Alteuropäische und germanische Namen in Brandenburg

Jürgen Udolph: Alteuropäische und germanische Namen in Brandenburg

Zu den schwierigsten und heikelsten Aufgaben der Namenforschung gehören Versuche, unter einer einzelsprachlichen Schicht eines geographischen Bereichs nach noch älteren Relikten zu suchen. Erst die Forschungen von Hans Krahe1 und Wolfgang P. Schmid2 haben uns auf diesem Gebiet mehr Sicherheit gegeben. Sie haben wahrscheinlich machen können, daß sich in weiten Teilen Europas Namen auffinden lassen, die nicht der dort jetzt gesprochenen jeweiligen Einzelsprache oder einer ihrer Vorstufen zugerechnet werden können, sondern aus morphologi-schen, semasiologischen und anderern Gründen einer älteren, aber indogermanischen, Sprachschicht entstammen müssen. Es ist daher nicht von vorneherein auszuschließen, daß sich auch in Brandenburg und seiner Umgebung entsprechende Namen nachweisen lassen. Dabei ist allerdings zu bedenken, daß es sich bei der von H. Krahe aufgedeckten sogenannten „alteuropäischen Hydrony-mie“ in erster Linie um Gewässernamen handelt. Es gibt aber auch Fälle, in denen ein alter Flußname in einem Orts- oder Siedlungsnamen weiterlebt. Entspre-chendes
1Man vergleiche dessen zahlreichen Aufsätze in den Beiträgen zur Namenforschung sowie das Büchlein Unsere ältesten Flußnamen, Wiesbaden 1964.
2Vgl. z.B. Alteuropäisch und Indogermanisch. Nachdruck in: Probleme der Namenforschung im deutschsprachigen Raum, Darmstadt 1977, S. 98-116; Baltische Gewässernamen und das vorgeschichtliche Europa, in: Indogermanische Forschungen 77(1972), S. 1-18; Die alteuropäische Hydronymie. Stand und Aufgaben ihrer Erforschung, in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 16(1981), S. 1-12.

werden wir wahrscheinlich auch im Fall des Namens Brandenburg annehmen müssen.
Aus der näheren Umgebung Brandenburgs kommen dafür vor allem die Namen Havel, Emster und Brandenburg in Frage. Es sind nur drei Beispiele, und man mag meinen, daß sich daraus nur wenig gewinnen ließe. Um eine annähernd richtige Einordnung der entsprechenden Namen vornehmen zu können, müssen wir aber zum Teil sehr weit ausholen, um erkennen zu können, welch wichtige Hinweise für die Siedlungsgeschichte in diesen Hydro- und Toponymen verborgen sind. Es handelt sich bei diesen Namen insofern um besondere Fälle, als sie zwar in der voreinzelsprachlichen Schicht der alteuropäischen Namen verankert sind, aber zugleich durch bestimmte Erscheinungen auf eine Verbindung zu einer indogermanischen Einzelsprache, dem Germanischen, weisen.
Aus diesen einleitenden Bemerkungen wird nochmals deutlich, welch schwieriges und heikles Gebiet man mit der Untersuchung dieser altertümlichen geographischen Namen betritt. Hinzu kommt, daß die Aufarbeitung der Gewäs-sernamen in den neuen Bundesländern trotz der intensiven Bearbeitung der geo-graphischen Nomenklatur durch die Leipziger und Berliner Arbeitsgruppen um Ernst Eichler, Hans Walther und Gerhard Schlimpert noch Lücken aufweist. Immerhin besitzen wir für die Umgebung von Brandenburg mit den Untersuchungen von Reinhard E. Fischer über die Ortsnamen des Havellandes3und die Ortsnamen der Zauche4 gute und wichtige Werke, die ich für meine Überlegungen immer wieder dankbar benutzt habe.
Wie in allen Teilen Europas sind auch die geographischen Namen in Bran-denburg und seiner Umgebung historisch geschichtet. Aus Reinhard E. Fischers Untersuchungen geht das zweifelsfrei hervor. Auch ein Laie erkennt ohne Mühe, daß Namen wie Schönwalde, Mittelfeld, Neuhof einer hochdeutschen Sprachschicht entstammen. Problematischer ist für einen hochdeutsch Sprechenden aber bereits die Deutung niederdeutscher Namen wie Rohrbeck, Ribbeck (alt Ritbeke)
3Reinhard E. Fischer, Die Ortsnamen des Havellandes (= Brandenburgisches Namenbuch, Teil 4), Weimar 1976. Vgl. dazu die Rezension von Ernst Eichler, Zeitschrift für Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung 32(1979), S. 87-88.
4Reinhard E. Fischer, Die Ortsnamen der Zauche (= Brandenburgisches Namenbuch, Teil 1), Weimar 1967.

und Butenfelde. Allerdings ist auch bei hochdeutschen Namen schon Vorsicht dahingehend geboten, daß gelegentlich ältere Relikte eingedeutscht worden sind. Die älteren Belege eines Namens sind daher immer mit heranzuziehen. Dennoch gibt es kaum Probleme, hoch- und niederdeutsche Flur-, Orts- und Gewässernamen in Brandenburg und seiner Umgebung nachzuweisen.
Ebenso sicher ist die Existenz slavischer Orts- und Gewässernamen, über die Gerhard Schlimpert (in diesem Band, s. S. ¯) handelt.
Nach Abhebung der slavischen Schicht bleiben aber offenbar in Brandenburg und seiner Umgebung einige Namen übrig, die sich einer deutschen und slavischen Deutung entziehen. Die Durchsicht der einschlägigen Literatur (es handelt sich dabei im wesentlichen um Arbeiten von Gerhard Schlimpert und Reinhard E. Fischer)5 zeigt, daß hierunter wahrscheinlich fallen: Havel, Dosse, Finow, Elde, Spree, Nuthe, Fuhne, Saar, Reglitzgraben und andere mehr.
Die entscheidende Frage dabei ist die, ob es sich bei den genannten Hy-dronymen um germanische Relikte handelt, oder ob sich darunter auch noch äl-tere, indogermanische (in der Terminologie von Hans Krahe und Wolfgang P. Schmid: alteuropäische) Namen verbergen. Wie schon oben angemerkt wurde, werde ich die damit zusammenhängenden Probleme an drei Beispielen diskutieren. Beginnen möchte ich mit dem Namen der Havel.
Dieser Flußname ist schon oft behandelt worden. Ich fasse die bisherige Diskussion kurz zusammen. Ausführlich haben sich Reinhard E. Fischer und Gerhard Schlimpert in ihrem grundlegenden Beitrag Vorslawische Namen in Brandenburg6 und später nochmals Reinhard E. Fischer7 mit diesem Hydronym befaßt. Die frühe Über-
5Reinhard E. Fischer, Gerhard Schlimpert, Vorslawische Namen in Brandenburg, Zeitschrift für Slawistik 16(1971), S. 661-697; Gerhard Schlimpert, Germanisch-slawische Kontakte im Lichte der Namen Brandenburgs, in: Berichte über den II. Internationalen Kongreß für Slawische Archäologie, Bd. 2, Berlin 1973, S. 471-478; Gerhard Schlimpert, Zur Überlieferung vorslawischer Namen in der DDR, in: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam 20(1986), S. 25-28; Gerhard Schlimpert, Die Gewässernamen Brandenburgs, in: Namenkundliche Informationen, Beiheft 11(1987), S. 40-47; Gerhard Schlimpert, Germanische Gewässernamen in Brandenburg, in: Studia Onomastica. Festskrift till Th. Andersson, Stockholm 1989, S. 349-356.
6Wie Anm. 5, S. 667ff.
7Reinhard E. Fischer, Die Ortsnamen des Havellandes (wie Anm. 3), S. 61ff.

lieferung des Namens (789 Habola, 981 Hauela, um 1075 iuxta Habolam usw.) zeigt die Bedeutung dieses Gewässers, das auch namengebend geworden ist für den Stammesnamen der Heveller (um 845 Hehfeldi, um 900 Wilte, pe mon Haefeldan haet, 937 Heueldun), für die Landschaft an der Havel (1188 terre de Havela, 1216 terre de Havelant) und für den Ortsnamen Havelberg (946 (Kopie 18. Jh.) Havelberg, 968 ultra ... Haualbergensem).
Der Name wird heute im allgemeinen für germanisch gehalten und auf eine Grundform *Hab(u)la zurückgeführt. In dieser wird eine Bildung mit dem Suffix -(u)la zu einer Wurzel *hab- gesehen, die auch in nhd. Haff und Hafen vorliegt. So argumentierten z.B. Kaspar Zeuss, Karl Müllenhoff, Johann Koblischke, Ernst Schwarz, Max Vasmer, Ernst Eichler u.a.8. Von den Slaven wurde der Name in der Form *Ob la übernommen, davon abgeleitet sind mit dem Suffix -ica die Nebenflüsse Woblitz, Wublitz (polab. *Voblica)9. Die verschiedentlich vorgetragene Etymologie aus dem Slavischen (so z.B. von Jerzy Nalepa10) ist verfehlt11. Zur Frage der Übernahme in das Slavische heißt es bei Reinhard E. Fischer: „Im Unterschied zu allen anderen germ. Namen in der Mark Brandenburg, die erst durch slaw. Vermittlung wieder ins Deutsche gelangten, setzt der heutige Name Havel direkt die germanische Form fort“.12
Nur am Rande erwähne ich den verfehlten Beitrag von Michael Fraenkel, Spree und Havel.
8Reinhard E. Fischer (wie Anm. 3), S. 62. Vgl. auch Anneliese Bretschneider, Die Havel und ihr Name in alter und neuer Zeit, in: Brandenburger Blätter 3(1981), S. 71-80.
9Ernst Eichler, in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 16(1981), S. 48; Reinhard E. Fischer (wie Anm. 3), S. 62.
10Jerzy Nalepa, Obla, Oblica, Oblisko. Pierwotna nazwa rzeki Havel i jej derywatów, in: Språkliga Bidrag, vol. 2, Nr. 9, Lund 1959, S. 12-27 (Dazu die Rezension von Marian Radlowski, in: Onomastica 6,1960, S. 290-294). Ähnlich auch Mikolaj Rudnicki, Praslowianszczyzna-Lechia-Polska I, Poznan 1959, S. 196f. und Stanislaw Urbanczyk, in: Slownik Starozytnosci Slowianskich, Bd. 2, Wroclaw usw. 1964, S. 197.
11Vgl. schon Herbert Ludat, Beiträge zur brandenburgischen Namenkunde, in: Forschungen zur Brandenburg-Preußischen Geschichte 48(1936), S. 333, wieder abgedruckt: Herbert Ludat, Deutsch-slawische Frühzeit und modernes polnisches Geschichtsbewußtsein. Ausgewählte Aufsätze, Köln-Wien 1969, S. 16ff., 331.
12Reinhard E. Fischer (wie Anm. 3), S. 64.

Eine sprachwissenschaftliche Betrachtung13, der Vergleichsmaterial aus den semitischen Sprachen beizubringen versuchte.
Wie schon erwähnt wurde, ist die Annahme germanischer Herkunft weit verbreitet. Das gilt auch für Flußnamen, die offenbar mit dem der Havel verwandt sind. So gehören hierher: Hever, Wattströme auf Nordstrand und Pellworm, mit ON. Westerhever, 1196 Henere (lies: *Heuere), wahrscheinlich eine „-r-Erwei-terung zu afries. hef 'Haff, Meer', an. haf, ndh. Haff, Hafen, woraus man einen germ. Stamm *hab- (hier auf fliessendes Wasser bezogen) vermuten kann“14, und Heve (--> Möhnesee), 1523 vp geensyt ... der Heuen, < *Hab-ina15.
Mit der Einbeziehung dieser Namen beginnen jedoch die Probleme, auf die auch Wolfgang P. Schmid in einer gerade erschienenen Untersuchung16 aufmerk-sam macht und bemerkt: „Wenn man ... Hever und ... Heve mit germ. Haff ver-bindet, ergibt sich eine aus dem Germanischen nicht erklärbare Suffixvariation“17. Zwar kann im Fall der Havel an der Existenz einer germanischen Form *Habula sowie an dem Anschluß an deutsch Haff und Hafen kaum gerüttelt werden, die verwandten Namen Heve und Hever enthalten jedoch die Suffixe -r- und -n-, die in der alteuropäischen Hydronymie fest verankert sind, und es fragt sich, wie man das Wortbildungselement -ula im Namen der Havel beurteilen soll. Ist darin wirklich noch eine germanische Bildung zu sehen? Alteuropäische Namen wie *Adula, *Amula, *Apula, Orla < *Orula könnten dagegen sprechen.
Nach Wolfgang P. Schmid18 gibt es in der alteuropäischen Hydronymie wenig primäre -l-Ableitungen, aber häufiger ila- und -ula-Ableitungen. Hier könnte die Havel gut eingefügt werden.
13In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 199(1963), S. 178-181.
14Gudrun Kvaran, Untersuchungen zu den den Gewässernamen in Jütland und Schleswig-Holstein, Phil.Diss. Göttingen 1981, S. 55. Vgl. auch Dagmar Schmidt, Die Namen der rechtsrheinischen Zuflüsse zwischen Wupper und Lippe, unter besonderer Berücksichtigung der älteren Bildung, Phil.Diss. Göttingen 1970, S. 49.
15Dagmar Schmidt (wie Anm. 14), S. 49.
16Der Name der Havel - ein methodologisches Problem? In: Studia Onomastica VII. Festschrift für Gerhard Schlimpert (= Namenkundliche Informationen, Beiheft 15), Leipzig 1991 [1992], S. 53-58.
17A.a.O., S. 54.
18In: Zeitschrift für Ostforschung 28(1979), S. 413.

