debus als 'prinzipiell gleichwertige Belege' betrachtet werden (S. 13). Zur Textgrundlage und Quellenkritik wird auf den Seiten 15-19 Stellung genommen. Umfragen unter Informanten haben dabei ergeben, daß ursprünglich süderjütische Namen schon oft nieder­deutsche Gestalt angenommen haben. Die Anmerkungen zu dem einleitenden Kapitel (S. 19f.) be­schließen diesen Teil der Arbeit. - Teil 1 der Untersuchung umreißt das Untersuchungsgebiet (S. 21-34). Es umfaßt das zentrale nördliche Schleswig-Holstein, etwa den Raum zwischen Flensburg, Schleswig und Husum. Drei 3 Karten geben einen guten Überblick über das Terrain. Die Bemer­kungen zur Siedlungs- und Sprachgeschichte (S. 25-33) gehen auf den zum Teil bereits vollzogenen Sprachwandel vom Süderjütischen zum Nieder- und später Hochdeutschen ein. Weiterhin werden die Probleme bei der Bestimmung der alten Wohnsitze der Angeln, Jüten und Sachsen angespro­chen. Die 'von Westen her einsetzende Siedlungstätigkeit der Friesen um die Jahrtausendwende ... hat die Hydronymie im Untersuchungsgebiet nur ausnahmsweise beeinflußt' (S. 28). 'Etwa vom 12. Jahrhundert an kann man in Schleswig von den Einzelsprachen Süderjütisch, Niederdeutsch und Nordfriesisch sprechen' (S. 29). 'Anhand der sprachlichen Zugehörigkeit der Ortsnamen läßt sich der Rückzug der dänischen Sprachgrenze herausarbeiten' (S. 29). Das Vordringen des Mittelnieder­deutschen steht im Zusammenhang mit der Entfaltung der Hanse und deren Zentrum Lübeck. Später findet eine Ablösung durch das Hochdeutsche statt. - Teil 2 der Arbeit behandelt die 'Hydronymie des Untersuchungsgebietes' (S. 35-171). Es handelt sich eigentlich um die zusam­menfassende Auswertung der Untersuchung und war offenbar ursprünglich nach dem jetzigen Teil III (dem Lexikon der Gewässernamen) plaziert gewesen, denn der erste Satz (S. 35) lautet: 'In Teil III (Lexikon) sind alle in die Sammlung aufgenommenen Namen ... nach ihrer Herkunft, Bedeutung und Bildungsweise erörtert worden'. In vier Abschnitten werden behandelt: 1. 'Die Gewässerbe­zeichnungen und ihre Verwendung' (S. 35-109), wobei es vor allem um eine 'Namengrammatik' (S. 35) geht. 'Wesentliche Gesichtspunkte' sind für den Autor 'die Verwendung bestimmter Gewässer­bezeichnungen, die Semasiologie und die Bildungsweisen' (S. 35). Dabei wird in fließende Gewäs­ser und Quellen (S. 37-82, zum Beispiel å, au, bek, born, kilde, siek, rönne) und stehende Gewässer (S. 83-109, unter anderem diek, kolk, kule, see, sood) unterteilt. Eine genaue Trennung läßt sich natürlich nicht in jedem Fall durchführen. 2. 'Mehrnamigkeit' (S. 111-131), untersucht werden Mehrfachformen, Übersetzungen, Umdeutungen, Namenangleichungen und anderes mehr. 3. 'Lautliche Erscheinungen' (S. 133-154), wobei es vor allem um niederdeutsche und nordgerma­nisch-süderjütische Eigenheiten und Entwicklungen geht. In diesem Zusammenhang kann der Verfasser wichtige Einzelheiten, die auch für die historische Grammatik der entsprechenden ger­manischen Dialekte von Bedeutung sind, herausarbeiten. Vor den Anmerkungen zu diesem Kapitel (S. 168-171) steht 4. die Behandlung der 'kontaktsprachlichen Erscheinungen (Interferenzen)' (S. 155-167). Diese können sich auswirken als 'unveränderte Übernahmen, orthographische Umgestal­tungen, Weiterentwicklungen nach den