Slavisch und Indogermanisch

Jürgen Udolph: Besprechung von Herbert Schelesniker: Slavisch und Indogermanisch

Erschienen in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 27(1992)472-475.
Herbert Schelesniker. Slavisch und Indogermanisch. Der Weg des Slavischen zur sprachlichen Eigenständigkeit. Mit 4 Karten. Innsbrucker Beiträge zur Sprach-wissenschaft. Vorträge und Kleinere Schriften 48. 1991. Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck. 24 S. 8°.

In der vorletzten Studie des im Januar 1991 verstorbenen Innsbrucker Slavisten versucht der Autor auf 13 Seiten (Titelei und Literatur sowie vier Karten nehmen den übrigen Platz ein) einen Abriß der Ausgliederung des Slavischen aus dem indogermanischen Dialektverband. Auch wenn keiner meiner Titel im Literaturverzeichnis verzeichnet ist (dafür allerdings zwei Karten, vgl. S. 22-23), so sind es nicht zuletzt die namenkundlichen Untersuchungen des Rezensenten, die in dieser Skizze attackiert werden. Das zeigt sich schon auf S. 6: die Onomastik sei nicht in der Lage, Ort und Zeit einer Volkswerdung zu ermitteln, denn „Ethnogenesen vollziehen sich in kleinen Keimzellen, von der Umwelt unbemerkt“. Dagegen bestehe „der einzig zielführende Weg, die Existenz früher Slaven in einem bestimmten Areal toponymisch zu erfassen und nachzuweisen“, in der Behandlung von „Namen nicht- bzw. vorslavischer Bildungsart, die aus dem Slavischen nicht erklärbar sind, aber deutliche Spuren einer slavischen Überformung erkennen lassen“. Wenig später heißt es dazu ergänzend: „Mit anderen Worten: Slavische Orts-, Flur- und Gewässernamen weisen, selbst in ihrer ältesten überlieferten Gestalt, lediglich auf ein Gebiet, das von Slaven besiedelt ist oder war, nicht aber auf den 'Urkern' des slavischen Territoriums. Entsprechendes gilt für thrakische, illyrische, keltische und Namen anderer Völkerschaften. Somit ist die Toponymie allein nicht imstande, das Dunkel der Vor- und Frühzeit des Slavischen auszuleuchten, wie sie gleichfalls außerstande ist, sprachliche Zusammenhänge und Entwicklungen sowie zwischensprachliche Beziehungen aufzudecken“ (S. 7). Diese Sätze lassen jeden Namenforscher an der Bedeutung seiner Bemühungen zweifeln. Ich erspare mir eine detaillierte Auflistung gegensätzlicher Meinungen und möchte zunächst skizzieren, mit welchen Argumenten Schelesniker selbst zur Ethnogenese des Slavischen beitragen möchte.

Mit Recht wird zunächst die besondere Bedeutung der germanisch-baltisch-slavischen Isoglossen (S. 8) betont. Ähnliches gilt für den -t-Einschub, der bekanntlich auch das Illyrische umfaßt. Problematischer sind m.E. dagegen Wortgleichungen, mit denen gern operiert wird, so etwa für „Roggen“, „Blei“, „Zinn“, „Zink“, „Eisen“ (mit Hinweis auf archäologische Untersuchungen, wonach „um 500 sich bei den Balten bereits eine eisenverarbeitende Industrie nachweisen läßt“, S. 13) u.a.m. Das Problem des slavischen -ch- löst sich für den Autor wie folgt: „In Wirklichkeit sind alle mit ch- anlautenden Wörter des Slavischen, die sich auf indogermanischer Grundlage etymologisieren lassen, Erbwörter und reichen als solche in die Frühzeit des Slavischen zurück“ (S. 9).

Eine besondere Position nimmt nach Schelesniker der iranische Einfluß im Slavischen ein. Ihm sind die Differenzierungen des Slavischen gegenüber dem Baltischen anzulasten, weiterhin der mutmaßliche Zusammenfall von idg. *o, *a, *e > a, sowie die Palatalisierung: „man wird darin eine Angleichung oder Anpassung slavischer Artikulation an die Sprechweise der benachbarten iranischen Bevölkerung zu sehen haben“ (S. 14). Das Iranische ist „gleichsam als 'Geburtshelfer' des Slavischen anzusehen“ (S. 16).

Weiterhin sind für die Ausgliederung des Slavischen turksprachige Einflüsse von Bedeutung gewesen (S. 16f.). Genannt werden hier die „intrasyllabische Harmonie“ (die ich im Slavischen allerdings nicht erkennen kann), die progressive 3. Palatalisierung, die Delabialisierung gerundeter Vokale (*u > ; *û > y) und das verbpaarige Aspektsystem.