Andererseits kennt auch das Germanische suffixale Bildungen mit -ula, allerdings vor allem als „reguläre Beziehung zu u-Stämmen ...; so ... in got. magu-la 'Knäblein' (zu magu-s) und ahd. angul, an. ogull 'Angelhaken' ... (vgl. awest. anku-, ai. anku-sá- 'Haken')“19. Hier kann auch norweg. dial. sikla „kleiner Bach“ angeschlossen werden, sofern die Verbindung mit slavisch sigla20 und dem in den Corveyer Traditionen um das Jahr 1000 belegten Ortsnamen Siculithi akzeptiert werden kann. Weder deutsch Haff und Hafen noch die verwandten germanischen Wörter zeigen aber Spuren eines u-Stammes. Es scheint daher, als weise das Suffix eher auf einen Zusammenhang mit voreinzelsprachlichen Namen, darunter auch und vor allem mit entsprechenden Bildungen in Osteuropa. Das wird vor allem bei ei-nem Vergleich mit litauischen Namen wie Tat-ula, Dárb-ule, Bab-ùlis, Dub-ùlis, Vart-ulys und vielen anderen mehr21 deutlich.
In seinem bereits erwähnten Beitrag zum Namen der Havel ist Wolfgang P. Schmid auch auf dieses Problem eingegangen und hat unter Hinweis auf den bal-tischen Namen Cabula und dessen wahrscheinlichen thrakischen Verwandten ............ wahrscheinlich gemacht, daß der Name der Havel „nicht direkt aus Haff, Hafen [zu] erklären [ist]“, sondern „morphologisch und semantisch ältere vorgermanische Verhältnisse voraus[setzt]“22.
Aus diesen und weiteren Überlegungen darf zusammenfassend gefolgert werden, daß man den Namen der Havel zwar an germanisches Material anknüpfen kann, jedoch nicht auszuschließen ist, daß der Name auf einer älteren alteu-ropäischen Grundlage basiert. Wir werden bei dem Namen Emster, zu dem wir gleich übergehen werden, den etwas ähnliches Fall beobachten können und dabei zu dem Schluß kommen müssen, daß es sich um Bindeglieder zwischen den voreinzelsprachlichen, indogermanischen, alteuropäischen Namen und einzel-sprachlichen, germanischen Bildungen handelt. Ich möchte daher zu-sammenfassend sagen, daß man nach dem heutigen
19Hans Krahe, Wolfgang Meid, Germanische Sprachwissenschaft III, Berlin 1967, S. 85.
20Dazu Jürgen Udolph, Studien zu slavischen Gewässernamen und Gewäs-serbezeichnungen, Heidelberg 1979, S. 388-393; vgl. auch Wolfgang P. Schmid, in: Zeitschrift für Ostforschung 28(1979), S. 413.
21S. Aleksandras Vanagas, Lietuvos TSR hidronimu daryba, Vilnius 1970, S. 199-201.
22Wolfgang P. Schmid (wie Anm. 16), S. 56.

Stand unseres Wissens den Namen der Havel nicht kommentarlos der germanischen Schicht brandenburgischer Gewässernamen zurechnen darf23.
Der Havelzufluß Emster, um 1442 von der deinster24, ist schon mehrfach namenkundlich untersucht worden. Er hat noch in jüngster Zeit einem Ort seinen Namen gegeben: erst 1937 wurde Schwina in Emstal umbenannt25. Die Diskussion wurde lange von einem Aufsatz von Max Bathe bestimmt. In seinem Beitrag Die Emster und die Amstel26, hat er - getreu der von ihm immer wieder nachhaltig vertretenen Auffassung einer Übertragung aus dem Westen (vor allem aus dem Niederländischen)27 - wahrscheinlich zu machen versucht, daß der Name der Emster aus dem alten deutschen Sprachgebiet entstammen muß, „weil ihre Form an Alster oder Ulster erinnert“28. Weiter heißt es bei Bathe: „Da aber zur Zeit der Namengebung, im 12.Jh., weder Stamm 'Em-' noch Suffix '-ster' im Gebrauch waren, kann der Name nur übertragen sein“29. Darauf wird noch genauer einzugehen sein.
Mit Recht weist Max Bathe allerdings Hefftners Auffassung im Namenver-zeichnis zu Riedels Codex diplomaticus Brandenburgensis, Berlin 1867, zurück, der alte Name habe Demster gelautet30. Von Bedeutung ist auch sein Hinweis auf das „Flußnamensuffix -ster, das in Alster, Ulster, Gelster, Niester, Wilster begeg-net und in Beemster, 989,1083 Bamestra, sich auch in Nordholland findet“31.
23Zu weiteren Einzelheiten vgl. den in Anmerkung 16 genannten Beitrag von Wolfgang P. Schmid.
24Adolph Friedrich Riedel, Codex diplomaticus Brandenburgensis, Reihe III, Bd. 1, S. 248.
25S. Reinhard E. Fischer (wie Anm. 4), S. 56.
26In: Niederdeutsches Jahrbuch 79(1956), S. 85-95.
27Z.B. in seinem Aufsatz Lichtervelde - Lichterfelde, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Universität Rostock, Gesellschafts- und Sprachwissenschaftliche Reihe 4(1954/55), S. 95-121.
28Max Bathe (wie Anm. 26), S. 85.
29Ebda.
30Ebda., S. 93.
31Ebda.

Wäre Max Bathe dieser Bemerkung weiter nachgegangen, hätte er sicher erkannt, daß diese Flußnamen nur zum geringen Teil aus dem Germanischen erklärt werden können und ein hohes Alter besitzen müssen, so daß an eine erst in einzelsprachlicher Zeit erfolgte Übertragung nur schwerlich zu denken ist.
Auf den wahrscheinlich verwandten Namen Amstel, der auch in dem Ortsnamen Amsterdam fortlebt, gehe ich hier nur kurz ein. Zur Diskussion verweise ich auf den schon von Max Bathe herangezogenen Beitrag von J. W. Muller, Amsterdam en Amstel32, auf Moritz Schönfeld33, die Ablehnung von Max Bathes These durch Dirk P. Blok34, und das jüngst erschienene Lexicon van nederlandse toponiemen tot 1200, Amsterdam 1989, in dem Amstel als „gebied rondom Ouderamstel (Noordholland)“ aufgefaßt wird (S. 66), und in dem nach Auffassung der Autoren des neuen niederländischen Ortsnamenbuches „waarschijnlijk een archaïsche wa-ternaam“ vorliegt (S. 67).
In dem Schlußwort seines schon mehrfach zitierten Beitrags hat Max Bathe geäußert: „Die brandenburgische Emster bezeugt durch ihren Namen die Ansied-lung von Holländern ...“35. Seine These einer Übertragung aus dem Westen ist von Reinhard E. Fischer36 akzeptiert worden.
Gegen diese Auffassung hat Gerhard Schlimpert völlig berechtigt Einspruch eingelegt37 und unter Bezug auf Hans Krahe38 knapp dargelegt: „Der Name der Emster läßt sich ohne Schwierigkeiten auf eine germanische Form *Amistra, zu ide. *am- 'Flußbett, Graben', zurückführen“.
Ich möchte an dieser Stelle ausführlicher auf den Namen der Emster eingehen, da wir es offenbar mit einem Hydronym zu tun haben, das zwar zu den voreinzelsprachlichen Bildungen der alteuropäischen Hydronymie gerechnet wer-den kann, aber in seiner Bildung auch germanischen Einfluß zu erkennen gibt.
32In: Nomina Geographica Neerlandica 9(1934), S. 133ff.
33Nederlandse waternamen, Amsterdam 1955, S. 43ff.
34In: Beiträge zur Namenforschung 10(1959), S. 283 (mit Anm. 4).
35M. Bathe (wie Anm. 26), S. 95.
36Die Ortsnamen der Zauche (wie Anm. 4), S. 56.
37In: Zeitschrift für Slawistik 28(1973), S. 76; ders., in: Geografia Nazewnicza, Red. K. Rymut, Wroclaw usw. 1983, S. 94.
38Unsere ältesten Flußnamen, Wiesbaden 1964, S. 42, wo aber nur zur Wurzel, nicht zum Flußnamen Emster selbst Stellung genommen wird.

Zudem fehlt bisher eine Zusammenstellung der hiermit verwandten Gewässer- und Ortsnamen39.
Eine Wurzel *am-/om- dürfte in den folgenden Appellativen vorliegen: alban. amë „Flußbett“, griech. PìÜñá „Graben, Kanal“, ion. áìÜñç, hethit. amiiar(a)- „Kanal“40.
Geht man von dem Wortmaterial zu den davon abgeleiteten Namen über, so fällt schon bald auf, daß die „klassischen“ alteuropäischen Bildungen, also etwa diejenigen mit -n-, -nt-, -r-, -s- und -t-, gut vertreten sind. Auch die Ablei-tungsgrundlage, also einfaches *Ama bzw. *Amia, läßt sich nachweisen. Im ein-zelnen vergleiche man:
*Ama evtl. in dem schwed. GN. Åmme < *Ama41; *Amia in Große, Kleine Emme (Nordschweiz)42, auch in Emme(bach), mua. auch Emsbach43, bei Ems, auch Hohenems, ON. im Vorarlberger Rheintal, 766 amede, 9. Jh. Amates44, dort auch Ortsname Emmebach45;
39Die Sammlung von A. Brand, Die Ems und ihre Namensverwandten. Ein grundsätzlicher Beitrag zur vergleichenden Fluß-, Berg- und Ortsnamenkunde, Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde 76(1918), S. 1-55 befriedigt heute nicht mehr.
40S. Wilhelm Nicolaisen, in: Beiträge zur Namenforschung 8(1957), S. 228; Hans Krahe, in: Beiträge zur Namenforschung 4(1953), S. 51-53; ders., Unsere äl-testen Flußnamen (wie Anm. 1), S. 42; Julius Pokorny, Indogermanisches etymologisches Wörterbuch, Bd. 1, Bern-München 1959, S. 502.
41Elof Hellquist, in: Svenska Landsmål 20, Nr. 1, S. 766ff.; zitiert nach Max Vasmer, Schriften zur slavischen Altertumskunde und Namenkunde, Bd. 2, Berlin 1971, S. 941.
42Belege und Etymologie s. Albrecht Greule, Vor- und frühgermanische Flußna-men am Oberrhein, Heidelberg 1973, S. 113ff.; Erika Waser, Die Entlebucher Namenlandschaft, Luzern-Stuttgart 1988; Wolfgang Kleiber, in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 24(1989), S. 432.
43Bruno Boesch, in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 16(1981), S. 19.
44Albrecht Greule (wie Anm. 42), S. 115 und Theodora Geiger, in: Beiträge zur Namenforschung 16(1965)126f., weitere Belege bei Erika Boedecker, Studien über das Weiterleben und die Neuverwendung antiker Orts- und Provinznamen im österreichischen Mittelalter bis um 1250, Phil.Diss. Wien 1970, S. 84f.
45Bruno Boesch, in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 16(1981), S. 19.
46Albert Dauzat, Gaston Deslandes, Christian Rostaing, Dictionnaire étymologique des noms de rivières et de montagne en France, Paris 1978, S. 20.

*Amia auch wohl in Amiette --> Aisne, 1141 Amia46; weiterhin gehört hierzu der in der Flexion an die germanischen jô-Stämme (Nominativ *Amî bzw. in den obliquen Kasus *Amiâ-47) angelehnte FlN. Eem --> Ijsselmeer bei Amersfort, 777 (K. 10. u. 11. Jh.) super alueum Hemi, ... partes Hemi, um 1000 ab aqua Ema nominata, 1012-18 (Kopie 14.Jh.; Thietmar) ab aqua Ema, um 1160 (Vita Meinwerci) ad aquam Emme48, dazu auch die Ortsnamen Eembrugge, Eemdijk, Eemnes und der FlurN. Eemland. Der am Fluß liegende Ort Amersfort geht mit seinem Namen auf dieselbe Wurzel wie der Flußname zurück, enthält aber nach Dirk P. Blok49 ein -r-Suffix (dazu s. unten), dessen Bildung mit einem Mittelvokal (Typus *Amer-/Amar-) im Germanischen unbekannt und als altertümlich zu betrachten ist.
Bildungen mit einem Formans -n- sind sicher nachweisbar, man vergleiche Ohm --> Lahn, (um 750-779) (Kopie um 1160) Amana usw., mit den ON. Ober-, Nieder-Ohmen, Amöneburg (754-68, K. um 800 Amanaburg), < *Amana50; weiterhin *Amana, erschlossener Name für ein Teilstück der Maas (Hans Krahe, Struktur [wie Anm. 50], S. 312), auch *Amana in *Aman-êa, jetzt Ampney Brook, FlN. in Gloucestershire, ca. 1540 Amney Water, Amneybroke usw.51, ein -n-Ele-ment enthält auch der mittelrussische Flußname Amon', Varianten Omonja, Amon'ka52; vielleicht ist hier auch , Flußname bei Catania53, anzuschließen.
47S. Albrecht Greule (wie Anm. 42), S. 115, ähnlich Dirk P. Blok, in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 2(1968), S. 18; R.E. Künzel u.a., Lexicon van nederlandse toponiemen tot 1200, Amsterdam 1989, S. 123 nehmen eine Grundform *Ami an.
48Hydronymia Germaniae, Lieferung A 11, Wiesbaden-Stuttgart 1977, S. 9; R.E. Künzel (wie Anm. 47), S. 123.
49In: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 2(1968), S. 18.
50Belege nach Lutz Reichardt, Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach in Hessen, Göppingen 1973, S. 232; Hans Krahe, in: Beiträge zur Namenforschung 4(1953), S. 53; ders., Die Struktur der alteuropäischen Hydronymie, Mainz-Wiesbaden 1963, S. 312; ders., Ält. FlußN. (wie Anm. 1), S. 42.
51Hans Krahe, Struktur (wie Anm. 50), S. 312.
52S. Wolfgang P. Schmid, Alteuropa und der Osten im Spiegel der Sprachge-schichte, Innsbruck 1965, S. 6.
53Weitere Belege bei Helmut Rix, Bausteine zu einer Hydronymie Alt-Italiens, Phil. Diss. Heidelberg 1950, S. 146.

