Jürgen Udolph: Besprechung von Arthur Conrad Förste. 38 neue Forschungen und Quellen zur Geschichte und Ortsnamenkunde der Buxtehuder Geest

Mit 52 Bildern und Karten und einer farbigen Übersichtskarte (Buxtehuder Blätter, Bd. 6), Moisburg (Auslieferung durch Altstadt-Buchhandlung Striebich, Buxtehude) 1995, 406 S.

Erschienen in: Stader Jahrbuch 87/88(1997/1998)[1999], S. 263-268.

Der durch seine zahlreichen Veröffentlichungen bekannte und streitbare, inzwischen aber verstorbene Autor hat mit diesem Buch sein letztes großes Werk der Öffentlichkeit übergeben können. Somit kann er sich gegen ungerechtfertigte Kritik – wie es von ihm zu erwarten gewesen wäre - nicht mehr wehren. Ich will daher versuchen, Zweifelhaftes beiseite zu lassen und die Publikation möglichst objektiv zu bewerten.

Völlig zurecht heißt es im Vorwort: „Ortsnamenforschung ist so wichtig, weil Ortsnamen ja versteinerte Zeugen  längst vergangener Sach-, Rechts- und Sprachzustände sind, die in eine Zeit zurückreichen, aus der wir keine Schriftzeugnisse mehr haben. Ortsnamen können also sprechen, wo sonst nur Schweigen ist“ (S. 10). Völlig zurecht lehnt er die Sumpftheorien H. Bahlows, die durch die Veröffentlichung im Suhrkamp-Verlag erneut Verbreitung gefunden haben, nachhaltig ab. Verfehlt und überheblich fällt aber sein Urteil über Ludwig Bückmann aus, dem er dessen Fehler (wer macht die nicht?) immer wieder gnadenlos ankreidet.

Was enthält das Buch? In 38 Kapiteln werden zunächst ca. 30 Ortsnamen untersucht, wobei Förstes Hauptverdienst weniger der z.T. ausschweifende Kommentar mit extensiver Ablehnung verfehlter Deutungen ist, sondern vielmehr die sorgfältige Aufistung der historischen Überlieferung der Ortsnamenbelege. Auf einige wird noch zurückzukommen sein. In einem – grob gesprochen – zweiten Abschnitt (Kap. 33-38) werden zum einen zwei bedeutsame Quellen des 15. Jahrhunderts ediert (wichtig: Rechnungsbuch des Moisburger Schloßhauptmann Lippold Rosenberch von 1448, S. 289-318), zum anderen wird Leben, Begräbnis und Nachlaß der Herzogin Hedwig zu Braunschweig-Lüneburg (1536-1616) anhand von historischen Quellen illustriert.

Eine Zusammenstellung von besonderen Aussprachezeichen und Wortabkürzungen, der abgekürzt zitierten Quellen und Darstellungen und ein Register der Orts-, Flur- und Personennamen (S. 367-406) beschließt den Band.

Kritik erfordert insbesondere die Diskussin der ca. 30 Ortsnamen (Kap. 1-25, S. 17-220). Diese bezieht sich nicht oder kaum auf die zutreffend erklärten Namen Ochtmannsbruch/Mokensbrook (S. 53-59); Ottensen und die –stedt-Orte (S. 67-79); Daënsen (S. 81-90; < Dodenhusen); Meilsen (S. 99-103); Heimbruch (S. 105-111); Holvede (S. 119-125, Bildung mit –wede „Wald“; Zusammenstellung der damit immer wieder verwechselten –wedel-Ortsnamen bei J. Udolph, Namenkundliche Studien zum Germanenproblem, Berlin - New York 1994, S. 892-906); Fischbeck (S. 131-137; allerdings viel zu langatmige Ablehnung anderer Meinungen); Moisburg (S. 139-148); Foß (S. 149-155); Revenahe (S. 165-170); Wichmannsborstel (S. 171-182); Wohlesbostel (S. 183-187); Horneburg (Niederelbe) (S. 199-206; die Fakten hätten allerdings auf zwei Seiten zusammengefaßt werden können); Nianford? (S. 207-213) und Francop (S. 215-220).
 
