Alteuropäische Hydronymie und urslavische Gewässernamen

I. Einleitung
Der Versuch, in etwa denjenigen Bereich abzustecken, in dem sich die slavischen Sprachen aus einem Sprachgebiet indogermanischer Dialekte heraus entfaltet haben, und in dem weiten Bereich zwischen Wolga und Elbe, zwischen der Ostsee und dem Balkan unter den Zehntausenden von slavischen Gewässernamen nach „urslavischen Typen“ zu suchen, kann nicht allein aus slavistischem Blickwinkel heraus gelingen. Zwar bieten Sammlungen und Interpretationen slavischer Flußnamen selbstverständlich dasjenige Material, das in diesem Zusammenhang interessiert, aber ein mutmaßlich sehr alter slavischer Flußname muß notwendigerweise in einem gewissen Zusammenhang mit der voreinzelsprachlichen, also mit der indogermanisch geprägten, oder mit den Worten von Hans Krahe, mit der alteuropäischen, Hydronymie  in Beziehung stehen. Wir müssen daher vor dem Blick in die slavischen Gewässernamen wenigstens grob die wichtigsten Kriterien dieser Theorie umreißen, wobei auf die Arbeiten von W.P. Schmid  nachdrücklich zu verweisen ist. Für einen Teilbereich Osteuropas darf ich auch eigene Arbeiten nennen .

A. Alteuropäische Hydronymie
Bei der Aufdeckung der alteuropäischen Hydronymie war Hans Krahe zu der Erkenntnis gekommen, daß die Flußnamen häufig aus einer Wurzel und unterschiedlichen Ableitungselementen zusammengefügt sind. In einem Schema hat er diese Möglichkeiten etwa wie folgt angeordnet :

-a

(-o-)

-ia

(-io-)

-ua

(-uo)

-ma-

(-mo)

-na

(-no)

-ra

(-ro-)

-la

(-lo)

-nta

 

s(i)a,-s(i)o

-sta

(-sto)

-ka

(-ko)

-ta

(-to-)

+**

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*Ala

*Alia

*Alava

*Alma

*Alna

*Alara

 

*Alan-ta

*Alsa

*Alesta

 

 

*Drava

*Druja

 

 

*Druna

 

 

*Druantia

 

 

 

*Druta



Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieser Entwurf heute zum Teil anders aussehen würde und Korrekturen angebracht sind. Die Grundlagen dieses Vorschlages haben jedoch bis heute ihre Gültigkeit bewahrt, wie nicht zuletzt die Anwendung auf die vorslavischen Gewässernamen Polens deutlich gemacht hat .
Hans Krahe selbst hatte seinerzeit die slavische Hydronymie kaum berücksichtigt. Dieses trug ihm von seiten einiger Slavisten herbe Kritik ein . Inzwischen kann man - nicht zuletzt durch die in der Hydronymia Europaea erschienenen Arbeiten zur Hydronymie Polens  - slavische Gewässernamen sehr viel besser in das System der alteuropäischen Hydronymie einarbeiten. Ich habe dieses vor einigen Jahren in Mogilany zu zeigen versucht  und das Schema des Kraheschen Systems auf die weit verstreuten Flußnamen der indogermanischen Wurzel *reu-, *re??-, *rû? - „aufreißen, graben, aufwühlen“ übertragen.

Ableitungen zur Wz. *reu-/*re??-, rû-/*ru- (osteurop. Namen = fett gesetzt)

Ableitungen zur Wz. *reu-/*ret-, rû-/*ru- (osteurop. Namen = fett gesetzt)

-a

(-o-)

-ia

(-io-)

-ma-

(-mo-)

-na

(-no-)

-ra

(-ro-)

-la

(-lo-)

-nta

 

-s(i)a,

-s(i)o-

-g(i)a

-ta,

-to-

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

rovú, rãvas,

riava

 

reja(?)

 

runa (medi-terran?)

 

 

 

 

*rugia

(roman.)

 

Rawa,

Rãvas

 

Ruja, Rujas

Rhume, Rumia

Runa, Rauna,

Ruhr,Roer,Rulle, Rurzyca

Rühle, Rulle, Ryla, Rila

Reut, Revu-

ca (?)

Reuß, Riß, Ros’, Rusa

Ruga,

Rügen (?)

Rut(h)e, Ryta, Rutú u.a.



Diese Tabelle zeigt deutlich, wie stark der Anteil Osteuropas an der Streuung der Namen ist. Die Existenz dieser Parallelen nehmen Namenforscher des westlichen Europa nicht immer zur Kenntnis ; andererseits ist auch darauf zu verweisen, daß osteuropäisches Material ebenfalls nicht für sich allein oder isoliert von mittel- und westeuropäischen Parallelen behandelt werden darf.
B. Alteuropäische Hydronymie und slavische Gewässernamen
Aufbauend auf der alteuropäischen Hydronymie gelingt es viel besser, aus dem Bestand der Gewässernamen der slavischen Länder diejenigen Flußnamen auszusondern, die das Prädikat „urslavisch“ verdienen. Im Vergleich zu rein slavischen Namen fallen derartige Namen etwa durch folgende Punkte auf:
1. Sie enthalten vom Standpunkt des Slavischen aus unproduktive Bildungsmittel (Suffixe, Formantien); dieses sichert ihr relativ hohes Alter.
2. Hinsichtlich des indogermanischen Ablauts und dessen Vorkommen in slavischen Gewässernamen können zwei Erscheinungen von Bedeutung sein:
a.) zum einen Flußnamen, deren Ableitungsgrundlage im Gegensatz zum appellativischen Bestand ein Abweichen im Ablaut aufweist. Oder mit anderen Worten: während die Grundstufe *Kek-  appellativisch im Slavischen bekannt ist, erscheint die Abtönung *Kok- nur im Namenbestand. Derartige Hydronyme dürfen als wichtige Bindeglieder zwischen vorslavischer Namengebung und slavischer Namenschicht angesehen werden.
b.) Da die Ablauterscheinungen sich gegenseitig bedingen, ist für den mutmaßlichen Raum der slavischen Ethnogenese der Nachweis von Gewässenamen, die auf zwei oder mehr Ablautvarianten beruhen, sowie deren benachbart auftretende Streuung von höchstem Interesse. Sie sind wesentliche Zeugen für den Raum, in dem sich die Ausgliederung aus dem indogermanischen Sprachgebiet vollzogen haben dürfte.
3. Das Prädikat „urslavisch“ verdienen weiter Gewässernamen, die mit slavischen Suffixen von voreinzelsprachlichen, d.h. alteuropäischen Basen abgeleitet sind.
4. Während man zu Beginn der Aufdeckung der alteuropäischen Hydronymie zunächst undifferenziert alles zusammenstellte, was unter den Begriffen „alteuropäisch, indogermanisch, voreinzelsprachlich“ gesammelt werden konnte, hat sich in den letzten Jahren immer mehr gezeigt, daß

es unter Umständen gelingen wird, innerhalb dieser alten Namenschicht gewisse Schichtungen, Abstufungen oder territoriale Abgrenzungen zu ermitteln, die Hinweise auf eine Untergliederung der Hydronymie geben könnten. Für die Frage nach alten Gewässernamen auf slavischem Gebiet lassen sich vielleicht aus einer schon des öfteren vertretenen Theorie, die von einer näheren Verwandtschaft des Slavischen mit dem Baltischen und Germanischen ausgeht, neue Aspekte für die Bestimmung urslavischer Gewässernamen gewinnen. Hydronyme, die dieses widerspiegeln, zeigen zumeist Wurzelerweiterungen indogermanischer Basen und sind von besonderer Bedeutung für die Frage, in welchen Bereichen sich die drei genannten Sprachgruppen entwickelt haben könnten.
Im folgenden soll der Versuch unternommen werden, die genannten fünf Möglichkeiten mit Material zu füllen.
I. Suffixbildungen
Unproduktive und daher relativ alte Suffixe in slavischen Gewässernamen hat schon M. Vasmer als wichtige Zeugen für die alten Wohnsitze der Slaven herangezogen . Er behandelte Bildungen auf -ostü (Dobrost’, Èernost’, Mokrost’, Sudost’, Snagost’), -ujü (Bobruj, Berezuj), -ajü (Borzaj, Berezaj, Ilovaj), -yni (Goryn’, Medyn’, Vjazyn’, Volyn’), -anü (Lugan’, Chvorostan’, Ptan’), -men- (Vjaz’ma : Vjaz’ men’, Tismenica), -nt-Partizipia ohne die sonst im Slavischen übliche -?i                                o-Erweiterung (Reut, Gremjatka), alte -û-Stämme vom Typus svekry, svekrúve (Bagva, Mokva), Bildungen auf -oè’ (Bìloè’), adjektivische Formen ohne die im Slavischen früh eintretende Weiterbildung mit -ko- (Glubo), alte -l-Partizipia (Piskla, Vorskla), Bildungen wie russ. Bìleja, Ljuteja.
Soweit ich sehe, ist diese Auflistung seit ihrem Erscheinen (1941) nicht zusammenhängend diskutiert worden . Ich meine, daß es an der Zeit ist, dieses zu tun. Neue Sammlungen und neue Theorien können uns helfen, der Frage nachzugehen, inwieweit M. Vasmers Zusammenstellung heute noch Gültigkeit hat. Dabei sollen uns Kartierungen helfen.