Bildungen mit -r- wie Amer, Am(m)er < *Amara sind vor allem im deutschen und niederländischen Sprachgebiet bezeugt, etliche Namen begegnen als Seegatten in Brabant und Zeeland54. Nach Dirk P. Blok55 sind es eher junge Bil-dungen, deren Grundlage in den Niederlanden offenbar länger bekannt und pro-duktiv gewesen ist. Vgl. weiterhin Emmersloot, 1490 aenden aemere ... onder twater geheeten den Emer ... aenden eemer“56 und den ON. Amersfort, 1028 de Amersfoirde usw.57, dazu s.o. s.v. Eem. Aus Deutschland wären zu nennen: Am-mersbek, FlußN. in Schleswig-Holstein58, hierzu evtl. auch Hamerbek, 1290 in amerbeke, et ab amerbeke usw.59. Vgl. weiterhin die Ammerswurther Au in Schleswig-Holstein mit dem ON. Ammerswurt, 1496 to Ammersword, „am wahr-scheinlichsten ... *Amara“60 sowie 1692 Amer Wisch, Gewässername im Bereich der oberen Wümme61. Auch der Name Großer Hamerloh, 1721 up dat grote Amerlohe usw. geht nach Pierre Hessmann (ebda.) auf einen FlN. *Amer zurück, bei weiteren norddeutschen Hammer-Namen kann ähnliches vermutet werden62. Die Amorbäche Süddeutschlands bleiben wohl eher fern, aber gilt das z.B. auch für den Amorbach im Maingebiet, 1464 in der Amerbach63?
54S. Moritz Schönfeld (wie Anm. 33), S. 44f.; Gudrun Kvaran (wie Anm. 14), S. 5; Hans Krahe, Ält. FlußN. (wie Anm. 1), S. 42; J.V. v. Loon, Water en wa-ternamen in Noord-Brabants zuidwesthoek, Leuven-Brussel 1965, S. 19f.
55In: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 2(1968), S. 19.
56J.V. v. Loon (wie Anm. 54), S. 19.
57Hydronymia Germaniae A 11 (wie Anm. 48), S. 54.
58Hydronymia Germaniae A 16, S. 11; mit -r-Suffix gebildet nach Wolfgang Laur, in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 16(1981), S. 120.
59Hydronymia Germaniae A 16, S. 145; anders (< *ambhr-): Antje Schmitz, Die Ortsnamen des Kreises Herzogtum Lauenburg und der Stadt Lübeck, Neu-münster 1990, S. 395.
60Gudrun Kvaran (wie Anm. 14), S. 5; ähnlich Wolfgang Laur, in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 16(1981), S. 120.
61Pierre Hessmann, in: Name und Geschichte, H. Kaufmann z. 80. Geburtstag, München 1978, S. 198.
62Ders. in: Gießener Flurnamen-Kolloquium, Heidelberg 1985, S. 196.
63Hydronymia Germaniae A 7, S. 4.

Die für die alteuropäische Hydronymie typischen -nt-Bildungen sind ebenfalls gut bezeugt. Es lassen sich anführen: Amance --> Saône, mit ON. Amance, < *Amantia; Amance --> Aube, mit ON. Amance, < *Amantia64; *Amantia in einem Flußnamen in Pannonien, zu erschließen aus dem bei Plinius und Ptolemaeus erwähnten VN. Amantini65; wahrscheinlich sind auch die Ortsnamen Amantea in Bruttium, alt Amantia66 und Amantia in Südillyrien, auch Ethnikon Amantini67 anzuschließen.
Häufig sind -s-Bildungen68, die schon lange durch den Namen der Ems aufgefallen sind. Man vergleiche: Ems --> Nordsee, Tacitus, Annalen ad flumen Amisiam, Mela Amissis, Adam v. Bremen Emisa, < *Amisia69; weiterhin Emsbach --> Lahn, 795 fluvium Hemisa, 805 fluminis ... Emisa70, < *Amisa71; Emse --> Hörsel --> Werra, 1003 Emisa, < *Amisa72; Emse(nbach) --> Ilm bei Bad Sulza, mit abgegangenem ON. Emsen, 9. Jh. Umisa, 1063 Imese, 1271 Emesa, < *Amisa73; Ems --> Eder, 1404 Eymese, dazu 1325 Emseberg usw.74, *Amisa75.
64Hans Krahe, in: Beiträge zur Namenforschung 2(1951), S. 123; ders., Struktur (wie Anm. 50), S. 312; G. Kvaran (wie Anm. 14), S. 5.
65Hans Krahe, Struktur (wie Anm. 50), S. 312.
66Hans Krahe, in: Beiträge zur Namenforschung 4(1953)52; Julius Pokorny, Zur Urgeschichte der Kelten und Illyrier, Sonderdruck Halle 1938, S. 127.
67Hans Krahe, Beiträge zur Namenforschung 4(1953)52.
68Dazu zusammenfassend: Wolfgang P. Schmid, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Bd. 7, Lfg. 3/4, Berlin-New York 1989, S. 274.
69Hans Krahe, Struktur (wie Anm. 50), S. 313; jetzt ausführlich Wolfgang P. Schmid (wie Anm. 68).
70Hydronymia Germaniae, Lieferung A 4, Wiesbaden 1966, S. 22f.
71Hans Krahe, Ält. FlußN. (wie Anm. 1), S. 42; ders., Struktur (wie Anm. 50), S. 312.
72Hans Krahe, Ält. FlußN. (wie Anm. 1), S. 42; ders., Struktur (wie Anm. 50), S. 313; Hans Walther, Namenkundliche Beiträge zur Siedlungsgeschichte des Saale- und Mittelelbegebietes bis zum Ende des 9. Jahrhunderts, Berlin 1971, S. 235.
73Hans Walther (wie Anm. 72), S. 235.
74Hydronymia Germaniae A 5, S. 23.
75Hans Krahe, Ält. FlußN. (wie Anm. 1), S. 42; ders., Struktur (wie Anm. 50), S. 313.

-t-Formantien sind vor allem in Osteuropa nachweisbar: Amatà, FlN. in Litauen76; Amata --> Gauja in Lettland77; Amitâs, FlN. in Apulien, < *Amitâ78; (griech.), FlN. in Makedonien79; Amota, Seename bei Vecuni, 1554 podle bolota Amotja80; Omet --> Alle/Lyna, 1370-74 Omeyte, 1398 Amet usw., < preuß. *Amêtê81. J. Pokorny82 schließt hier auch den Flußnamen Amatissa, heute Amasse, Touraine, an.
Ein besonderes Problem sind -l-Ableitungen. In Westeuropa sind sie weniger häufig. Der Osten bietet da jedoch ein anderes Bild83, und das zeigt sich auch bei den den hier diskutierten Namen. Allerdings gibt es im baltischen Bereich durch die Kreuzung mit dem baltischen Wort für die „Mistel“ (s.u.) besondere Probleme. Sicheres Material bietet daher vor allem Westeuropa: *Amalâ, heute Amalburna, nach 991 to, from Amalburnan, alter Name d. Box in Suffolk84; *Amalâ in Amble, Ortsname in Cornwall, sehr wahrscheinlich alter Name eines Flusses, 1086 Amal, 1306 Amaleglos85; Amel, Ortsname im Département Meuse, 982 Amella; Amel, Bach bei Eltville86; Malone, linker Nebenfluß des Po, Geogr.Rav. Amalune, 11. Jh. Amalone, dort auch unbekannter Nebenfluß Amalona87.
76Hans Krahe, Struktur (wie Anm. 50), S. 312; Jan Otrebski, in: Lingua Posna-niensis 1(1949), S. 228; Hans Krahe, Ält. FlußN. (wie Anm. 1), S. 42; Alek-sandras Vanagas, Lietuviu hidronimu etimologinis zodynas, Vilnius 1981, S. 41.
77Hans Krahe, Ält. FlußN. (wie Anm. 1), S. 42.
78Hans Krahe, in: Beiträge zur Namenforschung 4(1953), S. 53; Wilhelm Nicolai-sen, in: Beiträge zur Namenforschung 8(1957), S. 228; allerdings erwägt Hel-mut Rix (wie Anm. 53), S. 118 auch die Lesung Aritas (!).
79Hans Krahe, in: Beiträge zur Namenforschung 4(1953), S. 53; Wilhelm Nicolai-sen, in: Beiträge zur Namenforschung 8(1957), S. 228.
80Opisanie zmudckoj zemli v 1554 f., in: Archeograficeskij slovnik dokumentov, otnosjascichsja k istorii severozapadnoj Rusi, Bd. 8, Vil'na 1870, S. 109.
81Maria Biolik, Hydronimia dorzecza Pregoly z terenu Polski, Olsztyn 1987, S. 160.
82Urgeschichte (wie Anm. 66), S. 127.
83S. etwa Jürgen Udolph, Die Stellung der Gewässernamen Polens innerhalb der alteuropäischen Hydronymie, Heidelberg 1990, S. 319f.
84Wilhelm Nicolaisen, in: Beiträge zur Namenforschung 8(1957), S. 228; Max Förster, Der Flußname Themse und seine Sippe, München 1941, S. 117.
85Wilhelm Nicolaisen, in: Beiträge zur Namenforschung 8(1957), S. 228; Eilert Ekwall, English River Names, Reprint Oxford 1968, S. 11.
86Ernst Förstemann (wie Anm. 86),S. 122.

Fraglich ist die Zugehörigkeit von Ammelbach --> Röllbach --> Main und Ammels-Bach --> Schondra88. Schwer ist auch der Flußname Emmelke, 1185 Amlake usw.89, einzuorden.
Altpreußisch emelno, litauisch amalas, lettisch amuls, amuls, amuols „Mistel“ ist sicher die Grundlage für einige oder mehrere der folgenden Namen: Amalvas, Amale, Amalis, Amalka, Amule, Amulle, Amelung, Ammeling, Amalve, Omoli, Omoly, Amoli, Amoly, Omulle, Amuole, Amalka, *Amalvas in Omelovka, Omolva u.a.m.90. Gelegentlich wird aber auch Zugehörigkeit zu unserer Sippe um idg. *am-/om-erwogen, so von Gudrun Kvaran91 für den FlN. Amalis, auch Maria Biolik92 schwankt bei der Deutung des Seenamens Klebarskie Jezioro, 1352 in lacu amelung, 1357 circa lacum Amelung usw. zwischen der Verbindung mit balt. *amel- „Mistel“ und unserer Wurzel *am-, ähnlich hat Ivan Duridanov bei der Diskussion von *Amala oder *Amela (-as), der mutmaßlichen Grundlage des verschwundenen balkanischen Ortsnamens Amlaidina argumentiert93, indem er an zahlreiche baltische Namen und an das baltische Mistelwort anknüpfte.
87Helmut Rix (wie Anm. 53), S. 5; Monumenta Germaniae Historica, Scriptores (in folio) XXX 1455.
88Hydronymia Germaniae A 7, S. 4.
89Hydronymia Germaniae A 16, S. 101.
90Peeter Arumaa, in: Aus dem Namengut Mitteleuropas, Festgabe für E. Kranz-mayer, Klagenfurt 1972, S. 6; Aleksandras Vanagas, Zodynas (wie Anm. 76), S. 41; Vladimir N. Toporov, Prusskij jazyk, Bd. 1, Moskva 1975, S. 81; Ka-zimieras Buga, Rinktiniai rastai, Bd. 3, Vilnius 1961; Georg Gerullis, Die alt-preußischen Ortsnamen, Berlin-Leipzig 1922, S. 9; Max Vasmer, Schriften (wie Anm. 41), Bd. II, S. 941; Janis Endzelins, Latvijas PSR vietvârdi, Bd. 1, Riga 1956, S. 25; F. Daubaras, Baltistica 17(1981), S. 84; Knut O. Falk, Wody wigierskie i hucianskie, Phil. Diss. Uppsala 1941, S. 199f.; Anna Pospiszylowa, Toponima poludniowej Warmii. Nazwy terenowe, Olsztyn 1990, S. 102f.; Valentin Kiparsky, Die Kurenfrage, Helsinki 1932, S. 78.
91Wie Anm. 14, S. 5.
92Wie Anm. 81, S. 105.
93Thrakisch-dakische Studien, 1. Teil: Die thrakisch- und dakisch-baltischen Sprachbeziehungen, Sofia 1969, S. 28.

Für Hans. Krahe, Ält. FlußN. (wie Anm. 1), S. 42, ist der Name Amule < *Amula, Nebenfluß der Abava in Lettland, in die voreinzelsprachlichen Bildungen einzureihen94. Schließlich habe ich Bedenken, den bedeutenden Zufluß des Narew in Polen Omulew, dessen Grundform auf einen alten û-Stamm weist (*Omoly, *Omol ve), als einzelsprachliche Bildung mit dem baltischen Mistelwort zu verbinden.
Wir können nur eine Zwischenbilanz ziehen: an der Existenz einer indo-germanischen, alteuropäischen Sippe um eine Wurzel *am-/om- ist meines Er-achtens nicht zu zweifeln. Allerdings kann ich Anton Scherers Meinung95, den Flußnamen Ohm, Ems, Amance usw. liege die Wurzel „*om - (in) ai. áma- 'Andrang, Ungestüm'; an. ama 'plagen, belästigen'„ und „kaum ... alb. amë 'Flussbett'„ zugrunde, nicht zustimmen. Die von Anton Scherer herangezogene Wurzel liegt zweifellos in Personennamen vor (so vor allem im Germanischen, man vergleiche den Namen des ostgotischen Königshauses), kaum jedoch in Flußnamen. Wenn andererseits Hjalmar Frisk in seinem Griechischen etymolo-gischen Wörterbuch96 für griech. Herkunft aus dem Orient annimmt, so ist diese Auffassung angesichts der europäischen Flußnamen ebenso abzulehnen wie die von westeuropäischen Forschern vertretene Meinung, diese Wurzel könne nicht mit der alteuropäischen Hydronymie in Verbindung gebracht werden, „puisqu'aujourd'hui cette théorie est manifestement dépassée“97. Man wird allen Anforderungen am ehesten gerecht, wenn man Hans Krahes Vorschlag folgend eine voreinzelsprachliche Sippe annimmt (dafür sprechen semasiologische und morphologische Gründe, aber auch die Streuung der Namen), und die oben zusammengestellten Namen in ihrer überwiegenden Mehrheit (in einzelnen Fällen werden immer offene Fragen bestehen bleiben) der alteuropäischen Hydronymie zuordnet. Von hieraus können wir uns nun dem Flußnamen Emster zuwenden.
94H. Krahe, Ält.Flußnamen 42.
95Der Ursprung der "alteuropäischen" Hydronymie, in: Atti e Memorie VII Congresso Internazionale di Scienze Onomastiche, Bd. 2, Firenze 1961, S. 415.
96Bd. 1, Heidelberg 1960, S. 87.
97Albert J. van Windekens, in: Studies in Diachronic, Synchronic, and Typological Linguistics, Festschrift für O. Szemerényi, Amsterdam 1979, Bd. 2, S. 924.