Einige kleinere Ergänzungen sind notwendig bei Ohlenbüttel (S. 45-52; vgl., auch zur allgemeinen Deutung und Einordnung der –büttel-Namen, jetzt K. Casemir, Die Ortsnamen auf –büttel, Leipzig 1997, speziell S. 177). – Die angeblich fränkische Gründung des Ortes Pippensen (angeblich Anklang an Pippin) ist zurückzuweisen; zum Personennamen des Bestimmungswortes vgl. H. Kaufmann, Ergänzungsband zu: E. Förstemann, Personennamen, München-Hildesheim 1968, S. 60, zur Frage fränkischer Ortsnamen in Norddeutschland s. J. Udolph, Fränkische Ortsnamen in Niedersachsen? In: Festgabe für D. Neitzert zum 65. Geburtstag (= Göttinger Forschungen zur Landesgeschichte, Bd. 1), Bielefeld 1998, S. 1-70. – Korrekt ist die Ablehnung der Verbindung des historischen Beleges Tintine mit Deinste, jedoch kann Inten (S. 189-197) kaum auf einem Personennamen Tingrid/Tingred beruhen.

Verfehlt sind aus verschiedenen Gründen A.C. Förstes Deutungen in folgenden Fällen: Der Ortsname Dollern (S. 61-65) kann unmöglich aus Dalrim hergeleitet und als dal + rim  „Talrand“ interpretiert werden. Er findet vielmehr stützendes Vergleichsmaterial in Dollbergen (Kr. Hannover) und in Wörtern wie mnd. westf. dulle „Beule“, mnd. dolle, dulle, aisl. dollr (tul-no oder -so) „Baum, Pflock“, nhd. dolle „Baumkrone, Baumbüschel“, schwed. tull „Baumwipfel“, letztlich „Erhöhung, Gipfel, Wipfel, Oberes, Erhöhtes“ (s. U. Ohainski, J. Udolph, Die Ortsnamen des Landkreises und der Stadt Hannover, Bielefeld 1998, S. 106f.); zur mutmaßlichen germ. Lautform *dul-an-, die zu duln-/doln- führen mußte, vgl. (mit anderem Material) A. Bammesberger, Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 32,1998,14. Daran angetreten ist wohl ein –r-Suffix (dazu ausführlich Udolph, Germanenproblem S. 169-199), Grundbedeutung: „erhöht liegender Ort“. – Falsch ist auch die Etymologie des Ortsnamens Holm, Kreis Harburg (S. 127-130), dessen älteste Belege tom Holle, To dem Holne, Tom Holle, Hollen usw. Förste zu mnd. hol, holl „Höhle; hölzerne Röhre oder Wasserdurchlaßrohr“ stellt. Der Name ist wie Holle (Kr. Hildesheim), 1146 in Holle usw. zu erklären: germ. *hul-ana o.ä. „Hügel, Erhebung“, verwandt mit engl. engl. hill „Hügel“. – Inakzeptabel ist die angebliche „Einzigartigkeit“ des Ortsnamens Rotmers A (heute Ahof im Kreis Rotenburg) (S. 157-163), die darin liegen soll, daß man – entgegen den Belegen von 986 hrodmundes á (mehrfach abgeschrieben, vgl. Zuflüsse zur unteren Elbe [= Hydronymia Germaniae A 16], Stuttgart 1990, S. 288 [von Förste nicht benutzt]), und 1226 Rotmundesa – in dem ON. einen PN. Hrtmar anzusetzen habe, der 819 in einer Urkunde Ludwig des Frommen als Hruotmar genannt sei, und daß damit diejenige Person gemeint sei, die den Ort Rotmers A gegründet habe. Förste glaubt, daß die Schreibungen Hrodmund- „weit vom Schuß“ in der kaiserlichen Kanzlei als Versehen für *Hrod-mar- entstanden seien, geht aber mit keinem Wort auf den Beleg von 1226 Rodmundesa ein, der in einer Besitzerklärung des Bremer Erzbischofs erwähnt ist. Damit aber verstößt er gegen die von ihm selbst immer wieder aufgestellte Prämisse, daß man nur das anerkennen könne, was in den Quellen wirklich stehe. Es ist sprachgeschichtlich überhaupt kein Problem, aus Hrodmundesa durch Abschwächung der unbetonten Nebensilben zu Rotmansa (Beleg von ca. 1503) zu gelangen. Der spätere Ersatz von –man- durch –mer- in Familien- und Ortsnamen (und umgekehrt) ist häufig belegt. – Verfehlt ist Förstes apodiktisch vorgetragene