Das slavische Verbalsystem

Jürgen Udolph: Besprechung von Herbert Schelesniker: Das slavische Verbalsystem

Erschienen in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 27(1992)475-476.
Herbert Schelesniker. Das slavische Verbalsystem und seine sprachhistorischen Grundlagen. Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft. Vorträge und Kleinere Schriften 51. 1991. Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck. 48 S. 8°.-

Die Studie ist die „letzte wissenschaftliche Arbeit und in diesem Sinne [das] Vermächtnis“ und „eine sehr persönliche Auffassung zum slavischen Verbalsystem“ (Vorwort des Herausgebers W. Meid, S. 5) des 1991 verstorbenen Innsbrucker Slavisten. Sie enthält ein Vorwort des Herausgebers (S. 5) und des Autors, sowie Abschnitte über die Sonderstellung des Verbums (S. 8-12), die grammatischen Kategorien des Verbums (S. 12-37), darin als Hauptteil das Problem des slavischen Aspekts, die Einteilung der Verbalklassen (S. 37-47), ihren Niederschlag im Slavischen (S. 38-47) und Hinweise auf die „Fachliteratur“ (S. 48). Sie entstand aus einem Vorlesungszyklus über das slavische Verbum und versucht, „die Grundlinien des Entwicklungsverlaufes aufzuzeigen, den das Verbum aus indogermanischer Zeit bis in die Periode der sprachlichen und völkischen Eigenständigkeit der Slaven genommen hat“ (S. 7). Sie wird nach Ansicht des Autors „Slavisten, Sprachhistorikern, Indogermanisten u.a. für ihre Auffassungen und Beurteilungen sicherlich von Nutzen sein“ (S. 8).

Den Namenforscher berührt die Skizze - so könnte man meinen - naturgemäß nur am Rand. Immerhin liest er in dem Abschnitt über die „Sonderstellung des Verbums“, es sei die „wohl meistbehandelte Wortart“ (S. 8), findet jedoch wenige Minuten später in seinem Briefkasten das erste Rundschreiben des 18. Internationalen Kongresses für Namenforschung und fragt sich, warum es entsprechende Tagungen nicht auch zum Verbum gibt. Bei einem ganz anderen Punkt der Darstellung, nämlich der Frage, wann und wo sihc der slavische Aspekt herausgebildet hat, wird jedoch auch die Onomstik berührt (dazu s.u.).

Aus der Abhandlung will ich nur wenige wichtige Punkte hervorheben. So bildet für Schelesniker das „das indogermanische Perfekt den Angelpunkt unseres verbalen, nominalen und temporalen Denkens“ (S. 12). Den Schwerpunkt der Abhandlung bildet naturgemäß der immer wieder behandelt slavische Aspekt (S. 17-37). Dabei

wird mit Recht die Differenzierung zwischen dieser slavischen Erscheinung und den Verhältnissen in anderen idg. Sprachen (z.B. Englisch) betont (S. 17). Die Hauptfragen sind: 1. Wie entstand der Aspekt? 2. Wann entstand er? 3. Warum entstand er? Die Antworten werden nach längerer Erörterung (die der Autor schon früher in seinem Beitrag Entstehung und Entwicklung des slavischen Aspektsystems, Die Welt der Slaven 4,1959, S. 389ff. geführt hatte) auf den S. 32f. gegeben. Etwas zu kurz gekommen ist dabei m.E. die entscheidende Rolle des Sprechers, dessen subjektive Entscheidung nur an zwei Stellen durchschimmert: „Spätestens mit der Etablierung des Perfekts im Verbalsystem mußte dem Sprecher bewußt werden, daß man auch nichtdurative Handlungsvorgänge ... sich als gegenwärtig verlaufend vorstellbar und verbal aussagbar machen könne“ (S. 26), und genereller: das „hängt von der Betrachtungs- und Auffassungsweise des Sprechenden ab“ (S. 29). Doch wie kam es zu dem Wandel? Die Antwort lautet: „Die Wurzeln des slavischen Aspektsystems mit seiner charakteristischen Verbpaarigkeit liegen in dem ausgeprägten synchronen Verbaldenken der alten Sprachträger. Ein derartiges Denken in Zeitstreckenbezügen war den indogermanischen Nachbarvölkern der Slaven [welche, wird nicht gesagt; J.U.] ... weitgehend abhanden gekommen, so daß die nicht unbegründete [Beweise dafür werden nicht gegeben, J.U.] Annahme besteht, daß bei der Entwicklung des slavischen Aspektsystems eine nichtindogermanische Sprache Pate gestanden hat, wenngleich das eingesetzte Instrumentarium indogermanisch ist“ (S. 33). Welche Dialekte in Frage kommen, wird im Anschluß daran ausgeführt: „Die Slaven standen mehrere Jahrhunderte in zum Teil engen Kontakt mit Sprachen turkotatarischer Völker. Avaren, Chazaren und Bulgaren bestimmten die Lebensweise der slavischen Volksstämme zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert unserer Zeitrechung entscheidend mit“. Die Umgestaltungen sprechen „nach der Art der Strukturveränderung für starke Beeinflussung durch Turksprachen ... Leider sind diese Erscheinungen von der Sprachwissenschaft bis heute nicht in ihrer vollen Tragweite erkannt und erfaßt und so gut wie gar nicht ausgewertet“ (S. 33). In einer Anmerkung zu dieser These wird darauf verwiesen, daß das altkirchenslavische Futurum „klare Substrateinwirkungen zu erkennen“ gibt, so in der Wendung imam' „(ich) habe“ + Infinitiv (in der griech.-roman. Futurkonstruktionen als Quelle angesehen werden) und in slav. naÇ'no, oder v'Çn'no, „beginne“, das germanischen Einfluß verraten soll.

Diese Auffassungen sind entschieden abzulehnen. Es sind gerade Argumente, die durch die Untersuchung der geographischen Namen gewonnen werden können, die darauf hinweisen, daß sich das entwickelnde Slavisch nicht in engerer Nachbarschaft zu Turkstämmen oder finno-ugrischen Sprachen (die Schelesniker nicht erwähnt, obwohl ihr Einfluß im Russischen unverkennbar ist) befunden hat, sondern einerseits in einer sehr frühen Periode mit idg. Dialekten Kontakt besaß, aus denen später Indo-Iranisch und Baltisch entsprangen, und später in einen engeren Verbund mit dem frühen Baltischen und Germanischen getreten ist. Zudem können mutmaßliche Substrateinflüsse im Altkirchenslavischen ebenso wenig als Argument für Substrateinfluß in einer früheren Stufe des Slavischen herangezogen werden wie der finno-ugrische Einfluß auf das Russische. Beide berühren nicht der Kern des alten slavischen Siedlungsgebietes.

Die Ursachen für die Entwicklung des Aspekts sind kaum noch auszumachen. Ob nicht hier eine Bemerkung von Schelesniker aufzugreifen ist, die er im Hinblick auf den Bestand der athematischen Verba gemacht hat und wonach „für dessen Schwund im Slavischen sich eigentlich keine Ursache erkennen läßt“ (S. 44)? Die Substrattheorie ist jedenfalls abzulehnen. (Göttingen, Jürgen Udolph)