morphologischen und morphosyntaktischen Gesetzen des Superstrats, Umbildungen nach den phonologischen und phonotaktischen Gesetzen des Superstrats (Lautsubstitutionen), Transpositionen lexikalischer Elemente (Übersetzungen), Mißverständnisse und volksetymologische Umdeutungen' (S. 155). - Der umfangreichste Teil der Untersuchung (S. 173-483) enthält ein Lexikon der Namen des Untersuchungsgebietes (zu Einzelheiten der Behand­lung sieh S. 173-175). Dieses ist sorgfältig zusammengestellt, es läßt kaum Wünsche offen und ist nach Prinzipien gestaltet, wie sie modernen onomastischen Untersuchungen zukommt. Zu einigen wenigen Ergänzungen sieh weiter unten. - Verzeichnisse der Quellen sowie der Lautschrift, Ab­kürzungen, Symbole, Literatur und Karten und ein wertvolles Register (S. 485-593) beschließen die Arbeit. - Eine namenkundliche Arbeit, die eine Fülle von Material verarbeitet, regt immer zu Kommentaren, Ergänzungen und Fragen an. Vor einer zusammenfassenden Wertung und dem Versuch, die vorliegende Untersuchung für siedlungsgeschichtliche Aspekte zu nutzen, sei daher auf einige Einzelheiten eingegangen. - Zu Arensbek (S. 179ff.) ergänze Arendsee, Arentsee (Hydronymia Germaniae A 16, Stuttgart 1990, S. 13ff.). Die bei der Erörterung der Etymologie gemachte Äußerung 'Adlersee ergäbe durchaus einen Sinn' (S. 180) erscheint mir nicht sehr plausi­bel. Entsprechende Versuche, die im slavischen Bereich liegenden, ähnlich gelagerten Orla-Namen zu deuten, führen kaum weiter (hierzu und zur Wurzel *er-/or- in der alteuropäischen Hydrony­mie sieh J. Udolph, Die Stellung der Gewässernamen Polens innerhalb der alteuropäischen Hy­dronymie, Heidelberg 1990, S. 219-226, speziell S. 222f.). - Zu Bollerbek (S. 216) ergänze Bollers Beck, Bollers Beke (Hydronymia Germaniae, A 16, S. 50). - Zu döbbel und so weiter < *dupila- 'Sumpf' vergleiche man die Ausführungen von V.F. Faltings, Nordfriesisches Jahrbuch, NF. 2O,1984,29O, sowie mittelhochdeutsch tobel 'Vertiefung, Waldtal' und aus dem Slavischen zum Beispiel russ. dupló, poln. dupel 'Höhlung im Baumstamm', auch 'Bienenstock' (M. Vasmer, Rus­sisches etymologisches Wörterbuch, Band 1, Heidelberg 1953, S. 382). - Für polnisch Gdansk (S. 218) lies Gdansk. - Zu Jerrisbek (S. 315f.) ist wohl der Ortsname Jersbek bei Bargteheide (ältere Belege jetzt in Hydronymia Germaniae, A 16, S. 180) heranzuziehen. - Krauel (S. 335) besitzt eine weitere Entsprechung in Hamburg: Kraueler Brack, auch Orts- und Inselname Krauel (sieh Hy­dronymia Germaniae, A 16, S. 194). - Der Flurname Müsch (S. 362f.) wird zu *musk gestellt und dazu ergänzt: 'Die Wurzel *musk ist in vielen nordischen Toponymen enthalten' (S. 362), K. Hald 'setzt ein Appellativ *mysk voraus, eng verwandt mit jüt. musk ... 'Nieselregen, Nebel' und adän. myske, jüt. muske ... 'nieseln', möglicherweise auch mit jüt. musk 'Schimmel' ... (Er) vermutet au­ßerdem eine Verbindung mit norweg. *mysk und schott. misk als Bezeichnung für niedriges, feuchtes und unbebautes Land' (S. 363). Von hieraus ist eine interessante Verbindung zu zwei -ithi-Namen möglich, man vergleiche Moischt, Ortsteil von Marburg, 13.