1. -ostü
Die von M. Vasmer genannten Bildungen mit -ostü wie Dobrost’, Èernost’, Mokrost’, Sudost’, Snagost’ hat dieser etwas später noch ergänzt durch Kunost’, Molost’ und Smolost’ . H. Krahe hat Vasmers Bemerkungen aufgegriffen  und sie als Ausgangspunkt einer Betrachtung anderer mit -st- gebildeten Namen (vor allem außerhalb des slavischen Bereiches) genommen .
Betrachtet man sich diese Gruppe etwas näher, so spricht manches dafür, daß hier Verschiedenes zusammengeflossen ist.
Der Flußname Èernost’(? Kun’ja im ehem. Kreis Toropec , Gouv. Pskov), auch See bei Re?ica (Gouv. Pskov), liegt weit außerhalb des altslavischen Siedlungsgebietes; im Vergleich zu den folgenden Namen wird sich zeigen, daß der Aussagewert der beiden Namen sehr gering ist.
Dobrost’ ist nach V.N. Toporov und O.N. Trubaèev  nur eine spätere, offenbar slavisierte Form des älteren Namens Dobrososna.
Mokrost’ findet sich weder im Russischen Geographischen Namenbuch noch im Wörterbuch der russischen Gewässernamen!
Sudost’ als Name eines bedeutenden rechten Nebenflusses der Desna (G. Èernigov u. Orel) kann zwar eine Bildung mit einem slavischen Suffix sein, wahrscheinlicher ist aber eine Slavisierung einer vorslavischen Vorlage .
Das Suffix des Flußnamens Snagost’ (linker Nebenfluß des Sejm) hatte schon J. Rozwadowski  mit außerslavischem Material verbunden und damit den Blickwinkel erweitert. Für V.N. Toporov und O.N. Trubaèev  ist der Name unklar, M. Vasmer dachte an Zusammenhang mit serbokroat. snaga „Kraft“, auch aruss. snaga, snagota „dass.“. Diese Deutung stieß aber auf Skepsis, vgl. P.Arumaa, Scando-Slavica 6(1960)164 und J. Prinz .
Kunost’ kann als südlicher Zufluß eines Sees im ehem. Kr. Belozersk (Gouv. Novgorod) kaum slavischer Herkunft sein. Eine Verbindung mit russ. kuna „Marder“ ist für Flußnamen äußerst unwahrscheinlich; nimmt man mit germanischer Lautverschiebung Namen wie Haune, Hönne, Hunze (alt Hunesa), Hunte, Honte, Hunne, und auch -apa-Namen wie Honnef, Hunnepe, Honepe hinzu, vergleicht weiter baltisches Material um Kawniten, Kawnyne, Kaunas, Kàunata, Kaunen See, Kunà, Kune, Kunas, Kun-upe u.v.a.m. (zahlreiche Namen) und verbindet dieses mit lit. kune „sumpfige Stelle, morastiger Ort“, so findet sich auch für Kunost’ ein Anschluß, der allerdings wenig Raum für Slavisches läßt.
Molost’ ist in dieser Form im Wörterbuch der russischen Gewässernamen nicht bezeugt, nur im Lokativ als Moloste, woraus Molosta (Fluß im ehem. Kr. Kozel’sk, Gouv. Èernigov) gewonnen wird .
Smolost’ ist nur eine Variante eines sonst als Sloust’, Sloust bezeugten Flusses im ehem. Kr. Ihumen (Gouv. Minsk) und bleibt besser fern .
Die Ausbeute alter slavischer -ost’-Namen ist also sehr gering.
2. -ujü
Für altertümlich hält M. Vasmer auch das Suffix -ujü, das in zwei Namen (Bobruj, Berezuj) nachgewiesen werden kann . Aber auch hier bleiben erhebliche Zweifel. Der Flußname Bobrujka (poln. Bobrujka), ein rechter Nebenfluß der Berezina (samt ON. Bobrujsk) wird einerseits zum slavischen Wort für den „Biber“ (bobr usw.) gestellt , andererseits wird er aber auch dem baltischen Substrat zugerechnet, das einer Slavisierung unterzogen worden ist . Wie dem auch sei, zu den alten, einer urslavischen Schicht angehörenden Namen wird man ihn nicht zählen dürfen, da die -o-Variante des slavischen Biberwortes eine Neuerung darstellt .
Den Namen Berezuj, Berezujka tragen sieben Flüsse in den ehem Gouv. Kaluga und Tver’ . Allein wegen ihrer geographischen Lage (das wird unter näher begründet) scheiden sie als Zeugen urslavischer Namengebung aus.
3. -ajü
Eine altertümliche Bildung sieht M. Vasmer auch in dem -ajü-Suffix, das in den Flußnamen Berezaj, Borzaj, Ilovaj, Zamglaj vorliegen soll . Auch hier führt eine genauere Prüfung zu erheblichen Zweifeln.
Berezaj ist der Name eines Nebenflusses der Msta im ehem. Kr. Valdaj und des Quellsees dieses Gewässers . In der Nähe liegen ein ON. Berezaj und ein GN. Berezajka. Ich habe einen älteren Beleg ermittelt: 1654 na Berezai . Ju. O. Otkupšèikov, Acta Linguistica Academiae Scientiarum Hungaricae 24(1974)282 verbindet diesen Namen gemeinsam mit weiteren ostslavischen Entspechungen keineswegs mit bereza „Birke“, sondern mit bulg. bu¢                                            rzej „Schwelle im Fluß, Stromschnelle, Oberlauf eines Baches“, aksl. bru¢                                                                                   ?aj „Fluß, Fließen“.
Borzaj fehlt im Wörterbuch der russischen Gewässernamen, bezeugt ist nur Borzajka, Nfl. d. Wolga im Kr. Myškin, ehem. Gouv. Jaroslavl’. Der Name enthält sicher kein urslavisches Suffix, sondern basiert auf einem Appellativum, das dieses bereits enthält.
Gleiches gilt für Ilovaj, rechter Nebenfluß d. Vorone? im ehem. Gouv. Tambov ; es liegt eine direkte Ableitung von russ. ilovaj „Niederung, Marschland“ vor , und somit kein urslavischer Typ.
Zamglaj ist zum einen der Name eines Sumpfes im ehem. Kr. Èernigov, zum andern der eines rechten Nebenflusses der Desna im ehem. Gouv. Èernigov . Zugrunde liegt ein Kompositum mit der Präposition za, zum zweiten Element vgl. Ju. S. Vynohrads’kyj : „Nazva maje, oèevydno, tej samyj korin’ -mgl-, šèo i v slovi mgla ...“.
Versucht man, M. Vasmers Basis zu erweitern, so gelingt dieses vielleicht mit Stru¿aj, einem Flußnamen im Warthe-Gebiet, allerdings betonen J. Rieger und E. Wolnicz-Paw³owska: „funkcja sufiksu niejasna“ .
Das Suffix ist als Element alter slavischer Gewässernamen nur schwer faßbar. V.N. Toporov und O.N. Trubaèev  bieten etliche Namen auf  ajka (Jasajka, Mo?ajka, ?ertajka, Èernjajka, Šarajka), betonen aber wenig später (S. 79) mit Recht die baltische Herkunft des Suffixes. Etwas differenzierter werden in der Arbeit von O.N. Trubaèev  die 17 Gewässernamen mit einem Suffix -aj (wobei allerdings einige mehrfach bezeugt sind) betrachtet: sie sind sehr unterschiedlicher Herkunft. Dovgaj, Bakaj und Bugaj sind slavischer Herkunft, jedoch enthalten die zugrunde liegende Appellativa bereits das Suffix , es können also ganz junge Namen vorliegen; Udaj wird dem iranischen Substrat zugerechnet, Šaraj ist unklar, aber kaum slavisch; in Kavraj/Kovraj sieht O.N. Trubaèev Komposita mit Ka-, Ko- (ob zurecht, soll hier nicht entschieden werden), während ?artaj dem Baltischen zugezählt wird. Somit bleiben kaum urslavische Bildungen übrig.
Schon früher hatte J. Prinz -aj vor allem dem Baltischen zugeschrieben, allerdings auch nicht ausgeschlossen, daß es in einzelnen slavischen Ortsnamen (er nennt vor allem Goraj) vorkomme. Auch nach V. Kiparsky  ist -ajka ein vornehmlich baltisches Bildungsmittel.
Am ehesten spricht für die Verwendung als altslavisches Bildungsmittel die Sippe um slavisch dunaj, das sowohl im appellativischen Bestand wie im Namenschatz des Slavischen gut bezeugt ist. Zwar muß eine teilweise Beeinflussung durch Dunaj „Donau“ angenommen werden, aber alle Namen werden damit nicht erklärt, so kaum der des Dunajec. Ausführlich wurde von mir zu dieser Sippe (mit Kartierung) an anderer Stelle gehandelt .
4. -yn’/-ynja
Während die bisherigen Suffixbildungen sehr viel Zweifelhaftes enthielten, ergibt sich bei der Untersuchung des Elements -yni, das M. Vasmer  in den Flußnamen Goryn’ (zu gora „Berg“), Medyn’ (zu medü „Honig, Meth“), Vjazyn’ (zu vêzü „Ulme“) und Volyn’ sieht, ein ganz anderes Bild. Abgesehen davon, daß die Etymologie von Goryn’ und Medyn’ so nicht stimmen kann, ist das Bildungsmittel -yn-/-ynia, das von E. Dickenmann ausführlich behandelt worden ist , deshalb besonders interessant, weil es sowohl in slavischen Namen (Wodynia) wie in Toponymen, die in ihrer Zuordnung umstritten sind (Wolhynien, Goryn’), und schließlich in Gewässernamen, die in der alteuropäischen Hydronymie einen besseren Anschluß finden als im Slavischen, auftritt. Dazu zähle ich u.a. Lutynia, £ydynia und Cetynia .
Wir berühren damit einen Punkt, der in der Vergangenheit häufig falsch interpretiert worden ist. Während man sich früher darum bemühte, bei der Suche nach der Slavenheimat ein Gebiet zu ermitteln, in dem es vorrangig oder ausschließlich Gewässernamen slavischer Herkunft geben sollte, hat die Aufdeckung der alteuropäischen Hydronymie zu einer neuen (gleichzeitig aber auch schon früher herausgearbeiteten) Überlegung geführt: die Entfaltung einer indogermanischen Einzelsprache setzt immer auch eine kontinuierliche Entwicklung aus einem voreinzelsprachlichen Substrat voraus.
Wenn es z.B. bei J. Prinz heißt: „Da das Gebiet zwischen Karpaten und Dnjepr deutliche Zeugnisse eines vorslavischen Substrats aufweist, sollte man die vorangehende Urheimat der Slaven deshalb im baltoslavischen Bereich nördlich des Pripjat’ suchen“ , so liegt hierin eine falsche Schlußfolgerung: die Ethnogenese kann sich nur in einem Gebiet vollzogen haben, das in der Toponymie und Hydronymie Bindeglieder zwischen voreinzelsprachlicher (d.h. alteuropäischer) und einzelsprachlicher Namengebung aufweist. Oder mit anderen Worten: in diesem Gebiet müssen notwendigerweise vorslavische Gewässernamen, die die Verbindung mit der alteuropäischen Hydronymie und mit den indogermanischen Schwestersprachen dokumentieren, vorhanden sein. Und das gilt auch für das Slavische. Aus diesem Grund darf man in Gewässernamen, die -yni/-ynja-Ableitungen von slavischen Grundwörtern enthalten, wichtige Zeugen einer älteren slavischen Sprachstufe sehen.

5. -anü
Weniger überzeugend ist die Annahme eines altertümlichen slavischen Suffixes -anü in den Namen Lugan’, Chvorostan’ und Ptan’ .
Lugan’, ein rechter Nebenfluß d. Sev. Donec im ehem. Gouv. Jekaterinoslav , liegt in einem Gebiet, in dem -an’-Bildungen nicht selten sind . Darunter befinden sich aber Namen wie Kuban’ und andere, die kaum slavisch sind, daneben aber auch sicher slavische Typen wie Rogan’ und Prosjana. Aber es darf des weiteren nicht übersehen werden, daß es auch Anklänge an die alteuropäische Hydronymie geben könnte: Lugan’ erinnert an den deutschen Flußnamen Lahn, der gut auf *Lugana zurückgeführt werden kann . Andererseits ist slavische Herkunft nicht zu bestreiten bei südslavischen Namen wie Lîganj auf der Insel Braè  und Lug`a` na, FlurN. auf Krk .
Ob der linke Nebenfluß des Don Chvorostan’ ein slavisches Suffix enthält, wie M. Vasmer meint , ist kaum anzunehmen. Der Name dürfte nichtslavischer Herkunft sein .
Ptan’ heißen zwei Flüsse in den ehem. Gouv. Orel und Tula . M. Vasmers Verbindung mit slav. ptica „Vogel“ usw.  wird kaum zutreffen. Hier dürften eher volksetymologische Einwirkungen vorliegen. Gewässernamen des Typs „Vogelbach, Vogelfluß“ gehören keineswegs zu einer altertümlichen Gewässernamenschicht.
Und so wundert man sich nicht, daß es nach nach V.N. Toporov und O.N. Trubaèev  vollständig westlich des Dnjepr, also im alten slavischen Siedlungsgebiet, fehlt. Hinzu kommt, daß Namen wie Vagan, Jeszman, Ivan’, Tran’, Ster?an’ nicht gerade einen slavischen Eindruck machen. Dem entspricht durchaus O.N. Trubaèevs Untersuchung der rechtsufrigen Ukraine: er sieht in Namen wie Skibin’, Ljuban’, Saksagan’, Berezan’, Samotkan’, Savran’
 
 mit Recht türkische, iranische und andere nichtslavische Elemente . Schließlich ist darauf zu verweisen, daß sich hinter einem -an-Suffix auch alteuropäische Bildungen verbergen können, wie man es für den polnischen Flußnamen Orunia, 1338 Orana, 1356 Orana usw. annehmen kann .