Wie oben schon ausgeführt wurde, hat Gerhard Schlimpert den Namen der Emster auf eine Vorform *Amistra zurückgeführt und mit der Wurzel *am-/om- verbunden. Unsere Zusammenstellung der davon abge-leiteten Hydro- und Toponyme zeigt nun, daß eine Bildung mit dem Suffix *-istra sonst nicht belegt werden kann. Die Emster steht somit, was die Ableitung von der Wurzel betrifft, isoliert. Diese Isolation kann aber durchbrochen werden, wenn man nach entsprechenden Bildungen von anderen Ableitungsgrundlagen Ausschau hält. Im folgenden seien die mir bekannt gewordenen Bildungen mit dem Element *-str-, meistens als *-istra oder *-astra belegt, aufgelistet.
Am bekanntesten dürfte die Sippe um die deutschen Flußnamen Alster und Elster sein. Zu ihr gehören zahlreiche Namen in Deutschland und Skandinavien, zu denen ich vor kurzem an anderer Stelle98 ausführlicher Stellung genommen habe. Die Namen gehören mit den Grundformen *Al-astra und *Al-istra (> Elster, bildungsgleich mit Emster!), zu idg. *el-/ol- „fließen usw.“; weiterhin sind mir bekannt geworden: Ballestre, 940 (Kopie 12. Jh.) Ballestran, Flußname in Eng-land99; Beemster bei Alkmaar in den Niederlanden, 1083 (Fälschung 12. Jh.) flu-men Bamestra100 (die Etymologie ist noch unklar101); Beuster --> Innerste bei Hil-desheim, 1305 Bostere, 1308 Botestere usw.102; evtl. Deister, Bergname bei Han-nover; Falster, dänische Insel103; Falsterbach, Flußname im Gebiet des Oberrh-eins104; Flóstr, Inselname in Skandinavien105; Gelster --> Werra, 1246 (Abschrift 1623) inter Gelstram, 1292 (Abschrift 16. Jh.) obir di Gelstra, 1358 obir di Gel-stra106, nach Hans Walther (wie Anm. 72), S. 236 „germ. *Galistra, *Gelistra; zu ahd. gellan 'gellen',
98Jürgen Udolph, in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 24(1989), S. 271-274.
99Eilert Ekwall (wie Anm. 85), Oxford 1968, S. 26; vgl. Thorsten Andersson, Namn i Norden och det forna Europa, Uppsala 1989, S. 93.
100Maurits Gysseling, Toponymisch woordenboek van België, Nederland, Luxemburg, Noord-Frankrijk en West-Duitsland, Bd. 1, Brussels 1960, S. 114.
101Moritz Schönfeld (wie Anm. 33), S. 38.
102Zu weiteren Belegen und der Deutung s. Bernd-Ulrich Kettner, Flußnamen im Stromgebiet der oberen und mittleren Leine, Rinteln 1972, S. 25f.
103Thorsten Andersson (wie Anm. 99), S. 92 und 98f.
104Theodora Geiger, in: Beiträge zur Namenforschung 15(1964), S. 51.
105Ebda.
106Thorsten Andersson, in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 5(1970), S. 122.

mhd. gelster 'lauterklingend'107; Kelsterbach, ON. und Flußname bei Groß Gerau, 830-850 (A. Ende 12. Jh.) De Gelsterbach, In Gelsterbach usw.108 und ON Gelsenkirchen (12. Jh. Geilistirinkirkin)“; aus Norwegen bringt Per Hovda109 die Gewässernamen J·lstra, Imstra und *J·stra/*Jostra (in Jostedalen) bei; Lästern in Schweden110; Koster, schwed. Inselname111; aus Deutschland vergleiche weiter Lister, Flußname im Westerwald, 1532 in der Lyster usw., ON. Listernohl, 1256 Listernole112; hierzu wohl Lister, Inselname in Scheden113; weiter Lustr, Fjordname in Skandinavien114; Medestre, Flußname in England115, Mostr, Inselname in Skandinavien116; Nister, Flußname im Westerwald, 1064 ad ... Nistram usw.117; Ørstr, Fjordname in Skandinavien118; Öster, Flußname im Westerwald, 1607 Ooster flu. usw.119; Rekstr, Inselname in Schweden120; Salstern, Stora, Lilla, Seenamen in Schweden121; Seester(au), alter Name der Krückau --> Elbe, 1141 (F. um 1180, Kopie nach 1200) iuxta fluuium Ciestere usw., mit ON. Seester, Seesterau, Seestermühe u.a.122; Susteren, ON. in den Niederlanden,
107Zu diesem Wort ausführlich: Thorsten Andersson (wie Anm. 99), S. 17ff.
108Thorsten Andersson, in: Beiträge zur Namenforschung 5(1970), S. 122.
109Norske elvenamn, Oslo-Bergen 1966, S. 15.
110Thorsten Andersson (wie Anm. 99), S. 92.
111Ebda.
112Nach Erhard Barth, Die Gewässernamen im Flußgebiet von Sieg und Ruhr, Giessen 1968, S. 156 und Dagmar Schmidt (wie Anm. 14), S. 67f. sehr wahrscheinlich -str-Bildung < *Legistra.
113Thorsten Andersson (wie Anm. 99), S. 92.
114Ebda.
115Ebda., S. 93; Eilert Ekwall (wie Anm. 85), S. 285.
116Thorsten Andersson (wie Anm. 85), S. 93.
117Nach Adolf Bach, Deutsche Namenkunde, Teil 2, Bd. 1, Heidelberg 1953, S. 207 Zuordnung zu den Bildungen mit -str- fraglich, keine Zweifel hat dagegen Erhard Barth (wie Anm. 112), S. 101f.
118Thorsten Andersson (wie Anm. 99), S. 92.
119Nach Erhard Barth (wie Anm. 112), S. 163 -str-Bildung wahrscheinlich.
120Thorsten Andersson (wie Anm. 99), S. 92.
121S. Elöf Hellquist, Studier öfver de svenska sjönamnen, Teil 1, Stockholm 1903-06, S. 520.
122Zu Belegen und Literatur s. Hydronymia Germaniae A 16, S. 199ff.; Deutung noch unsicher, s. Wolfgang Laur, in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 16(1981), S. 116.

 1277 Rususteren, beruht auf einem Flußnamen Suster, 714 (Kopie 1191), 718 (Kopie 1191) Svestra, 891 (Kopie um 1100) Suestra usw.123; Ulster --> Werra, 819, 836 Ulstra, sehr wahrscheinlich schwundstufige Bildung zu Alster, Elster124; auch der Name der Unstrut könnte hier angeschlossen werden, sofern eine Grundform *Un-str- angesetzt werden darf und der unverkennbar vorhandene Einfluß von Strut125 sekundär ist; weiterhin vielleicht in Vänstern, Seename in Schweden126; sicher in Wilster --> Medem (--> Elbe) und Wilster Au (Wilsterau) --> Stör (--> Elbe)127, schließlich Zester, abgegangener Flußname im Alten Land, 1197 iuxta Szasteram, mit verschwundenem ON. Zesterfleth, 1221 Sestersvlete usw.128. Fraglich ist die Zugehörigkeit von Asdorf(bach) im Westerwald129.
Damit können wir die Zusammenstellung der mit dem Flußnamen Emster in Lexem und Suffix verwandten Namen beenden. Es wird dabei deutlich, daß gegenüber anderen Bildungen der alteuropäischen Hydronymie Namen mit einem -str-Element auf einen bestimmten Raum beschränkt: der Schwerpunkt liegt mei-nes Erachtens in Deutschland, vor allem auf Grund der Tatsache, daß sich darunter bedeutende Flüsse befinden, während Skandinavien vor allem mit Fjord- und Inselnamen Anteil hat. Man vergleiche aus Deutschland Alster, Beuster, dazu evtl. der Bergname Deister, weiter Elster, Emster, Gelsenkirchen, Gelster, Kelsterbach, Lister, Nister, Öster, Seester(au), Ulster, Wilster, Wilsterau, Zester. Daneben sind nur die Niederlande (Beemster, Susteren), England (Ballestre, Medestre) und Skandinavien (Alster, Flóstr, Jolstra, Imstra, Jostedalen,
123Maurits Gysseling (wie Anm. 100), Bd. II, S. 948. Der Gewässername enthält nach Adolf Bach (wie Anm. 117), S. 207 das Suffix -str-, Zweifel hat Moritz Schönfeld (wie Anm. 33), S. 80, zustimmend jedoch P.L.M. Tummers, D.P. Blok, Waternamen in Limburg en Drente, Amsterdam 1978, S. 28f.
124Hans Krahe, in: Beiträge zur Namenforschung 10(1959), S. 11; Hans Walther (wie Anm. 72), S. 236.
125Dazu Jürgen Udolph, in: Gießener Flurnamen-Kolloquium, Heidelberg 1985, S. 272-298, speziell: S. 290.
126S. Elof Hellquist, Studier (wie Anm. 121), Teil 1, S. 741.
127Zu beiden Namen s. Hydronymia Germaniae A 16, S. 364ff. (mit Hinweis auf weitere Literatur).
128S. Hydronymia Germaniae A 16, S. 371ff.
129Nach Erhard Barth (wie Anm. 112), S. 66 -str-Bildung.

Koster, Lästern, Lister, Lustr, Mostr, Ørstr, Rekstr) von der Streuung betroffen. So hatte schon Erhard Barth (wie Anm. 121), S. 102 formuliert: „Da sich GN mit dem -str-Suffix ... nur in einem beschränkten Gebiet Mitteleuropas finden ..., so ist es zu erwägen, ob die „alteuropäischen“ Gewässernamen nicht in Untergruppen zu teilen wären, wobei neben einer weiträumigen, zugleich älteren Gruppe eine kleinräumige, gleichzeitig jüngere Gruppe von Gewässernamen Mitteleuropas stände“. Zu den Konsequenzen, die sich daraus für den mutmaßlichen Raum der Entfaltung des Germanischen ergeben könnten, habe ich an anderer Stelle130 zunächst nur kurz Stellung genommen. Heute möchte ich eine notwendig gewordene Ergänzung hinzufügen.
Schon lange ist aufgefallen, daß gerade das Germanische in seinem Wortschatz Bildungen mit -str- („Es handelt sich offensichtlich um ein sehr altertümliches Suffix“131) kennt, man vergleiche etwa got. awistr „Schafstall“ und die Be-merkungen von Siegmund Feist in dessen Vergleichendem Wörterbuch der gotischen Sprache132. Weiteres Material findet sich bei Hans Krahe, Wolfgang Meid, Germanische Sprachwissenschaft (wie Anm. 19), S. 184, Thorsten Andersson133 und Wolfgang Meid134, so z.B. dt. Laster < *lah-stra-, Polster < *bulh-stra-, anord. mostr < *muh-stra-, altwestnord. naust, norw. (mua.) naustr „Bootsschuppen“ u.a.m. Neben diesen offenbar älteren Bildungen, in denen das Suffix an Wurzeln mit gutturalem Auslaut antrat, sind auch Bildungen mit Zwischenvokal bzw. in sekundärer Ableitung an vokalisch auslautende Vorderstücken zu beobachten. „Diese Bildungen sind vornehmlich Ortsbezeichnungen“135. Hierunter fallen z.B. got. hulistr „Hülle“ neben ablautendem altenglischen helustr, heoloster,
130In: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 24(1989)273f.
131Thorsten Andersson (wie Anm. 99), S. 35.
132Leiden 1939, S. 70.
133Wie Anm. 99, S. 33ff. und vor allem S. 92-112 (mit Hinweis auf weitere Literatur).
134In: Indogermanische Forschungen 69(1964/65), S. 218ff.; ders., in: Die Sprache 11(1965), S. 122ff.; ders., in: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 79(1965), S. 291ff.
135Hans Krahe, Wolfgang Meid (wie Anm. 19), S. 184.

weiterhin altenglisch gilister, geoloster „Geschwür“, das schon erwähnte gotische awistr u.a.m.
Ergänzt man diese Bemerkungen durch den Vergleich mit den oben zu-sammengestellten Orts- und Gewässernamen, so kann es kaum einen Zweifel daran geben, daß diese in ihrer Wortbildung durch germanischen Einfluß geprägt sind136. Daraus ergeben sich für die Gruppe der Bildungen mit -str- und ihre Streuung sowie für die Einordnung des Flußnamens Emster verschiedene Konse-quenzen.
1. Obwohl sich unter diesen Namen etliche befinden, deren Lexem im Germanischen ohne sicheren Anschluß ist (Alster/Elster, Beuster (?), Emster, Ul-ster, Wilster)137, ist der Einfluß des Germanischen in der Wortbildung unver-kennbar.
2. Die schon angesprochene auffällige Streuung der Namen erfordert einen Kommentar. Ich sehe in dieser Verbreitung ein weiteres Indiz für die Annahme, daß sich das Germanische nicht unbedingt in Skandinavien entfaltet hat138.
3. Die Emster, zu der wir nun nach einem längeren Ausholen zurückkommen, ist in diesem Zusammenhang ein typischer und repräsentativer Name. Während die zugrundeliegende Wurzel dem Germanischen fremd ist, verrät die Wortbildung germanischen Einfluß. Der Name scheint mir daher dafür zu sprechen, daß Sprecher indogermanischer Dialekte auch die Umgebung von Bran-denburg besiedelt haben und es eine Kontinuität zu den sich entwickelnden ger-manischen Mundarten gegeben hat.
Aus dieser Zusammenfassung wird deutlich, welche Bedeutung dieser Name besitzt. Während nicht sicher entschieden werden kann, von welchem Teilbereich aus die Havel benannt worden ist, zeigt die Emster zweifelsfrei, daß in Brandenburg und seiner Umgebung auch sehr alte Namen nachgewiesen werden können. Unter Berücksichtigung dieses Aspektes wollen wir uns nun dem schwierigen Namen Brandenburg zuwenden.
136Ähnlich Thorsten Andersson, in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 5(1970), S. 126, Anm. 29: "... für einen durch -str-Ableitung gebildeten Flußnamen wäre also am ehesten an germanischen Ursprung zu denken".
137Es sind vor allem Hydronyme in Deutschland, deren Erklärung schwer fällt; leichter ist die Deutung der skandinavischen Verwandten, s. Thorsten Andersson (wie Anm. 99), S. 92ff.
138S. dazu meinen Beitrag Germanische Hydronymie aus kontinentaler Sicht, in: Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 24(1989), S. 269-291.