-15. Jh. muscede, Mushede, Muskede, Muschede, demnach wahrscheinlich aus *Musk-ithi, und Müschede, Ortsteil von Arns­berg, a. 1204 zum Musche, Muschede. Ich hatte diese beiden Namen bei der Behandlung der -ithi-Bildungen (in: Probleme der älteren Namenschichten, Leipziger Symposium, BNF.NF., Beiheft, Heidelberg 1991, im Druck) zu den eher nichtgermanischen Typen gezählt und mit russisch muzga 'See, Lake, Weiher', slovenisch muzga 'Schlamm, Lettenerde' verbunden. Nun scheint ein Ansatz *Musk-ithi doch seine Erklärung innerhalb des Germanischen zu finden; zu den slavischen Appel­lativen bestände dann Urverwandtschaft. - Die Annahme einer Entlehnung von niederdeutsch piep 'Pfeife, Röhre', aber auch 'schmaler Abzugsgraben zwischen Acker-, Weide- und Wiesenstücken' (S. 55), aus lateinisch *pîpa 'Schalmei' kann zutreffen. Gerade aber die -l-Ableitung erscheint nicht nur in dem jütisch pebel, pebbel 'kleiner Bach', sondern ebenfalls in -ithi-Bildungen wie in den Ortsnamen Hack-Pfiffel bei Sangerhausen, a. 1261 Pfeffelde, a. 1438 Familie Hacke im Dorfe Pfeffelde; Pfiffel bei Allstedt und Mönch-Pfiffel, Kreis. Apolda, 9. Jahrhundert (Kopie 11. Jahr­hundert) Bablide, a. 1154 Peffelde und so weiter, die mit den Gewässernamen Pfiffelbach und Pfüffelerbach in Verbindung stehen. Man vergleiche auch altenglisch pípe '(hölzerne) Wasserröhre'. Ob nicht doch von einem germanischen Appellativum auszugehen ist, das nur zufällig an lateinisch *pîpa 'Schalmei' anklingt? -  Zur Zusammenstellung des Hydronyms Rheider Au und der Ortsna­men Groß-, Klein-Rheide (S. 391-393) mit einem indogermanischen Ansatz *roi-t- > germanisch *rai-p- sieh auch A. Mayer, Die Sprache der alten Illyrier, Band 2, Wien 1959, S. 94f. - Die für unklar und umstritten gehaltene Etymologie von deutsch See löst sich mit A. Greule, Vor- und frühgermanische Flußnamen am Oberrhein, Heidelberg 1973, S. 151, als u-Determinativum der Wurzel *sei-/soi-/si- 'tröpfeln, rinnen, feucht' meines Erachtens doch zufriedenstellend. - Wei­teres Vergleichsmaterial zu Stolbek sieh jetzt bei J. Udolph, Stellung 276f. - Es fällt auf, daß v. Rohden keine Probleme hatte, Vergleiche aus dem nördlich des Untersuchungsgebietes angrenzen­den dänischen Sprachgebiet beizubringen. Die rührige dänische Namenforschung hat dazu das ihre getan. Dagegen fehlt es für den Raum südlich der Elbe nach wie vor an fundierten Untersuchun­gen (abgesehen von den Flurnamenuntersuchungen in Niedersachsen). Nur einige wenige Ergän­zungen waren aus dem Namenmaterial des Unterelbegebietes (Hydronymia Germaniae, A 16) mög­lich. - Wenn man eine zusammenfassende Wertung der Untersuchung vornimmt, so muß man sa­gen, daß der Verfasser seiner Aufgabe voll gerecht geworden ist. Seine Deutungen überzeugen fast durchweg; über einzelne Namen wird man immer streiten können. Allerdings liegt diese Beurtei­lung auch zum Teil in der Materie selbst. Es sind fast ausschließlich relativ junge Namen, denen sich v. Rohden gegenüber sah. Ihre Deutung steht vor nicht allzu großen Schwierigkeiten. Dabei ist allerdings zu unterstreichen, daß sich der Verfasser den verschiedenen Problemen der Interferenz zwischen niederdeutschen und dänischen Namensformen gewachsen zeigt. Er hat eine Arbeit vor­gelegt, der man Anerkennung zollen muß. - Mit diesem Urteil könnte man diese Besprechung ab­schließen. Es ist aber gerade die eben angesprochene Erkenntnis, daß sich im Untersuchungsgebiet fast ausschließlich junge und jüngste Gewässernamen