6. -men-
Einen alten slavischen Bildungstyp vermutet M. Vasmer  in Flußnamen mit dem Element -men-, so in Vjaz’men’ (: Vjaz’ma), zu russ. vjazkij „schlammig“, und Tismenica, zu tichú „ruhig, still“.
Auch hier sind erhebliche Korrekturen anzubringen. Vjazmenka oder Vjazmen’ ist der Name eines Flusses im Gebiet der Westlichen Düna . Die slavistische Deutung M. Vasmers wurde im allgemeinen akzeptiert, so von V.N. Toporov und O.N. Trubaèev  und P. Arumaa . Dafür könnte auch eine Entsprechung in Bulgarien sprechen: nach J.I. Ivanov  liegt diese vor in dem ON. Vezme, auch Vezmen, Vezem, Vuzme, Vuzmen, Vuzem.
Aber es gibt erhebliche Zweifel an den Vorschlägen: Vjaz’ma findet sich als Flußname siebenmal im ostslavischen Gebiet in den ehem. Gouv. Kaluga, Moskau, Smolensk, Tver’ und Vladimir. Das ist eine Streuung, die die Ukraine völlig ausschließt und damit nicht gerade als urslavische Bildung anzusprechen ist.
Das wird dann besonders deutlich, wenn man damit eine andere -men-Bildung, nämlich strumen’, strumen, strumieñ „Bach, Strom, Quelle, schnelle Strömung“ vergleicht. Während dieses Wort angesichts der sicheren außerslavischen Parallelen sraumuõ, stràume, ¼å™ìá, straumr, Strom bestens mit den Schwestersprachen verbunden werden kann, steht es um vjazkij sehr viel schlechter. Blickt man in die Namen, erhärtet sich der Befund.
Von slavisch strumen’ liegt eine Untersuchung des Namenmaterials samt Kartierung vor  (Karte 1). Auf Einzelheiten gehe ich hier nicht ein. Die Verbreitung macht aber deutlich, welche Bereiche Anteil an der Streuung haben: es sind nicht die von Vjaz’ma berührten Territorien, sondern genau
 

Karte 1: *strumen

die, die davon ausgespart sind: Ukraine, Polen, Weißrußland. Daß diese Konstellation kein Zufall ist, werden wir anhand weiterer Karten noch sehen.
Von hieraus fällt neues Licht auf die Etymologie der Vjaz’ma-Namen: weit eher als die Verbindung mit russ. vjazkij „schlammig, sumprig“ wird man darin die indogermanische Wurzel *?                                           eng(h)- „gebogen, gekrümmt“, hier wahrscheinlich als Satem-Variante *?en?(h)-, sehen dürfen.
Der Fluß Tismenica oder besser Tys’menycja in Galizien ist ebenfalls sehr strittig. Zusammen mit weiteren Parallelen (Tyœmienica u.a.) hat man ihn im allgemeinen wie M. Vasmer zu slav. tichy usw. gestellt . In einer jüngeren Arbeit  wurde aber auch eine etwas überraschende Verbindung mit altirisch tûaimm „Hügel“ erwogen, ein Wort, das auf *teusmno  - zurückgeführt wird und somit morphologisch durchaus passen könnte.
Die Durchsicht hat gezeigt, daß sowohl Vjaz’men’ wie auch Tys’menycja nicht so sichere Zeugen für urslavische Hydronyme sind, wie bisher angenommen. Ein ganz anderes Ergebnis zeigte der Fall strumen’, vor allem die Verbreitung der Namen hat uns - so denke - ich - einen Schritt vorangebracht .

7. -nt-Bildungen
Auch in bestimmten -nt-Partizipia sieht M. Vasmer altertümliche slavische Bildungen. Es geht dabei um Namen, die ohne die im Slavischen sonst übliche -?i                                o-Erweiterung gebildet sind und das -t- durch die slavische Palatalisierung umgestaltet hätte. Dazu gehört nach seiner Meinung „Reut aus *Revo²                                     tü ‘brüllender’ (Fluß) neben dem späteren Revuèa, Gremjatka als ‘tönend’ neben Gremjaèij, R?atü als ‘wiehernd’ u.a.“ .
Betrachtet man sich die Namen, was bisher noch nicht geschehen ist (der Vorschlag von M. Vasmer ist fast einhellig akzeptiert worden ), etwas genauer, so erheben sich einige Fragen, aus denen bald Zweifel werden. Reut, Reutinka, Reuticha und Reucel (mit rumänischem Suffix), die angeblich mit dem höchst altertümlichen -t-Suffix ohne slavische Palatalisierung gebildet sein sollen, sind Gewässernamen in Bessarabien, im ehem. Gouv. Kursk, Smolensk, Vladimir, Perm’ und Kostroma . Das sind zum Teil Bereiche, die die Ostslaven erst in den letzten Jahrhundert des ersten Jahrtausends n.Chr. erreicht haben. Daß in diesen Namen, die zudem noch mit einem Suffix erweitert worden sind, noch urslavische Lautveränderungen manifestiert sein sollen, ist absolut unwahrscheinlich. Hier ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen. Ein weiteres: vergleicht man mit diesen, angeblich höchst altertümlichen Namen die mutmaßlich jüngere Form Revuè-, so ergibt sich aus dem im folgenden aufgelisteten Material eine weitere Frage.
Es geht um Reuèij Ovrag, Variante Reuèaja, im ehem. Gouv. Char’kov ; Revuèaja, zwei Flüsse in den ehem. Gouv. Ni?nij Novgorod und Poltava, Revuèee, See (!) im ehem. Kr. Gomel’, Gouv. Mogilev , Revuèij, Nebenfluß d. Apoèka (ehem. Gouv. Kursk) und Arm d. Dnjepr im ehem. Gouv. Poltava .
Diese Namen sind nicht zu trennen von Revun, fünf verschiedene Arme des Dnjepr (ehem. Gouv. Jekaterinoslav) und ein Bach im ehem. Gouv. Vjatka , Revucha, sechs Flußnamen im Don-Gebiet und nahe Kiev  sowie Revuckogo Balka, GN. im ehem. Gouv. Char’kov .
Festzuhalten ist zunächst, daß in der Verbreitung der beiden Typen keine komplementäre Verteilung festzustellen ist (wir werden entsprechende Beispiele noch kennenlernen): es ergibt sich eine bunte Streuung beider Varianten. Und zum zweiten: es handelt sich in hohem Maße um Flüsse, die im Bereich der südrussischen Steppe und Halbsteppe liegen (man beachte z.B. die Kombination mit balka „längere Erosionsschlucht in der südrussischen Lößsteppe“). Die Vasmersche Etymologie knüpft an aksl. revìti „brüllen“ an. Es erheben sich aber nachhaltig Zweifel daran, Gewässer der südrussischen Landschaft als „brüllende, rauschende“ Flüsse zu interpretieren; auch der oben genannte Seename (!) Revuèee spricht eindeutig gegen diese Etymologie.
Viel sinnvoller ist eine Verbindung mit der im Slavischen bestens bekannten Sippe um rvat’, rovú „reißen, Graben, Vertiefung“, worauf ich an anderer Stelle bereits hingewiesen habe , sowie die Annahme, daß verschiedene Suffixe an die slavische Basis angetreten sind. Nur so erklärt sich die gegenseitige Durchmischung beider Varianten. Eine chronologische Differenzierung zwischen den Reut- und Revuè-Namen läßt sich nicht feststellen.
Noch eindeutiger ist die Situation im Fall von Gremjatka: hierin wurde eine morphologisch identische Variante wie bei Reut gesehen und der Name und als „tönendes Gewässer“ zu russ. gremet’ usw. gestellt. Die „echt slavische“ Bildung soll in Gremjaèij vorliegen. Ich habe mich bemüht, einen FlN. Gremjatka oder eine entsprechende Bildung nachzuweisen;  es gelingt nicht. Das Wörterbuch der russischen Gewässernamen enthält neben zahlreichen Belegen wie Gremucha, Gremuèaja, Gremuèee, Gremuèij, Gremuèka (31 Namen)  nur Formen mit normaler slavischer Partizipialbildung wie Gremjaè, Gremjaè, Gremjaèa, Gremjaèaja, Gremjaèev, Gremjaèevka, Gremjaèevskij, Gremjaèij, Gremjaèka, Gremjaè’ (81 Namen), aber keinen einzigen Beleg Gremjat-, Gremjatka o.ä. Man hat sich offenbar auf einen Irrtum gestützt.
Die kommentarlos übernommenen Etymologien M. Vasmers sollten zukünftig wesentlich genauer geprüft werden. Das gilt auch für die hier nicht behandelten Fälle Kipetka gegenüber Kipjaèa, ferner Kièat’ sowie Âåñïýôæç gegenüber Ovrut .
8. -û/-úve-Bildungen
In ganz andere und offenbar belastbare Kombinationen gerät man dagegen bei der Behandlung von alten -û-Stämmen vom Typus svekry, svekrúve und deren Auftreten in der Hydronymie. M. Vasmer selbst hatte darunter genannt: Bagva (zu bagno „Sumpf, Morast“), Mokva (zu mokrú „feucht“) . Inzwischen ist die Materialbasis erheblich erweitert worden und in jüngster Zeit wurden diese Bildungen in zwei Beiträgen ausführlich diskutiert (s.u.) .
Angesichts der zahlreichen Bildungen kann ich hier nur knapp auf die bisherigen Deutungen und eigene Vorstellungen zur Etymologie eingehen.
Der von M. Vasmer mit bagno  verbundene GN. Bagva begegnet mehrfach  in der Ukraine; eine ausführliche Diskussion habe ich an anderer Stelle (vgl. die Anmerkungen) geführt. M. Rudnickis Versuch , eine Verbindung mit slav. baga, bagna, bagr-, bagúr- „Buche“ herzustellen (offenbar, um eine korrekte Entsprechung zu lat. fãgus zu finden) scheitert an den im Ukrainschen bestens bezeugten Appellativen bahvá, bahvyšèe u.a.m. .
Mokva ist ein rechter Nebenfluß des Sejm bei Kursk . M. Vasmers Verbindung mit slav. mokry „feucht, naß“ könnte zutreffen, zumal in Griechenland eine Parallele vorzuliegen scheint . M. Vasmer verweist auch auf den Ort Mokvin in Wolhynien am Fluß Sluè’ (1445 belegt als otú Mokvina ), V.N. Toporov und O.N. Trubaèev, Lingvistièeskij analiz, S. 219 ergänzen dieses durch den Hinweis auf russ. dial. (Don-Gebiet) mokva „Feuchtigkeit, Regen, Schmutz“. Es gibt noch einen weiteren Namen: A.P. Korepanova  verzeichnet einen GN. Mokvyšèe im Raj. Èernigov und stellt ihn zu mokva.
Wie im Fall von Bagva besteht zwischen den Namen und dem Slavischen eine enge Verbindung; umso bedeutsamer ist die Lage der betreffenden Namen. Eine Kartierung, zu der wir noch kommen werden, wird dazu weitere Aufschlüsse geben.
M. Vasmer hatte nur zwei Namen genannt. Inzwischen sind zahlreiche weitere Fälle ermittelt worden, die kurz diskutiert werden sollen. So hat O.N. Trubaèev, Nazvanija rek etliche Namen herangezogen.
Èakva, rechts und links zum Goryn’, wird von ihm  mit ukrainischen Dialektwörtern für „Sumpfpflanze“ verbunden. Man sollte aber nicht die idg. Wurzel *?ek?-  „Mist, Dünger, Schmutz“  übersehen. Gerade der Wurzelauslaut könnte für einen Vergleich mit den Flußnamen sprechen.
Goltwa erscheint mehrfach und auffällig konzentriert im Gebiet des Psël. Die türkische Etymologie von O.S. Stry?ak  wird m.E. mit Recht von O.N. Trubaèev  abgelehnt. Da der FlN. früh als Gúlta, Gúltú in den Quellen erscheint, erwägt er eine Verbindung mit russ. glotat’ „schlucken“. Man sollte die lit. Gewässernamen Gìltinç, Giltin˜e   usw.  nicht außer Acht lassen (ob die vorgeschlagene Etymologie mit Hilfe einer Gottheit des Todes zutrifft, soll hier nicht diskutiert werden).