Ein unbefangener Beobachter wird sicher der Ansicht sein, daß Brandenburg etwas mit deutsch Brand und brennen zu tun hat. Diese Deutung überzeugt jedoch - wie wir noch sehen werden - nicht. Die ältesten Belege zeigen ein Schwanken zwischen Formen wie Brendan-burg, Brenna-burg, Branden-burg. Nach Reinhard E. Fischer139 lauten die ältesten Belege wie folgt: 948 Brendanburg, um 967 (z. Jahr 928/29) Brennaburg (Varianten: Brandenburg, brinnaburg, branneburh, brennaburch), um 967 (z. Jahr 939) Brennaburg (Varianten: Brandanburg, Bran-denburg, brandeburh), um 1014 (z. Jahr 970) Brandeburgiensis aecclesiae, um 1014 (z. Jahr 983) Brandenburgiensem episcopatum usw. Es ist bemerkenswert, daß für den Ort offenbar kein slavischer Name überliefert ist140. Der immer wieder unternommene Versuch, den Namen aus dem Slavischen zu deuten (z.B. zu sla-visch *br?n- „Morast, Sumpf“141), ist abzulehnen142.
Eine völlig überzeugende Deutung fehlt noch immer. Die letzte Äußerung zu diesem schwierigen Namen findet sich im Städtenamenbuch der DDR143. Dort heißt es: „In den Formen *Brand(e)- bzw. Brand(en)burg liegt auf jeden Fall eine deutsche Bildung vor, jedoch bleibt ein Kompositum mit dem frühmittelalterli-chen Heiligen(namen) Brandan bzw. Brendan für diese Zeit und diesen Raum sehr zweifelhaft; eher besteht doch wohl ein Zusammenhang mit dt. Brand und branden“. Gegen diese These, die schon früher von Otto Tschirch vertreten wurde, wendet sich (m.E. mit Recht) Reinhard E. Fischer144: „Das überzeugt weder sprachlich noch sachlich. Der Name müßte dann *Brandburg oder *Brandesburg lauten“. Von Bedeutung sind dagegen einige Beobachtungen über die lautliche Entwicklung des Namens und die daraus zu ziehenden Schlüsse von Reinhard E. Fischer und Gerhard Schlimpert: „Unwahrscheinlich ist die Entstehung des Namens im 10. Jahrhundert,
139Wie Anm. 3, S. 83.
140Ebda.
141Dazu vergleiche man Jürgen Udolph (wie Anm. 20), S. 499-514.
142Vgl. dazu etwa Hans-Dieter Kahl, Slawen und Deutsche in der branden-burgischen Geschichte des zwölften Jahrhunderts, Köln-Graz 1964, S 589-593 und Reinhard E. Fischer (wie Anm. 3), S. 83f.
143Verfaßt von Ernst Eichler und Hans Walther, Leipzig 1986, S. 60f.
144Wie Anm. 3, S. 85.

denn die überlieferten Formen zeigen im 2. Drittel des 10. Jahrhunderts schon Lau-tentwicklungen des Altsächsischen (nd > nn, a > e, Ausfall des n in der Form Brandeburg), was davon zeugt, daß der Name schon fest eingebürgert war“145. Die Autoren folgern zum Abschluß ihrer Überlegungen: „Es liegt eher ein Perso-nenname zur Wurzel germ. *branda- „Brand“ zugrunde ... Gegen diese Deutung wird das Argument vorgebracht, daß bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts die Bur-gen meist Stellenbezeichnungen als Bestimmungswörter haben ...“146. Es seien aber Ausnahmen möglich und eine germanische Form *Brandanburg könne nicht ausgeschlossen werden.
Ich meine, daß keiner der bisher vorgebrachten Vorschläge überzeugt (das klingt auch bei allen Forschern an). Auch der Hinweis von Reinhard E. Fischer147 auf die Etymologie von A. Bretschneider148 und deren Verbindung mit dem Namen des Heiligen Brendan bringt m.E. (wie ich unten wahrscheinlich zu machen versuche) nicht die Lösung149.
Es fragt sich, ob man bei der Deutung des Namens nicht die geographische Lage Brandenburgs mehr berücksichtigen sollte als bisher geschehen. Wir wollen diesem auch aus namenkundlicher Sicht nachgehen und einige Argumente zusammentragen.
Zunächst ist festzuhalten, daß „In historischer Sicht ... mit dem Namen Brandenburg immer die Burg auf der Dominsel gemeint [ist]“150. Brandenburg ist aber nicht nur mit der Dominsel, sondern auch mit seiner Altstadt eng mit Wasser, Flußarmen und -buchten verbunden. Das läßt sich auch aus namenkundlicher Sicht bestätigen. So sprechen dafür sowohl der Name Parduin, 1166 Parduin
145Reinhard E. Fischer, Gerhard Schlimpert, in: Zeitschrift für Slawistik 16(1971), S. 680.
146Ebda.; ebenso: Reinhard E. Fischer (wie Anm. 3), S. 85.
147Überzeugende Deutung des Namens Brandenburg, in: Namenkundliche Infor-mationen 38(1980), S. 32f.
148In: Ferdinand Wrede, ein Spandauer Kind, in: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte 29(1978), S. 62-76, speziell S. 71f.
149Die darauf basierenden weitreichenden Folgerungen in dem Beitrag von J. Strzelczyk, Z dziejów wplywów iroszkockich w Europie: iryjska geneza nazwy Brandenburga? in: Kultura sredniowieczna i staropolska. Studia ofiarowane Aleksandrowi Gieysztorowi, Warszawa 1991, S. 89-97 (auf den mich W. Schich dankeswerterweise hinwies), bleiben daher ebenfalls mehr als fraglich.
150Reinhard E. Fischer (wie Anm. 3), S. 83, Anm. 16.

usw.151, „der ursprüngliche Name der Altstadt Brandenburgs“152, und der an der gegenüber liegenden Seite des Flußarms abgegangene Ortsname Krakau (heute noch Krakauer Landstraße), dessen slavische Benennung nach Sophie Wauer153, Reinhard E. Fischer u.a.154 mit slavisch krak „Arm eines Flusses“ zu verbinden ist.
Geographische und onomastische Überlegungen führen mich zu der Frage, ob man nicht versuchen sollte, auch den Namen Brandenburg vom Wasser her zu erklären. Daß dieses möglich ist, werden wir gleich erkennen können.
Bezeichnenderweise findet man schon bei dem Altmeister der deutschen Namenforschung Ernst Förstemann eine Notiz, die in diese Richtung weist. Es heißt dort155: „Die folgenden n. tun dar, dass es einen stamm für flussnamen von der Form Brand oder Brant gegeben haben muß. Deutsch ist derselbe wahr-scheinlich nicht“. Ernst Förstemann führt im Anschluß daran zwei Flußnamen auf (zu denen wir gleich kommen werden) und - getrennt durch eine Zusammenstellung der von dem Personennamen Brand usw. gebildeten Ortsnamen - wenige Zeilen später den ON. Brandenburg. Die von Förstemann genannten Flußnamen sind die Brend in der Rhön und die Brenz, ein Zufluß der Donau. Beide Namen sind inzwischen mehrfach untersucht worden und machen in ihrer Deutung heute keine Probleme.
Die Brend, Fluß in der Rhön, ist durch den Ortsnamen Brendlorenzen früh überliefert: 823 in uilla branda, 837 Brenti, 889 in uilla adbrante, 974 Brenden, 982 in villa Brenden, 1156 Brenden, 1165 Brenden, 1184 in Brenden, usw.156. Es verdient, vermerkt zu werden, daß der Ort bis in das 14. Jh. hinein fast ausschließlich in der
151Zu den Einzelheiten der Deutung als "Nebenarm eines Gewässers" s. Reinhard E. Fischer (wie Anm. 3), S. 179f.
152Reinhard E. Fischer, Gerhard Schlimpert (wie Anm. 5), S. 679; Reinhard E. Fischer (wie Anm. 3), S. 85.
153In: Namenkundliche Informationen 33(1978)58-66
1547Vgl. auch W. Schich, Das Verhältnis der frühmittelalterlich-slawischen zur hochmittelalterlichen Siedlung im Havelland, in: Das Havelland im Mittelal-ter, hrsg. v. W. Ribbe, Berlin 1987, S. 22.
155Altdeutsches Namenbuch (wie Anm. 86), S. 565.
156Hydronymia Germaniae A 7, S. 20.

Form Brenden belegt ist. Die Etymologie des Namens unterliegt keinem Zweifel. Es ist von dem Flußnamen auszugehen, der „zur idg. Wurzel *brendh- 'quellen, schwellen'„ gehört157. Die Wortbildung des Namens läßt sich noch sehr viel genauer fassen. H. Krahe hat sich mehrfach zu diesem Namen geäußert und einen idg. Ansatz *bhrondhi, Gen. *bhrondhias „Quelle, Quellfluß“ angenommen. Dieser „ergab über germ. *brandi, *brandjos den FlN. Brend ... Zugehörige Verba mit e-stufiger Wz.-Form liegen vor in ir. brenn- 'hervorquellen, sprudeln' (< *brend-nâ), lit. bréstu, bréndau 'schwelle, reife“, lett. briêstu 'quelle, reife'„158. Es liegt also ein germanischer î-/iâ-Stamm zugrunde. Zu den indogermanischen An-schlüssen s. Alois Walde - Julius Pokorny159 und Julius Pokorny160.
Die Wurzel ist nur im Keltischen, Tocharischen, Baltischen und Slavischen belegt, wobei das Keltische (Julius Pokorny 167: „Air. wahrscheinlich in brenn- (*bhrendh-nâ-) 'hervorquellen, sprudeln'„161) eine Sonderrolle spielt, da es die Er-weiterung *brend-na- kennt, die den übrigen Sprachen fremd ist162. Zur baltischen Sippe s. Vladimir N. Toporov163.
Der Donauzufluß Brenz ist vor kurzem von Lutz Reichardt164 ausführlich behandelt worden. Die Überlieferung zeigt allerdings keinen Hinweis auf eine Form Brenden, Branden o.ä.: (um 750-802) (Kopie 1150-65) super fluvium Brenze, (um 774) super fluvium Brancia, 875 cappellaam ad Prenza usw. Nach Lutz Reichardt ist ein Zusammenhang mit dem FlN. Brend wahrscheinlich. Albrecht Greule (zitiert bei Lutz Reichardt, a.a.O., S. 38) geht für den Namen der Brenz von einer Grundform *Brandisô aus165.
157Adolf Bach (wie Anm. 117), S. 106 unter Bezug auf Hans Krahe, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 6(1944), S. 374.
158Hans Krahe, in: Beiträge zur Namenforschung 5(1954)86f.; ähnlich ders., Ält. Flußnamen (wie Anm. 1), S. 27.
159Alois Walde, Julius Pokorny, Vergleichendes Wörterbuch der indogermanischen Sprachen, Bd. 2, Berlin-Leipzig 1932, S. 205.
160Indogermanisches etymologisches Wörterbuch (Wie Anm. 40), S 167.
161Ebda.
162Julius Pokorny, Urgeschichte (wie Anm. 66), S. 63.
163Prusskij jazyk, Bd. 1, S. 249f.
164Ortsnamenbuch des Kreises Heidenheim, Stuttgart 1987, S. 36ff.
165Zitiert a.a.O., S. 38.

An der Etymologie der beiden Flußnamen Brend und Brenz kann kaum gezweifelt werden. Während man bei der Brenz vielleicht noch an keltischen Ur-sprung denken mag (entsprechende Hinweise finden sich auch bei Lutz Reichardt), ist dieses für den Rhönfluß abzulehnen. Daraus darf gefolgert werden, daß die Flußnamen auf einer indogermanischen Grundlage ruhen, die in mor-phologischer Hinsicht germanisiert worden sind. In diesem Zusammenhang sind Bemerkungen von Bruno Boesch über die germanischen nominalen jô-Bildungen, die als Flußnamen fungieren, von Bedeutung. Unter Einbeziehung des Namens der Brend führt er aus: „In allen diesen Fällen eignet der jô-Ableitung eine Bedeutung, die über eine Nomen agentis hinaus weist: es ist nicht bloß die 'Fließende', 'Schwellende', 'reißend Strömende', sondern zugleich der 'Fluß', der 'Schwall', die 'Strömung' und umfaßt so die ganze Gegend, wo sich das Fließen, das Schwellen, das Strömen ereignet. Die Bildungsweise findet sich auch bei Stellenbezeichnungen, ja hier liegt wohl die älteste Verwendung vor; die Bezeichnung von Flüssen schließt sich sekundär an ...“166.
Ich habe keine Bedenken, den Namen Brandenburg an die idg. Wz. *bhrendh- anzuschließen. Es bleibt allerdings ein Problem bestehen: nicht sicher bestimmbar ist die mutmaßliche Grundform des Namens. Daß dt. Burg hinzugetreten ist, unterliegt keinem Zweifel. Wie aber sind die wechselnden Formen Brendan-, Brenna-, Branden-, Brandene- usw. zu erklären? Es gibt mehrere Möglichkeiten.
1. Entsprechend dem Verhältnis von altindisch síndhu- „Fluß“, Gen.-Abl. *sindh-n-es, Lokat. *sindh-n-i167, dessen -n-Bildungen als *Sind-n-a/Sind-n-os in verschiedenen europäischen Gewässernamen begegnen dürften168, könnte der für das Keltische vorauszusetzende Ansatz *brend-na- auch die Grundlage für Brandenburg abgegeben haben. Allerdings kann man dagegen einwenden, daß die -na-Bildung im Keltischen nur im verbalen Bereich belegt ist und ein Ansatz *brend-na- im Germanischen eigentlich zu *brind-n- mit weitere Assimilation führen müsse. Ob die für
166Bruno Boesch, in: Beiträge zur Namenforschung 5(1954), S. 233.
167Julius Pokorny, Urgeschichte (wie Anm. 66), S. 145f.
168S. Jürgen Udolph, Stellung (wie Anm. 83), S. 268f.