Aus den iranisch-slavischen und turksprachlich-slavischen Kontakten ergibt sich für die Heimatfrage: die indogermanischen Vorslaven waren „vor ihrer Expansion in einer Gegend ansässig, die im Vorraum der Ostkarpaten, etwa im Zwischenflußgebiet von Prut, Dnestr und Südlichem Bug zu suchen ist ... Das erwähnte Gebiet weist auch nur einen geringen Bestand an alten slavischen Orts-, Flur- und Gewässerbezeichnungen auf, doch breiten sich diese von hier aus bündelartig nach allen Richtungen aus“ (S. 15). Die Häufungen slavischer Namen im Raum westlich davon zeigen „nicht das Ursprungsland [man darf hinzufügen: wie

bei J. Udolph. J.U.], sondern die Expansion der Slaven, die aus einem unauffälligen Kerngebiet erfolgte“ (S. 16).

Unklar bleibt mir in diesem Zusammenhang allerdings die Passage „Lexikalisch-semantisch lassen sich spezifische Übereinstimmungen des Slavischen mit dem Italischen, Germanischen, Baltischen und Indoiranischen nachweisen, was bedeutet, daß die Vorfahren der Slaven ihren Standort innerhalb der indogermanischen Sprachgemeinschaft einigemale geändert haben müssen, ehe sie als eigenständiges Volk mit eigener Sprache hervortraten“ (S. 7). Dazu vgl. unten.

Das Schlußwort lautet: „Der gedrängte Überblick soll zeigen, daß der Ausgliederungs- und Verselbständigungsprozeß des Slavischen gegenüber dem indogermanischen Dialektverband nur dann erfolgversprechend sichtbar gemacht werden kann, wenn man historische, kulturelle und sprachliche Schichten freilegt und miteinander in Beziehung setzt. Die Toponymie ist nur eine dieser Schichten, die insgesamt gesehen gegenüber den anderen keinen Vorrang genießt“ (S. 18).

Die Studie fordert zu deutlicher Kritik heraus. Ich beginne bei dem Schlußwort und möchte die Frage stellen: auf welchem Wege ist es möglich, „historische, kulturelle und sprachliche Schichten“ in der Ausgliederung des Slavischen herauszuarbeiten? Es geht dabei nach allgemeiner Einschätzung um einen Zeitraum, der um Christi Geburt anzusetzen ist. Haben wir wirklich Methoden, die uns Aussagen über historische oder kulturelle Schichten im sich entwickelnden Slavischen erlauben? Und hilft uns die Archäologie, die von Schelesniker einmal bei der Diskussion des „Eisen“-Wortes zur Stütze herangezogen wird, weiter? Sind es nicht doch im wesentlichen sprachwissenschaftliche Methoden, darunter Entlehnung und onomastische Überlegungen, die weiter helfen können? Oder sind die Worte von M. Vasmer, daß die slavische Urheimatfrage „in erster Linie gefördert werden kann durch gründliche Lehnwörter- und Ortsnamenforschungen und möglichst vollständige Berücksichtigung aller alten historischen und geographischen Quellen“ (Schriften zur slavischen Altertumskunde und Namenkunde, Bd. 1, Berlin-Wiesbaden 1971, S. 71) heute nicht mehr gültig? Schelesnikers Studie wäre dann ein Gewinn, wenn sich seine Argumente halten ließen. Das ist aber bei nicht wenigen Punkt nicht der Fall.

So halte ich die These, wonach die Behandlung von „Namen nicht- bzw. vorslavischer Bildungsart, die aus dem Slavischen nicht erklärbar sind, aber deutliche Spuren einer slavischen Überformung erkennen lassen“ von besonderem Wert für die Heimat-Frage sei, für unrichtig. Eine Studie, die in diese Richtung geht, habe ich selbst vorgelegt (Gewässernamen der Ukraine und ihre Bedeutung für die Urheimat der Slaven. In: Slavistische Studien zum IX. Internationalen Slavistenkongreß in Kiev, Köln-Wien 1983, S. 579-595) und nur feststellen können, daß weite Gebiete von Slaven so frühzeitig erreicht worden sind, daß die übernommenen Namen die anzusetzenden urslavischen Lautentwicklungen mitgemacht haben. Eine genauere Eingrenzung und Bestimmung der Heimat ist damit nicht möglich.