Der Name Ikva, den vier Gewässer im Gebiet d. Südl. Bug, im Kr. Perejaslavl’ (Gouv. Poltava) und im Gebiet d. Styr’ tragen, ist schon häufiger  besprochen worden. Angesichts der schwierigen Deutung verfiel man z.T. auf den Gedanken, darin germanische Relikte zu sehen . Die dann versuchte Verbindung mit dem Wort für die „Eiche“, ndt. ëk (< *aik-) scheitert aber bereits an dem Vokal. Am ehesten gehören die Namen als -k-Erweiterung zu der auch in Gewässernamen nachweisbaren idg. Wurzel *ei- „gehen“ , man denke an dt. eilen und andere Wörter, deren Auftreten in Flußnamen erwartet werden kann. Mit dieser Annahme ist die Sippe um Ikva der alteuropäischen Hydronymie zuzuordnen und aus dem Slavischen nicht zu erklären. Man erinnere sich aber an die oben gemachten Bemerkungen, wonach auch im Gebiet der mutmaßlichen Heimat des Slavischen alteuropäische, indogermanische, voreinzelsprachliche Relikte notwendigerweise zu erwarten sind.
Den FlN. Ipatva, einen rechten Nebenfluß der Polkva (ebenfalls -û-Stamm) im Gebiet d. Goryn’ stellt O.N. Trubaèev  zu der ON.-Sippe um Patav-ium und einer Wurzel *pat-. Es fällt schwer, den Namen in I-pat- zu trennen, sollte man nicht eher eine Deutung suchen, die die Flußnamen Ipa, Ipel’, Ipf, Ipoly/Ipul, Ipps, Ypern, Iput’ mit umfaßt? Auch hier bietet sich unter Umständen die Wurzel *ei- „gehen“ an; eine umfassende Behandlung dieser Sippe könnte hier weiterhelfen. Bei Heranziehung von Namen auf germanischem Gebiet ist zudem mit wurzelauslautendem Wechsel des Konsonanten zu rechnen.
Lukva, r. Nfl. d. Dnjestr, kann als -û-Stamm betrachtet und zu slav. luk- „Krümmung, Bogen“ gezogen werden . Es kann aber auch das im Südslavischen bestens bezeugte lokva „Tümpel, Pfütze, kleiner See“ zugrunde liegen und eine volksetymologisch verursachte Veränderung zu dem im West- und Ostslavischen bekannten luk- vorliegen . In jedem Fall ein Name, der dem Slavischen zuzurechnen ist. Illyrisches  bleibt fern.
Mostva heißen ein rechter Nebenfluß d. Uš’ (? Pripjat’) und ein linker Zufluß zur Stviga, Pripjat’-Gebiet. Der viel diskutierte Name  könnte zwar als -û-Stamm zu slav. most „Brücke“ gestellt werden, aber alte Flußnamen sind kaum nach menschlichen Einrichungen benannt worden, so daß man wohl mit Recht einen Weg über *Músta < *Múd-sta < *Mu¢                                            d-ta oder besser *Múd-tû- zur gut bezeugten indogermanischen Sippe um griech. ìýäïò „Nässe, Fäulnis“, dt. Moos, bulg. muchul „Schimmel“, ndt. Modder, mnd. mudde „dicker Schlamm“ usw. gesucht hat.
Murakwa, auch Murachva, Murafa, l.z. Dnjestr, sollte erst diskutiert werden, wenn eine saubere Chronologie der Überlieferung vorliegt. Ohne ältere Belege kann der Name nicht richtig beurteilt werden.
Mytva, r. Nebenfluß d. Pripjat’, gehört nach O.N. Trubaèev  zu den baltischen Relikten. Er vergleicht lit. Mìtuva, Mìtva, Mituvà, bei denen jedoch z.T. altes *-in- zugrunde liegt . Vielleicht doch eher als altertümliche *-û-Bildung zu slav. myt- „waschen, spülen“ zu stellen.
Nièva, r. Nebenfluß d. Seret, scheint aufgrund der ukrainischen Lautung Nièva  in der Wurzelsilbe doch wohl *-o- besessen zu haben. Auszugehen wäre damit von *Noèva. Da sich für *Nok?i                                - kaum eine Lösung anbietet, ist vielleicht eher an *Not?i                                - zu denken, womit sich ein Anschluß an Noteæ, Neetze, Natissus usw.  vereinbaren läßt.
Der Name der Polkva, r.z. Goryn’ (? Pripjat’), schwankt in der Überlieferung und ist auch als Poltva bezeugt . Daher hat wohl O.N. Trubaèev recht , wenn er von der zweiten Variante ausgeht und den Namen mit Pe³tew und anderen Parallelen zur Fulda zieht. Zur Beurteilung der Sippe werden wir noch kommen (s.u.).
Tykva, auch Polonka, l.z. Styr’ (Ukraine), stimmt mit ukrain., russ. tykva „Kürbis“ überein, worin aber kaum die Grundlage des Namens liegen wird. Eher besteht eine Beziehung zu dem bulgarischen GN. Tièa < Tyèa, in dem I. Duridanov  slav. tykati „stoßen, stechen“ sieht, aber andere Parallelen verbieten eine slavische Etymologie und sprechen eher für einen auch auf Gewässernamen weitaus besser passenden Zusammenhang mit der indogermanischen Wurzel *tëu-, *tû¢                                            - „schwellen“ .
Mehr Probleme bereiten die Namen Vy?ivka, zweimal in der Ukraine belegt .  Als Ausgangsform bietet sich ein Ansatz *Vig?i                                - - an, der am ehesten zu idg. *u?                                           eig- „biegen, s. krümmen“ gehört.
Soweit das von O.N. Trubaèev herangezogene Material. Wir hatten gesehen, daß es in sich etliche Schichten vereint: neben einer eindeutig slavischen (hierzu zähle ich Bagva, Mokva, Lukva) steht eine zweite, die zwischen dem Slavischen und Alteuropäischen steht, indem die dorthin gehörenden Namen Beziehungen sowohl zum Slavischen wie zum voreinzelsprachlichen Bestand besitzen. Eine dritte Gruppe besitzt keine deutlich sichtbaren Verbindungen zum Slavischen und ist der alteuropäischen Hydronymie zuzurechnen.
Damit ist die Diskussion um die auf einen -û-Stamm weisenden Flußnamen aber noch keineswegs erschöpft. J. Domañski hat in einem längeren Artikel  erst vor kurzem die Sippe erneut behandelt. Er sieht in den Namen hauptsächlich slavische Bildungen und in erster Linie deverbale Ableitungen. Auch auf die von ihm herangezogenen Namen will ich - sofern sie oben nicht behandelt wurden - kurz eingehen.
Den Flußnamen Beèva in Mähren stellt J. Domañski  zu  èech. beèeti „blöken,heulen greinen“, also eine onomatopoetische Basis. Wer sich intensiver mit Gewässernamen befaßt, wird diese Deutung für den Namen eines 120 km langen Flusses von vornherein für fraglich halten. Allerdings hat sich bislang keine andere, bessere Lösung finden lassen (zur Diskussion vgl. auch P. Arumaa, op.cit., S. 7f.).
Die Etymologie von Branew, auch Braniew, Bronew, sowie von Brnew im San-Gebiet mit Hilfe des zum poln. Verbums brn¹æ „durch den Sumpf waten, stapfen“  kann angesichts der sicheren Verbindung mit slav. *brún-/*bryn- „Sumpf, Kot, Schlamm“ usw. (s.u.) nicht überzeugen .
Erneut bemüht J. Domañski im Einklang mit dem gegenwärtigen Stand der Forschung zur Erklärung des Gie³czew, l.z. Wieprz  eine lautnachahmende Sippe um poln. gie³czeæ „lärmen“.
Diesen Weg schlägt er auch im Fall des Hoczew, l.z. San ein : der Name gehört seines Erachtens wie Huczew/Huczwa, l.z. Westl. Bug, zu ukrain. huèaty „klingen, lärmen, schreien“. Man sollte aber nicht beiseite schieben, daß es auch eine ganz andere Möglichkeit gibt: das bekannte lateinische Wasserwort aqua wird nicht nur in der Oka gesucht, sondern auch in Hoczew und Huczew .
Der viel diskutierte Name der Ma³a P¹dew, dt. Malapane macht auch J. Domañski Schwierigkeiten (S. 20ff.). Da im ersten Teil des Namens keineswegs slav. maly „klein“ vorliegt, halte ich an meinem eigenen Vorschlag  fest und sehe darin nach wie vor einen Ansatz *Malu                                            pandû- und wie in dem gegenüber der Malapane einmündenden Osob³oga eine Bildung aus Substantiv + Adjektiv.
Zustimmung verdient die Etymologie von M¹tew, M¹twa, eines Teilabschnittsnamens des Noteæ, mit Hilfe von poln. m¹ciæ „mischen, trüben“ u.a.m. , eine Deutung, die schon seit S. Kozierowski Bestand hat. Zu dieser Sippe gehören auch Odmêt und weitere Namen, darunter das bekannte Admont .
Verfehlt ist dagegen die Verbindung des Flußnamens Meglew, heute Stawek (l.z. Wieprz), auch ON. Me³giew, mit apoln. megliæ, meglowaæ „ausglätten, glätten, schlagen“ . Die alten Belege des ON. Meglewa, Melgwi, Moglwa, Meglew, Melgiew verlangen am ehesten einen Ansatz *Mlo gy, *Mlo gúve . Dieser findet sich in der indogermanischen Wurzel *mel?h- „schwellen“  unter der Voraussetzung, daß hier die nicht satemisierte Variante vorliegt.
Die Verbindung zwischen dem großen Fluß Narew und einem altpolnischen Iterativum narzaæ „zanurzaæ w wodê“   widerspricht nachhaltig der Wahrscheinlichkeit. Damit zerschneidet man die klaren Beziehungen zwischen diesem Namen und Entsprechungen in England, Weißrußland, Litauen, Frankreich und anderswo  und setzt eine einzelsprachliche Iterativbildung ein, die schon an der Wortbildung des Namens scheitern muß. Der Wurzelvokal -a- erscheint hier wie bei Drama, Drawa, Stradunia als Zeichen früher Slavisierung .
Der Erklärung des Namens Omulew, r.z. Narew, durch poln. omuliæ „mulem albo b³otem omazaæ“  widersprechen schon Belege wie 1426 Omelew, 1428 Omolew. Zur Ableitungsbasis vergleiche man die Zusammenstellung von Appellativa und Namen, die ich an anderem Ort vorgelegt habe .
Der Versuch, Pe³ty/Pe³tew, Po³tew/Pe³tew sowie Po³twa mit einem slavischen Verbum (beltaæ) zu verbinden , ist mit dem Anlaut nicht zu vereinen. Die Namen gehören zusammen mit Polkva und der Fulda in einen ganz anderen Zusammenhang (s. dazu unten).
Deutlich einzelsprachlicher, slavischer Herkunft ist der Typus Ponikev, Ponikiew, Ponikva , er gehört zu slav. ponikno²                                       ti. Es gibt aber weit mehr Namen, als J. Domañski genannt hat , wie eine erneute Kartierung zeigt (Karte 2). Zu weiteren Schlußfolgerungen werden wir noch kommen.
Die Etymologie der Namen Skrwa, l.z. Weichsel, und Skrwa, früher Strkwa, r.z. Weichsel, mit Hilfe des polnisches Verbs styrkaæ „stolpern, steckenbleiben, (den Fuß) stoßen, anstoßen“  ist offensichtlich eine Verlegenheitslösung. Skrwa verlangt zunächst eine Vorform *Skúr-y, -úve, die man weiter auf *sku¢                                            r- zurückführen kann. Von hier aus gewinnt man leicht Anschluß an eine mit dem Wasser eng verbundenene Sippe, gemeint ist die in dt. Schauer, got. skûra windis „Sturmwind“ vorliegende, offensichtlich mit s-mobile ausgestattete Wurzel *(s)keur-, vgl. lat. caurus „Nordwestwind“, lit. šiaurç „Norden“, slav. sìverú „Norden“. W.P. Schmid  hat dazu auch griech. óê™ñïò „Steinsplitter“, einen Inselnamen Óê™ñïò sowie den Namen eines Arms des Rheindeltas Scheur gestellt.  