Brandenburg nur einmal belegte Form brinnaburg in dieser Hinsicht interpretiert werden kann, ist sehr zweifelhaft. Eher dürfte Einfluß von ahd., asä. brinnan „brennen“ (intransitiv) vorliegen.
2. Langsilbige jô-Stämme des Altsächsischen traten gelegentlich in die schwache Deklination über oder bildeten Formen nach dieser169. Diese Tendenz setzte sich (z.T. verstärkt) im Mittelniederdeutschen fort. Problematisch ist diese Annahme im Fall von Brandenburg deshalb, weil in diesem Fall eigentlich Um-laut, also *Brendenburg, zu erwarten wäre. Vielleicht ist daher eine dritte Mög-lichkeit vorzuziehen.
3. Wenn man für die Brenz von einer -s-Bildung ausgeht, so sind auch andere Bildungsmittel möglich. Für Brandenburg ist ein -n-Formans wahrscheinlich. Den norddeutschen Flußnamen ist dieses Formans keineswegs fremd. Die Arbeit von Bernd-Ulrich Kettner über die Flußnamen des oberen Leinegebietes170 zeigt in ihrer Auswertung, daß als Bildungselement neben einfachem -n- auch erweiterte Formantien wie -ina- und -ana verwendet worden sind. Mit der Annahme eines Elements -ana- ließe sich für unseren Namen eine Grundform *Brand-ana- konstruieren, die zu späterem Branden-burg geführt haben kann. Von allen drei Möglichkeiten scheint mir die dritte die wenigsten Probleme zu bieten.
Mit diesem Ansatz und der Verbindung zu einem indogermanischen Was-serwort könnten die bisher eine Deutung erschwerenden Fakten ausgeräumt wer-den:
1. Für den Ort Brandenburg ist kein slavischer Name überliefert. Geht man von einer Bezeichnung für den die Dominsel umschließenden Flußarm oder einen Teilabschnittsnamen der Havel aus, der die Grundlage für den deutschen Ortsnamen Brandenburg abgab, so ist eine slavische Benennung für den Ortsna-men nicht unbedingt zu erwarten.
169Belege bei Johan Hendrik Gallée, Altsächsische Grammatik, 2. Aufl., Halle-Leiden 1910, S. 206. Ähnlich äußert Hans Krahe, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 67(1945), S. 375, Anm. 2 zu den Brenden-Belegen des Flußnamens Brend: "Die Form Brenden zeigt das auch sonst gerade bei den jô-Feminina nachgewiesene Schwanken nach der schwachen Deklination". Vgl. auch Wilhelm Braune, Hans Eggers, Althochdeutsche Grammatik, 13. Aufl., Tübingen 1975, § 20, Anm. 3.
170Wie Anm. 102, S. 348ff.

2. Die oben geschilderten Probleme bei einer Deutung aus deutsch Brand, brennen usw. entfallen.
3. Die Annahme, das Bestimmungswort des Namens Brandenburg enthalte einen Personennamen, ist verschiedentlich mit dem Hinweis darauf kritisiert wor-den, daß „bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts die Burgen meist Stellenbezeichnun-gen als Bestimmungswörter haben ...“171. Die Deutung aus einem ursprünglichen Gewässernamen trägt diesem Rechnung. Man vergleiche ähnlich gebildete Namen wie Boizenburg, Camburg, Ilsenburg, Merseburg, und die Bemerkung von Adolf Bach, Deutsche Namenkunde (wie Anm. 117), Teil II, Bd. 2, S. 230: „Nicht selten lehnen sich diese Namen an Flußnamen an: Weilburg .., Limburg ...Dillenburg“172.
4. Eine letzte Bemerkung erfordert der archäologische Befund, wonach „bisher in Brandenburg noch keine spätgermanischen Funde gemacht wurden“173. Das spricht nach Reinhard E. Fischer, op.cit., S. 84 „gegen die in der historischen Lite-ratur verbreitete Auffassung, daß der Name vorslawisch sei“174. Als Laie auf diesem Gebiet weiß ich nicht, ob sich die Fundsituation in letzter Zeit verändert hat. Geht man aber im Fall des Namens Brandenburg von einer Gewässerbe-zeichnung aus, so ist der Nachweis einer Siedlung nicht unbedingt erforderlich.
Mit der Erörterung des schwierigen Namens Brandenburg möchte ich die Überlegungen zu den germanischen und alteuropäischen Namen in Brandenburg und seiner Umgebung abschließen. Übergangen habe ich den Namen der Dosse, zu dem jetzt die Ausführungen von Wolfgang P. Schmid in den Namenkundlichen Informationen175 zu vergleichen sind, sowie den umstrittenen Ortsnamen Marzahne, der aus dem Slavischen erklärt werden kann, aber auch zu germanisch *mark- „Grenze“ (eventuell über eine Entlehnung in das Slavische) gestellt wer-den kann.
171Reinhard E. Fischer, Gerhard Schlimpert, in: Zeitschrift für Slawistik 16(1971), S. 680.
172Bach, Dt. Namenkunde II,1,230.
173R.E. Fischer, G. Schlimpert, ZfSl. 16(1971)679.
174R.E. Fischer, Die ONN. des Havellandes, S. 84.
17558(1990), S. 1-6.

Als Ergebnis der Untersuchung möchte ich festhalten:
1.) In Brandenburg und seiner Umgebung lassen sich neben hochdeutschen, niederdeutschen und slavischen Namen Spuren älterer Sprachen oder Sprachschichten nachweisen.
2.) Wie an den ausgewählten Fällen Havel, Emster und Brandenburg gezeigt werden konnte, handelt es sich dabei um Topo- und Hydronyme, deren Zuordnung zu der alteuropäischen Hydronymie mit Problemen verknüpft ist.
3.) Die Schwierigkeiten der Zuweisung bestehen darin, daß ein bedeutender Einfluß einer indogermanischen Einzelsprache, zweifellos des Germanischen, konstatiert werden muß. Daraus ergibt sich
4.), daß mit einem germanischen Substrat in Brandenburg und seiner Umgebung gerechnet werden darf.
Ich bin gespannt, ob diese aus dem Namenmaterial zu gewinnende Vermutung von Seiten der Archäologie gestützt werden kann.

Jürgen Udolph
Alteuropäische und germanische Namen in Brandenburg und Umgebung (Handout)
I. Havel: 789 Habola, 981 Hauela, um 1075 iuxta Habolam, <*Hab(u)la, Suff. -(u)la, Wz. *hab-, nhd. Haff, Hafen; slav. *Ob la, Woblitz, Wublitz.
Vgl. Hever, 1196 Heuere; Heve, 1523 der Heuen, < *Hab-ina. Alteurop.: *Adula, *Amula, *Apula, Orla < *Orula; germ. u-Stämme in got. magula „Knäblein“, ahd. angul „Angelhaken“; lit. Tat-ula, Dárb-ule, Bab-ùlis, Dub-ùlis, balt. Cabula, thrak. .
II. Emster: < Amstel/Amsterdam? oder < *Amistra, idg. Wz. *am- in alb. amë „Flußbett“, griech. „Graben, Kanal“, heth. amiiar(a)- „Kanal“.
Namen: 1. *Ama > schwed. GN. Åmme; *Amia > Emme; *Amia > Amiette (1141 Amia), Eem, alt Hemi, Ema;
2. -n-Suffix: *Amana > Ohm (+ ON. Ohmen, Amöneburg), Ampney Brook, wruss. Amon', ;
3. Bildungen mit -r-Formans: Amer, Am(m)er < *Amara, auch Emmersloot, Amersfort, Ammersbek, evtl. Hamerbek, Ammerswurther Au, hierzu (?) Amorbach, 1464 in der Amerbach;
4. -nt-Suffix: Amance < *Amantia, VN. Amantini;
5. häufig: -s-Bildungen: Ems < *Amisia, Emsbach < *Amisa, Emse, Emse(nbach), Ems (Eder);
6. Mit -t-: Amatà, Amitâs, , Amota, Omet;
7. Problematischer (vor allem im Osten): -l-, hierzu *Amalâ > Amalburna, Amble, Amel, Malone, Emmelke (?); aber: apreuß. emelno, lit. amalas, lett. amuls, amuls, amuols „Mistel“: Amalvas, Amale, Amalis, Amalka, Amule, Amulle, Amelung, Am-meling, Amalve, Omoli, Omoly, Amoli, Amoly, Omulle, Amuole, Amalka, *Amalvas in Omelovka, Omolva.
A. Scherer: < idg. Wz. *om - in ai. áma- „Andrang, Ungestüm“, an. ama „plagen, belästigen“, fraglich.
Mit dem Suff. *-str- (*-istra, *-astra) sind gebildet: Alster/Elster, Beemster, Beuster, Falster, Gelster/Kelsterbach/ON. Gelsenkirchen (12. Jh. Geilistirinkirkin), Jolstra, Imstra, *Jostra/*Jostra, Lister, Nister, Öster, Salstern, Seester(au), Susteren, Ulster, Unstrut (?), Vänstern, Wilster/Wilster Au, Zester/Zesterfleth.
Appellativisch: germ. -str- in got. awistr „Schafstall“, dt. Laster < *lah-stra-, Polster < *bulh-stra-, anord. mostr < *muh-stra-, got. hulistr „Hülle“, ae. helustr, heoloster, gilister, geoloster „Geschwür“.
III. Brandenburg: 948 Brendanburg, um 967 (z. Jahr 928/29) Brennaburg (Varianten: Brandenburg, brinnaburg, branneburh, brennaburch), um 967 (z. Jahr 939) Brennaburg (Varianten: Brandanburg, Brandenburg, brandeburh), um 1014 (z. Jahr 970) Brandeburgiensis aecclesiae, um 1014 (z. Jahr 983) Brandenburgiensem episcopatum usw.; nicht zu slav. *br n- „Morast“. Zu einem PN. Brandan/Brendan? Beachte altsächs. nd > nn, a > e, Ausfall des n in Brandeburg.
Wichtig: geogr. Lage; vgl. Parduin, Krakauer Landstraße „Wasser, Flußarm“; E. Förstemann: vordt. FlußN.-Stamm Brand oder Brant in: Brend, ON. Brendloren-zen, 823 in uilla branda, 837 Brenti, 889 in uilla adbrante, 974 Brenden, 982 in villa Brenden, 1156 Brenden; idg. Wz. *brendh- „quellen, schwellen“, < *bhrondhi, Gen. *bhrondhias „Quelle, Quellfluß“, > germ. *brandi, *brandjos; Verben mit e-stufiger Wz.-Form: ir. brenn- „hervorquellen, sprudeln“ (< *brend-

nâ), lit. bréstu, bréndau 'schwelle, reife“, lett. briêstu 'quelle, reife'„, germ. î-/iâ-Stamm; Wz. im Kelt., Tochar., Balt. und Slav., nur im Kelt. Erweiterung *brend-na-. Ferner: Brenz, Nfl. d. Donau, (um 750-802) (K. 1150-65) super fluvium Brenze, (um 774) super fluvium Brancia, 875 cappellaam ad Prenza usw.; Zshang. mit Brend sehr wahrscheinlich, nach A. Greule < *Brandisô.
Daher: Brandenburg zur idg. Wz. *bhrendh-, aber Grundform? Problem: Wechsel von Brendan-, Brenna-, Branden-, Brandene-.
Drei Möglichkeiten:
1. Vgl. altind. síndhu- „Fluß“, Gen.-Abl. *sindh-n-es, Lokat. *sindh-n-i, > europ. GNN. Shannon, Sinn, San, dazu etwa kelt. *brend-na-? Ergäbe eher germ. *brind-n-, daher problematisch.
2. jô-Stämme des Altsächs. > schwache Deklination; es fehlt aber Umlaut.
3. -n-Formans? Neben -n- auch -ina-/-ana belegt, evtl. Gf. *Brand-ana-. Ent-sprechende Namen mit Burg (< Gewässernamen) sind Boizenburg, Camburg, Il-senburg, Merseburg, Weilburg, Limburg, Dillenburg.
Alteuropäische und germanische Namen in Brandenburg und seiner
Umgebung (mündliche Fassung; Vortragstext)
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Zu den schwierigsten und heikelsten Aufgaben der Namenforschung gehören Versuche, unter einer einzelsprachlichen Schicht eines geographischen Bereichs nach noch älteren Relikten zu suchen. Erst die Forschungen von Hans Krahe und Wolfgang P. Schmid haben uns auf diesem Gebiet mehr Sicherheit gegeben. Sie haben wahrscheinlich machen können, daß sich in weiten Teilen Europas Namen auffinden lassen, die nicht der dort jetzt gesprochenen jeweiligen Einzelsprache oder einer ihrer Vorstufen zugerechnet werden können, sondern aus morphologischen, semasiologischen und anderern Gründen einer älteren, aber indogermanischen, Sprachschicht entstammen müssen. Es ist daher nicht von vorneherein auszuschließen, daß sich auch hier in Brandenburg und seiner Um-gebung entsprechende Namen nachweisen lassen. Dabei ist allerdings zu beden-ken, daß es sich bei der von H. Krahe aufgedeckten sogenannten „alteuropäischen Hydronymie“ in erster Linie um Gewässernamen handelt. Es gibt aber auch Fälle, in denen ein alter Flußname in einem Orts- oder Siedlungsnamen weiterlebt. Entsprechendes werden wir im Fall des Namens Brandenburg beobachten können.
In meinem Vortrag werde ich die Namen Havel, Emster und Brandenburg behandeln. Es sind nur drei Beispiele, und man mag meinen, daß sich daraus nur wenig gewinnen ließe. Um eine annähernd richtige Einordnung der entsprechen-den Namen vornehmen zu können, müssen wir aber zum Teil sehr weit ausholen und dann erkennen können, daß in diesen Hydro- und Toponymen wichtige Hinweise für die Siedlungsgeschichte verborgen sind.
Diese einleitenden Bemerkungen machen deutlich, welch schwieriges und heikles Gebiet man mit der Untersuchung dieser altertümlichen geographischen Namen betritt. Hinzu kommt, daß die Aufarbeitung der Gewässernamen in den neuen Bundesländern trotz der intensiven Bearbeitung der geographischen No-menklatur durch die Leipziger und Berliner Arbeitsgruppen um E. Eichler, H. Walther und G. Schlimpert noch Lücken aufweist. Immerhin besitzen wir für die Umgebung von Brandenburg mit den Untersuchungen von Reinhard E. Fischer über die Ortsnamen des Havellandes und die Ortsnamen der Zauche gute und wichtige Werke, die ich für diesen Vortrag immer wieder dankbar benutzt habe.