Bemerkung, Namen des Typs –hude (Buxtehude usw.) kämen nur „in einer der drei niederdeutschen Mundarten, nämlich im ‘Nordniederdeutschen’, vor ... Schon in Westfalen, einer niederdeutschen Kern-Landschaft, fehlt dieser Begriff völlig, ebenso im ostsächsischen Sprachgebiet zwischen der oberen Weser und der mittleren Elbe (Ostfalen)“. Man vergleiche Udolph, Germanenproblem S. 460ff. mit Karte 44 (-hude-Namen sind kein niederdeutsches Problem, sondern ein gesamtgermanisches; dafür spricht auch der Zusammenhang mit slav. *kt- „Ecke, Winkel, enge, winkelförmige Bucht“). – Verfehlt ist Förstes Interpretation des Orts- (bzw. besser: Gewässer-)namens Immenbeck (S. 17-24). Zwar hat er mit der Ablehnung der Erklärungen als „Bienenbach“ und „In dem Bach“ völlig recht, seine eigene These, daß – wie auch in Einbeck – ein PN. zugrunde liege, ist allerdings abzulehnen. Er übersah – man kann es verzeihen – die Zusammenstellung alteuropäischer Flußnamen des Rezensenten, die von Ina/Ihne in Pommern über Ein-upis in Litauen, Ain im Rhone, Ijnen in Gelderland, Eine in Thüringen bis zur Una in Kroatien (in der Antike Oenus, Oineus) reicht, wodurch indogermanischer Ablaut *ei-n-, *oi-n-, *i-n- erwiesen wird (J. Udolph, Die Stellung der Gewässernamen Polens innerhalb der alteuropäischen Hydronymie, Heidelberg 1990, S. 126ff.). – Verfehlt ist die Interpretation des Ortsnamens Emmen (S. 25-33) als–ithi-Bildung *Emnithi oder fem. *Emnitha = „Ebene“, eine Deutung, die sich vor allem auf G. Neumanns Beitrag über die südniedersächsischen Flurnamen Emme und Endel stützt. Nur paßt dieser Flurname Emme keineswegs zum ON. Emmen, denn jener ist eindeutig ein –ithi-Name belegt (um 1400 De emmede), dieser aber nicht unbedingt. Nimmt man dagegen die –p-haltigen Belege Empne ernst (woraus Emm- bestens erklärlich assimiliert sein kann), dann ergibt sich die Möglichkeit eines Zusammenhangs mit der Wüstung Ember in Hannover, Empede bei Hannover und anderen Namen (s. U. Ohainski, J. Udolph, Ortsnamen Hannover, Bielefeld 1998, S. 133ff. mit Deutung der Namen). – Verfehlt ist Förstes Auffassung von der Herkunft des Ortsnamens Grauen (S. 35-43). Die von ihm dankenswerterweise zusammengetragenen Belege weisen auf eine Grundform *Growingi. Es hat mich überrascht, daß Förste, der sich doch gut in der Ortsnamenliteratur auskannte, von einem Verbalabstraktum ausgegangen ist. In Ortsnamen steckt etwas ganz anderes, es ist das aus hunderten von Namen bekannte Suffix –ingi, man vergleiche Göttingen, Roringen, Sindelfingen, Reutlingen. Es bedeutet „Siedlung der Leute“, entweder einer Sippe oder an einem Ort. Im Fall von Grauen können wir mühelos an mnd. grove „Graben“ anschließen, gewinnen eine Grundform *Growingi und eine Grundbedeutung „Siedlung der Leute an einem Tal, einer Niederung, einer tiefen Stelle“. Bildungen mit –ingi gehören in Norddeutschland zu den älteren Ortsnamen; die ganze Northeim-Verbindung, die Förste an diesem Ortsnamen aufhängt, ist – wie auch bei anderen Namen – restlos zu streichen. –  Auch sonst enthalten Förstes allgemeine Bemerkungen über Ortsnamen überraschende Schwächen; so etwa, wenn er meint: „Unter Kennern ist es schon lange bekannt, daß die von Geländenamen abgeleiteten Ortsnamen in der Regel jünger sind als die mit Rufnamen („Personennamen“) gebildeten“ (S. 110). Genau das Gegenteil ist richtig: das zeigt z.B. ein Blick in die mit –lar oder –ithi gebildeten Ortsnamen, von denen nicht ein einziger im Bestimmungswort einen Personennamen enthält.