Karte 2

?*-û-, -?ve in der Hydronymie
?    Ponikva, Ponikiev

Mit anderem Suffix gehören dazu dt. Schaum < germ. *skûma- und auch Skawa, FlN. in Südpolen, < *Sko?a.
Strkwa wird man dagegen als *Strúk-y, -úve zunächst auf *Stru¢  k-y zurückführen können, worin am ehesten die bekannte Fließwurzel *sreu- (aind. srávati, griech. ¼Ýù „fließe“, altir. sruth „Fluß“, dt. Strom, lit. srutà „Jauche“, poln. strumieñ „Bach, slav. ostrov „Insel“) vorliegen kann: die Veränderung von *sr- > str- ist regelgerecht, das Problem liegt in der Ableitung, denn eine -k-Bildung ist neben den -t-, -men- und anderen Bildungen noch nicht nachgewiesen. Immerhin sind -k-Formantien gerade im östlichen Europa eine überaus beliebte Ableitungsform, so daß der hier vorgelegte Versuch vielleicht nicht allzu gewagt ist.
S³odew, heute S³udwia, l.z. Bzura, gehört nach J. Domañski, a.a.O., S. 28 zu dem Verbum s³odziæ „Fluß, der süßt“ (wahrscheinlich in übertragenem Sinn). Vergleicht man damit die zahlreichen baltischen Namen wie Sáldus, Salda, Saldç usw. bei A.Vanagas  und dessen Deutungsvorschläge (berührt wird z.B. norw. sylt „Meeresstrand usw.“), so wird man zumindestens Zweifel an einer slavischen, einzelsprachlichen Deutung haben müssen.
Das betrifft ebenfalls S³unew, früher Zufluß d. Styr in der Ukraine, heute ukrain. Slonivka , und dessen Verbindung mit slav. *sloniti „salzen“ . Die Basis *sel-, *sol- mitsamt Saale, Sala, Zala usw. ist zu weit verbreitet, als daß man den Weg zu einer Lösung über eine jeweils einzelsprachliche Etymologie finden könnte.
Strzykiew oder Szczekiew, später und heute Skwa, lautet der Name eines Zuflusses des Narew, dessen Name nach J. Domañski, a.a.O., S. 28f. auf eine Grundform *Szczekiew oder *Strzykiew zurückzuführen ist. Im ersten Fall gehört er seines Erachtens zu poln. szczekaæ „bellen“, im zweiten Fall zu poln. strzykaæ „spritzen, sprudeln, sprühen“. Im ersten Fall dürfte das Ergebnis einer Volksetymologie als Ausgangsform angenommen worden sein; zufriedenstellen kann das nicht. Der zweite Vorschlag überzeugt natürlich mehr.
Den seit J. Rozwadowski und T. Lehr-Sp³awiñski zu einem alten Wort für „Binse“, idg.
*??endhro- „Binse“, vgl. lat. combretum, lit. šveñdrai „typha latifolia“, gezogenen Flußnamen Swêdrnia, älter Swêdra (?Prosna), stellt J. Domañski, a.a.O., S. 30 nun zu poln. swêdraæ (siê) „spähen, umherstreifen, schlendern“ und sieht darin einen Fluß, der mäandriert. Ganz abgesehen von der für alte Gewässernamen äußerst ungewöhnlichen Verbindung mit einem Verbum für „umherstreifen, schlendern“ fragt sich aber, wie man dann das Verhältnis zu Švendra im Gebiet der Venta, zu lit. Švendr-upç und anderen Namen sehen will. Die einzelsprachliche Erklärung löst vielleicht ein Problem, schafft aber etliche andere neue.
Der Name des Tanew, in dem J. Domañski, a.a.O., S. 31 poln. ci¹æ (*tê-ti „spannen“) usw. sieht, gehört zu slav. *tyn, *tynja (nicht *tin, *tinja ) „Sumpf, Schlamm, Schlick“.
Uszew, Uszwa, heute Uszwica, r.z. Weichsel, nach J. Domañski, a.a.O., S. 32 zu einer verbalen Grundlage in uszyæ < *ušiti, Ableitung von szyæ „nähen“ zu stellen, ist sicher anders zu erklären .
Eine weitere Ableitung zu uszyæ „nähen“ sucht J. Domañski, a.a.O., S. 33 in Vý?ivka, zwei Flußnamen in der Ukraine, indem von vy-š?i                         úvü ausgehend ursprüngliches *vy-š?i                                y rekonstruiert und an ukrain. vyšyty, poln. wyszyæ angeschlossen wird. Wir hatten die schon von O.N. Trubaèev herangezogenen Namen bereits behandelt (s.o.) und die gut bezeugte indogermanische Wurzel *?eig-  „biegen, sich krümmen“ herangezogen.
Schließlich bleibt noch ¯ólkiew, heute ¯ólkiewka, l.z. Wieprz, übrig, wobei J. Domañski, a.a.O., S. 33 die gängige Verbindung mit poln. zólkn¹æ „vergilben, gelb werden“(< urslav.
*žlo k‘-n?ti) anführt. Inzwischen sind zu diesem Namen auch andere Überlegungen angestellt worden .
J. Domañskis Beitrag ist geprägt von dem Versuch, die meisten der besprochenen Namen mit Hilfe einer verbalen Grundlage und auf der Basis slavischer, speziell polnischer Ethyma zu erklären. Es ist dieses ein legitimes Verfahren, nur fragt es sich, ob man damit dem hohen Alter der -û-Bildungen gerecht werden kann. In diesem Punkt berühren wir uns mit Gedanken, die J. Rieger in einem jüngst erschienenen weiteren Beitrag zu der hier in Frage stehenden Namengruppe geäußert hat
Unter Bezug auf Narew, Pe³tew, Tanew, Ikva, Lukva, Polkva, Tykva und andere betont J. Rieger zunächst das hohe Alter der *-û-Deklination im Slavischen, dessen Schwund in den älteren slavischen Sprachstufen noch erfaßt werden kann . Schon allein durch diese allseits bekannte Tatsache wird die Erklärung von damit gebildeten Gewässernamen mit Hilfe von einzelsprachlichen und jungen, z.T. präfigierten Verben auf keinen Fall gelingen.
Ebenfalls völlig zurecht betont J. Rieger , daß die Namen mit Bezeichnungen für „Wasser, Sumpf“ usw. verbunden sein müssen: „ ... trzeba zaliczyæ nazwy z sufiksem -*û-, wi¹¿¹ siê przede wszystkim z ró¿nymi okreœleniami ‘wody’, ‘b³ota’, ‘mokroœci’ ...“. Auch aus diesem wichtigen Punkt ergeben sich erhebliche Diffenerenzen zu dem Beitrag von J. Domañski.
J. Riegers Aufsatz enthält noch einige Einzelheiten, die aufgegriffen werden müssen. So weist er auf zwei noch nicht genannte Flußnamen aus dem ostslavischen Gebiet hin: es sind Èeèva im oberen Dnjestr-Gebiet, alt Czeczew, und Èeèva im Einzugsbereich des Psël. Obwohl die Namen eine Entsprechung in einer Landschaftsbezeichnung Èeèko, auch Èeèka, Èeè in den Rhodopen besitzen, trägt diese Verbindung nach J. Rieger zur Deutung nicht bei. Man darf vielleicht wie oben bei Èakva die idg. Wurzel *?ek?- „Mist, Dünger, Schmutz“ heranziehen. Entsprechende Wörter finden sich gern sowohl in Gewässer- wie in Landschaftsnamen.
Beachtenswert ist J. Riegers Hinweis (S. 151) auf den (inzwischen verschwundenen? ) FlN. P³yæwia im Gebiet d. Bzura, den er mit Recht zu slav. p³yæ „fließen, rinnen, strömen“ gestellt hat.
Damit können wir die Auflistung der behandelten Namen abschließen. Die Diskussion hat gezeigt, daß die oben bereits gezogenen Folgerungen bestätigt worden sind: wir hatten drei Schichten herausgearbeitet: eine eindeutig slavische, eine zweite, die zwischen dem Slavischen und Alteuropäischen steht, und eine dritte Gruppe, die voreinzelsprachlicher Herkunft ist.
Das von J. Domañski und J. Rieger herangezogene Material, das vor allem aus dem polnischen Sprachgebiet stammt, stützt diese Einteilung: Slavisches findet sich zweifelsfrei in den Namen Braniew, Bronew, M¹tew/M¹twa, Ponikiew, Tanew und P³yæwia, Hinweise auf eine baltisch-germanisch-slavische „Zwischenstufe“ wohl in Pe³ty/Pe³tew, Po³tew usw. und voreinzelsprachliche Bildungen ohne Verbindung zum slavischen Wortschatz vielleicht in Hoczew, Huczew/Huczwa, sicher aber in Mala P¹dew, Narew, Omulew und Skrwa.
Was bedeutet dieses für die Frage nach dem Bereich, in dem sich das Slavische entfaltet haben könnte? Dazu ist eine Kartierung der genannten Namen sehr hilfreich (vgl. Karte 2). Betrachtet man sich zunächst die Verbreitung der auf *-û- weisenden Typen in ihrer Gesamtheit, so zeigt sich, daß es ein sich relativ deutlich abzeichnendes Gebiet gibt, in dem sie auftreten: es ist im Westen mehr oder weniger von der Oder begrenzt, besitzt kaum Entsprechungen in den ehemals baltischen Gebieten nördlich des Pripjat’, umfaßt vom ostslavischen Sprachraum nur die Ukraine und unmittelbar daran angrenzende Bereiche Weißrußlands und Rußlands und fehlt auf dem Balkan.
Allein Slovenien hat daran Anteil, aber bezeichnenderweise nur mit dem einwandfrei slavischen Typ Ponikiev, Ponikva, der zudem als „verschwindender Fluß“ in den Karstgebieten dieses Gebietes natürlich zu erwarten ist und eine verhältnismäßig junge Namengebung sein kann. Überhaupt zeigt die Streuung der Ponikva-Namen, daß davon - bis auf wenige Ausnahmen im Dnjestr- und oberen Weichsel-Gebiet - vor allem die Peripherie des -û-Raumes betroffen ist: Mähren, Oder- und Warthe-Raum, Weißrußland, Westrußland. Es zeigt sich hier ein Kern, der Verbindungen zur alteuropäischen Hydronymie besitzt und eine Peripherie, die einzelsprachliche Bildungen aufweist. Besser kann man die verschiedenen Phasen einer Namengebung kaum deutlich werden lassen.
Damit könnte man diesen Namentyp verlassen, aber es hat den Anschein, als habe man bisher einen ganz entscheidenden Punkt übersehen. So lange man der Ansicht war und ist, hinter den oben genannten Namen würden sich Spuren der slavischen *-û-Deklination verbergen, konnte man sich mit einer Erklärung aus dem Slavischen begnügen. Sobald man aber den Horizont erweitert und außerslavische Elemente ins Spiel bringt, wird man sich fragen müssen, ob wirklich bei allen herangezogenen Namen der Bezug auf die slavische Deklinationsklasse korrekt ist, oder ob nicht vielmehr bei einigen oder sogar den meisten Namen (streicht man die eindeutig slavischen Fälle Braniew, Bronew, M¹tew/M¹twa, Ponikiew, Tanew und P³yæwia) zwar der Eindruck erweckt wird, es lägen Spuren der slavischen *-û-Klasse vor, in Wirklichkeit sich dahinter aber Bildungen verbergen, die bei der Slavisierung der voreinzelsprachlichen Namen in die *-û-Deklination integriert wurden, sie aber ursprünglich gar nicht besessen hatten.
Dieser Gedanke ist auch deshalb von Bedeutung, weil dadurch Licht auf Namen fällt, die eine an und für sich unerklärliche Erweichung zeigen: Hoczew, Huczwa ist - falls die Verbindung mit lat. aqua stimmen sollte - ein Paradebeispiel  dafür.
Unter diesem Aspekt verwundert es etwas, daß man nicht den Weg zu den wichtigen baltischen Parallelen  gefunden hat. Wir verdanken A. Vanagas die Zusammenstellung einer großen Zahl von Gewässernamen, die sowohl ein Formans -uv-, -iuv- wie auch -(i)uvç, -(i)uvis besitzen . Aus der Fülle der Namen hier nur eine kleine Auswahl: Daug-uva, Lank-uvà, Alg-uvà, Áun-uva, Gárd-uva, Lat-uvà, Mìt-uva (vgl. oben die Diskussion um Mytva), Ring-uvà, Týt-uva, Vad-uvà, Várd-uva, Gil-ùvç, Audr-uvìs, Med-uvìs, Dìt-uva. Was liegt näher, als in diesen z.T. einzelsprachlichen, z.T. alteuropäischen Bildungen dieselben Bildungsmittel wie in den slavischen Typen auf -y, -va aus -úva, *-uva bzw. *-üva, *-?va zu sehen, die im Verlauf der Einbettung in das Slavische mit Angleichung an die altertümliche *-û-Bildungen integriert worden sind? Damit wird das hohe Alter der Namen nicht gemindert, sondern vielmehr unter Einbeziehung der Namenstreuung gezeigt, in welchen Bereichen das Slavische früh alteuropäische Typen übernommen und in eine archaische Klasse überführt hat.
Nichts spricht dagegen, in dem sich durch die Verbreitung der -wa/-va-Hydronyme abzeichnenden Gebiet, also in Südpolen und in der Ukraine dasjenige Territorium zu sehen, in dem sich das Slavische aus einer indogermanischen Grundlage heraus entfaltet hat. Die rein slavischen Gewässernamen stimmen damit - wie ich schon früher ausgeführt habe - nachhaltig überein.
Die Gewässernamen auf -y, -úve verraten aber nicht nur Übernahme aus einem voreinzelsprachlichen Namenbestand, sondern durch ihre andauernde Produktivität bis in das Slavische hinein (erinnert sei erneut an Braniew, Bronew, M¹tew/M¹twa, Ponikiew, Tanew und P³yæwia) Kontinuität von alteuropäischer Namengebung bis in die slavische Namenschichten.
Die Verlegung der slavischen Heimat nach Asien, in das obere Oka-Gebiet, in die südöstliche Ukraine oder auf den Balkan muß an diesem Namentyp gemessen, als entschieden verfehlt betrachtet werden.
M. Vasmer hatte, als er vor 60 Jahren die zwei Namen Bagva und Mokva nannte, noch nicht wissen oder ahnen können, welche Konsequenzen sich daraus ergeben würden. Erst die Aufdeckung der alteuropäischen Hydronymie hat hier die entscheidenden Impulse gegeben.
Nach diesen längeren Ausführungen kommen wir zu den letzten von M. Vasmer für altertümlich gehaltenen Namentypen.