Wie in allen Teilen Europas sind auch die geographischen Namen in Bran-denburg und seiner Umgebung historisch geschichtet. Aus R.E. Fischers Unter-suchung geht das zweifelsfrei hervor. Auch ein Laie erkennt ohne Mühe, daß Namen wie Schönwalde, Mittelfeld, Neuhof einer hochdeutschen Sprachschicht entstammen. Problematischer ist für einen hochdeutsch Sprechenden aber bereits die Deutung niederdeutscher Namen wie Rohrbeck, Ribbeck (alt Ritbeke) und Butenfelde. Allerdings ist auch bei hochdeutschen Namen schon Vorsicht dahin-gehend geboten, daß gelegentlich ältere Relikte eingedeutscht worden sind. Die älteren Belege eines Namens sind daher immer mit heranzuziehen. Dennoch gibt es kaum Probleme, hoch- und niederdeutsche Flur-, Orts- und Gewässernamen in Brandenburg und seiner Umgebung nachzuweisen.
Ebenso sicher ist die Existenz slavischer Orts- und Gewässernamen, zu denen Herr Schlimpert anschließend sprechen wird.
Nach Abhebung der slavischen Schicht bleiben aber offenbar in Brandenburg und seiner Umgebung einige Namen übrig, die sich einer deutschen und slavischen Deutung entziehen. Die entscheidende Frage dabei ist die, ob es sich bei den genannten Hydronymen um germanische Relikte handelt, oder ob sich darunter noch ältere, indogermanische (in der Terminologie von H. Krahe und W.P. Schmid: alteuropäische) Namen verbergen. Wie schon oben angemerkt wurde, werde ich die damit zusammenhängenden Probleme an drei Beispielen diskutieren. Beginnen möchte ich mit dem Namen der Havel.
Dieser Flußname ist schon oft behandelt worden. Ich fasse die bisherige Diskussion kurz zusammen. Die frühe Überlieferung des Namens (789 Habola, 981 Hauela, um 1075 iuxta Habolam usw.) zeigt die Bedeutung dieses Gewässers. Der Name wird heute im allgemeinen für germanisch gehalten und auf eine Grundform *Hab(u)la zurückgeführt. In dieser wird eine Bildung mit dem Suffix -(u)la zu einer Wurzel *hab- gesehen, die auch in nhd. Haff und Hafen vorliegt. Von den Slaven wurde der Name in der Form *Ob la übernommen, davon abge-leitet sind mit dem Suffix -ica die Nebenflüsse Woblitz, Wublitz (polab. *Voblica). Die verschiedentlich vorgetragene Etymologie aus dem Slavischen (so z.B. von J. Nalepa) ist verfehlt. Wie schon erwähnt wurde, ist die Annahme ger-manischer Herkunft weit verbreitet. Das gilt auch für Flußnamen, die offenbar mit dem der Havel verwandt sind. So gehören hierher: Hever, Wattströme auf Nordstrand und Pellworm, und Heve, ein Zufluß zum Möhnesee.
Mit der Einbeziehung dieser Namen beginnen jedoch die Probleme, auf die auch W.P. Schmid in einer im Druck befindlichen Untersuchung aufmerksam macht und bemerkt: „Wenn man Hever und Heve mit germ. Haff verbindet, ergibt sich eine aus dem Germanischen nicht erklärbare Suffixvariation“. Heve und Hever enthalten die Suffixe -r- und -n-, die in der alteuropäischen Hydronymie fest verankert sind, und es fragt sich, wie man das Wortbildungselement -ula im Namen der Havel beurteilen soll. Ist darin wirklich noch eine germanische Bil-dung zu sehen? Alteuropäische Namen wie *Adula, *Amula, *Apula, Orla < *Orula könnten dagegen sprechen.
Es gibt in der alteuropäischen Hydronymie wenig primäre -l-Ableitungen, aber häufiger ila- und -ula-Ableitungen. Hier könnte die Havel gut eingefügt werden. Andererseits kennt auch das Germanische ein Suffix -ula, allerdings vor allem als „reguläre Beziehung zu u-Stämmen, so in gotisch magu-la 'Knäblein' und althoch-deutsch angul 'Angelhaken'„. Weder deutsch Haff und Hafen noch die verwandten germanischen Wörter zeigen aber Spuren eines u-Stammes. Es scheint daher, als weise das Suffix eher auf einen Zusammenhang mit voreinzelsprachlichen

Namen, darunter auch und vor allem mit entsprechenden Bildungen in Osteuropa. Das wird vor allem bei einem Vergleich mit litauischen Namen wie Tatula, Dárbule, Babùlis, Dubùlis, Vartulys und anderen mehr deutlich.
In seinem bereits erwähnten Beitrag zum Namen der Havel ist W.P. Schmid auch auf dieses Problem eingegangen und hat unter Hinweis auf den baltischen Namen Cabula und dessen thrakischen Verwandten wahrscheinlich gemacht, daß der Name der Havel „nicht direkt aus Haff, Hafen [zu] erklären [ist]“, sondern „morphologisch und semantisch ältere vorgermanische Verhältnisse voraus[setzt]“.
Aus diesen und weiteren Überlegungen darf zusammenfassend gefolgert werden, daß man den Namen der Havel zwar an germanisches Material anschlie-ßen kann, jedoch nicht auszuschließen ist, daß der Name auf einer älteren alteu-ropäischen Grundlage basiert. xxxx
Der Havelzufluß Emster ist schon mehrfach namenkundlich untersucht worden. Die Diskussion wurde lange von einem Aufsatz von M. Bathe bestimmt. Er hat - getreu der von ihm immer wieder nachhaltig vertretenen Auffassung einer Übertragung aus dem Westen (vor allem aus dem Niederländischen) - wahr-scheinlich zu machen versucht, daß der Name der Emster aus dem alten deutschen Sprachgebiet entstammen muß. In diesem Zusammenhang wies er auf das Fluß-namensuffix -ster hin, das in Alster, Ulster, Gelster, Niester, Wilster begegnet und in Beemster sich auch in Nordholland findet. Wäre Bathe dieser Bemerkung nachgegangen, hätte er sicher erkannt, daß diese Flußnamen nur zum geringen Teil aus dem Germanischen erklärt werden können und hohes Alter besitzen müssen, so daß an eine erst in einzelsprachlicher Zeit erfolgte Übertragung nur schwerlich zu denken ist. Gegen Bathes These einer Übertragung aus dem Westen, die noch von R.E. Fischer akzeptiert wurde, hat G. Schlimpert völlig berechtigt Einspruch eingelegt und unter Bezug auf H. Krahe knapp dargelegt: „Der Name der Emster läßt sich ohne Schwierigkeiten auf eine germanische Form *Amistra, zu ide. *am- 'Flußbett, Graben', zurückführen“.
Ich möchte heute ausführlicher auf den Namen der Emster eingehen, da wir es offenbar mit einem Hydronym zu tun haben, das zwar zur alteuropäischen Hy-dronymie gerechnet werden kann, aber in seiner Bildung deutlich germanischen Einfluß zu erkennen gibt. Zudem fehlt bisher eine Zusammenstellung der hiermit verwandten Gewässer- und Ortsnamen. Eine Wurzel *am-/om- dürfte in den fol-genden Appellativen vorliegen: alban. amë „Flußbett“, griech. „Graben, Kanal“, hethit. amiiar(a)- „Kanal“.
Geht man von dem Wortmaterial zu den davon abgeleiteten Namen über, so fällt schon bald auf, daß die „klassischen“ alteuropäischen Bildungen, also etwa diejenigen mit -n-, -nt-, -r-, -s- und -t-, gut vertreten sind. Auch die Ablei-tungsgrundlage, also einfaches *Ama bzw. *Amia, läßt sich nachweisen. Im ein-zelnen lassen sich folgenden Namen anführen (Ich fasse mich jetzt hier sehr kurz und verweise auf das Ihnen vorliegende Blatt mit den wichtigsten Daten):
*Ama im schwed. GN. Åmme; *Amia in Große, Kleine Emme, auch in Amiette und in dem niederländischen Gewässernamen Eem. Bildungen mit einem Formans -n- sind sicher nachweisbar. Hierzu gehören Ohm, weiterhin *Amana, erschlosse-ner Name für ein Teilstück der Maas, auch in Ampney Brook in Gloucestershire, sowie der russische Flußname Amon'; vielleicht ist hier auch der Flußname bei Catania anzuschließen. -r-Bildungen wie Amer, Am(m)er aus *Amara sind vor allem im deutschen und niederländischen Sprachgebiet bezeugt. Sie finden sie auf Ihrem Blatt. Die für die alteuropäische Hydronymie typischen -nt-Bildungen sind
ebenfalls gut bezeugt, hierzu gehören Amance, ein Nebenfluß der Saône, auch der Aube, weiter Amantia in einem Flußnamen in Pannonien. Häufig sind -s-Bildungen, die schon lange durch den Namen der Ems aufgefallen sind. Weiter sind hier zu nennen: Emsbach zur Lahn, Emse zur Hörsel, Emsenbach zur Ilm bei Bad Sulza, und Ems zur Eder. Bildungen mit den Dentalsuffix -t- sind vor allem in Osteuropa nachweisbar: Amatà, Flußnamen in Litauen und Lettland, Amitâs, Fußname in Apulien, Ammítes in Makedonien, Amota, Seename in Weißrußland und Omet, Gewässername in Ostpreußen.
Ein besonderes Problem sind -l-Ableitungen. In Westeuropa sind sie weniger häufig. Der Osten bietet da jedoch ein anderes Bild, und das zeigt sich auch bei den den hier diskutierten Namen. Im baltischen Bereich gibt es durch die Kreuzung mit dem Wort für die „Mistel“ (Sie finden es auf Ihrem Blatt) besondere Probleme. Sicheres Material bietet daher vor allem Westeuropa: Amalâ in Amal-burna in Suffolk, auch in Amble (Cornwall), sowie in Amel, Ortsname im Département Meuse und Bach bei Eltville; ferner gehört hierzu Malone, linker Nebenfluß des Po. Schwer ist der Flußname Emmelke einzuorden.
Das baltische Wort für die Mistel ist sicher die Grundlage für einige oder mehrere der folgenden Namen Amalvas, Amale, Amalis usw. (Ich habe sie auf dem ausliegenden Blatt im einzelnen aufgeführt). Gelegentlich wird aber auch Zugehörigkeit zu unserer Sippe um idg. *am-/om-erwogen.
Wir können nur eine Zwischenbilanz ziehen: an der Existenz einer indo-germanischen, alteuropäischen Sippe um eine Wurzel *am-/om- ist meines Er-achtens nicht zu zweifeln. Scherers Meinung halte ich aus semantischen Gründen für nicht überzeugend. Wir kommen nunr auf den Emster zurück.
Wie oben schon ausgeführt wurde, hat G. Schlimpert den Namen der Emster auf eine Vorform *Amistra zurückgeführt und mit der Wurzel *am-/om- verbunden. Unsere Zusammenstellung der davon abgeleiteten Hydro- und To-ponyme zeigt nun, daß eine Bildung mit dem Suffix *-istra sonst nicht belegt werden kann. Die Emster steht somit, was die Ableitung von der Wurzel betrifft, isoliert. Diese Isolation kann aber durchbrochen werden, wenn man nach entspre-chenden Bildungen von anderen Ableitungsgrundlagen Ausschau hält. Im folgen-den seien die mir bekannt gewordenen Bildungen mit dem Element *-str-, mei-stens als *-istra oder *-astra belegt, aufgelistet (S. Blatt 1, unten): Alster, Elster, Beemster, Beuster, Falster, Gelster/Kelsterbach/Gelsenkirchen, Jólstra, Imstra, *Jóstra/*Jo,stra, Lister, Nister, Öster, Salstern, Seester(au), Susteren, Ulster, even-tuell Unstrut, weiter Vänstern, Wilster und Wilster Au, Zester/Zesterfleth.
Damit können wir der mit dem Flußnamen Emster in Lexem und Suffix verwandten Namen beenden. Es wird dabei deutlich, daß gegenüber anderen Bil-dungen der alteuropäischen Hydronymie Namen mit einem -str-Element auf einen bestimmten Raum beschränkt: der Schwerpunkt liegt in Deutschland (Alster, Beuster, Elster, Gelster, Kelsterbach, Lister, Nister, Öster, Seester(au), Ulster, Wilster, Wilsterau, Zester), daneben sind nur die Niederlande und Skandinavien von der Streuung betroffen.
Schon lange ist aufgefallen, daß gerade das Germanische in seinem Wortschatz Bildungen mit -str- kennt, man vergleiche etwa got. awistr, dt. Laster < *lah-stra-, Polster < *bulh-stra-, anord. mostr < *muh-stra- u.a.m. Neben diesen offenbar älteren Bildungen, in denen das Suffix an Wurzeln mit gutturalem Auslaut antrat, sind auch Bildungen mit Zwischenvokal bzw. in sekundärer Ableitung an vokalisch auslautende Vorderstücken zu beobachten. „Diese Bildungen sind vornehmlich Ortsbezeichnungen“. Hierunter fallen z.B. got. hulistr „Hülle“ neben
ablautendem altenglischen helustr, heoloster, weiterhin altenglisch gilister, geolo-ster „Geschwür“ und das schon erwähnte gotische awistr.
Ergänzt man diese Bemerkungen durch den Vergleich mit den oben zu-sammengestellten Orts- und Gewässernamen, so kann es kaum einen Zweifel daran geben, daß diese in ihrer Wortbildung durch germanischen Einfluß geprägt sind. Daraus ergeben sich für die Gruppe der Bildungen mit -str- und ihre Streuung sowie für die Einordnung des Flußnamens Emster verschiedene Konse-quenzen.
1. Obwohl sich unter diesen Namen etliche befinden, deren Lexem im Germanischen ohne sicheren Anschluß ist, z.B. Alster/Elster, Beuster, Wilster, ist der Einfluß des Germanischen in der Wortbildung unverkennbar.
2. Die schon angesprochene auffällige Streuung der Namen erfordert einen Kommentar. Der Schwerpunkt in Deutschland ist unverkennbar, Skandinavien scheint nur mit der Alster-Sippe Anteil daran zu haben. Ich sehe in dieser Ver-breitung ein weiteres Indiz für die Annahme, daß sich das Germanische nicht in Skandinavien, sondern im Bereich des Kontinentalgermanischen entfaltet hat.
3. Die Emster, zu der wir nun nach einem längeren Ausholen zurückkommen, ist in diesem Zusammenhang ein typischer und repräsentativer Name. Während die zugrundeliegende Wurzel dem Germanischen fremd ist, verrät die Wortbildung germanischen Einfluß. Der Name scheint mir daher dafür zu sprechen, daß Sprecher indogermanischer Dialekte auch die Umgebung von Bran-denburg besiedelt haben und es eine Kontinuität zu den sich entwickelnden ger-manischen Mundarten gegeben hat.
Aus dieser Zusammenfassung wird deutlich, welche Bedeutung der Name der Emster besitzt. Während nicht sicher entschieden werden kann, von welchem Teilbereich aus die Havel benannt worden ist, zeigt die Emster zweifelsfrei, daß Brandenburg und seine Umgebung auch sehr alte Namen besitzen. Unter Berück-sichtigung dieses Aspektes wollen wir uns nun dem schwierigen Namen Branden-burg zuwenden.
III. Brandenburg. Ein unbefangener Beobachter wird sicher der Ansicht sein, daß Brandenburg etwas mit deutsch Brand und brennen zu tun hat. Diese Deutung überzeugt jedoch nicht. Die ältesten Belege zeigen ein Schwanken zwischen For-men wie Brendan-burg, Brenna-burg, Branden-burg. Die ältesten Belege finden Sie auf Ihrem Blatt, Rückseite. Es ist bemerkenswert, daß für den Ort offenbar kein slavischer Name überliefert ist. Der immer wieder unternommene Versuch, den Namen aus dem Slavischen zu deuten (z.B. zu slavisch *br n- „Morast, Sumpf“), ist abzulehnen.
Eine völlig überzeugende Deutung fehlt noch immer. Die letzte Äußerung zu diesem schwierigen Namen findet sich im Städtenamenbuch der DDR. Dort heißt es: „In den Formen *Brand(e)- bzw. Brand(en)burg liegt auf jeden Fall eine deutsche Bildung vor, jedoch bleibt ein Kompositum mit dem frühmittelalterli-chen Heiligen(namen) Brandan bzw. Brendan für diese Zeit und diesen Raum sehr zweifelhaft; eher besteht doch wohl ein Zusammenhang mit dt. Brand und branden“. Gegen diese These, die schon früher von O. Tschirch vertreten wurde, wendet sich (m.E. mit Recht) R.E. Fischer: „Das überzeugt weder sprachlich noch sachlich. Der Name müßte dann *Brandburg oder *Brandesburg lauten“. Von Be-deutung sind dagegen einige Beobachtungen über die lautliche Entwicklung des Namens und die daraus zu ziehenden Schlüsse von R.E. Fischer und G. Schlim-pert: „Unwahrscheinlich ist die Entstehung des Namens im 10. Jahrhundert, denn die überlieferten Formen zeigen im 2. Drittel des 10. Jahrhunderts schon