Der nach Schelesniker angenommene starke Einfluß des Iranischen auf das (sich entwickelnde) Slavische ist eindeutig zu hoch eingestuft. Es geht kaum an, diesem die Differenzierungen des Slavischen gegenüber dem Baltischen anzulasten. Ebensowenig müssen die Palatalisierungen auf fremden Einfluß zurückgeführt werden. Eine Änderung der Artikulation vor vorderen Vokalen ist so weit verbreitet, daß man ohne Substrat- oder Kontakteinfluß auskommen kann. Der mutmaßliche Zu-sammenfall von idg. *o, *a, *e > slav. a, den Schelesniker zusammen mit anderen Forschern postuliert, hatte ich schon in einem anderen Zusammenhang kritisiert (Indogermanische Forschungen 87,1982,364-369) und darauf verwiesen, daß auch die Hydronymie mit wichtigem Beweismaterial aufwarten kann (Ebda., S. 367). Die in diesem Zusammenhang auch von H. Schelesniker erneut vorgetragene These, in dem russischen Akan'e sei ein sehr alter Wandel zu sehen, ist verfehlt, denn „die ersten sicheren Belege des Moskauer Akanje stammen aus der ersten Hälfte des 14.Jh. ... Weiter im Westen sind die ersten Belege noch jünger ... (Polock 1478)“ (A. Issatschenko, Geschichte der russischen Sprache, 1. Bd., Heidelberg 1980, S. 182). Überträgt man diese Chronologie auf das Germanisch-Deutsche, so hieße das, daß man mit der Sprache Luthers Probleme des Urgermanischen zu lösen versucht. Die beste Erklärung bietet nach wie vor G. Stipa (vgl. IF. 81,1976,428f.), der finnougrischen Einfluß annimmt. Ich möchte diese Entwicklung mit einem abgewandelten Satz von H. Schelesniker kommentieren: „man wird darin eine Angleichung oder Anpassung finno-ugrischer Artikulation an die Sprechweise der

slavischen Bevölkerung zu sehen haben“. Der für das Urslavische angesetzte Akan'e-Wandel scheitert allein schon an dem Fehlen im Ukrainischen.

Auch die als Beweis für iranischen Einfluß auf das Slavische angeführte Arbeit von G. Holzer, Entlehnungen aus einer bisher unbekannten indogermanischen Sprache im Urslavischen und Urbaltischen, Wien 1989, eine nach H. Schelesniker „in jeder Hinsicht aufschlußreiche Abhandlung“, kann aus namenkundlicher Sicht nicht als Stütze herangezogen werden (vgl. meine Rez. in dieser Zeitschrift, Neue Folge 25,1990,140-143).

Schließlich ist noch einmal auf die These zurückzukommen, wonach die Vorfahren der Slaven ihren Standort aufgrund von Übereinstimmungen mit anderen indogermanischen Sprachen „einigemale geändert haben müssen, ehe sie als eigenständiges Volk mit eigener Sprache hervortraten“ (S. 7). Eine ganz entsprechende Ansicht hat O.N. Trubacev in seinen letzten Arbeiten zur frühen Gliederung des Indogermanischen hinsichtlich des Baltischen geäußert: da diese idg. Sprache vielfältige Beziehungen zu verschiedenen idg. Idiomen besitzt, hat das Baltische seine Lage mehrfach verändert. Die Unhaltbarkeit beider Thesen liegt auf der Hand. Nimmt man sie ernst, so wäre nicht nur für diese beiden Sprachgruppen, sondern für alle indogermanischen Sprachen ein ständiges Gehen und Kommen und eine Fülle von Wanderungsbewegungen anzusetzen.

Die dazu konträre Ansicht führt im Grunde zu den Grundüberzeugungen der Slavistik und Indogermanistik zurück: aus einer indogermanischen Dialektszone heraus hat sich in einer relativ kleinen Keimzelle das Slavische herausgebildet. Man rechnet - wahrscheinlich mit Recht - mit einer Zeitspanne von etwa einem Jahrtausend. In dieser Zeit wurden Gewässer- und Ortsnamen übernommen, umgestaltet und neu gegeben. Es kommt nur darauf an, ein Gebiet ausfindig zu machen, in der sich eine relative Kontinuität von der alteuropäisch-indogermanischen Namenschicht zum Slavischen herausarbeiten läßt. Besonders hilfreich sind dabei Toponyme, die aus slavischen Appellativen entstammen, die in dem entsprechenden Gebiet nicht mehr nachweisbar und unproduktiv geworden sind.

Diese Voraussetzungen werden in dem von H. Schelesniker favorisierten Gebiet „im Vorraum der Ostkarpaten, etwa im Zwischenflußgebiet von Prut, Dnestr und Südlichem Bug“ nicht erfüllt. Weder die slavische Namengebung noch die alteuropäische Hydronyme geben Hinweise in diese Richtung. Da die Onomastik nach H. Schelesniker allerdings nicht die entscheidende Rolle spielt, hätte er dieses Argument wohl ohnehin nicht akzeptiert. Ich sehe jetzt ganz davon ab, daß vor allem polnische Forscher (wie etwa in letzter Zeit W. Manczak) mit einer Heimat in dem von H. Schelesniker genannten Gebiet kaum einverstanden sein dürften, und schließe nur mit der m.E. nach wie vor gültigen Einschätzung, daß Fragen der Ethnogenese, Heimat und Ausgliederung einer idg. Sprache nur unter Einbeziehung von onomastischen Untersuchungen behandelt werden können. (Göttingen, Jürgen Udolph)