9. -oè’
Nur knapp hat M. Vasmer Namen auf -oè’  mit der Bemerkung „Bildungen auf -oè’: Bìloè’ zu bìlú ‘weiß’“  angesprochen. Inzwischen ist weiteres Material hinzugekommen.
Bei V.N. Toporov und O.N. Trubaèev, Lingvistièeskij analiz, S. 126 findet sich nur Svisloè’, im südlich daran angrenzenden ukrainischen Gebiet bietet O.N. Trubaèev, Nazvanija rek, S. 238 eine Auflistung von Namen ohne weiteren Kommentar. Neben dem schon erwähnten Beloè’ sind danach in der Ukraine noch bezeugt Levoè’, Vidoloè’, Vydoloè’ und Protoè’. Aus Polen sind hinzuzufügen Liwocz und Liwoczka, Flußnamen bei Busko und Tyniec.
Von diesen scheiden wohl aus: Svisloè’ als baltischer Name , Vidoloè’ und Vydoloè’, die den Eindruck von Komposita machen und somit kein Suffix -oè’ enthalten dürften, ferner Protoè’, offenbar eine präfigierte Bildung zu pro + tok „fließen“.
Es bleiben Levoè’, Liwocz und Liwoczka übrig, wobei man sich sofort fragt, ob nicht ein Zusammenhang zwischen diesen Namen und eine Verbindung mit dem slovakischen Fluß- und Ortsnamen Levoèa besteht . Des weiteren wird man nicht an dem Suffix -ok vorbeigehen dürfen, daß uns unten bei der Diskussion im Wis³ok, Wis³oka und Sanok noch beschäftigen wird.

10. Adjektivformen ohne -ko-
Eine weitere alterümliche Erscheinung begegnet nach M. Vasmer in adjektivischen Formen ohne die im Slavischen früh eintretende Weiterbildung mit -ko-, z.B. in dem Seenamen Glubo gegenüber appellativischem glubokij .
Das ist ein durchaus interessanter Gedanke, der aber verkennt, daß es von slavisch *glo²                           b- „tief“ auch Bildungen ohne -ok- gibt. Vasmer selbst hat einige genannt: russ. glub’, glubina „Tiefe“, man vergleiche weiter poln. gl¹b, sloven. glob „dass.“, slav. *glo²                           bina in Ortsnamen . Es ist daher äußerst schwierig zu entscheiden, welche der folgenden ostslavischen Namen zu einer ohne -ok- erweiterten Adjektivform gehören oder aber ganz normale Ableitungen zu der slavischen Basis *glo²                           b-, ostslav. glub-, hlub-: Glubá, auch Glubaja Balka bei Odessa ; Gluben’, See bei Svencjany, liegt zudem im ehemals eindeutig baltischen Gebiet; Glubi, See und Ort im ehem. Gouv. Tver’; Glubinec, ukrain. Glybynéc’, Fluß im Teterev-Gebiet (Ukraine) und Glubinka, Fluß im Gebiet der Desna, dort auch ON. Gluboe, enthält sicher eine Ableitung von dem oben genannten slavischen glubina, *glo²                                   bi¬na ; Glubica, Brunnen im Kr. Drissa, im ehemals baltischen Gebiet; Hlubiczyca, r. Nfl. d. Dnjepr bei Kiev, nur im S³ownik Geograficzny bezeugt , fehlt auch im Slovnyk hidronimiv Ukraïny, Kyïv 1979; Glubo, Quellsee der Drissa in den ehem. Kreisen Polock und Nevel’ ; schließlich Gluboe, eventuell Druckfehler, See im Kr. St.-Bel’sk, ehem. Gouv. Char’kov .
Die Basis ist zu dünn, als daß man darauf bauen kann. Eine saubere Trennung zwischen glub-Namen, die als adjektivische Bildungen kein -ok- besessen haben, und den ganz normalen Ableitungen von einer slavischen Ausgangsform *glo²                                        b- „tief“ kann nicht gezogen werden.
11. Als vorletzten Punkt seiner Zusammenstellung altertümlicher slavischer Gewässernamen nennt M. Vasmer „alte -l-Partizipia wie: Piskla zu russ. pišèat’ ‘piepen, quäken’, Vorskla zu russ. vorèat’ ‘murren’, poln. wrzask ‘Geschrei’“ , Vymkla, Fluß im Kr. Roslavl’ , wobei Vorskla in der Bedeutung mit „russ. Vorèa, Flußname im G. Tver’, und Vorèal, Bachname im Kr. Tor?ok, daselbst“  verglichen wird.
Die Etymologien erwecken durch ihre onomatopoetischen Verbindungen Zweifel. Daher wird man in Pisklja  wahrscheinlich eher eine Beziehung zu den in südslavischen Sprachen bezeugten Wort pîšæak „Quelle“ suchen können, wobei allerdings auch darin eine lautnachahmende Basis *piskati gesucht wird .
Unzutreffend ist auf jeden Fall die Deutung von Vorskla, da historische Belege wie 1105 Vúrúskla, 1545 Vorskla gegen eine Verbindung mit vorèat’ sprechen
Der Gedanke von M. Vasmer ist sicher richtig, aber eine genaue Trennung alter -l-Partizipen von den gerade in Osteuropa so häufigen -l-Bildungen in der Hydronymie (Wis³a, Sula, Orel, Voskol, Psël) wird kaum gelingen.

12. -eja
Es bleibt ein Kommentar zum letzten der von M. Vasmer angeführten altslavischen Namentypen. In Gewässernamen wie russ. Bìleja, Ljuteja sieht M. Vasmer ein altertümliches slavisches Suffix -eja.
Der Flußname Beleja liegt im Kr. Duchovšèina im ehem. Gouv. Smolensk , der Gewässername Ljuteja im Kr. Beloj desselben Gouvernements . Schon allein aufgrund dieser Lage sind erhebliche Zweifel daran angebracht, diese Namen als Beweis für frühe slavische Namengebung heranzuziehen. Im Bereich südlich des Pripjat’, den wir aufgrund der *-û-, -úve-Bildungen weit eher favorisieren müssen, machen die -eja-Bildungen, etwa Man?aleja, Bakšaleja, Sugakleja, Èakikleja einen unslavischen, zumeist turksprachlichen Eindruck . In Weißrußland favorisiert man baltische Herkunft . Auch das Auftreten als slavisches Suffix wird im Zusammenhang mit dem Baltischen gesehen . In diesem Zusammenhang können die beiden im alten baltisch-slavischen Kontaktgebiet liegenden Gewässernamen Beleja und Ljuteja, deren Ableitungsbasen gut slavischen Ursprungs sein können, gesehen werden.
Damit können wir die Durchsicht der von M. Vasmer als altertümlich angesehenen slavischen Namentypen beenden. Wir haben erkennen können, daß etliche der herangezogenen Typen aus diesem Bestand zu streichen sind, andere aber sehr bedeutsame Schlußfolgerungen (es nochmals an die *-û-, -úve-Namen erinnert) erlauben.
Es gibt noch weitere Namentypen, die M. Vasmer gestreift hat. Zu einer muß auf jeden Fall Stellung genommen werden. Es sind -ava-Namen.

13. -ava
Diesen Typ hat auch M. Vasmer als alt angesprochen . Es handelt sich in der Tat um einen morphologisch interessanten und alten Typ, der zudem noch sichere Verbindungen zu den außerslavischen Schwestersprachen und zur alteuropäischen Hydronymie aufweist  und somit auf Kontinuität hindeutet.


Karte 3: *-ava in slav. Gewässernamen
In -(j)ava liegt ein typisches Bildungsmittel slavischer Namen vor, das sich in erster Linie in den Gewässernamen findet, man denke an Grzêzawa, Ka³awa, Týnava, Nak³awa, Virawa, Wirawa, Vodava, Ilava, Gliniawa, Morawa u.a.m. Seine Altertümlichkeit und Streuung ist schon verschiedentlich behandelt worden . Ich lege hier eine Verbreitungskarte vor (Karte 3), die sehr anschaulich zeigt, daß es gewisse Bereiche des slavischen Siedlungsgebietes gibt, die höheren Anteil an der Streuung haben. es sind in groben Zügen die gleichen Räume, die schon bei der Kartierung der *-û, -úve-Namen aufgefallen waren: Südpolen und die Ukraine.


Karte 4: Barycz/Baryc

14. *-yèü
Ein weiteres, von M. Vasmer allerdings nicht genanntes Suffix ist slavisch * yèü. Die Altertümlichkeit dieses Suffixes ist allgemein anerkannt. Es begegnet in Namen wie Drohobycz, Werbycz, Starycz, Radobycz, Radycza, besonders eng ist aber die Verbindung mit slavisch bar- (altruss. bara „Sumpf, stagnum“, ukrain. bar „feuchter Ort zwischen Hügeln“, èech., slovak. bara „Schlamm, Schmutz, Sumpf“ usw.) . Als Barycz begegnet es in einem Dutzend Flußnamen vornehmlich im Süden Polens (zur Streuung vgl. Karte 4).
Die bisher genannten Namen und deren Kartierung haben gezeigt, daß der eindeutige Schwerpunkt altslavischer Bildungen nördlich der Karpaten liegt. Ganz anders ist das Bild bei einem typischen slavischen hydronymischen Suffix, bei -ica (Karte 5, s.u.).


Karte 5: Slavische Gewässernamen mit dem Suff. -ica

Hier zeigt sich eine Streuung über weite Bereiche der slavischen Besiedlung, womit sich die oben behandelten und kartierten Namentypen im Vergleich als wertvolle Zeugen für die Frage nach der Heimat der Slaven erweisen.

ABLAUT
In meinen einleitenden Ausführungen hatte ich als zweiten Punkt angeführt, daß diejenigen Flußnamen besonderes Interesse verdienen, deren Ableitungsgrundlage im Gegensatz zum appellativischen Bestand ein Abweichen im Ablaut aufweist. Da der Ablaut auf indogermanische Grundlagen zurückgeht, sind entsprechende Namen von besonderer Bedeutung.
Allerdings sind Spuren des Ablauts im Slavischen - im Gegensatz etwa zum Germanischen - nur noch in geringem Maße nachzuweisen, so daß auch in der Hydronymie nur mit wenigen Relikten zu rechnen ist. Diese allerdings sind dann von ganz besonderem Wert und ihr Vorkommen und ihre Verbreitung sollten in besonderem Maße beachtet werden.

1. *jüz-vorú
Das unter anderem in altrussisch izvorü „Quelle“, ukrainisch izvir „kleiner Gebirgsbach“, serbisch, kroatisch izvor „Quelle, Born, Strudel“ belegte Wort enthält eine altertümliche Komposition, denn das Slavische kennt zwar das Verbum vürìti „sprudeln“, aber kein selbständiges *vor- . Daher ist die Streuung der Namen (s. Karte 6,) von besonderer Bedeutung. Die Annahme, es könne sich bei dem Vorkommen im Karpaten- und Beskidengebiet um Ausläufer einer jüngeren, südslavischen Namengebung handeln, verbieten sich angesichts des aus der indogermanischen Vorstufe ererbten Ablauts. Die im Dnjestr- und San-Gebiet liegenden Namen entstammen vielmehr einer Sprachstufe, die das zugrunde liegende Appellativum noch kannte. Das kann nur eine Vorstufe der slavischen Einzelsprachen gewesen sein, d.h. mit anderen Worten, eine gemeinslavische oder urslavische Sprachschicht.
2. krynica. Weißrussisch kryniæa „kleiner See; Wasserlauf, der aus der Erde dringt, Quelle“, ukrainisch krynica „Quelle“, polnisch krynica, krenica „Quelle, Brunnen“ usw. verlangen eine


Karte 6: *j?zvor?

*krûn-ica . Es liegt eine Dehnstufe vor, die in ukrainisch (dialektal) kyrnýcja, kernýc’a „Quelle“, altpolnisch krnicza „rivus“, slovenisch krnica „tiefe Stelle im Wasser, Wasserwirbel, Flußtiefe“ ihre kurzvokalische Entsprechung (*kru¢                                            n-) besitzt. Betrachtet man sich das Vorkommen der krynica-Namen, die ein weites Gebiet umfassen, und konfrontiert dieses mit der Streuung der kurzvokalischen Ablautvariante (Karte 7), so wird ein Bereich deutlich, in dem beide Varianten nebeneinander auftreten. Das sich dadurch herauskristallisierende Territorium ist mit Sicherheit als altes slavisches Siedlungsgebiet zu betrachten. Versuche, die Ethnogenese des Slavischen in das Oka-Gebiet , nach Asien   


Karte 7: kryn-/kr?n-

oder auf den Balkan  zu verlegen, müssen an diesen Verbreitungen scheitern. Es wäre nötig, sich intensiver mit diesen Fakten auseinander zu setzen, zumal sich ähnliche Erscheinungen auch für die Frage nach Germanenheimat und -expansion nachweisen lassen. Ganz ähnlich liegt der nächste Fall.