Lautentwicklungen des Altsächsischen (nd > nn, a > e, Ausfall des n in der Form Brandeburg), was davon zeugt, daß der Name schon fest eingebürgert war“. Die Autoren folgern zum Abschluß ihrer Überlegungen: „Es liegt eher ein Personen-name zur Wurzel germ. *branda- „Brand“ zugrunde ... Gegen diese Deutung wird das Argument vorgebracht, daß bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts die Burgen meist Stellenbezeichnungen als Bestimmungswörter haben ...“. Es seien aber Aus-nahmen möglich.
Ich meine, daß keiner der bisher vorgebrachten Vorschläge überzeugt (das klingt auch bei allen Forschern an). Es fragt sich, ob man bei der Deutung des Namens nicht die geographische Lage Brandenburgs mehr berücksichtigen sollte als bisher geschehen. Wir wollen diesem auch aus namenkundlicher Sicht nachge-hen und einige Argumente zusammentragen.
Zunächst ist festzuhalten, daß „In historischer Sicht ... mit dem Namen Brandenburg immer die Burg auf der Dominsel gemeint [ist]“. Brandenburg ist aber nicht nur mit der Dominsel, sondern auch mit seiner Altstadt eng mit Wasser, Flußarmen und -buchten verbunden. Daß läßt sich auch aus namenkundlicher Sicht bestätigen. So sprechen dafür sowohl der Name Parduin, 1166 Parduin usw., „der ursprüngliche Name der Altstadt Brandenburgs“, und der an der gegenüber liegenden Seite des Flußarms abgegangene Ortsname Krakau (heute noch Krakauer Landstraße), dessen slavische Benennung nach S. Wauer, R.E. Fischer u.a. mit slavisch krak „Arm eines Flusses“ zu verbinden ist.
Geographische und onomastische Überlegungen führen mich zu der Frage, ob man nicht versuchen sollte, auch den Namen Brandenburg vom Wasser her zu erklären. Bezeichnenderweise findet man schon bei dem Altmeister der deutschen Namenforschung Ernst Förstemann eine Notiz, die in diese Richtung weist. Es heißt dort: „Die folgenden namen tun dar, dass es einen stamm für flussnamen von der Form Brand oder Brant gegeben haben muß. Deutsch ist derselbe wahrschein-lich nicht“. Förstemann führt im Anschluß daran zwei Flußnamen auf (zu denen wir gleich kommen werden) und - getrennt durch eine Zusammenstellung der von dem Personennamen Brand usw. gebildeten Ortsnamen - wenige Zeilen später den ON. Brandenburg. Die von Förstemann genannten Flußnamen sind die Brend in der Rhön und die Brenz, ein Zufluß der Donau. Beide Namen sind inzwischen mehrfach untersucht worden und machen in ihrer Deutung heute keine Probleme.
Die älteten Belege für die Brend, Fluß in der Rhön, sind auf Ihrem Blatt verzeichnet. Es verdient, vermerkt zu werden, daß der Ort bis in das 14. Jh. hinein fast auschließlich in der Form Brenden belegt ist. Die Etymologie des Namens unterliegt keinem Zweifel. Es ist von dem Flußnamen auszugehen, der „zur idg. Wurzel *brendh- 'quellen, schwellen'„ gehört und eine Grundform *bhrondhî, Gen. *bhrondhias „Quelle, Quellfluß“ besessen haben dürfte. Diese ergab über germanisch *brandi, *brandjos Brend. Zugehörige Verba mit e-stufiger Wz.-Form liegen vor in ir. brenn- 'hervorquellen, sprudeln' (< *brend-nâ), lit. bréstu, bréndau 'schwelle, reife“, lett. briêstu 'quelle, reife'„. Es liegt also ein germanischer î-/iâ-Stamm zugrunde. Die Wurzel ist nur im Keltischen, Tocharischen, Baltischen und Slavischen belegt, wobei das Keltische eine Sonderrolle spielt, da es die Erweiterung *brend-na- kennt, die den übrigen Sprachen fremd ist.
Der Donauzufluß Brenz ist vor kurzem von L. Reichardt ausführlich behandelt worden. Die Überlieferung zeigt allerdings keinen Hinweis auf eine Form Brenden, Branden o.ä.: (um 750-802) (Kopie 1150-65) super fluvium Brenze, (um 774) super fluvium Brancia, 875 cappellaam ad Prenza usw. Nach L. Reichardt ist

ein Zusammenhang mit dem FlN. Brend wahrscheinlich. A. Greule geht für den Namen der Brenz von einer Grundform *Brandisô aus.
An der Etymologie der beiden Flußnamen Brend und Brenz kann kaum gezweifelt werden. Während man bei der Brenz vielleicht noch an keltischen Ur-sprung denken mag, ist dieses für den Rhönfluß abzulehnen. Daraus darf gefolgert werden, daß die Flußnamen auf einer indogermanischen Grundlage ruhen, die in morphologischer Hinsicht germanisiert worden sind. In diesem Zusammenhang sind Bemerkungen von B. Boesch über die germanischen nominalen jô-Bildungen, die als Flußnamen fungieren, von Bedeutung. Unter Einbeziehung des Namens der Brend führt er aus: „In allen diesen Fällen eignet der jô-Ableitung eine Bedeutung, die über eine Nomen agentis hinaus weist: es ist nicht bloß die 'Fließende', 'Schwellende', 'reißend Strömende', sondern zugleich der 'Fluß', der 'Schwall', die 'Strömung' und umfaßt so die ganze Gegend, wo sich das Fließen, das Schwellen, das Strömen ereignet. Die Bildungsweise findet sich auch bei Stellenbezeichnungen, ja hier liegt wohl die älteste Verwendung vor; die Bezeich-nung von Flüssen schließt sich sekundär an ...“.
Ich habe keine Bedenken, den Namen Brandenburg an die idg. Wz. *bhrendh- anzuschließen. Es bleibt allerdings ein Problem bestehen: nicht sicher bestimmbar ist die mutmaßliche Grundform des Namens. Daß dt. Burg hinzugetreten ist, unterliegt keinem Zweifel. Wie aber sind die wechselnden Formen Brendan-, Brenna-, Branden-, Brandene- usw. zu erklären? Es gibt mehrere Möglichkeiten.
1. Entsprechend dem Verhältnis von altindisch síndhu- „Fluß“, Gen.-Abl. *sindh-n-es, Lokat. *sindh-n-i, dessen -n-Bildungen als *Sind-n-a/Sind-n-os in verschiedenen europäischen Gewässernamen begegnen dürften, könnte der für das Keltische vorauszusetzende Ansatz *brend-na- auch die Grundlage für Branden-burg abgegeben haben. Allerdings kann man dagegen einwenden, daß die -na-Bil-dung im Keltischen nur im verbalen Bereich belegt ist und ein Ansatz *brend-na- im Germanischen eigentlich zu *brind-n- mit weitere Assimilation führen müsse. Ob die für Brandenburg nur einmal belegte Form brinnaburg in dieser Hinsicht interpretiert werden kann, ist sehr zweifelhaft. Eher dürfte Einfluß von ahd., asä. brinnan „brennen“ (intransitiv) vorliegen.
2. Langsilbige jô-Stämme des Altsächsischen traten gelegentlich in die schwache Deklination über oder bildeten Formen nach dieser. Diese Tendenz setzte sich (z.T. verstärkt) im Mittelniederdeutschen fort. Problematisch ist diese Annahme im Fall von Brandenburg deshalb, weil in diesem Fall eigentlich Um-laut, also *Brendenburg, zu erwarten wäre. Vielleicht ist daher eine dritte Mög-lichkeit vorzuziehen.
3. Wenn man für die Brenz von einer -s-Bildung ausgeht, so sind auch andere Bildungsmittel möglich. Für Brandenburg ist ein n-Formans wahrscheinlich. Den norddeutschen Flußnamen ist dieses Formans keineswegs fremd. Die Arbeit von B.-U. Kettner über die Flußnamen des oberen Leinegebietes zeigt in ihrer Auswertung, daß als Bildungselement neben einfachem -n- auch erweiterte For-mantien wie -ina- und -ana verwendet worden sind. Mit der Annahme eines Ele-ments -ana- ließe sich für unseren Namen eine Grundform *Brand-ana- kon-struieren, die zu späterem Branden-burg geführt haben kann. Von allen drei Möglichkeiten scheint mir die dritte die wenigsten Probleme zu bieten.
Mit diesem Ansatz und der Verbindung zu einem indogermanischen Was-serwort könnten die bisher eine Deutung erschwerenden Fakten ausgeräumt wer-den:

1. Für den Ort Brandenburg ist kein slavischer Name überliefert. Geht man von einer Bezeichnung für den die Dominsel umschließenden Flußarm oder einen Teilabschnittsnamen der Havel aus, der die Grundlage für den deutschen Ortsnamen Brandenburg abgab, so ist eine slavische Benennung für den Ortsna-men nicht unbedingt zu erwarten.
2. Die oben geschilderten Probleme bei einer Deutung aus deutsch Brand, brennen usw. entfallen.
3. Die Annahme, das Bestimmungswort des Namens Brandenburg enthalte einen Personennamen, ist verschiedentlich mit dem Hinweis darauf kritisiert wor-den, daß „bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts die Burgen meist Stellenbezeichnun-gen als Bestimmungswörter haben ...“. Die Deutung aus einem ursprünglichen Gewässernamen trägt diesem Rechnung. Man vergleiche ähnlich gebildete Namen wie Boizenburg, Camburg, Ilsenburg, Merseburg, und die Bemerkung von A. Bach, Deutsche Namenkunde II,2, S. 230: „Nicht selten lehnen sich diese Namen an Flußnamen an: Weilburg .., Limburg ...Dillenburg“.
4. Eine letzte Bemerkung erfordert der archäologische Befund, wonach „bisher in Brandenburg noch keine spätgermanischen Funde gemacht wurden“. Das spricht nach R.E. Fischer, op.cit., S. 84 „gegen die in der historischen Literatur verbreitete Auffassung, daß der Name vorslawisch sei“. Als Laie auf diesem Gebiet weiß ich nicht, ob sich die Fundsituation in letzter Zeit verändert hat. Geht man aber im Fall des Namens Brandenburg von einer Gewässerbezeichnung aus, so ist der Nachweis einer Siedlung nicht unbedingt erforderlich.
Mit der Erörterung des schwierigen Namens Brandenburg möchte ich die Überlegungen zu den germanischen und alteuropäischen Namen Brandenburg und seiner Umgebung abschließen. Übergangen habe ich den Namen der Dosse, zu dem jetzt die Ausführungen von W.P. Schmid in den Namenkundlichen Informa-tionen zu vergleichen sind, sowie den umstrittenen Ortsnamen Marzahne, der aus dem Slavischen erklärt werden kann, aber auch zu germanisch *mark- „Grenze“ (eventuell über eine Entlehnung in das Slavische) gestellt werden kann.
Als Ergebnis der Untersuchung möchte ich festhalten:
1.) In Brandenburg und seiner Umgebung lassen sich neben hochdeutschen, niederdeutschen und slavischen Namen Spuren älterer Sprachen oder Sprachschichten nachweisen.
2.) Wie an den ausgewählten Fällen Havel, Emster und Brandenburg gezeigt werden konnte, handelt es sich dabei um Topo- und Hydronyme, deren Zuordnung zu der alteuropäischen Hydronymie mit Problemen verknüpft ist.
3.) Die Schwierigkeiten der Zuweisung bestehen darin, daß ein bedeutender Einfluß einer indogermanischen Einzelsprache, zweifellos des Germanischen, konstatiert werden muß. Daraus ergibt sich
4.), daß mit einem germanischen Substrat in Brandenburg und seiner Umgebung gerechnet werden darf.
Ich bin gespannt, ob diese aus dem Namenmaterial zu gewinnende Vermutung von Seiten der Archäologie gestützt werden kann.