auffinden lassen, die zum Nachdenken über die daraus resultierende Siedlungsgeschichte anregen sollte. Von Rohden hat selbst auf die geringe Anzahl älterer Bildungen aufmerksam gemacht: 'Beispiele einer älteren, einstämmigen Hydronymie [bleiben], auch im Vergleich mit dem Landesteil Holstein, spärlich. Dies gilt auch für das hier be­handelte UG' (S.70) und weiter: 'Ursprünglich einstämmige Namen einer germanischen oder gar indogermanischen Schicht machen mit etwa 1% nur einen verschwindend geringen Anteil des Na­menbestandes aus' (S. 72). Hinzu kommt, daß auch bei Namen, 'die sich in die alteuropäische Hy­dronymie stellen ließen, Zweifel angebracht [sind], insbesondere, weil sie auch noch an vorhan­denes Wortgut anzuschließen sind' (S. 71). Wenn man dem gegenüber in Rechnung stellt, daß sich das Germanische als indogermanische Sprache auf einer indogermanisch-alteuropäischen Grundlage aus einem voreinzelsprachlichen Dialektbereich herausgebildet haben muß, dann kann sich dieses nicht dort abgespielt haben, wo ältere Namen und Namentypen so gut wie unbekannt sind. Zu ei­nem ähnlichen Ergebnis kam ich auch schon bei der Besprechung der Arbeit von Antje Schmitz, Die Orts- und Gewässernamen des Kreises Plön, BNF.NF. 23(1988), S. 315. Das heißt, daß die Zweifel, Schleswig-Holstein gehöre mit zum ältesten germanischen Siedlungsgebiet, durch die vor­liegende fundierte Arbeit weiteren Zuwachs erhalten. - Ein weiterer Punkt ist die Frage des ur­sprünglichen Siedlungsgebietes der Angeln, Sachsen und Jüten. Ihre Lage ist unsicher (S. 25). Von Rohden baut in diesem Zusammenhang vor allem auf die Archäologie: 'Übereinstimmende vorzeit­liche Funde im Osten Südjütlands und in Teilen Englands, in die die Angeln später auswanderten, machen ... das östliche Hügelland als Siedlungsraum der Angeln wahrscheinlich' (S. 25). Wohl auch auf archäologischen Untersuchungen basiert die weit verbreitete und bisher kaum bestrittene An­nahme, daß von Schleswig-Holstein aus 'wesentliche Bestandteile beider Völker [Angeln, Sachsen, J.U.] im 5. Jahrhundert gemeinsam zu den britischen Inseln auswanderten ...' (S. 26). Ich möchte dieser Auffassung eine Erkenntnis entgegenstellen, die der Autor in einem anderen Zusammenhang gemacht hat und die die Bedeutung der Namenforschung für derartige Fragen unterstreicht: 'Anhand der sprachlichen Zugehörigkeit der Ortsnamen läßt sich der Rückzug der dänischen Sprachgrenze herausarbeiten' (S. 29). Müßte man nicht das auf die Frage der Landnahme Englands übertragen und von namenkundlicher Seite an das Problem herangehen? Und um noch einen Schritt weiter zu gehen: es erheben sich ernste Zweifel an der ständig vertretenen Meinung, die germanischen Siedler Englands seien vor allem aus Schleswig-Holstein gekommen, wenn sich (wie zum Beispiel durch die vorliegende Untersuchung) herausstellt, daß das mutmaßliche Ausgangsge­biet kaum altertümliche germanische Namen oder Namentypen besitzt. - Mit diesen Überlegungen bin ich weit über die ursprüngliche Intention der zu besprechenden Arbeit hinausgegangen. Sie zeigen aber, zu welchen weitreichenden Folgerungen onomastische Arbeiten in der hier vorgelegten Qualität anregen können. Dem Verfasser ist für seine intensive, zeitaufwendige und umfassende Arbeit zu danken. (Göttingen, Jürgen Udolph)