3. *brún-/bryn-
Die lange umstrittene Grundform der slavischen Sippe um altserbisch brna „Kot, Erde“, bulgarisch-kirchenslavisch brünije „Kot, Lehm“, altkirchenslavisch brúna „Kot“, slovenisch brn „Flußschlamm“ usw. löst sich unter Einbeziehung des onomastischen Materials einwandfrei auf : gegen die Annahme, man müsse von einem Ansatz *bürn- ausgehen, sprechen bereits nachhaltig zahlreiche Gewässernamen des Typs Brynica, Brenica, Branica und vor allem ostslavische wie Bronica, Bronnica, Brono (Karte 8). Die zugrunde liegende Wurzel muß als *brún- angesetzt werden, da auch die im Slavischen appellativisch nicht bezeugte dehnstufige Variante *bryn- in geographischen Namen bestens bezeugt ist (Brynica, Brynówka, Brynec). Slavisch *bryn- verlangt einen Ansatz *b(h)rûn- und trifft sich problemlos mit germanisch *bhrûn- in niederdeutsch brûn-, hochdeutsch braun.
Das Nebeneinander beider slavischer Ablautvarianten *brún-/*bryn- zeigt sich in der Namenlandschaft sehr deutlich und besitzt ein eindeutiges Zentrum in Südpolen und der Ukraine. Gleiches läßt sich für unsere letzte Ablautvariante zeigen.

4. *grêz-/*gr?z-
Neben dem bekannten russischen Appellativum grjaz’ „Schmutz, Kot, Schlamm“, das unter anderem in weißrussisch hrjaz’ „aufgeweichte Stelle auf einem Weg, Sumpf, Schmutz“, ukrainisch hrjaz’ „Sumpf, Pfütze, Schlamm“ und slovenisch grêz „Moor, Schlamm“ Entsprechungen besitzt, und einen urslavischen Ansatz *grêz- voraussetzt, kennt das Slavische auch die Abtönung *gro²                                z-, zum Beispiel in ukrainisch hruz’ „Sumpf, Moor, Morast“, weißrussisch hruzála, hruzalo „schmutziger Ort, sumpfige Stelle“, polnisch gr¹z,  êzu „morastiger Sumpf“ . Dabei ist bereits zu beachten, daß das Südslavische die Abtönung *gr?z- nicht kennt, also an der urslavischen Ablautvariante keinen Anteil hat.


Karte 8: bryn-/br?n-


Karte 9: *grez-/*gr?z-
?¦? =  *grez-              = *groz-

Dem entspricht die Verbreitung in den Namen durchaus (Karte 9): die Namen sind weit gestreut, eine besondere Produkivität ist im Ostslavischen zu beobachten, das Südslavische hat nur mit der *grêz-Variante Anteil. Eine Heimat des Slavischen auf dem Balkan schließt sich damit einwandfrei aus (es geht hier um urslavische Ablautvarianten, deren Produktivität und Wirkung lange vor dem Eindringen auf den Balkan anzusetzen ist). Das Slavische kann sich auf Grund dieser Fakten nur nördlich der Karpaten entfaltet haben.
Dafür sprechen - zusammenfassend gesagt - nicht nur das soeben behandelte Wortpaar grjaz’/hruz, sondern nachhaltig auch die zuvor behandelten Gruppen um izvor’/vürìti, krynica und vor allem auch brún-/bryn-, das durch die sichere Verbindung mit einem germanischen Farbwort im urslavischen Wortbestand zusätzlich verankert ist.

ALTEUROPÄISCHE GEWÄSSERNAMEN + SLAVISCHE SUFFIXE
Als drittes Kriterium für die Zuweisung zu einer urslavischen Gewässernamenschicht hatte ich eingangs auf die Erscheinung verwiesen, daß an alteuropäische Gewässernamen altertümliche slavische Suffixe getreten sein können.

1. -ok
Nach dem Urteil des S³ownik Pras³owiañski, Bd. 1, S. 92, stellt das Suffix -ok- einen urslavischen Archaismus dar. Es begegnet appellativisch zum Beispiel in súvìdokú, snubokú, vidokú, edok, igrok, inok u.a., seine Altertümlichkeit zeigt sich aber unter anderem auch darin, daß es an archaische athematische Stämme hinzugefügt wird.
Umso beachtenswerter ist die Tatsache, daß es an Gewässernamen angetreten ist, die mit Sicherheit der vorslavischen Schicht der alteuropäischen Hydronymie angehören. Ich meine die Namen von Sanoczek samt Sanok und Sanoka und Wis³ok beziehungsweise Wis³oka. Mit der Variante -oèü gehören hierzu auch Liwocz und Liwoczka, Flußnamen bei Busko und Tyniec.
Über die Etymologie von Wis³a  und San  soll hier nicht näher gehandelt werden, aber es ist zu betonen, daß an ihrer vorslavischen Herkunft kein Zweifel sein kann. Welche Deutung man für diese alten Namen finden kann, steht hier nicht zur Debatte. Wichtiger für die Bestimmung der alten slavischen Siedlungsgebiete ist die Tatsache, daß die Suffigierung mit Hilfe eines archaischen slavischen Suffixes, eben -ok-/-oèü, erfolgte und das alle genannten Namen sich in einem Bereich befinden, der sich auch aufgrund der schon behandelten Namentypen als altes slavisches Siedlungsgebiet erwiesen hat.
Ich betone nochmals: die Existenz vorslavischer, alteuropäischer Namen in einem mutmaßlich alten Siedlungsgebiet einer indogermanischen Einzelsprache spricht nicht gegen die Annahme, daß dieses sich dort befunden hat, sondern ist die notwendige Konsequenz aus der Tatsache, daß sich die indogermanischen Einzelsprachen nicht aus einem luftleeren Raum entwickelt haben, sondern sich auf einer breiten indogermanischen Basis aus einer Schicht alteuropäischer Namen entfaltet haben, ja man darf sagen, entfaltet haben müssen.

2. -og
Die Altertümlichkeit des slavischen Suffixes -og-, etwa in batog, barloh, rarog, tvarog, ostrog usw. wird allgemein anerkannt. Umso bedeutsamer ist es, daß dieses Bildungsmittel auch an vorslavische Hydronyme angetreten ist. Am auffälligsten vielleicht in dem Flußnamen Mino¿ka, auch Minoga, r. Nfl. d. D³ubnia, mit ON. Minoga, 1257 Mlynoga, 1262 Mlynoga, 1367 Minoga, 1470-80 in flumine Mninoga usw. Er besitzt offenbar Entsprechungen in Minaga, See in Litauen, Mnoha, GN. in der Ukraine und Mnoga, Nfl. d. Velikaja zum Peipus-See .
Die Namen gehören zusammen mit Mieñ, Mienia, dem Main und anderen zu lit. mýnç „Sumpf, Morast“, lett. mi¸a „morastige Stelle“, mai¸a „Sumpf, Morast“ . Es liegt ein alteuropäischer Typus vor, wofür schon seine Streuung von Portugal bis zum Baltikum spricht. Für den Osten Europas ist auffällig, daß sich dort (und sonst kaum) -g-haltige Ableitungen nachweisen lassen; ein Bildungstyp, den H. Krahe noch unberücksichtigt gelassen hatte, der aber gerade in Osteuropa - man denke an den Namen der Wolga  - seine Spuren hinterlassen hat.
Minoga, Minaga, Mnoga zeigen, daß an alteuropäische Basen einzelsprachliche (hier: baltische und slavische Suffixe) antreten können. Da es sich nun bei  og- um ein archaisches Suffix handelt, können die hier genannten Namen einer älteren Stufe zugewiesen werden. Sie sind daher als Bindeglieder zwischen alteuropäischer und slavischer Hydronymie anzusehen.
Ich habe im Fall der altertümlichen slavischen Suffixe nur eine Auswahl getroffen. Es gibt weitere Bildungsmittel, die hier angeführt werden könnten. Ich möchte jedoch zum Abschluß meiner Ausführungen auf eine Erscheinung aufmerksam machen, die erst vor wenigen Jahren in ersten Ansätzen behandelt werden konnte und die für die Frage, wo sich etwa das Slavische aus einem indogermanischen Dialektgebiet entfaltet hat, von einiger Bedeutung ist.

BALTISCH-SLAVISCH-GERMANISCH IN DER HYDRONYMIE
Es geht um die oben schon angesprochene nähere Verwandtschaft des Baltischen, Slavischen und Germanischen innerhalb der indogermanischen Sprachgruppe. Diese ist schon lange bekannt und immer wieder diskutiert worden. Ich will auf diese Tatsache nur mit einigen wenigen Zitaten hinweisen; wichtiger ist für uns heute die Untersuchung der Frage, ob sich im Namenbestand dieser drei indogermanischen Sprachzweige Besonderheiten nachweisen lassen.
Aufgrund der schon aufgefallenden Übereinstimmungen wie den bekannten „-m-Kasus“, den Zahlwörtern für „1000“, „11“ und „12“ u.a.m. hatte schon J. Grimm eine nahe Verwandtschaft des Germanischen mit dem Baltischen und Slavischen angenommen. Jüngere Untersuchungen haben das erhärtet. Ich erwähne hier nur summarisch die Beiträge und Stellungnahmen von W. Porzig , E.C. Polomé  und E. Seebold.  Den Wortschatz hat C.S. Stang aufgearbeitet  und zahlreiche Übereinstimmungen zwischen den drei Sprachgruppen festgestellt. In seiner Arbeit findet sich auch (S. 5-9) ein Abriß der Geschichte der Forschung, auf die ich hier jetzt nicht mehr eingehe.
In einem eigenen Versuch bin ich von namenkundlicher Seite an diese Dreiheit herangegangen . Dabei sind mir einige Namengruppen aufgefallen, die für eine gewissen Zusammenhang sprechen können.

1. *bhelgh-/*bholgh-
Polnische und ostslavische Gewässernamen wie B³oga, Nebenfluß der Pilica (auch Ortsname B³ogie Stare, Szlacheckie); B³ogie, Sumpf bei Radom; Bolo?ivka, Bolozivka, Flußname in der Ukraine (auch ON. Bolo?ivka, Blozev; Bluj, dt. Bluggen See, bei Miastko in Pommern; Blh, ungar. Balog, 1244/1410 Balogh, Flußname in der Slovakei, besitzen Entsprechungen im ehemaligen und jetzigen baltischen Gebiet, so in Balge, Ortsname und Name eines Teils des Frischen Haffs , in Balga, Flußname in Lettland, dort auch ON. Piebalga; Bologoe, ON. bei Valdaj, dort auch Seename Bologoe, Bologovskoe; Bologoe, auch Balagoj, ON. im ehem. Kr. Cholm; Balagoe, auch Bologovo, ON. im ehem. Kr. Velikie Luki, dort auch SN. Balagoe. Es dürfte Verwandtschaft bestehen zu einem Ansatz *bolg-, der auch in dem Flußnamen Osob³oga/Osoblaha, Nebenfluß der Weichsel, dt. Hotzenplotz, vorliegt.
Ein Ansatz *bholg- darf als Abtönung zu einer Wurzel *bhelg- aufgefaßt werden. Ein sicherer Anschluß hat sich für die genannten Namen noch nicht finden lassen. Hier kann das Germanische helfen: ein norddeutsches Küstenwort, das noch heute lebendig ist, lautet balge, balje. Es bezeichnet neben anderem die mit Wasser gefüllten Vertiefungen, Rinnen und Gruben, die bei Ebbe zurückbleiben, daneben auch einen niedrigen, sumpfiger Ort, den Arm eines größeren Flusses oder eine tiefe Rinne zwischen Sandbänken an der Küste.
In nicht wenigen Namen Norddeutschlands, darunter in Balge, Ortsname bei Nienburg,


sowie alter Name des Hafens in Bremen, ferner mit altertümlicher -r-Bildung in Beller, ON. bei Brakel, ca. 993-996 in Balgeri, ferner in Belgien und in der Niederlanden, aber auch in England, begegnet das Wort auch toponymisch.
Damit erschöpft sich die Verbreitung. Karte 10 zeigt, daß eine Wurzel *bhelgh- im Namenmaterial eines Gebietes vorkommt, aus dem später das Germanische, Baltische und Slavische entstanden sind. Der Balkan spielt keine Rolle.