Welchen Wert hat Förstes Untersuchung, sein Vermächtnis? Er hat den Wunsch geäußert: „Möge die aufgewandte Mühe und die aufgeopferte Zeit (vom Gelde ganz zu schweigen) der Wissenschaft zum Nutzen und dem geistig interessierten Leser zu Gewinn gereichen“ (Einleitung, S. 11). Von Nutzen sind in jedem Fall die sorgfältig zusammengestellten Belegreihen der einzelnen Namen; von Nutzen sind Bemerkungen über die lautliche Entwicklung der Toponyme, die gute Kenntnis der niederdeutschen Sprachgeschichte erkennen lassen. Aber die negative Seite ist nicht zu übersehen: alles wirkt etwas aufgeblasen; das Buch hätte von über 400 Seiten bedenkenlos auf 200 Seiten gekürzt werden können; unangenehm berühren überscharfe, z.T. arrogante Bemerkungen, vor allem dann, wenn es um die Ablehnung verfehlter Theorien geht; diese schrecken ab und erzeugen Widerwillen; eine sachliche Zurückweisung hätte wesentlich größere Wirkung erzielt.

Ohne A.C. Förste persönlich kennengelernt zu haben, zeugt sein Schreibstil auch des zu rezensierenden Buches von einer Person, die nicht geneigt ist, irgendwelche Kompromisse einzugehen. Die Folge ist klar: er stieß auf Abneigung und Widerstand, gelegentlich dann auch in Fällen, in denen er eigentlich recht hatte. Daß er aber keineswegs immer recht hatte, habe ich zu zeigen versucht. Bei etlichen Ortsnamendeutungen hat er nicht das Niveau erreichen können, das diese schwierige Disziplin nun einmal erfordert. Für eine überzeugende Erklärung eines alten Namens sind Kenntnisse der sprachlichen Entwicklung aller auf dem entsprechenden Gebiet einmal gesprochenen Sprachen und Dialekte notwendig. Die Aufgabe erfordert ferner enge Vertrautheit nicht nur mit niederdeutscher, sondern allgemein mit germanischer Laut- und Wortgeschichte, mit der Bildung altgermanischer Wörter und Namen, z.T. darüber hinausgehend auch Kenntnisse indogermanistischer Methoden, denn gerade Ortsnamen Niedersachsens sind nicht immer aus dem Germanischen heraus zu erklären. Vor allem die osteuropäischen Sprachen, darunter in erster Linie das Baltische, z.T. aber auch das Slavische, spielen eine wichtige Rolle (s. oben unter Immenbeck).

Trotz allem: die weitere Bearbeitung der nordniedersächsischen Ortsnamen wird an diesem Buch nicht vorbeigehen können; allerdings muß der Benutzer Vorsicht walten lassen. In jedem einzelnen Fall ist zu prüfen, inwieweit Förstes Bemerkungen korrekt sind. Der Laie ist damit allerdings zumeist überfordert; es wird die Aufgabe von Fachleuten sein, bei der in Angriff genommenen intensiven Bearbeitung der niedersächsischen Ortsnamen zu A.C. Förstes Untersuchungen Stellung zu nehmen.