2. *dhelbh-/*dholbh-/*dhlo bh-
Ein Ansatz *dhelbh- wird fast allgemein in Wörtern des Baltischen, Slavischen und Germanischen vermutet, so etwa in poln. d³ubaæ „höhlen, meißeln“, èech. dlub „Vertiefung“, sloven. dolb „Aushöhlung“, ahd. bi-telban „begraben“, ae. (ge)delf „Steinbruch“, ndl. delf, dilf „Schlucht, Graben, Gracht“, lit. délba, dálba „Brech¬stange“.Die Reflexe dieser Wurzel zeigen


Karte 10: *bholgh-

sich also nur in einem begrenzten Bereich der indogermanischen Sprachen. Ihre Grundbedeutung kann etwa mit „vertiefen, aushöhlen“ beschrieben werden.
Da die Verbreitung appellativisch beschränkt ist, ist der Nachweis im toponymischen Bereich umso bedeutsamer, weil sich aus der daraus ergebenden Verbreitung Schlüsse für das mutmaßliche Entfaltungsgebiet der drei genannten Sprachgruppen ergeben.
Der bekannteste osteuropäische Vertreter der hier genannten Sippe ist der Name des Flusses D³ubnia, der bei Nowa Huta in die Weichsel mündet.
Dieser Name enthält indogermanistisch gesprochen, die Schwundstufe der Wurzel, nämlich *dhlobh-. Diese tritt nun auch in einem ganz andern Land auf, in einem Fluß in der Rhön in Deutschland: Thulba, auch ON. Thulba, Oberthulba, und auch in Dölbau, Ortsname bei Halle, alt Tolben, Tolbe.
Aber auch die Vollstufe *dhelbh- ist bezeugt, u.a. in Dölbe, Nebenfluß der Innerste in Niedersachsen, alt Delve, ferner in Delve, ON. in Schleswig-Holstein, in dem bekannten niederländischen Ortsnamen Delft und in der Delvenau bei Lübeck, die eine Grundform *Dhelbh-anda oder *Dhelbh-unda verlangt.
Schließlich ist auch die Abtönung *dholbh- bezeugt, am ehesten in einem Orts- und Gewässernamen Dolobüskú bei Kiev.
Weitere hierhergehörende Namen übergehe ist. Der Nachweis der drei Ablautstufen *dhelbh-, *dholbh-, *dhlobh- innerhalb eines begrenzten Gebiet zeigt die engen Beziehungen, die diese Wurzel zur indogermanischen Grundlage besitzt. Erneut ist bedeutsam, in welchem Gebiet die Namen begegnen (Karte 11). Es ist der Raum, der uns bisher immer wieder aufgefallen ist: Das Gebiet zwischen Rhein, Dnjepr und Ilmen-See hat Anteil an der Streuung, jüngere germanische Ausläufer mit einzelsprachlichen Bildungen in Flandern und England dürfen nicht überbewertet werden. Ein Zusammenhang mit dem Oka-Gebiet, mit Asien oder dem Balkan existiert nicht. Man kann bei der Suche nach alten slavischen Siedlungsgebieten auf diese Gebiete verzichten.
3. Eine indogermanische Wurzelerweiterung *per-s- mit der Bedeutung „sprühen, spritzen, Staub, Tropfen“ ist in etlichen Sprachen nachweisbar, so etwa schon in hethitisch papparš- „spritzen, sprengen“, altind. pro ?at „Tropfen“, avest. paršuya- „vom Wasser“, lit. purslas, pursla „Schaumspeichel“, lett. pàrsla, pêrsla „Flocke“, slav. *porsa- „Staub“ (vgl. altkirchenslavisch prachú usw.), tocharisch A, B pärs- „besprengen“ und im Nordgermanischen (dän., norw., anord.) foss, fors „Wasserfall“.
Von einer baltisch-slavisch-germanischen Eigentümlichkeit kann vom appellativischen Standpunkt also aus nicht gesprochen werden. Das Bild verändert sich jedoch, wenn man die hiervon abgeleiteten Gewässernamen einbezieht.
Der wahrscheinlich bekannteste Name, der hier zu nennen ist, ist die Parsêta, dt. Persante, Zufluß z. Ostsee; daneben nenne ich aus Osteuropa nur noch Pereseja/Pèrse, Stromschnelle der Westl. Düna; Perscheln, Persem, Perses, Persink, Orts- und Flurnamen im ehem. Ostpreußen, dort auch Proœno, dt. Pörschken See, 1486 Persk, sowie die SN. Persk und Perszk; wichtig noch die Peresuta, GN. in der Ukraine, Prosna, linker Nfl. der Warthe, die Pirsna, abgeg. GN. im Gebiet der Pilica und Pirsna, Landschaft an der unteren Weichsel; weiter nach Osten liegen Porosna, Fluß im Gebiet des Donec; Presnja, linker Nfl. d. Moskva sowie FlN. im Gebiet der Oka.
Das deutsche Sprachgebiet besitzt Entsprechungen in Veerse und Veersebrück, ON. an der Veerse bei Scheeßel, um 1290 in Versene, in Veerßen an der Ilmenau bei Uelzen, 1296 Versene, 1306 Versena usw. und weiteren Namen, die ich hier übergehe.


Karte 11: *dhelbh-


Karte 12: *pers-

Auch hier zeigt die Verbreitung ein nun schon bekanntes Bild (Karte 12, s.o.): die Namen liegen nördlich der europäischen Mittelgebirge in dem Bereich, der auch schon durch andere Verbreitungskarten aufgefallen war. An einem letzten Fall soll diese Streuung nochmals deutlich werden.
4. Die Wurzelerweiterung *pel-t-, *pol-t-, *plot- einer in den indogermanischen Sprachen weit verbreiteten Sippe um *pel-/pol- „gießen, fließen usw.“, deren Reflexe vom Armenischen über das Baltische und Slavische bis zum Keltischen reichen, begegnet appellativisch im Baltischen, vgl. lett. palts, palte „Pfütze, Lache“.
Geht man aber zum Namenbestand über, so scheint darüber hinaus auch das ehemals slavische Gebiet daran Anteil gehabt zu haben. Außerhalb des später slavischen, baltischen und germanischen Gebietes fehlen bisher sichere onymische Entsprechungen, wie die nun folgende Zusammenstellung deutlich machen wird, und es kann daher der Verdacht geäußert werden, daß die Dentalerweiterung auf diesen indogermanischen Dialektbereich beschränkt gewesen ist.
Zunächst biete ich einen Überblick möglichst aller erreichbaren Bildungen zu der unerweiterten Wurzel *pel-/pol-. Daß das Material noch erweitert werden kann, ist unbestritten.
Man vergleiche: Fal bei Falmouth, England; Fala, FlN. in Norwegen; Falbæk in Dänemark; Falen Å in Dänemark; Fils, GN. im Neckargebiet; Filsbæk in Dänemark; Paglia, Zufluß d. Tiber; Palà, GN. in Litauen, auch in Lettland; Palae, ON. in Thrakien; Palancia, Zufluß z. Mittelmeer bei Murviedro, Prov. Valencia; *Palantia im ON. Palencia in Altkastilien; Palçja, FlN. in Litauen; Palejas, FlurN. in Lettland; Palma, ON. in Thrakien; Palminys u.a.m., FlNN. im Baltikum; Palo, Fluß zum Mittelmeer bei Nizza; Palõnas, Palona, GNN. in Litauen; Palva, Fluß in Lettland; Palwe, ON. in Ostpreußen; Pelà, Fluß in Litauen; Péla, Pelîte, FlNN. in Lettland; Polendos bei Segovia, Palmazanos und Paociana in Portugal; Palancia, Zufluß z. Mittelmeer bei Murviedro, Prov. Valencia; Palangà, ON. nördl. Memel (Klaipçda), evtl. hierzu; *Palantia im GN. Palancia in Altkastilien; Pelega, Peleška, FlNN. im alten Gouv. Novgorod; Pelesà, Pelesõs ë?eras, GNN. in Litauen; Pelso „Plattensee“; Pelva, ON. in Illyrien; Pelyšà, FlN. in Litauen; Pielnica mit ON. Pielnia, im San-Gebiet, < *Pela; Pola, Fluß zum Ilmensee; Polova, FlN. bei Gorodok, Weißrußland; Valme, Nfl. d. Ruhr; Velpe bei Tecklenburg; Vielserbach, auch ON. Vielse(rhof), 1015-24 Vilisi, Zufluß z. Heder im Gebiet der Lippe; Vils, Gr. Vils, Kl. Vils, mit ON. Vilshofen, im Donaugebiet, sowie Vils, Zufluß z. Lech; Volme, Zufluß z. Ruhr. Unsicher ist die Zugehörigkeit des österreichischen FlN. Pielach.
Zur Verbreitung der Namen s. Karte 13. Man sieht deutlich, daß die Streuung weite Gebiete Europas umfaßt und daher eine einzelsprachliche Erklärung nicht mehr möglich ist. Wir haben eine typische alteuropäische Sippe vor uns.
Ganz anders sieht es aus, wenn man sich diejenigen Namen betrachtet, die als -t-Ableitung einer Wurzel *pel-/pol- gelten können . Dabei lassen sich alle drei indogermanischen Ablautstufen belegen.
1) Die Grundstufe *pel-t- liegt vor in: Polota, ON. Polock (< *Pelta); Pe³ty, ON. bei Elbing, 1323 usw. Pelten, Pleten; P³ock, ON. an der Weichsel.
2) Die Abtönung *pol-t- in: Páltis, Pãltys, Palt-upis, Paltç u.a.m., GNN. und FlurN. in Litauen, vielleicht auch in Palten, GNN. in Österreich.

Karte 13: Bildungen mit *pel- und *pelt-

3) Die Schwundstufe in Pilica, l. Nfl. der Weichsel, < *Plo tiâ;Poltva/Pe³tew, FlN. bei Lwów (Lemberg); Pe³ta oder Pe³tew, Nfl. d. Narew; Poltva, Nfl. d. Horyn' in der Ukraine sowie im Namen der Fulda < *Plo ta.
Das Ergebnis liegt offen zutage: die Basis *pel-/pol- ist sowohl appellativisch wie hydronmyisch viel weiter gestreut als die Erweiterung *pel-t-/pol-t-. Die -t-haltigen Ableitungen bzw. Bildungen treten im Namenbestand nur in einem begrenzten Gebiet auf, das in einem Dreieck zwischen Hessen, dem Baltikum und der Ukraine liegt.
Erneut zeigt sich damit, daß es einen relativ sicher zu bestimmenden Bereich gegeben hat, auf dem sich das Baltische, das Slavische und das Germanische aus einem indogermanischen Dialektgebiet entfaltet haben dürften.
 

ZUSAMMENFASSUNG UND ERGEBNISSE
1. Es gab einen vergleichsweise engen Kontakt zwischen dem sich entwickelnden Baltischen, Slavischen und Germanischen.
2. Die darauf hinweisenden Gewässernamen umfassen einen Raum nördlich der mitteleuropäischen Mittelgebirge zwischen dem Rhein im Westen, Nord- und Ostsee im Norden und dem Baltikum und westlichen Rußland im Osten.
3. In Kombination mit den eingangs behandelten altertümlichen slavischen Bildungen der Hydronymie ergibt sich für die mutmaßliche slavische Urheimat aufgrund der Gewässernamen, daß etwa ein Gebiet zwischen der oberen Weichsel, den Pripjat’-Sümpfen, den Karpaten und dem Dnjepr alle Gewässernamentypen aufweist, die Voraussetzung für die Annahme einer alten slavischen Besiedlung sind.
Nach der Pannonien-These O.N. Trubaèevs hat Z. Go³¹b das obere Don-Gebiet als Heimat slavischer Stämme ausmachen wollen. Nimmt man noch die letzten Arbeiten Schelesnikers hinzu, so wäre die südöstliche Ukraine zu favorisieren. H. Kunstmann sucht die slavischen Quellen in Asien. Man fragt sich, warum man nicht dort nach Slavischem sucht, wo es die Hydronymie zwingend vorschreibt: im Raum zwischen Pripjet’ und Karpaten sowie Dnjepr und unterer Weichsel.
Aufgrund der Gewässernamen, den wichtigsten Zeugen alter Sprachschichten, kann die Suche nach einer slavischen Heimat im Oka-Gebiet, in Asien, in der südöstlichen Ukraine und auf dem Balkan aufgegeben werden.